Meinung

Liebe Frau Klöckner, dieses Nestlé-Video ist ja wohl echt nicht Ihr Ernst?!

05.06.2019, 14:1407.06.2019, 15:51

Bei diesem Video muss man geradezu die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Es kommt direkt vom Twitter-Account des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Nein, man muss genauer sein: Es kommt direkt von der Ministerin selbst, von Julia Klöckner.

Es geht im Video um Gesundheit und Umweltbewusstsein beim Thema "Essen und Trinken". Dazu hat sich Klöckner einen "Experten" eingeladen. Dieser Experte ist allerdings niemand geringeres als Marc-Aurel Boersch – der Deutschland-Chef der Firma Nestlé. Über deren Unterstützung freue sie sich ganz besonders, sagt Ministerin Klöckner.

Man muss sich doch fragen, ist diese Aktion gerade beim Thema Ernährung wirklich ihr Ernst?

Wissen Sie, wer Nestlé ist, Julia Klöckner?!

Falls nicht, dürfen wir Sie kurz aufklären: Bei Nestlé handelt es sich um jenen Riesen-Nahrungsmittel-Konzern mit mehr als 2.000 Marken, der sich immer wieder schwere Vorwürfe gerade wegen seiner Einstellung zu Verbrauchern und Umwelt anhören muss.

Seht hier den Trailer:

  • Mal wegen der Abholzung von Regenwäldern für Palmöl. Ein Vorwurf, den vor allem Greenpeace immer wieder gegen den Konzern erhebt. Zumindest in der Vergangenheit hatte das Unternehmen Versprechen immer wieder gebrochen, die Situation zu verbessern.
  • 2014 geriet Nestlé dann in die Kritik, weil Naturschutz-Organisationen dem Konzern Botox-Versuche mit Mäusen nachgesagt hatten.
  • Jüngst berichtete die Organisation "Changing Markets Foundation" von Nestlé-Babynahrung, die kleinen Kindern in Wahrheit aber schade. Vor allem der Nestlé-Slogan "am nächsten an der Muttermilch" sei kritisch zu sehen, weil die Produkte des Konzerns überall auf der Welt unterschiedlich seien. (Orange)

So einen Konzern, Frau Klöckner, hofieren Sie in Ihrem Video ohne eine einzige kritische Frage zu stellen. Mehr noch: Sie geben seinem Deutschland-Chef die Möglichkeit, sich staatsmännisch als Sauber-Mann hinzustellen. Wer Ihnen deshalb jetzt öffentlich Lobby-Hörigkeit vorwirft, den kann man gut verstehen.

Sie selbst sind vorbelastet, Frau Klöckner

Schon im Februar 2019 hatten Sie den Plan zur Umsetzung Ihrer "Strategie zur Reduzierung von Zucker, Fett und Salz" – schon damals aber stieg die Deutsche Diabetesgesellschaft (DGB) aus ihrem angekündigten Experten-Gremium aus.

"In seiner jetzigen Form hat die Wissenschaft in dem Gremium praktisch keinen Einfluss auf die Formulierung konkreter Reduktionsziele", sagte damals DDG-Präsident Dirk Müller-Wieland der Süddeutschen Zeitung. "Bisher bleiben diese weit hinter dem zurück, was aus wissenschaftlicher Sicht notwendig wäre, um den Anstieg von Übergewicht und Diabetes in Deutschland zu stoppen."

Die Experten glaubten Ihnen also schon Anfang des Jahres nicht, dass Sie bei der Frage nach guter Ernährung ernsthaft unabhängig agieren würden.

Ihr eigene Glaubwürdigkeit wurde also schon einmal angezweifelt. Wenn Sie aber jetzt ein solch unreflektiertes Video mit einem Unternehmensvertreter drehen, dann... siehe Punkt 1: Wer Ihnen öffentlich Lobby-Hörigkeit vorwirft, den kann man gut verstehen.

Fazit: Das geht gar nicht, Frau Klöckner!

  • Sie präsentieren hier den Vertreter eines riesigen Lebensmittelkonzerns ungefiltert als Experten.
  • Eines Konzerns noch, der seit Jahren zumindest in der öffentlichen Kritik steht, seine Marktziele vor die Belange von Verbrauchern und Umwelt zu stellen.
  • Sie verleihen ihm ohne eine einzige kritische Bemerkung die Glaubwürdigkeit Ihres Ministeramts und Ihres Ministeriums. Erlauben Ihm, als Weltverbesserer aufzutreten wie in einem schlechten Werbespot seines eigenen Unternehmens.
  • Sie selbst haben offenbar keinen besonders guten Stand bei Experten, was das Thema Ernährungs-Strategien betrifft. Wie können Sie da bloß so ein Video veröffentlichen?

Ihre CDU leidet gerade bei jungen Wählerinnen und Wählern massiv, weil sie Glaubwürdigkeit verspielt hat. Dabei geht es gerade um Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit. Mit solch einem Auftritt, Frau Klöckner, machen Sie die Situation für Ihre Partei nun wirklich nicht besser.

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