Russian President Vladimir Putin attaches a protective glasses as he visits a military training centre of the Western Military District for mobilised reservists in Ryazan Region, Russia, Thursday, Oct ...
Wladimir Putin erlangte erst 1999 große Popularität, als der zweite Tschetschenienkrieg startete.Bild: Pool Sputnik Kremlin / Mikhail Klimentyev
Analyse

Putins Warnung vor der "schmutzigen Bombe" – was ist wirklich dran?

24.10.2022, 19:2224.10.2022, 20:36

Seit Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine droht Russland mit Nuklearwaffen. Doch der Kreml will den Wind drehen. Sich als potenzielles Opfer darstellen.

Am Sonntag rief Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu Staats- und Regierungschefs verschiedener Länder an und warnte diese, die Ukraine plane den Einsatz sogenannter "schmutziger Bomben".

Gemeint ist ein konventionelles Geschoss, das mit radioaktiven Stoffen befüllt ist. Es gibt keine exorbitant zerstörerische Explosion, doch das betroffene Gebiet wird radioaktiv verseucht.

Erinnerung an Tschetschenienkrieg 1999

Ist etwas dran an diesem Vorwurf? Die ukrainische Polit-Prominenz, etwa Präsident Wolodymyr Selenskyj oder auch Außenminister Dmytro Kuleba, vermutet einen anderen Hintergrund, als den Selbstschutz Russlands. "Die Russen beschuldigen andere oft dessen, was sie selbst planen", schrieb Kuleba auf Twitter.

Expert:innen gehen von Ähnlichem aus. Der Analyst des Stockholm Centre for Eastern European Studies, Andreas Umland, warnt davor, dass Russland ein Narrativ schaffen und damit einen weiteren Angriff legitimieren könnte. Im Gespräch mit watson erinnert er an einen ähnlichen Fall.

Im September 1999 hatten Bombenanschläge in Moskau, Wolgodonsk und Buinaksk die russische Bevölkerung erschüttert. 367 Menschen starben, mehr als 1000 wurden verletzt. Russland schrieb diese Angriffe den Tschetschenen zu, heute gibt es jedoch etliche Hinweise darauf, dass der russische Geheimdienst FSB dahintersteckte.

Umland befürchtet, man könnte versuchen, diese Operation in großem Maßstab zu wiederholen. "Es hatte damals diese Bombenanschläge gegeben, als Putin noch unbekannt war und gerade durch Jelzin zum Premierminister ernannt wurde." Nach den Anschlägen 1999 begann der zweite tschetschenische Krieg – Putins Popularität stieg drastisch.

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Grozny, Russland, 2006: Auch in Russland selbst waren die Tschetschien-Kiege präsent.Bild: IMAGO / ITAR-TASS

"Man geht davon aus, dass das damals eine Operation im Stile des Geheimdienstes KGB war, um Putin eine Steilvorlage für die Präsidentschaftswahlen zu geben", erklärt Umland weiter. Und:

"Putin wurde bereits von dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin zum Nachfolger ernannt, war allerdings noch unpopulär und unbekannt. Durch seine Antwort auf den angeblichen Angriff, durch so eine rabiate Linie gegen die Tschetschenen hat er plötzlich diese Popularität erlangt."

Die Sorge jetzt: Eine ähnliche Aktion könnte auch bald folgen – gegen das russische Volk oder die ukrainischen Bürger:innen in den völkerrechtswidrig annektierten Gebieten. Und, dass ein solcher Angriff dann eben der Ukraine zugeschrieben wird, "um den Vorwand zu haben, selbst Massenvernichtungswaffen, Chemiewaffen oder Ähnliches einzusetzen".

Laut Umland heißt das nicht sofort, dass Russland wirklich den Einsatz von Atomwaffen erwägt. "Ich will es nicht ausschließen, aber davor werden viele auch in Moskau zurückschrecken, weil sie die westliche Antwort befürchten." Auch Russland habe kein Interesse, einen Dritten Weltkrieg zu beginnen, erklärt der Osteuropa-Experte.

Europäische Union wird deutlicher als die USA

Die westliche Diplomatie macht daraus auch mittlerweile keinen Hehl mehr: Würde Putin eine Atombombe zünden, käme die Antwort prompt. Und heftig.

Der Chefdiplomat der Europäischen Union, Josep Borell, fand Mitte Oktober bereits eindeutige Worte:

"Jeder nukleare Angriff auf die Ukraine wird eine Antwort hervorrufen. Zwar keine nukleare Antwort, aber eine so starke militärische Antwort, dass die russische Armee vernichtet wird."
European Union foreign policy chief Josep Borrell speaks with the media as he arrives for an EU summit in Brussels, Thursday, Oct. 20, 2022. European Union leaders were heading into a two-day summit T ...
EU-Chefdiplomat Josep Borrell drohte mit der Vernichtung der russischen Armee.Bild: AP / Geert Vanden Wijngaert

Ein überraschendes Statement findet Umland – vor allem für einen EU-Außenpolitiker. "Das ist überhaupt nicht die Sprache der EU. Wenn überhaupt, dann kommt sowas von der Nato oder den Amerikanern." Doch selbst die haben sich nicht in einer solchen Härte geäußert.

Dass das Narrativ geschaffen wird, der eigentliche Aggressor müsse sich verteidigen, erinnert stark an einen bekannten Satz, mit dem Adolf Hitler im Jahr 1939 den Krieg erklärte: "Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen". Tatsächlich war aber Deutschland der Aggressor. Hitlers Aussage, man schieße zurück, zielte darauf ab, dass sich Deutschland als Opfer sah – so hatte der Diktator den Rückhalt der Bevölkerung.

Doch Umland sagt, die Taktik Russlands sei noch perfider.

"Hitlers Ansage war eine False Flag. Das passendere Szenario ist der Beginn des finnischen Winterkriegs." 1939 hatte die Rote Armee sowjetische Dörfer innerhalb Finnlands beschossen und das zum Anlass genommen, in Finnland einzumarschieren. Die mögliche Taktik könnte also sein: Eigene Landsleute töten, die Schuld dem Gegner geben und so den Rückhalt der Bevölkerung bekommen.

"Russland weiß, dass es sich mit einem Einsatz einer 'schmutzigen Bombe' weiter ins Abseits bewegen dürfte."
Militärpsychologe Hubert Annen

Der Psychologe Hubert Annen von der Militärakademie der ETH Zürich sagt, ein solches Handeln könnte Teil der russischen psychologischen Kriegsführung sein. "Russland weiß, dass es sich mit einem Einsatz einer 'schmutzigen Bombe' in der Weltöffentlichkeit weiter ins Abseits bewegen dürfte", erklärt der Leiter des Studiengangs Militärpsychologie und Militärpädagogik auf watson-Anfrage.

Und er sagt:

"Entsprechend werden Vorbereitungen dafür getroffen, jemand anderem die Schuld in die Schuhe zu schieben. Das ist eine Form der Propaganda beziehungsweise der psychologischen Kriegführung, die man immer wieder hat beobachten können."

Doch ist es so unwahrscheinlich, dass Kiew an einer "schmutzigen Bombe" arbeitet? Analyst Umland sieht keinen Grund, warum die Ukraine einen derartigen Angriff planen sollte. Zwischen 2010 und 2014 verhandelte man noch unter Präsident Wiktor Janukowytsch gemeinsam mit den USA über die Abgabe der letzten verbliebenen Atomwaffen.

Umland erklärt:

"Theoretisch hätte die Ukraine natürlich die Materialien – allein durch die noch vorhandenen Atomkraftwerke – aber die Frage ist doch: Was wäre der Nutzen von dem Ganzen?"
MOSCOW, RUSSIA FEBRUARY 6, 2019: Ukraine s former president Viktor Yanukovych gives a news conference. Vladimir Gerdo/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY TS0A0333
Der Ex-Präsident der Ukraine, Wiktor Janukowitsch, floh nach den Ausschreitungen auf dem Maidan nach Russland.Bild: Vladimir Gerdo/TASS PUBLICATION / imago images

Mit dem Einsatz einer "schmutzigen Bombe" würde Kiew jegliche Chance, in die EU oder auch die Nato aufgenommen zu werden, zunichtemachen. Die Ukraine würde sich damit auch die Unterstützung des Westens verspielen – und womöglich so an der Front immer weitere Niederlagen einstecken. "Das kann nicht das Ziel Kiews sein", sagt der Experte.

"Gegenüber einer solchen Atommacht zu eskalieren – das wäre Selbstmord."
Osteuropa-Experte Andreas Umland

Umland erinnert daran, dass Russland die größte Atommacht der Welt ist. "Das vergessen viele immer wieder: Russland besitzt mehr Atomsprengkörper als die USA, Frankreich und Großbritannien zusammen", sagt Umland. Und: "Gegenüber einer solchen Atommacht zu eskalieren – das wäre Selbstmord". Dass man sich gleichzeitig von den westlichen Partnern entfernen würde, ergebe keinen Sinn.

Es brächte der Ukraine nichts, Gebiete auf eigenem Boden zu verseuchen. Aber was hätte Russland davon?

"Eine solche Propaganda ist auch immer nach innen gerichtet", sagt Umland. Das eigene Volk muss besänftigt werden. Aber trotzdem: Am Ende wäre Gebiet verseucht, das der Kreml für sich beanspruchen möchte. Unbewohnbares Gelände.

"Russlands Politik und Kriegsführung ist manchmal geradezu infantil", sagt Umland dazu. Eine kindische Trotzreaktion. Wenn ich etwas nicht haben kann, darf es niemand haben. Umland meint:

"Es ging bei dieser von Russland so bezeichneten Spezialoperation darum, zu demilitarisieren, die Menschen zu befreien und die Russen zu beschützen. Das war immer die Rhetorik. Wenn das jetzt nicht klappt, kommt die Trotzreaktion: 'Wir können euch nicht besiegen, aber wir können verbrannte Erde hinterlassen. Ihr hattet eure Chance, mit uns zu verhandeln. Wenn ihr das nicht wollt, werdet ihr sehen, was ihr davon habt."

Ein solches Handeln ergibt für Russland keinen Sinn und ist politisch kostspielig. Aber: "Imperialismus hat immer etwas Infantiles an sich."

Flucht aus dem Donbass: Die vermutlich erste Erinnerung
Unsere Autorin hat eine junge Mutter auf ihrem Weg aus dem Donbass heraus begleitet. Einmal am Tag fährt ein Zug die Menschen aus der Ostukraine in den Westen. In der Stille trauern die Geflüchteten ihrem Leben nach.

Als das Auto in den Innenhof einbiegt, stehen Julia und Maria schon vor ihrer Haustür. Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt sechs Grad Celsius an. Dick eingepackt und nur mit einem einzigen Koffer in der Hand wartet die Mutter mit ihrem Kleinkind darauf, aus der Ostukraine zu fliehen.

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