Prof. Karl Lauterbach, Bundesminister fuer Gesundheit, SPD, Pressekonferenz zu - Aktuelle Corona-Lage, in der Bundespressekonferenz, DEU, Berlin, 08.04.2022 *** Prof Karl Lauterbach, Federal Minister  ...
Karl Lauterbach am Freitag in der Bundespressekonferenz. Bild: imago images / imago images
Politik

Lauterbachs Krise im Amt: Ein guter Mediziner ist noch lange kein guter Gesundheitsminister

Der SPD-Politiker wurde in der Pandemie zum Medienstar – und eine Social-Media-Kampagne hievte ihn ins Amt. Jetzt zeigt sich, dass es ganz andere Fähigkeiten braucht, um ein Ministerium zu leiten.
08.04.2022, 16:47

Karl Lauterbach ist wohl der erste Mensch, den eine Social-Media-Kampagne in ein deutsches Bundesministerium befördert hat.

Als der damals noch designierte Bundeskanzler Olaf Scholz im Dezember 2021 die Ministerinnen und Minister vorstellte, die seine SPD in die Ampelkoalition schicken würde, sagte er: "Bestimmt die meisten Bürgerinnen und Bürger" hätten sich gewünscht, dass der nächste Gesundheitsminister "Karl Lauterbach heißt". Dann sagte Scholz: "Er wird es."

Triumphaler Anfang: Karl Lauterbach bei der Vorstellung der SPD-Minister im Dezember.Video: YouTube/DER SPIEGEL

Die Vorstellung war am Nikolaustag. Karl Lauterbach als Gesundheitsminister, das wirkte wie ein Geschenk an die vielen Menschen, die über Netzwerke von Twitter bis TikTok seit Monaten "Wir wollen Karl" und andere Slogans in die Welt gerufen hatten.

Es war nicht Lauterbach selbst, der diese Kampagne gestartet hatte. Millionen Menschen glaubten wirklich, Lauterbach – der approbierte Arzt, Epidemiologe und sichtbarste Corona-Experte Deutschlands – sei der mit Abstand beste Mann, um Deutschland durch die Pandemie zu führen.

Vier Monate später ist Lauterbach der lebendige Beweis dafür, dass Fachleute eben oft doch nicht die beste Wahl sind, um ein Ministerium zu führen. Bauern oder Agronominnen sind nicht grundsätzlich am besten geeignet, das Landwirtschaftsministerium zu führen. Eine gute Verteidigungsministerin muss nicht gedient haben. Ein Mediziner ist nicht automatisch ein guter Gesundheitsminister.

Vier Monate im Amt, mehrere kleine Desaster

Lauterbach ist hart gelandet.

Schon im Januar hatte ihm Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, ein dickes Ei ins Nest gelegt: Er verkürzte über Nacht die Gültigkeit der Genesennachweise für Menschen mit überstandener Covid-19-Erkrankung auf drei Monate. Anfang April einigte sich Lauterbach mit den Gesundheitsministern der Bundesländer darauf, dass Corona-Positive künftig selbst entscheiden sollten, ob sie in Isolation gehen – und erklärte kurz darauf in einer TV-Talkshow, dass er die Entscheidung zurücknehme. Am Donnerstag dann scheiterte der Gesetzentwurf zur Impfpflicht ab 60 im Bundestag – nachdem Lauterbach monatelang dafür geworben hatte.

Die Zeiten von "Wir wollen Karl" scheinen Jahrzehnte entfernt. Sogar auf SPD-nahen Social-Media-Accounts bekommt Lauterbach inzwischen sein Fett weg.

An Lauterbach wird wieder einmal deutlich: Um ein Ministerium zu leiten, sind andere Kompetenzen wichtiger als bloßes Fachwissen.

Organisationstalent zum Beispiel. Die Fähigkeit, gute Staatssekretärinnen, Referentinnen, Abteilungsleiter, Beauftragte auszuwählen, die das Ministerium am Laufen halten, solide Gesetzentwürfe auf den Weg bringen, Verschwendung von Zeit und Geld vermeiden. Und, für den Minister persönlich: Die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen. Mit den Regierungsfraktionen im Bundestag, mit Landesregierungen. Ein offenes Ohr zu haben für relevante Interessenvertreter, ohne jemanden zu übervorteilen.

Das Schludern bei der Isolation, die politische Niederlage bei der Impfpflicht, das Kommunikationsdesaster beim Genesenenstatus: All das hat die Zweifel daran wachsen lassen, ob Lauterbach es wirklich drauf hat, ein Ministerium mit 700 Mitarbeitern zu leiten, in der schwersten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten. Oder ob er besser der Regierungsberater von außen geblieben wäre, der durch die Talkshows tingelt, medizinische Studien über Twitter teilt und erklärt – und regelmäßig mit Kanzler und Minister spricht.

Die ersten Reporterinnen und Reporter fragen Lauterbach schon direkt, ob er denn nicht zurücktreten wolle. Seine Beliebtheitswerte in Meinungsumfragen wie denen des "Politbarometer" sinken drastisch.

Lauterbachs Charakter kann ihm helfen

Doch Lauterbach kann zurückkommen. Er hat es noch in der Hand, seinen Fehlstart zu korrigieren und zu einem solide regierenden Gesundheitsminister zu werden.

Lauterbach hat Charaktereigenschaften, die ihm dabei helfen können: Er tritt nicht nach, er akzeptiert demokratische Entscheidungen, die gegen seinen Willen gehen. Das Nein zur Impfpflicht sei "eine klare und bittere Niederlage für alle Befürworter", das gelte auch für ihn persönlich, sagte der Minister am Freitag in der Bundespressekonferenz. Jetzt sei aber nicht der Moment für Schuldzuweisungen, er werde weiter daran arbeiten, dass Deutschland möglichst gut vorbereitet in den Herbst mit der wahrscheinlichen nächsten Infektionswelle geht.

"Ich bin kein Influencer, ich bin Politiker", sagte der Minister am Freitag auf die Frage von watson, ob er es sich zutraue, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Er mache Politik "im Rahmen dessen, was möglich ist". Und er glaube, "dass viele Menschen sich wohler fühlen, mit einem Minister, der bereit ist, Fehler zuzugeben."

Damit hat Lauterbach recht. Nur gibt es für viele Menschen eben auch eine Schmerzgrenze für die Zahl an Fehlern, die ein Minister begehen sollte – gerade in heiklen Zeiten wie diesen.

Corona: Karl Lauterbach mit deutlichen Worten – "Kliniken sind voll"

Neben Energiekrise, Inflation, Krieg und der iranischen Protestwelle verliert die Corona-Pandemie nach und nach an Schrecken. Die ersten Bundesländer haben mittlerweile Isolationspflichten abgeschafft. Die Maske muss an den wenigsten Orten getragen werden. Zum Jahresende sollen außerdem die Impfzentren schließen.

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