Die Autorin Elke Heidenreich steht nach ihren Aussagen bei "Markus Lanz" in der Kritik.
Die Autorin Elke Heidenreich steht nach ihren Aussagen bei "Markus Lanz" in der Kritik.
Bild: dpa / Henning Kaiser
Exklusiv

"Elke Heidenreich ist gar nicht so wichtig": Rassismus-Experte über strukturelle Diskriminierung

14.10.2021, 18:0915.10.2021, 11:36

Wer am Dienstag bei Markus Lanz eingeschaltet hat, dem ist wahrscheinlich eins besonders in Erinnerung geblieben: die Aussagen von Elke Heidenreich. Die 78-jährige Autorin musste sich seit der Ausstrahlung einiges an Kritik anhören. Vor allem auf Twitter wurden zwei Punkte besonders heftig diskutiert.

Erstens: Heidenreichs Aussagen seien rassistisch. Die Autorin sagte, es störe sie, dass die Frage "Woher kommst du?" direkt als rassistisch einstuft werde. Sie brachte ein Beispiel eines "dunkelhäutigen Taxifahrers" mit perfektem Kölner Dialekt und Eltern aus Marokko an.

"Ich frage natürlich: Wo kommst du her?", sagte Heidenreich und fügte hinzu: "Und zwar nicht, um sie zu diskriminieren. Sondern, weil ich sofort sehe, die kommt nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal. Ich finde darin kein Problem, wenn man das fragt. Man sieht es ja."

Zweitens: Der Autorin wurde vorgeworfen, sich nicht mit der jungen Generation auseinandersetzen zu wollen. Die Autorin kritisierte die Grünen-Sprecherin Sarah Lee Heinrichs, die in jungen Jahren rassistische Tweets verfasst und sich bereits dafür entschuldigt hat.

Heidenreich dazu: "Um mal bei diesem Mädchen zu bleiben: Sie hat überhaupt keine Sprache. Sie kann nicht sprechen. Das sind Kinder, die nicht lesen. Das ist diese Generation, von der ich immer wieder merke, wie sprachlos sie ist, wie unfähig mit Worten umzugehen."

Watson hat bei einem Rassismus-Experten und einer Soziologin nachgefragt, um die Kritik einzuordnen.

Vorwurf: Rassismus

Mohamed Amjahid ist Journalist und hat ein Buch geschrieben, das den Untertitel "Eine Anleitung zum antirassistischen Denken" trägt. Auf Twitter hat er die Aussagen von Heidenreich verurteilt. "Für Elke Heidenreich existieren "dunkelheutige Menschen" nur als Taxifahrer, die sie herumkutschieren, nur als Bedienstete, die für sie putzen, sie für einen Hungerlohn bedienen und "bei uns" leben. Was für ein kolonialer Blick auf verletzbare Minderheiten", schreibt er dort.

Er hat ihren Redebeitrag analysiert und befindet gegenüber watson: "Es ist eine Sicht der weißen Mehrheitsgesellschaft, die sich überhaupt nicht reflektieren möchte, im Kontext einer diversifizierten Einwanderungsgesellschaft, die wir allgemein in Deutschland sind."

Die Autorin würde oft von "Wir" und "Den Anderen" sprechen, wobei die Anderen nur als Servicekräfte existieren. "Das ist das klassische Beispiel, dass nicht-weiße Menschen oft Taxi fahren oder putzen oder dankbar sein sollten, bei uns hier zu leben", erklärt Amjahid.

Der Journalist findet auch das Format der Talkshow zweifelhaft. Er sagt: "Hier sind weiße Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind. Die setzen sich zusammen und bestimmen, was gute Wörter sind. Wer sprechen kann und warum. Was Hochkultur ist und was nicht. Das ist ja alles willkürlich und sehr subjektiv."

Für ihn steht der Fall Heidenreich aber nur exemplarisch für ein größeres Problem:

"Elke Heidenreich ist gar nicht so wichtig. Auch diese Talkshow ist nicht wichtig. Auch meine Witze auf Twitter sind nicht wichtig. Die Leute denken, die Fallhöhe ist: Elke Heidenreich hat den Mohammed verletzt. Das ist absolut egal. Aber es ist Teil dieser Struktur, in der Menschen gewaltvoll begegnet wird – auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt, dem Bildungsmarkt. Es werden Leute ausgeschlossen, weil jemand denkt: 'Ich könnte jetzt dieser Person ein Praktikum geben, aber Elke Heidenreich hat gesagt, die können nicht reden, deshalb gehe ich auf Nummer sicher und gebe der weißen Person das Praktikum.'"

Amjahid sagt, dass solche rassistischen Diskurse zwar nicht direkt mit rechtsradikaler Gewalt zusammenhingen, aber Teil eines Systems seien, in der sich die Gesellschaft radikalisieren kann. "Dann passiert sowas wie Hanau, Halle, Kassel, oder NSU", sagt er und fügt an: "Solange wir das nicht als Gesellschaft erkennen, bleiben verletzbare Minderheiten eben verletzbar und müssen auch für sich sprechen."

Und das sei, laut dem Rassismus-Experten, auch der Unterschied in unserer heutigen Zeit. "Der Unterschied zwischen 'Elke Heidenreich spricht 1983 im Fernsehen' und 'Elke Heidenreich spricht 2021 im Fernsehen' ist der Widerspruch", sagt er.

"Das kommt daher, dass sie total verunsichert sind. Und es ist okay, verunsichert zu sein. Es geht nur darum wie es verhandelt wird."
Mohamed Amjahid über die Gründe für rassistische Aussagen.

Der Journalist sehe den Ursprung der Aussagen in einer "großen Verletzbarkeit". Er erklärt: "Elke Heidenreich versteht diese Welt einfach nicht. Sie ist einfach viel zu schnell geworden und dann rantet sie herum. Das zeigt die Hilflosigkeit von einer bürgerlichen weißen Parallelgesellschaft, die damit zurechtkommen muss, dass Menschen mittlerweile für sich selbst sprechen wollen."

Er sagt: "Das kommt daher, dass sie total verunsichert sind. Und es ist okay, verunsichert zu sein. Es geht nur darum wie es verhandelt wird." Die Aussagen der Autorin seien aber die falsche Art zu verhandeln.

Amjahid hofft, dass sich Heidenreich mit dem Thema auseinandersetzt. "Man kann jetzt nicht von den Betroffenen gratis Bildungsarbeit für Elke Heidenreich erwarten. Sie kann sich das schon alles selbst erarbeiten", sagt er und bietet an: "Dann würde ich mich sogar auch mit ihr zusammensetzen und das diskutieren wollen."

Vorwurf: Fehlendes Verständnis

Miranda Leontowitsch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Interdisziplinäre Alternswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt. Sie leitet Studien, in denen der Austausch zwischen älteren und jüngeren Altersgruppen gefördert und untersucht wird.

Für sie liegt das fehlende Verständnis vor allem an einem gesellschaftlichen Problem: "Unterschiedliche Altersgruppen kommen nicht mehr zusammen."

Die Soziologin Miranda Leontowitsch.
Die Soziologin Miranda Leontowitsch.
bild: Klaus Ditté

Leontowitsch erklärt: "Wir beobachten seit Jahrzehnten eine steigende Lebenserwartung bei einer fortlaufenden starren Einteilung in Lebensphasen nach Altersgruppen mit dazugehörigen Rechten und Pflichten." Das führe dazu, "dass sich diese Altersgruppen nicht sonderlich stark mischen."

Zwar gebe es im Erwachsenenalter eine gewisse Durchmischung im Arbeitsumfeld. Aber vor allem Kinder und Menschen im Rentenalter blieben in ihren Altersgruppen.

Auch Familien seien mittlerweile kein Ort mehr, an dem verschiedene Altersgruppen aufeinandertreffen. Sie erklärt:

"Es gibt natürlich Familien als soziale Orte, an denen sich Altersgruppen mischen können. Aber wir wissen, dass Familien durch soziale Mobilität und Arbeitsmobilität nicht mehr mehr-generationell oder überhaupt an einem Ort zusammenleben. Die Jüngeren gehen meistens wenigstens vorübergehend fort. Deswegen gibt es nicht mehr so viele Berührungspunkte."

Dieser fehlende Kontakt könne auch an anderen Orten kaum nachgeholt werden. "Ein Grund, warum die Generationen nicht mehr so viel miteinander reden und sich nicht verstehen, ist, weil sie tatsächlich nicht so viel Gelegenheit dazu haben", sagt Leontowitsch.

Es sei kein neues Phänomen, dass unterschiedliche Altersgruppen andere Ideen haben, aber Leontowitsch verfolge eine Tendenz der Polarisierung von Jüngeren und Älteren. "Meiner Meinung nach ist das auch stark medial forciert", sagt sie.

Laut Leontowitsch hat sich die Einstellung im hohen Alter verändert. "Ältere Menschen möchten als jünger, aktiv und anschlussfähig gesehen werden. Eigentlich empfinde ich da immer eine große Bereitschaft, sich mit Jüngeren auseinanderzusetzen, sich auszutauschen und auch Ideen aufzunehmen", sagt sie.

"Diskussion heißt ja nicht, dass alle danach die gleiche Meinung haben. Es bedeutet: unterschiedliche Meinungen kommen zusammen und werden gegenseitig abgeklopft."
Miranda Leontowitsch über den Generationenaustausch.

Als Beispiel nennt sie Friday's for Future. "Innerhalb des ersten Jahres haben sich ältere Menschen angeschlossen – noch vor Parents for Future. Das sind die Personen, die nicht mehr arbeiten und freitags vormittags Zeit haben, an einer Demonstration teilzunehmen", sagt sie und fügt hinzu: "Da gibt es eine große Solidarität und auch ein großes Verständnis."

Die Soziologin sagt, es brauche "neue Plattformen" des Austausches und "eine Bereitschaft von beiden Seiten zuzuhören und unterschiedliche Meinungen zuzulassen."

Sie weiß: "Diskussion heißt ja nicht, dass alle danach die gleiche Meinung haben. Es bedeutet: unterschiedliche Meinungen kommen zusammen und werden gegenseitig abgeklopft."

Leontowitsch sagt, mehr Austausch hätte sogar positive Effekte. "Wir wissen, wo Austausch stattfindet, können gemeinsame Ideen entwickelt werden", sagt sie.

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