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Der militärische Rückzug der Russen aus der ukrainischen Stadt Cherson und naheliegenden Gebieten sorgt für Skepsis und reichlich Gerüchte. Ist der Abzug etwa Teil eines Friedensplans? Bild: IMAGO / ITAR-TASS / Dmitry Rogulin
International

Falle oder Friedensverhandlungen? Das steckt hinter dem Abzug aus Cherson

11.11.2022, 18:3111.11.2022, 18:33

Der Abzug der russischen Armee aus Cherson sorgt für Freude – aber auch für Skepsis seitens der Ukrainer. Doch vor allem wirft der Rückzug viele Fragen auf und lässt die Gerüchteküche kräftig brodeln.

Warum würden die Russen den Ukrainern die strategisch wichtige Stadt Cherson überlassen – widerstandslos? Die einen reden von einer Falle, andere von möglichen Friedensverhandlungen.

RUSSIA, VOLGOGRAD REGION - NOVEMBER 10, 2022: A mobilised serviceman is seen during a training at a training ground of Russia s Southern Military District. Servicemen practice operating military hardw ...
Der kampflose Rückzug der russischen Armee aus Cherson löst Skepsis und Gerüchte aus. Bild: IMAGO/ITAR-TASS / Dmitry Rogulin

Was an diesen Gerüchten dran ist und wie es weitergeht, erklärt der Politikwissenschaftler Nikita Gerasimov von der Freien Universität Berlin.

"Eigentlich ein politisches No-Go in Moskau."

"Trotz der wochenlangen Spekulationen über einen möglichen Abzug, kam er in dieser Form überraschend", sagt Gerasimov im Gespräch mit watson. Es sei für ihn schwer vorstellbar, dass der russische Generalstab die großen Gebiete über Nacht einfach fallenlässt und abzieht.

Ukraine misstraut dem kampflosen Abzug der Russen aus Cherson

Auch der Leiter des ukrainischen Präsidialamts Andrij Ermak teilte sein Misstrauen auf Twitter mit. "Da glaubt jemand besonders schlau zu sein. Aber wir sind einen Schritt voraus." Laut Gerasimov wittern die Ukrainer hinter dem russischen Rückzug eine Falle. So hatten die Russen erst vor Kurzem ein sogenanntes "Beitrittsreferendum" in Cherson ausführen lassen und das Gebiet feierlich als "neues russisches Territorium" eingegliedert. Zudem schade der kampflose Rückzug dem Image der russischen Armee. "Eigentlich ein politisches No-Go in Moskau", sagt Gerasimov.

Und doch überlässt der Kreml Cherson kampflos dem Gegner.

Russland spricht von Versorgungsproblemen in Cherson

Gerasimov zufolge haben russische Kriegsreporter:innen und Militärbeobachter:innen schon seit etwa einem Monat über den Abzug spekuliert. Er sagt dazu:

"Zu offensichtlich waren die logistischen Probleme bei der Versorgung der Armee auf dem Westufer des Dnjepr. Zu verwundbar waren die Versorgungswege."

Der russische "Befehlshaber der Sondermilitäroperation" Sergei Wladimirowitsch Surowikin sagt, dass die Entscheidung über den Abzug "schmerzhaft", aber notwendig sei. Ihm zufolge könne Cherson nicht versorgt werden und damit "die Kampffähigkeit der Armeegruppierung aufrechterhalten werden". Am Mittwochabend verkündete der russische Generalstab den Komplettabzug vom Westufer des Dnjepr inklusive der Provinzhauptstadt Cherson.

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Der russische "Befehlshaber der Sondermilitäroperation" Sergei Wladimirowitsch Surowikin.Bild: AP / Pavel Golovkin

Nach dem Scheitern des Vormarschs auf Kiew und dem Rückzug bei Charkiw gilt dies als weitere Niederlage Russlands.

Russisches Volk reagiert gespalten auf Rückzug

Laut Gerasimov brechen in Russland heftige Debatten über den Sinn und Unsinn des Rückzugs aus. "Die einen reden von einer desaströsen Niederlage, manche von 'Verrat' und 'Schande'", sagt der Konfliktbeobachter.

Andere wiederum sehen den Rückzug als einzig richtigen Schritt an. Die Versorgungslinien auf dem Westufer seien zu überdehnt und äußerst verwundbar. Der Experte erklärt:

"Die ukrainische Armee bombardierte nahezu wöchentlich die wenigen Brücken über den Dnjepr-Fluss. Im schlimmsten Fall hätte eine Einkesselung der russischen Truppen gedroht."
23.10.2022, Ukraine, Donezk: Ukrainische Soldaten feuern aus einer von den USA gelieferten Haubitze M777. Foto: Libkos/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ukrainische Soldaten feuern aus einer von den USA gelieferten Haubitze M777.Bild: AP / Libkos

Besonders oft wurde dabei auf ein Szenario hingewiesen, dass eine gezielte Zerstörung des Staudammes bei Novo Kachovka russische Truppen komplett von der Versorgung abschneiden könnte. Kiew dementierte das vehement.

Wie ein Staudamm zu einer potenziellen Waffe wird

Allerdings hieß es von russischer Seite, dass der Kachowka-Staudamm in Cherson durch einen ukrainischen Angriff beschädigt sei. Demnach habe eine Rakete eine Schleuse des Damms getroffen. Die Ukraine hingegen beschuldigte Russland, den Staudamm des Wasserkraftwerks zerstören zu wollen. Russische Streitkräfte sollen den Staudamm vermint haben, um mit einer Flutwelle eine ukrainische Gegenoffensive in Cherson zu stoppen.

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Russische Soldaten auf dem Damm des Nord-Krim-Kanals in der Region Cherson. Er beginnt am Stausee des Wasserkraftwerks Kachowka.Bild: IMAGO/SNA / RIA Novosti

Laut Gerasimov werde im Netz, auch auf ukrainischen Portalen, heiß diskutiert, ob die Russen versuchen, die ukrainische Armee nach Cherson zu locken, um dann den Kachowka-Staudamm zu sprengen und die Feinde "absaufen" zu lassen. Konkrete Anzeichen dafür gibt es laut des Experten aber nicht.

Dafür stehe eine weitere mögliche Begründung für den Abzug im Raum.

Gerüchte um Verhandlungen kommen in Fahrt

Viel wahrscheinlicher erscheint Gerasimov die pragmatische Variante: Es ist ein "echter" Rückzug aufgrund "echter" Versorgungsprobleme und kein "genialer" militär-taktischer Schachzug, wie mancherorts vermutet. "Zugleich gewinnen Gerüchte an Fahrt, dass hinter dem Abzug auch informelle russisch-amerikanisch-ukrainische Verhandlungen über einen Waffenstillstand stecken könnten", sagt der Experte.

Ihm zufolge soll der Abzug in Verbindung mit einem gewissen Plan für einen Waffenstillstand stehen, der den Dnjepr-Fluss als eine natürliche permanente Trennlinie vorsehen würde. Gerasimov sagt dazu:

"Die Gerüchte über Verhandlungen hinter den Kulissen hatten ursprünglich mit der Meldung vom US-Sicherheitsberater Jake Sullivan angefangen. Man führe vertrauliche Gespräche mit den Russen, um eine unkontrollierte Eskalation im Krieg zu vermeiden."

Mit dem überraschenden und anfangs so ungestörten russischen Rückzug aus Cherson gewannen diese Gerüchte an Fahrt. Zusätzlich soll die USA laut Gerasimov die ukrainische Regierung dazu gedrängt haben, zumindest eine Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren. Auf russischer Seite erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Wladimirowna Sacharowa, am Tag der Bekanntgabe des Abzugs: "Russland ist weiterhin für Verhandlungen mit der Ukraine bereit – natürlich unter Einbezug der Gegebenheiten, die sich derzeit abzeichnen."

Russland, Maria Sacharowa Pressekonferenz in Moskau MOSCOW, RUSSIA JUNE 22, 2022: The Spokeswoman of Russia s Ministry of Foreign Affairs, Maria Zakharova, gives a press briefing on foreign policy iss ...
Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Wladimirowna Sacharowa.Bild: imago images / imago images

In anderen Worten: verschiedene Seiten signalisierten zuletzt, dass Verhandlungen im Raum stehen.

Gerasimov beobachtet dazu die Aussagen verschiedener russischer Kriegsreporter, wie etwa Wladlen Tatarsky. Auch studiert er russische sowie ukrainische Militärkanäle auf dem Messenger-Dienst Telegram. "Dort äußerte man recht einheitlich den Verdacht, dass die Verhandlungen hinter den Kulissen sogar bereits laufen", sagt Gerasimov.

Der russische Abzug sehe demnach wie Teil eines inoffiziellen "Deals" aus. Doch was würde dieser sogenannte Plan konkret beinhalten? Der Konfliktbeobachter erklärt:

"Der entsprechende Plan für einen Waffenstillstand würde vorsehen, dass die Russen das Westufer räumen, sodass der Dnjepr-Fluss zu einer natürlichen, permanenten Trennlinie wird. Die Stadt Cherson wird zu einer Grenzstadt. Im Donbass würde die Trennlinie auf der aktuellen Kontaktlinie eingefroren werden."
Ukraine-Konflikt, von Artillerie beschädigte Brücke in Cherson KHERSON, UKRAINE JULY 20, 2022: A view of Antonovsky road bridge across the Dnieper River, damaged by Ukrainian missiles on July 19 and 2 ...
Ein Blick über den Dnjepr-Fluss, der zu einer natürlichen, permanenten Trennlinie werden könnte. Bild: IMAGO/ITAR-TASS

Inwieweit dieses Szenario realistisch sei, lasse sich derzeit schwer beurteilen. "Ausgeschlossen ist das sicherlich nicht", meint Gerasimov. Rein praktisch betrachtet sei solch eine Waffenstillstandslinie entlang des Dnjepr-Flusses die naheliegendste Option. Politisch gesehen haben sich allerdings beide Seiten dafür eigentlich den Weg verbaut, sagt Gerasimov.

  • Kiew, indem die Regierung immer wieder betont hat, dass "kein Zentimeter ukrainischer Erde" an die Russen abgegeben werde.
  • Moskau, indem die Gebiete formell eingegliedert wurden und nun per russischer Verfassung zu keinerlei Disposition stehen dürfen. Denn ein "Abtritt russischer Territorien" ist in Russland per Grundgesetz verboten.

Ukrainer kämpfen um jeden Zentimeter ukrainischer Erde

"Nun hat die ukrainische Armee auch begonnen, die abziehenden russischen Verbände zu bombardieren", sagt Gerasimov. Ukrainische Truppen rücken bislang extrem vorsichtig vor und haben eine Reihe von Ortschaften übernommen, die sich nah an der ehemaligen Kontaktlinie befinden.

November 9, 2022, Mykolaiv, Ukraine: A Ukrainian soldier from the 63 brigade seen having military training simulating an attack in the trenches for the counteroffensive to recapture Kherson. The train ...
Die Ukrainer gehen weiter auf Angriff und rücken langsam und sicher nach Cherson vor. Bild: IMAGO/ZUMA Wire / Ashley Chan

"Kiew will keine Gespräche, also geht die militärische Spezialoperation weiter", sagt Kremlsprecher Dmitri Peskow nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen. "Der Feind macht uns keine Geschenke, macht keine Gesten des guten Willens", sagt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache.

Die Ukraine werde weiter kämpfen.

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