Der Diffamierende Text über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli in der gedruckten Ausgabe von "Tichys Einblick" erschütterte 2020 die Online-Welt.
Der Diffamierende Text über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli in der gedruckten Ausgabe von "Tichys Einblick" erschütterte 2020 die Online-Welt.
Bild: dpa / Christoph Soeder
Exklusiv

Politisch, weiblich, herabgesetzt – wie Frauen in der Politik Sexismus erleben

Sexismus gibt es in allen Gesellschaftsschichten. Wie tief diese Vorurteile oder gar Frauenhass in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger verankert sind, hat dieser Bundestagswahlkampf mehr als deutlich gezeigt:
27.09.2021, 08:23
Annalena Baerbock wurde zum Hassobjekt von anonymen Internet-Trollen, Grünen-Vize Ricarda Lang wurde nach einem Talkshow-Auftritt massiv mit Kommentaren zu ihrem Körper überhäuft. Auch SPD-Politikerin Franziska Giffey hatte schwer mit Anfeindungen zu kämpfen, nachdem ihr der Doktortitel aberkannt wurde. Frauen werden deutlich kritischer beurteilt als Männer, das zeigt auch wieder einmal eine neue Studie der US-Sozialwissenschaftler Joseph Grenny und David Maxfield.
In dieser watson-Reihe berichten junge Politikerinnen von ihren Erfahrungen.
Sawsan Chebli, Isabel Cademartori und Ana-Maria Trăsnea von der SPD:

Sawsan Chebli: "Demokratien sterben aus, wenn sie auf Dauer Frauen ausschließen"

Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli.
Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli.
Bild: dpa / Bernd von Jutrczenka

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli ist bereits häufig mit sexistischen Äußerungen konfrontiert worden. "Als Frau in der Politik wirst Du ständig auf Dein Äußeres reduziert", erklärt sie gegenüber watson. Inhalte und Positionen von Frauen kämen für viele erst an zweiter Stelle.

Sawsan Chebli über einen Text in dem Magazin "Tichys Einblick":

"Da stand: 'Was spricht für Sawsan? Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.'
Das war heftig"

Chebli hat einen palästinensischen Migrationshintergrund. "Bei dem Hass gegen mich gehen Sexismus und Rassismus häufig Hand in Hand", sagt sie. Es gehe dabei darum, Frauen einzuschüchtern, damit sie sich letztlich aus dem Diskurs zurückziehen. "Das ist ein gefährliches Muster", sagt Chebli.

Frauen sprechen lassen
Das Thema Gleichberechtigung ist der watson-Redaktion ein sehr wichtiges. Viele Politikerinnen waren und sind während des Wahlkampfes vor allem in sozialen Medien mit Hass und Hetze konfrontiert.

watson lässt sie nun sprechen. Haben sie Sexismus in ihrer politischen Laufbahn erlebt? Wenn ja, in welcher Form? Und wie werden sie von Ihrer Partei unterstützt oder gar geschützt?

In dieser Reihe erläutern 11 Politikerinnen ihre teils sehr unterschiedlichen Erfahrungen.

Sie berichtet noch einmal von ihrer härtesten Erfahrung: "Ein krasses Beispiel war ein Kommentar in der gedruckten Ausgabe von 'Tichys Einblick'. Das war im Kontext meiner Bewerbung um ein Bundestagsmandat. Da stand: 'Was spricht für Sawsan? Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.' Das war heftig."

Für Chebli ist klar: "Es muss sich etwas ändern." Und sie warnt: "Demokratien sterben aus, wenn sie auf Dauer Frauen ausschließen und klein halten." Um das zu verhindern, müsse man etwas an den "institutionalisierten Strukturen" ändern. "Denn Sexismus hat Struktur. Es sind über Jahrhunderte verfestigte Strukturen, die wir Stück für Stück aufbrechen müssen."

"Netzwerke zum gemeinsamen Austausch sind so wichtig
und essenziell, um handlungsfähig zu werden"
Sawsan Chebli, SPD

Mehr Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt, mehr Frauen in Führungspositionen, stärkere Unterstützung von Eltern für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr Anerkennung für Care-Arbeit – das sind die Stellschrauben, die Chebli vorsieht. Außerdem müssten Frauen untereinander stärker zusammenhalten und sich besser vernetzen – unabhängig von Sympathie.

Den Kampf gegen Sexismus sieht Chebli aber nicht nur in der Verantwortung der Frauen. Sie sagt:

"Es braucht vor allem auch Männer, um diesen Zustand zu verändern. Erst wenn Männer merken, dass Sexismus geächtet wird und für sie mit beruflichen oder sozialen Konsequenzen einhergeht und sie mit ihrem Verhalten nicht mehr einfach so durchkommen, erst dann wird sich spürbar etwas ändern."

Über #MeToo sei sie damals immer tiefer in die feministische Welt eingetaucht, meint Chebli. Heute sei sie Teil diverser Frauennetzwerke, die sich mit Sexismus im Alltag und in der Arbeitswelt auseinandersetzen, aber auch mit Themen wie Intersektionalität. "Diese Netzwerke zum gemeinsamen Austausch sind so wichtig und essenziell, um handlungsfähig zu werden."

Die Förderung von gleichen Chancen sei eins der Hauptanliegen jeder sozialdemokratischen Politik. Mit den beiden Gesetzen zu Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen habe die Partei bereits erste verbindliche Vorgaben für Unternehmen in Deutschland erreicht. Chebli meint damit die verbindliche Frauenquote für börsennotierte Unternehmen, die seit diesem Jahr in Kraft ist.

"Als Nächstes brauchen wir Parität im Bundestag. Frauen und ihre Perspektiven müssen endlich zu gleichen Teilen in der Politik vertreten sein", sagt sie. Damit sollen zumindest mal Frauen in der Arbeitswelt gleichgestellt werden.

Was sexistische Übergriffe konkret angeht, sagt Chebli, "da bieten sich niedrigschwellige Angebote vor Ort eher an". Innerhalb der SPD gebe es einige Gliederungen mit sogenannten Awareness-Teams oder Vertrauenspersonen für Sexismus und Diskriminierung.

Chebli lobt zudem die Jungesozialisten. "Die Jusos beispielsweise praktizieren das schon länger und bringen ihre Erfahrungen ein. In Berlin haben sie sogar eine Anti-Sexismus-Kommission errichtet." Neben dem Einsatz konkreter Ansprechpersonen gehe es hierbei auch immer um eine Sensibilisierung der gesamten Partei für das Thema. "Prävention und Empowerment sind hierbei genauso wichtig, wie die Nachverfolgung und Ächtung sexistischer Übergriffe, die die SPD klar verurteilt", so Chebli.

Isabel Cademartori: "Inzwischen habe ich mir eine Art Uniform zugelegt"

Isabel Cademartori kandidiert in Mannheim für den Bundestag.
Isabel Cademartori kandidiert in Mannheim für den Bundestag.
Bild: Privat

Es sind nicht die offensichtlichen Angriffe, die Isabel Cademartori erlebt. Es sind die kleinen. Die unscheinbaren, subtilen. Und diese Äußerungen irritieren sie, sagt die 33-jährige SPD-Bundestagskandidatin. „Man bekommt gelegentlich ungefragt Feedback zur Kleidung", sagt sie. "Meistens von älteren Frauen." Sexismus steckt eben nicht nur in männlichen Köpfen fest. Sie wisse, dass das gut gemeint sei, "aber es sollte vorrangig um die politischen Inhalte gehen".

Cademartori kandidiert in Mannheim für den Einzug in den Bundestag. Sie spricht dort auf Bühnen, geht von Haus zu Haus, streitet mit anderen Kandidaten und Kandidatinnen auf Podiumsdiskussionen. "Inzwischen habe ich mir eine Art Uniform zugelegt", sagt sie. Kleidung, die funktioniere, die keine große Aufmerksamkeit auf sich ziehe. "Auch bei Männern wird auf Äußerlichkeiten geguckt, aber bei Frauen wird noch einmal genauer hingeschaut."

Die 33-Jährige steht noch relativ am Anfang ihrer politischen Karriere. Sie ist Stadträtin in Mannheim, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion im Gemeinderat und Sprecherin für Stadtentwicklung und Mobilität. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre und machte ihren Master in Wirtschaftspädagogik, ist in einer Gewerkschaft aktiv und engagiert sich in vielen Initiativen. Cademartori nennt sich selbst "Mut.Macherin".

"Je mehr Frauen in der Politik sind, umso mehr wird das Thema normalisiert"
Isabel Cademartori, SPD

Doch es sind eben oft diese kleinen Dinge, die auch sie beschäftigen. Nicht nur die Kleidung ist ein Knackpunkt in Cademartoris politischer Welt. Auch ihr Gesichtsausdruck. "Wenn ich mich konzentriere, dann vergesse ich oft, was um mich herum passiert, dann bekomme ich gesagt, ich wirke unfreundlich und arrogant." Nach dem Motto: Lach' doch mal? "Ja", sagt sie. Und lacht. Auch hier habe sie den Eindruck, es werde mit zweierlei Maß gemessen. Sie arbeite nun daran, trainiere ihren Ausdruck.

Doch insgesamt, sagt Cademartori, habe sie das Gefühl, überraschend wenig Sexismus zu erleben. "Wir haben hier in Mannheim aber auch eine besondere Situation. Wir haben drei aussichtsreiche junge Kandidatinnen, der CDU-Kandidat Roland Hörner hat durch den Masken-Skandal durch Nikolas Löbel diesmal eher weniger Chancen." Löbel war einmal der Mannheimer Direktkandidat im Bundestag. Weil er in der Hochphase der Pandemie 2020 Masken an medizinische Einrichtungen vermittelt hatte und dafür horrende Summen kassierte, trat er zurück.

Das Attribut "junge Frau" sei also kein Alleinstellungsmerkmal in ihrem Wahlkreis. Und so hätten sexistische Äußerungen auch weniger Schlagkraft. "Man hat ja kaum eine andere Möglichkeit zu Wahl", sagt Cademartori. "Das spricht auch für die These: Je mehr Frauen in der Politik sind, umso mehr wird das Thema normalisiert."

Cademartori hat aber Hoffnung. Sie glaubt an die junge Generation. "Ich denke, es wird besser werden. "Es gibt in dieser Sache einen Generationenunterschied. Jüngere sind sensibilisiert, sie wissen, dass es nicht okay ist, ungefragt Styling-Tipps zu geben."

Ana-Maria Trăsnea: "Bei Social Media vergeht kein Tag, an dem ein Mann nicht sein Glück versucht"

Ana-Maria Trăsnea kandidiert in Berlin für den Bundestag.
Ana-Maria Trăsnea kandidiert in Berlin für den Bundestag.
Bild: Raluca Trăsnea

Für Ana-Maria Trăsnea – die im Osten Berlins für die SPD für den Bundestag kandidiert – vergeht kein Tag ohne Sexismus. Man müsse aber unterscheiden zwischen Social Media und Terminen vor Ort. "Bei Social Media vergeht kein Tag, an dem ein Mann nicht sein Glück versucht – das geht von Dating Anfragen bis hin zu Bilder mit Genitalien, die mir unaufgefordert geschickt werden", sagt sie.

An den Infoständen zur Wahl hielten sich sexistische Bemerkungen in Grenzen. Trăsnea ist dann aber auch immer mit anderen Menschen vor Ort, also nie allein.

Dass sie nicht ernst genommen wird, oder Menschen glauben, sie belehren zu müssen, gebe es auch, erzählt sie. "Es kann auch vorkommen, dass mir auf einer Podiumsdiskussion ein Konkurrent einer anderen Partei den Tipp gibt, ich solle nicht so nervös sein, ich mache das ja schon ganz super."

Trăsnea sagt, sie arbeite sehr hart dafür, dass Sexismus überwunden wird. Gegenüber watson sagt sie:

"Allerdings leben wir in einer sexistischen Gesellschaft, deren Strukturen sehr festgefahren sind. Jeder gleichstellungspolitische Erfolg muss verteidigt werden und gleichzeitig muss für den nächsten Schritt gekämpft werden."

Die SPD positioniere sich klar gegen Sexismus. Trăsnea spricht von einer Anti-Sexismuskommission, die es auf Landes- und Bundesparteitagen gebe. Aber sie sagt auch: "In den Strukturen der Partei kann es trotzdem passieren. Die größte Hilfe ist die breite Solidarität von anderen Frauen und Männern in der Partei, unabhängig der Position."

Schutzräume seien aber auch wichtig, "deshalb sind die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen sowie die Arbeitsgruppen für queere Menschen und Migrant:innen Ansprechstellen innerhalb der Partei, die im Fall von Diskriminierung helfen können".

Weitere Storys aus dieser Reihe findest du hier:

Ria Schröder, FDP

Bild: dpa / Carmen Jaspersen

Anna Peters, Grüne Jugend

Bild: Elias Keilhauer

Jessica Heller, CDU

Bild: Julien Reiter

Ann Cathrin Riedel, FDP

Bild: Paul Alexander Probst

Emilia Fester, Grüne

Bild: Gründe Jugend

Ana-Maria Trăsnea, SPD

Bild: Raluca Trăsnea

Clara Bünger, Linke

Bild: Martin Neuhof

SPD kassiert viel Häme im Netz für Gruppenfoto: "Wie dumm"

"Deutschland braucht keine Fotos, Deutschland braucht eine Regierung." Der Satz stammt von Fraktionschef Rolf Mützenich, gesagt am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Der neue SPD-Fraktionschef kritisierte damit ein Selfie der Spitzen von Grünen und FDP, die sich zu Gesprächen getroffen hatten.

Wenige Stunden vor Mützenichs süffisantem Satz posierte der SPD-Politiker allerdings selbst für ein Foto. Und das brachte ihm und seiner Fraktion nun ein Stürmchen der Entrüstung ein. Zu sehen sind …

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