Atomkraft, ja bitte? – Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will sich zumindest diese Möglichkeit offenhalten.
Atomkraft, ja bitte? – Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will sich zumindest diese Möglichkeit offenhalten.Bild: www.imago-images.de / imago images

Robert Habeck und die Atomkraft: Das bedeutet der neue Beschluss zur Eindämmung der Stromkrise

06.09.2022, 15:5806.09.2022, 18:10

Wieder einmal musste Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit seinem grünen Geist brechen: Er will die Möglichkeit offenlassen, zwei der drei noch bestehenden Atommeiler in Deutschland auch nach 2022 weiterlaufen zu lassen.

Etwas, wogegen seine Partei, die Grünen, seit Jahrzehnten ankämpfen. Etwas, weswegen sich diese Partei unter anderem überhaupt erst gegründet hatte. "Atomkraft? Nein danke!" – diese Aufkleber und Buttons waren seither immer wieder bei von Grünen organisierten Protesten zu sehen.

Auch heute noch auf Demos zu sehen: Das "Atomkraft? Nein Danke"-Logo.
Auch heute noch auf Demos zu sehen: Das "Atomkraft? Nein Danke"-Logo.Bild: dpa / Fabian Sommer

Der Atomausstieg wurde dann im März 2011 unter CDU-Führung beschlossen. Nach Ende 2022 dürfte eigentlich kein einziger Meiler in Deutschland noch Strom produzieren.

Doch Habeck verkündete am Montag nun die – zumindest fast – gegenteiligen Pläne.

Die beiden Meiler Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg sollen als Reserve dienen. Sollte also der Strom in Deutschland zu knapp werden, hätte man noch ein – wenn auch sehr kleines – Ass im Ärmel.

Die Entscheidung traf Habeck auf Grundlage eines Stresstests, den sein Ministerium in Auftrag gegeben hatte. Stromnetzbetreiber sollten berechnen, ob der Strom im Winter ausreichen wird. Und deren Botschaft klang wenig erheiternd: Es könnte eng werden.

Das Kernkraftwerk Isar 2 in Bayern könnte womöglich doch noch länger am Netz bleiben.
Das Kernkraftwerk Isar 2 in Bayern könnte womöglich doch noch länger am Netz bleiben.Bild: dpa / Armin Weigel

Demnach könnte die Versorgungssituation sowohl in Deutschland als auch in ganz Europa "äußerst angespannt" werden. Und weiter noch: In Extremsituationen könne es sogar zu einem "geordneten Abschalten von Verbrauchern für begrenzte Zeiträume" kommen.

Habeck versucht, diese drastischen Aussagen zumindest einmal zu entschärfen.

"Wir haben eine hohe Versorgungssicherheit", sagte Habeck mit Blick auf die Ergebnisse des Stresstests. Deutschland sei ein Stromexportland und habe eine große Netzstabilität. "Wir haben genug Energie in Deutschland und versorgen unsere europäischen Nachbarn mit dieser Energie mit."

Aber warum die Situation denn überhaupt – zumindest politisch – so angespannt? Warum steigt das Risiko der Stromknappheit?

Tatsächlich gibt es hier mehrere Ursachen:

  • Verschleppter Netzausbau
    Deutschland ist, was das Stromnetz angeht, zweigeteilt. Im Norden gibt es einen riesigen Bestand an Windkraft-Anlagen. Im Süden und Südwesten dafür Gas- und Kohlekraftwerke. Gas wird wegen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine aber immer teurer und knapper. Heißt: Dort, wo Strom am meisten gebraucht wird (Industrie im Südwesten), wird er immer knapper. Und den fehlenden Strom vom Norden in den Süden zu schicken – dafür gibt es zu wenig Kapazitäten.
  • Dürre
    Europa erlebte erneut einen heißen und trockenen Sommer. Das führte zu einer Wasserknappheit. Habeck sagte dazu: "Die Wasserkraft in Norwegen bis zu den Alpen hat ebenfalls in dem Sommer gelitten." Und: Der niedrige Wasserpegel in den Flüssen stört deutsche Kohlekraftwerke. Schiffe konnten demnach nur wenig Kohle transportieren.
  • Atomkraft-Krise in Frankreich
    In diesem Jahr kämpfen viele europäische Staaten mit einer Stromkrise. Vor allem Frankreich: Mehrere Atommeiler fielen zeitweise aus, weil sie kaputt waren oder weil zu wenig Wasser durch die Flüsse floss – und deshalb Kühlwasser fehlt. Für den Notfall wäre Frankreich also kein verlässlicher Partner in Sachen Stromlieferung.
Das extreme Niedrigwasser im Rhein machte es schiffen schwer, durchzukommen.
Das extreme Niedrigwasser im Rhein machte es schiffen schwer, durchzukommen.Bild: www.imago-images.de

Nun gibt es von vielen Seiten die Sorge, die Atomkraft in Deutschland endgültig aussterben zu lassen, könnte nachteilig sein. Insgesamt produzieren die drei Meiler zwar nur sechs Prozent des Stroms in Deutschland – allerdings stehen die Meiler Isar 2 von E.on und Neckarwestheim von EnBW im Süden der Bundesrepublik: Also dort, wo der Strom knapp werden könnte.

Bleibt trotzdem noch die Sorge um die Sicherheit.

Kernkraft ist und bleibt eine Risikotechnologie. Das Atomkraftwerk im ukrainischen Saporischschja ist das beste Beispiel dafür: Gerade wurde das Werk wieder vollends vom Netz genommen, weil der Beschuss im Zuge des Krieges nicht aufhört. Das Risiko eines GAUs steigt mit dem Beschuss enorm.

Außerdem ist auch in Deutschland die Frage nach einem Endlager für radioaktiven Müll noch immer nicht beantwortet.

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