In Restaurants, Kneipen und Cafés darf in Sachsen nur, wer geimpft oder genesen ist.
In Restaurants, Kneipen und Cafés darf in Sachsen nur, wer geimpft oder genesen ist.Bild: dpa / Oliver Berg
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Wo Impfmuffel und Coronaregeln aufeinandertreffen: So beeinflussen die 2G-Regeln Einzelhandel und Gastronomie in Sachsen

13.01.2022, 18:5914.01.2022, 08:35

Die Leipziger Innenstadt ist ungewöhnlich leer. Keine Touristengruppen, die sich die historische Altstadt anschauen oder auf den Spuren von Goethes Faust wandeln. Keine Busse, die Stadttouren anbieten. Sachsen ist seit Mitte November in einem Quasi-Lockdown: Es herrscht ein Beherbergungsverbot. Kultur- und Freizeiteinrichtungen sind geschlossen.

Abgesehen von der Grundversorgung darf nur einkaufen, wer geimpft oder genesen ist. Gleiches gilt für Restaurants und Cafés. Doch das ist nicht die einzige Auflage, die die Gastronomen erfüllen müssen: Sie müssen zusätzlich um 20 Uhr schließen. So will es die Corona-Notfall-Verordnung, die bis zum 14. Januar gilt.

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Oder, wie es die Leipziger Studentin Susan Krüger ausdrückt: "Wir dürfen hier eigentlich nichts, außer shoppen oder am frühen Abend essen gehen – zumindest dann, wenn wir geimpft sind."

Doch auch während der Öffnungszeiten ist es am Montagnachmittag leer im Café "Luise", in der Nähe der Thomaskirche. Nur sechs Tische sind besetzt. Und das, obwohl es Holzstühle und Ledercouches für sehr viel mehr durchgefrorene Hinterteile gäbe. Trotzdem brennt auf jedem der Tische eine Kerze. Eine Einladung für die wenigen, die an den Fenstern vorbeilaufen.

"Ich bräuchte mal bitte den Impfnachweis und ein Ausweisdokument", sagt der Kellner. Beim Eintreten werden die Gäste aufgefordert, sich über die Corona-Warn-App einzuchecken. "Es ist schon deutlich weniger los seit dem Teil-Lockdown", sagt der Kellner. Gerade sei wieder ein kleiner Aufschwung zu spüren, aber vor allem in der Vorweihnachtszeit sei der Einbruch enorm gewesen. Heute allerdings sei weniger los als sonst.

Im Leipziger Café "Luise" gibt es Tee in Kannen.
Im Leipziger Café "Luise" gibt es Tee in Kannen.Bild: watson / Rebecca Sawicki

Die Menschen im "Luise" sitzen mit viel Abstand zueinander. Sie lachen und trinken Wein oder Tee. Unterhalten sich über Dates, Urlaube, Silvester. Ganz normale Gespräche. Die Pandemie, so macht es den Eindruck, bleibt vor der Tür, während drinnen der Achtziger-Jahre-Klassiker "Africa" von der Band "Toto" aus den Lautsprechern erklingt. Zumindest bis um 20 Uhr, denn dann muss das Personal alle Menschen rauskehren.

"Es fällt schwer, die Menschen rauszuwerfen, wenn sie ansonsten auch bis um 22 Uhr sitzengeblieben wären", sagt der Kellner. Stress habe es deswegen aber noch nicht gegeben, auch nicht wegen der Kontrollen. Was aber auffalle: der eingebrochene Umsatz.

Görlitz: die östlichste Stadt Deutschlands

Nicht nur Leipzig, ganz Sachsen ist ein Ausflugs- und Urlaubsland. Auch das 215 Kilometer entfernte Görlitz. Direkt an der Grenze zu Polen erstreckt sich die Stadt mit ihrem historischen Kern, der schon mehrfach Bühne internationaler Filmproduktionen war. "Grand Budapest Hotel", "The Monuments Men" oder "Inglourius Basterds": für mehr als 100 Filme war Görlitz bereits die Kulisse. Die Stadt ist Zielort etlicher Touristen. Die vielen Hotels in der historischen Altstadt bezeugen das. Sie sind alle geschlossen.

Die Straßen in Görlitz sind leer wie eine Filmkulisse. Passanten sind kaum zu sehen, nur vereinzelt laufen Menschen durch die Gegend. Es kämen mehrere Faktoren zusammen, meint die Verkäuferin in einem Weingeschäft: Zum einen sei im Januar generell wenig los. Gleichzeitig seien nun aber auch die Auswirkungen der Pandemie zu spüren. Tagestouristen und Reisegruppen fehlten zum Beispiel.

Die Straßen in der Görlitzer Altstadt sind leer.
Die Straßen in der Görlitzer Altstadt sind leer.Bild: watson / Rebecca Sawicki

Auch, wenn Tagestouristen nicht vom Beherbergungsverbot betroffen sind: Die Kultureinrichtungen, die Görlitz eben auch ausmachen, sind auch geschlossen. Die Altstadt mit den bunten mittelalterlichen Häusern allein, eine der am besten erhaltenen ihrer Art in Mitteleuropa, zieht die Touristen nicht an.

Chemnitz: Die leere Stadt

In Chemnitz ist das Bild ähnlich: Die Innenstadt ist relativ leer. Das muss nicht an der Pandemie liegen, viel los ist dort eigentlich nie. Der Brühl, eine Einkaufs- und Kneipenmeile wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt, ist ausgestorben. Ein paar Kinder spielen vor der Rosa-Luxemburg-Schule, ansonsten: Stille.

Brühl-Boulevard in Chemnitz.
Brühl-Boulevard in Chemnitz.Bild: watson / Rebecca Sawicki

Viele der kleinen, inhabergeführten Geschäfte sind gar nicht geöffnet. Der Outdoorladen "Giron Adventures" schon. Los ist nichts. Im Geschäft: ein dösender Hund, Funktionskleidung und Inhaber Sven Schöppe. "Wir haben im November 2019 unser Geschäft eröffnet, seither kämpfen wir", sagt er. So richtig gut gelaufen sei der Laden aufgrund der Pandemie und des damit einhergehenden leeren Brühl noch nie. Seit aber die 2G-Regeln im vergangenen November verhängt wurden, habe sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr halbiert.

"Ich habe eine Mitarbeiterin, die ist seit Beginn der Pandemie in Kurzarbeit. Anders wäre es für uns nicht möglich", sagt Schöppe. Dass die Kunden ausblieben, liege auch am Standort.

Die Klingel an der Eingangstür läutet, der dösende Hund schreckt auf und bellt einmal. Einer der wenigen Kunden an diesem Tag. Er schaut sich in Ruhe in dem stillen Laden um.

Der Brühl stand lange im Fokus der Chemnitzer Stadtentwicklung. Die Straße und die Häuser wurden restauriert und schön gemacht. Der Boulevard ist breit und autofrei. Eigentlich eine optimale Bummelstraße. "Seit Corona ist der Brühl nicht mehr im Fokus, es fehlen außerdem Cafés und Geschäfte, die Menschen hierherziehen", sagt Schöppe. Auch die Stadt mache es den Einzelhändlern schwer: hohe Mieten, kostenpflichtiger Parkraum. "Na klar fahren die Leute dann lieber ins Chemnitz-Center oder in die Sachsen-Allee", sagt Schöppe.

Der Erzgebirgskreis: die niedrigste Impfquote im Freistaat

Voller sieht es auf den Bürgersteigen im Erzgebirge aus, genauer gesagt: in Zwönitz. Die Region im Süden des Freistaats Sachsen lebt vom Tourismus. Trotzdem ist in dem verschneiten Höhendorf reger Verkehr. Vor allem ältere Damen mit Rollatoren sind unterwegs und kaufen ein. Beim Fleischer, beim Bäcker. Zwönitz ist eine Stadt, die unfreiwillig berühmt wurde: durch ausufernde Montagsproteste gegen die Coronamaßnahmen.

Der Erzgebirgskreis im Süden von Chemnitz ist der einwohnerstärkste Landkreis in Ostdeutschland. Und laut "MDR" der Kreis in Sachsen mit der geringsten Impfquote.

Von Coronaprotesten und radikalisierten Pandemieleugnern ist an diesem sonnigen Vormittag nichts zu merken. Die Menschen lächeln einander an, grüßen sich. Bleiben am Straßenrand stehen für ein kurzes Gespräch. Das einzig geöffnete Café: Die Bäckereikette "Annaberger Backwaren". "Bei uns ist sehr viel weniger los als vor den Regelungen", sagt die Bäckereiverkäuferin. Ihre Kollegin fügt an, dass das gar nicht so schlimm sei, schließlich seien sie nicht so viele Beschäftigte.

Zwönitz im Erzgebirge.
Zwönitz im Erzgebirge.Bild: watson / Rebecca Sawicki

Die meisten würden ihre Brötchen und den Kaffee mitnehmen, vor allem die jungen Leute. Hinten in den 2G-Bereich mit den gemütlichen Stühlen und der Kinderspielecke verirren sich seither, wenn überhaupt, ältere Menschen. Wie im Café "Luise" in Leipzig wird auch hier im viel kleineren Zwönitz gewissenhaft kontrolliert: sowohl der Impfnachweis als auch der Ausweis.

Die meisten der Kunden bestellen ihre Backwaren und verabschieden sich wieder. Ein Mann allerdings betritt den Gastraum. Er ist älter, so wie es die Verkäuferin angekündigt hat. Sie bringt Kaffee und Kuchen und er macht es sich gemütlich, blickt auf den verschneiten Marktplatz und das geschlossene Hotel, das gegenüber des Cafés ist.

Die Verkäuferin kommt mit zwei Zetteln angelaufen. "Das vergesse ich gerne mal", sagt sie und lächelt, als sie dem Mann einen Stift und einen der Zettel reicht. Anders als in Leipzig hat die Bäckerei nämlich keinen QR-Code, über den sich die Gäste einchecken können. Das machen sie hier im Erzgebirge noch händisch, mit Zettel und Stift.

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