Vor dem Parlamentsgebäude in der transitischen "Hauptstadt" Tiraspol steht eine Statue von Lenin.
Vor dem Parlamentsgebäude in der transitischen "Hauptstadt" Tiraspol steht eine Statue von Lenin.Bild: dpa / Hannah Wagner
Analyse

Transnistrien – Männer im wehrfähigen Alter dürfen nicht ausreisen: Was bedeutet das für den Krieg?

05.05.2022, 10:50

Die Sorge ist groß: Im prorussischen Separatistengebiet Transnistrien, das zur Republik Moldau gehört, herrscht nach mehreren Explosionen Unruhe. Der Krieg könnte näher kommen. Die Moldauer haben Angst.

Transnistrien selbst sieht sich als unabhängigen Staat an, nach Moldau gibt es eine Grenze. Bisher hat kein UN-Mitgliedsstaat die abtrünnige Separatistenregion anerkannt. Der Konflikt besteht seit 1990 – seit dem Fall der Sowjetunion. 1992 kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Moldau und Transnistrien.

Transnistrien liegt im Osten der Republik Moldau. Die "Hauptstadt" ist Tiraspol.

Seit den 90er-Jahren gilt der Konflikt als eingefroren. Möglicherweise bis jetzt.

Denn neben der Explosionen, die die selbsternannte Regierung Transnistriens als ukrainische Angriffe deklariert, versetzt die Moldauer vor allem eine Verordnung in Panik: Männer im wehrfähigen Alter sollen die Region nicht verlassen dürfen. Das geht aus einer Meldung hervor, die die "Süddeutsche Zeitung" zitiert. Weiter habe der selbsternannte Außenminister Witalij Ignatjew der abtrünnigen Region erklärt, dass es sich um eine "Defensivarmee" handele, die ausschließlich zum Schutz der Transnistrier da sei. Angriffspläne gebe es keine.

Nicht nur die Moldauer haben Angst vor einer Ausweitung des russischen Angriffskriegs. Auch die Transnistrier sind besorgt. Unbestätigten Berichten aus Tiraspol zufolge sollen sich Autoschlangen an den Übergängen nach Moldau stauen. Die Menschen machen den Anschein, als versuchten sie, sich in Sicherheit zu bringen. Wie die "Welt" berichtet, war es auch jungen Männern möglich, die Grenze zu überqueren.

Aus Sicht von Stefan Troebst, dem stellvertretenden Direktor des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, dürfte Moldau ohnehin nicht das vorrangige Ziel des transnistrisch-russischen Militärs sein.

Teile der Eisenbahnverbindung zwischen der Ukraine und Transnistrien sind zerstört worden.
Teile der Eisenbahnverbindung zwischen der Ukraine und Transnistrien sind zerstört worden.Bild: NurPhoto / Andrea Mancini

Gegenüber watson führt er aus:

"In Transnistrien dürften etwa 2000 russische und 5000 bis 8000 transnistrische Soldaten unter russischem Oberkommando stehen. Das strategische Ziel könnte sein, eine Landverbindung zu Odessa herzustellen – für den Fall, dass russische Truppen diese ukrainische Hafenstadt einnehmen."

Denkbar sei auch, dass Russland über Transnistrien westukrainische Gebiete angreifen könnte: Die Nordspitze der Separatistenregion liegt sehr nah an der Westukraine. "Das hat natürlich ein Drohpotenzial", sagt Troebst.

Der Wissenschaftler könne nachvollziehen, dass sich Moldau nun massiv bedroht fühle. Gerade auch, weil die Armee in Moldau extrem schwach ist, das Land aber gleichzeitig extrem viele ukrainische Geflüchtete im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung aufgenommen habe. "Moldau könnte ein leichtes Ziel sein und Russland wäre dann direkt an der Nato- und EU-Außengrenze Rumänien", sagt Troebst. Der Ukraine-Krieg binde aktuell zu viele militärische Kapazitäten Russlands.

Explosive Altlasten aus Sowjet-Zeiten

In Transnistrien sind nicht nur 2000 russische Soldaten stationiert, auch ein gigantisches Munitionsdepot befindet sich dort noch immer. Ein Überbleibsel der 14. Gardearmee, die die Sowjetunion in dem Gebiet stationiert hatte, um im Ernstfall eines heißen Kalten Krieges Griechenland und die Türkei anzugreifen. Die 14. Gardearmee wurde nach dem Transnistrienkonflikt (1992) in großen Teilen abgezogen, ein kleiner Teil blieb als "Friedenstruppe" vor Ort, um gemeinsam mit dem Moldauer Militär die Stabilität in der Region zu sichern.

Die Ministerpräsidentin von Moldau, Natalia Gavrilița.
Die Ministerpräsidentin von Moldau, Natalia Gavrilița. Bild: PHOTOTHEK / Florian Gaertner

In einem "Spiegel"-Interview von 1994 hatte der damalige Truppenführer Alexander Lebed erklärt, seine Armee schütze den Frieden. Und sie biete den Russen, die überall in der ehemaligen Sowjetunion verteilt lebten, Sicherheit. Beispielsweise jenen in Transnistrien. Gänzlich abgezogen wurde das Regiment bis heute nicht. Auch wegen des Waffenarsenals, das möglicherweise das größte Munitionsdepot in Osteuropa ist.

Bereits 2018 hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution verabschiedet, die Russland verpflichtete, ihre Truppen und Waffen unverzüglich aus Moldau abzuziehen.

Als 2014 die Krim völkerrechtswidrig annektiert wurde, hatte der ehemalige moldauische Verteidigungsminister Vitalie Marinuta seine Befürchtung geäußert, dass das Munitionslager in Cobasna (200 Kilometer von der Grenze zu Moldau entfernt) Ziel eines Angriffs werden könnte. Er sagte damals gegenüber der Deutschen Welle: "Laut einer Studie der moldauischen Akademie der Wissenschaften käme die Wirkung bei einer Explosion des Depots jener der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki gleich."

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Natalia Gavrilita, Ministerpräsidentin von Moldau, Anfang April.
Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Natalia Gavrilita, Ministerpräsidentin von Moldau, Anfang April.Bild: PHOTOTHEK / Florian Gaertner

Europäische Solidarität mit Moldau

Erste Staaten haben ihren Bürgern mittlerweile geraten, Moldau zu verlassen – darunter Israel. Die Regierung Moldaus hat sich besorgt gezeigt, weil das Militär des Nicht-Nato-Staates gerade einmal aus 6000 Soldaten bestehe. Moldau hat wie die Ukraine im März die EU-Mitgliedschaft beantragt.

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hatte nach einem Gespräch mit ihrem französischen Amtskollegen Jean-Yves Le Drian erklärt, man sei entschlossen, das Land "angesichts der Gefahren seiner Destabilisierung zu unterstützen". Der Vize-EU-Kommissionspräsident Joseph Borrell erklärte, dass sich auch die EU solidarisch zeige mit Moldau.

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Tag für Tag brechen Menschen von Libyen aus auf Richtung Europa – in der Hoffnung auf ein neues Leben fernab des Bürgerkrieges und dem Leid in ihrem Heimatland. Rund 100.000 entscheiden sich jährlich für den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Für viele endet dieser Weg tödlich. Seit dem Jahr 2014 sollen rund 21.800 Menschen während ihrer Flucht über das Mittelmeer gestorben oder verschollen sein. Die Zahlen sind das Ergebnis einer Erhebung des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR).

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