Lokführer und Bundestagsabgeordneter: Sozialdemokrat Detlef Müller aus Chemnitz.
Lokführer und Bundestagsabgeordneter: Sozialdemokrat Detlef Müller aus Chemnitz.Bild: rebecca SAWICKI
Interview

"In Sachsen gibt es eine weit verbreitete Skepsis gegenüber all dem, was von oben kommt": Abgeordneter Detlef Müller über Chemnitz, Sachsen und die SPD

15.11.2021, 09:2215.11.2021, 14:05

Die Siegerin der Bundestagswahl ist die AfD. Zumindest in Sachsen. 24,6 Prozent der Bürger haben mit ihrer Zweitstimme dort die Partei gewählt. Auch die Direktmandate – also die Erststimmen – gingen in den meisten Wahlkreisen an die Kandidierenden der AfD. Nur sechs Kandidierende anderer Parteien zogen auf direktem Weg in den Bundestag ein. Unter ihnen: der Sozialdemokrat Detlef Müller aus Chemnitz.

Watson hat Müller zum Interview getroffen. Wir haben mit dem Politiker, der bereits zum dritten Mal seine Stadt im Bundestag vertritt, darüber gesprochen, warum er als Sozialdemokrat Wähler in einem AfD-blauen Meer überzeugt hat, wie mit den sächsischen Impfverweigerern aus seiner Sicht umzugehen ist und warum seine Heimatstadt Chemnitz mehr ist, als das rechtsradikale Nest ist, für das sie viele halten.

Detlef Müller (SPD) hat in Chemnitz das Direktmandat gewonnen.
Detlef Müller (SPD) hat in Chemnitz das Direktmandat gewonnen.Bild: Geisler-Fotopress / Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

watson: Herr Müller, Sie sind der einzige Sozialdemokrat, der in Sachsen ein Direktmandat geholt hat. Woran, denken Sie, liegt das?

Detlef Müller: Ich glaube, es ist wichtig, dass ich authentisch bin. Ich bin ich und die Leute wissen das auch. Ich brauche keine politischen Phrasen raushauen, sondern kann mich mit den Menschen auf Augenhöhe unterhalten. Selbst mit denen, die es nicht gut mit mir meinen. Ich bin nicht der Politiker aus Berlin oder „von oben“, das funktioniert.

Reden Sie häufig mit den Menschen, die es nicht gut mit Ihnen meinen?

Ich habe tatsächlich viel Kontakt mit sogenannten Coronaleugnern und den ganzen AfD-Typen und versuche, mit ihnen zu reden.

Wieso?

Ich glaube, nur mit Reden kommen wir weiter. Nur so können wir verhindern, dass sich die ganze Spaltung noch mehr verfestigt. Die Leute wissen, dass ich ehrenamtlich aktiv bin, dass ich Lokführer bin – also von der Basis komme, statt studierter Politikwissenschaftler zu sein. Viele in Chemnitz haben mich letztlich gewählt, obwohl sie eigentlich keine Fans der Sozialdemokraten sind und ihre Zweitstimme vielleicht einer anderen Partei gegeben haben. Damit eben Chemnitz nicht von einem AfD-Mann im Bundestag vertreten wird.

Warum war das den Chemnitzern so wichtig?

Weil das, was im August 2018 passiert ist – diese ganzen rechtsradikalen Demonstrationen – dem Normalbürger zu viel waren.

Der Sommer 2018 war krass. Nachdem auf dem Stadtfest ein Mann aus Syrien einen anderen Mann erstochen hatte, ist die Lage eskaliert. Eine Demonstration jagte die nächste. Rechtsradikale und Rechtsextreme standen vor dem Karl-Marx-Monument, das in der Stadt liebevoll "Nischl" genannt wird. Haben Sie den Eindruck, seither hat sich etwas verändert?

Das war krass und es ist auch heute noch krass. Da kommen wir direkt zu Corona. Die Spaltung in der Stadt ist härter geworden. Die Auseinandersetzung hat sich verschärft. Viele Menschen ziehen sich ins Private zurück, weil sie damit nichts mehr zu tun haben wollen. Die große Chance ist, dass Chemnitz 2025 Europäische Kulturhauptstadt ist, unter dem Motto "See the unseen" (zu Deutsch: "Die Unsichtbaren sehen"), um eben genau diese stille Mitte anzusprechen. Aber insgesamt kann man sagen, Chemnitz hat 2018 ganz schön gelitten. Diese Ausschreitung haben uns bestimmt 20 Jahre zurückgeworfen.

Rechte Demonstranten stehen vor dem Chemnitzer Karl-Marx-Monument.
Rechte Demonstranten stehen vor dem Chemnitzer Karl-Marx-Monument.Bild: ZUMA Wire / Jannis Grosse

Ihre Heimat wird im Rest Deutschlands häufig als rechtsradikales Nest angesehen. Zurecht?

Nein. Alle Medien dieser Welt waren 2018 in Chemnitz. Sie haben mich interviewt und gefragt, wann ich vorhabe, aus Chemnitz wegzuziehen. Ich habe geantwortet: 'Gar nicht.' Es ist meine Stadt und kein Nazinest. Diese Ausschreitungen hätten auch in jeder anderen Stadt passieren können.

Viele Menschen gehen trotzdem. Leipzig, die größte Stadt Sachsens, boomt, während Chemnitz immer älter wird. Was möchten Sie tun, um die Stadt für junge Menschen attraktiv zu machen?

Leipzig bekommt durch den vielen Zuzug wahnsinnig viele Probleme: Nahverkehr, Schulen, Kitas, sie alle müssen irgendwie nachziehen. Ich finde die Größe von Chemnitz mit seinen 250.000 Einwohnern gut. Aber wir müssen tatsächlich etwas gegen den steigenden Altersdurchschnitt tun. Die Stadt muss attraktiv sein.

Und wie?

Wir haben ein großes Kunst- und Kulturangebot, wir sind sehr grün, wir haben ein vielfältiges Sportangebot – zum Beispiel die Basketball-Bundesligisten Niners Chemnitz. Junge Familien freuen sich, dass sie unkompliziert an Kita- und Schulplätze kommen. Bei uns kann man Mieten zu normalen Preisen, sogar ein Eigenheim kaufen, das bezahlbar ist. Ich denke, insgesamt haben wir eine gute Zukunft.

Eine Chemnitzer Institution: Die Band Kraftklub.
Eine Chemnitzer Institution: Die Band Kraftklub.Bild: Geisler-Fotopress / Max Patzig/Geisler-Fotopress

À propos Zukunft und Vergangenheit: In Ihrem Ausweis steht nicht Chemnitz als Geburtsort, sondern Karl-Marx-Stadt. So hieß die Stadt in der DDR. Wie viel Marx steckt denn in Ihnen, Herr Müller?

Das ist schwierig.

Warum?

Ich bin stolz darauf, dass in meinem Pass noch Karl-Marx-Stadt steht. Das ist meine Heimatstadt. Da spielt die Eiskunstläufern Katarina Witt eine Rolle. Und alles, was an Karl-Marx-Stadt sonst dranhängt: Zu DDR-Zeiten war die Stadt eine große Wirtschaftsmacht, mit Maschinenbau und Textilien.

Und was verbindet Sie mit Marx, dem Gesellschaftstheoretiker und Vater des Kommunismus?

Karl Marx hat eine gute Analyse gemacht, die auch bis heute gültig ist. Aber in der Schlussfolgerung liegt er falsch. Gerade im "Kapital" beschreibt er allerdings sehr gut die damaligen Zustände – und eigentlich auch die heutigen.

Sie sind Mitglied im Seeheimer Kreis, dem konservativen Flügel der SPD-Bundestagsabgeordneten.

Ja. Ich bin ein Pragmatiker, möchte gerne etwas verändern, möchte gerne regieren. Wir beim Seeheimer Kreis stecken nicht tage- und wochenlang in irgendwelchen Debatten, sondern wir handeln. Das ist der Unterschied. Es gibt die, die weit vordenken und die, die eher in der Tagespolitik verhaftet sind.

Das heißt, Sie haben sich gefreut, als der Seeheimer Lars Klingbeil ins Gespräch um den Parteivorsitz kam?

Ich freue mich darüber, auch unabhängig des Seeheimer Kreises. Ich kenne Lars ganz gut und finde ihn als Typ einwandfrei.

Saskia Esken und Lars Klingbeil sind allerdings beide westdeutsche Genossen. Fühlen Sie sich als ostdeutscher Sozialdemokrat davon genügend repräsentiert?

Ich finde wir müssen aufpassen, dass wir vor lauter Proporz-Gedanken nicht übers Ziel hinausschießen. Stattdessen sollten wir beim Thema Ossi-Quote pragmatisch bleiben und uns auch mal anschauen, wie groß die SPD im Osten ist und wie groß im Westen. Wir müssen definitiv in der engeren Parteispitze vertreten sein und mit Klara Geywitz sind wir das auch, das ist dann auch in Ordnung.

Möglicherweise bald das neue Vorsitzendenduo: Saskia Esken und Lars Klingbeil.
Möglicherweise bald das neue Vorsitzendenduo: Saskia Esken und Lars Klingbeil.Bild: Flashpic / Jens Krick

Sie gehören einer weiteren Minderheit Ihrer Fraktion an: Sie sind Lokführer, ein Arbeiter in der ehemaligen Arbeiterpartei.

Ich bin stolz, so wie es ist. Ich habe kein Abitur, ich habe nicht studiert. Ich habe nach der zehnten Klasse einen Beruf gelernt. Meinen Traumberuf: Eisenbahner. Ich habe es trotz dieser nicht-akademischen Ausbildung in den Bundestag geschafft. Das ist ein Zeichen, dass es geht. Der Bundestag sollte ein Querschnitt der Gesellschaft sein. Das ist er nicht, auch wenn er langsam diverser wird. Aber gerade, was die Berufe angeht, passen hier Parlament und Bevölkerung gar nicht zusammen.

Sie haben es gerade gesagt: Es ist prinzipiell möglich, ohne Studium in den Bundestag einzuziehen. Warum sind trotzdem die meisten Abgeordneten Akademiker?

Das hängt auch damit zusammen, wie die Parteien ihre Kandidaten finden. Es ist natürlich die Frage, ob jemand, der im Schichtsystem am Band arbeitet, überhaupt die Zeit hat, eine ehrenamtliche politische Karriere im Stadtrat anzufangen.

Sie haben zu Beginn gesagt, sie suchten das Gespräch, auch mit den Menschen, die Ihnen nichts Gutes wollen – beispielsweise Coronaleugnern. In Ihrer eigenen Stadt scheint das zu helfen: Chemnitz hat mit 65,8 Prozent vollständig Geimpften die zweithöchste Impfquote in Sachsen und eine deutlich höhere, als der Freistaat insgesamt. Nur 57,1 Prozent der Sachsen sind mittlerweile vollständig gegen einen schweren Corona-Verlauf geschützt, damit ist es das Land der Impfmuffel. Das Spitzenreiterland Bremen hat hingegen bereits 78,7 Prozent seiner Bürgerinnen und Bürger durchgeimpft. Woran liegt es, dass Sachsen so abfällt?

Ich kann Ihnen das nicht sagen, ich stehe hier auch vor einem Rätsel. Ich kann jetzt diese berühmte Korrelation mit den AfD-Wahlergebnissen heranziehen. In Sachsen gibt es eine weit verbreitete Skepsis gegenüber all dem, was von oben kommt. Das hat gar nicht so viel mit Corona zu tun, das ist eher ein Grundgefühl: 'Ich will kein Elektroauto', 'Ich will keinen Flüchtling', 'Ich will kein Klima'. Im Grunde: 'Ich will das Ganze gar nicht wissen, ich will meine Ruhe haben'. Ich will das gar nicht rebellisch nennen, das ist Quatsch. Das ist einfach ein ganz komischer Charakterzug, den hier viele Menschen haben.

Bei der Demonstration der "Querdenker" kam es am 7.11. in Leipzig zu Ausschreitungen.
Bei der Demonstration der "Querdenker" kam es am 7.11. in Leipzig zu Ausschreitungen.Bild: dpa-Zentralbild / Sebastian Kahnert

Haben Sie den Eindruck, dass Sie trotzdem manchmal Erfolg haben, wenn Sie den Dialog mit solchen Menschen suchen?

Ich habe zwei Menschen überreden können, sich impfen zu lassen.

Wie das?

Weil die mit wirklich blöden Argumenten kamen. Warum Bill Gates so viel Geld in die WHO stecke, was es mit diesen Notzulassungen und Langzeitfolgen auf sich habe. Ich habe ihnen geraten, sich nochmal von ihrem Hausarzt beraten zu lassen. Da hat das funktioniert, bei anderen funktioniert das überhaupt nicht. Die leben in ihrer eigenen Blase – mit eigenen Medien. Das faktenbasierte Wissen ist auf dem Rückzug und das macht die Debatte schwierig.

In Leipzig hat man am vergangenen Wochenende erneut gesehen, dass die Impfgegner sich weiter radikalisieren. Journalisten wurden angegriffen, mit einem geordneten Protest hatte die Versammlung nach kurzer Zeit nichts mehr zu tun. Wie müsste auf diese Menschen reagiert werden?

Ich setze auf Reden. Das kann helfen, oder auch nicht. Ich habe mal mehrere Menschen, die mich auf Facebook beleidigt haben, zum Gespräch eingeladen. Mit vier von denen habe ich mich auch tatsächlich zu Einzelgesprächen getroffen. Wir haben uns mehrere Stunden unterhalten und die ganzen Themen diskutiert: Russlandpolitik, Klima, Impfen, Rothschild, 'Staatsmedien'. Das ganze Konvolut aus Halbgeschichten, die irgendwie zusammengerührt werden.

Konnten Sie sie mit Ihrer Meinung überzeugen?

Darum ging es gar nicht.

Worum dann?

Sie konnten ihre Meinung sagen, ich konnte meine Meinung sagen. Auf Augenhöhe. Bei manchen Punkten, wie der Russlandpolitik zum Beispiel, konnte ich manche von ihnen dann auch überzeugen, indem ich darauf verwiesen habe, dass sie sich mal anschauen sollen, welche Angst zum Beispiel Polen noch heute vor Russland hat. Da konnte ich dann einen Umdenkprozess in Gang setzen, aber bei vielen geht das gar nicht mehr.

Sei es nun der Umgang mit Geflüchteten, Rechtsradikale, Coronaleugner. Die Reaktion der restlichen Republik ist oft 'Ach, Sachsen'. Nervt Sie das manchmal?

Das nervt mich nicht, denn dummerweise ist es ja aktuell einfach so. Es ist schade für das Bundesland, weil der Ruf national, wie auch international schlecht ist. Wir müssen dagegen halten mit Wissenschaft, Forschung und Kultur.

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