Protesters step over pictures of Chinese President Xi Jinping during a protest against China's brutal crackdown on ethnic group Uyghurs, in front of the Chinese consulate in Istanbul, Turkey, Wednesda ...
Die Proteste in China werden zunehmend unterdrückt.Bild: AP / Khalil Hamra
Politik

Apple schränkt wichtige iPhone-Funktion für Demonstrierende in China ein

Ausgerechnet als in China die Proteste gegen das Regime zunehmen, schränkt der US-Techkonzern die AirDrop-Funktion ein. Das steckt dahinter.
01.12.2022, 10:30
Daniel Schurter / watson.ch

Wer sich in China negativ über den Despoten Xi Jinping und die Kommunistische Partei äußert, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Das gilt auch während der neu entflammten Anti-Lockdown- und Corona-Maßnahmen-Proteste.

Doch ausgerechnet in dieser angespannten Situation steht regierungskritischen Bürgerinnen und Bürgern ein wichtiges Hilfsmittel nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung. Apple hat die abhörsichere Datenübertragungsfunktion AirDrop, die unter anderem für das schnelle Verteilen von digitalen Flugblättern eingesetzt wurde, massiv eingeschränkt.

Dieser Beitrag geht den wichtigsten Fragen nach und erklärt, welch fragwürdige Rolle Elon Musk und Twitter spielen.

Wofür wird Apple kritisiert?

Während das chinesische Regime unter Xi Jinping mit aller Härte gegen die größten Proteste seit der Demokratiebewegung von 1989 ("Tian’anmen-Massaker") vorgeht, sieht sich Apple mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Das US-Unternehmen helfe beim Eindämmen der Proteste.

Am 9. November hat Apple ein Software-Update veröffentlicht, das in China die AirDrop-Funktion zeitlich einschränkt und damit den Demonstrierenden die schnelle und sichere Informationsverbreitung vor Ort erschwert.

FILE PHOTO: Apple CEO Tim Cook attends an Apple store in Shanghai, China October 9, 2018. REUTERS/Aly Song/File Photo
Oktober 2018: Hier besuchte Apple-Chef Tim Cook einen Apple-Store in Shanghai.Bild: X01793 / Aly Song

Dazu muss man wissen, dass das iPhone in China sehr beliebt ist und Demonstrierende die in die Apple-Software integrierte Datenübertragungsfunktion nutzten, um die staatliche Überwachung und Online-Zensur auszutricksen.

Wie funktioniert "AirDrop" und was ändert sich?

Die in die Apple-Betriebssysteme integrierte Funktion ermöglicht es den Nutzerinnen und Nutzern, mit ihren Geräten Daten auf relativ kurze Distanz kabellos zu übertragen.

Wichtig zu wissen: AirDrop kommt ohne WLAN-Router oder Internetverbindung aus. Die iPhones (oder iPads, MacBooks etc.) sollten relativ nah beieinander sein (< 10 Meter), zudem muss Bluetooth und/oder WLAN eingeschaltet sein.

AirDrop ist insbesondere für den unkomplizierten, schnellen Austausch von Dateien wie Bildern, Dokumenten und Videos gedacht. Und dies angeblich abhörsicher verschlüsselt.

Zur Kommunikation zwischen den Geräten setzt Apple ein eigenes Peer-to-Peer-Protokoll namens "Apple Wireless Direct Link" (AWDL) ein. Es handelt sich um eine proprietäre Technik, deren Code nicht als Open-Source einsehbar ist.

AirDrop ist für Apple-User nicht nur praktisch im Alltag, sondern auch ein taugliches Mittel, um sich ohne Überwachung mit Dritten auszutauschen.

Nach dem Teilen per AirDrop sind auf dem Ziel- und Ausgangsgerät keine "verräterischen" Kontaktdaten zu finden.

In China lässt Apple den Datenaustausch zwischen Fremden nur noch während maximal zehn Minuten zu. Danach muss die entsprechende Option erneut aktiviert werden.

Das Unternehmen bestätigt Medienberichte, wonach die AirDrop-Einschränkung 2023 weltweit eingeführt werden soll. Zur Begründung heißt es, man wolle dadurch unerwünschtes Filesharing (wie etwa "Dick Pics") abschwächen.

Bloomberg-Journalist Mark Gurman schreibt:

"Die AirDrop-Funktion ist seit ihrem iPhone-Debüt mit iOS 7 im Jahr 2013 umstritten, da sie auch in Umgebungen außerhalb Chinas 'unangemessen' verwendet wurde. Im letzten Jahr gab es mehrere Berichte über verspätete oder annullierte Flüge, weil Flugzeugpassagiere falsche Terrordrohungen oder pornografische Bilder an andere Personen an Bord geschickt hatten."
quelle: bloomberg.com

Was bislang passiert ist (Timeline)

  • Im Oktober: Die von Foxconn betriebene größte iPhone-Fabrik Chinas in Zhengzhou wird von der Regierung wegen steigender Covid-Fälle gesperrt. Dies veranlasst viele chinesische Gastarbeiter, vom abgeschirmten Firmengelände zu fliehen und auf eigene Faust nach Hause zurückzukehren. Das Unternehmen rekrutierte daraufhin neue Mitarbeiter mit dem Versprechen großzügiger Prämien.
  • 9. November: Apple veröffentlicht iOS 16.1.1. Das Update soll Fehler beheben und Sicherheitslücken schließen.
  • 10. November: Bloomberg macht publik, dass mit der Software-Aktualisierung auch eine Einschränkung von Apples AirDrop-Funktion in China erfolgt. Die Funktion war zuvor von Demonstrierenden (mit Apple-Geräten) genutzt worden, um regierungskritische "Flugblätter" zu verteilen.
  • 22. November: In der iPhone-Fabrik in Zhengzhou kommt es bei Arbeiterprotesten zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und Übergriffen durch Sicherheitspersonal.
  • 26./27. November: Über das Wochenende gehen in Peking und anderen chinesischen Großstädten Hunderte auf die Straße, um gegen Xi Jinping und die alles kontrollierende kommunistische Partei zu protestieren. Auslöser ist ein Wohnungsbrand, bei dem Menschen sterben, weil die Lösch- und Rettungsarbeiten durch die rigiden Anti-Corona-Maßnahmen behindert werden. Bei Twitter versuchen mutmaßlich staatsnahe chinesische Akteure, mit einer Flut von Tweets von den Protesten abzulenken.
  • 28. November: Twitter-Chef Elon Musk lässt öffentlich verlauten, dass Apple seine Werbung bei Twitter weitgehend gestoppt habe. Er mobilisiert seine Anhänger, indem er Apple "Zensur" vorwirft. In der Folge wird erneut auch Kritik an Apples AirDrop-Einschränkung in China laut.

Warum hat Apple die AirDrop-Funktion nur in China eingeschränkt?

Eine offizielle Stellungnahme dazu gibt es nicht.

Der Zeitpunkt der AirDrop-Einschränkung ist schon sehr verdächtig bzw. lässt vermuten, dass sie auf Wunsch respektive Verlangen des Regimes in Peking erfolgt ist.

Das "Handelsblatt" hat mit der deutschen Wirtschaftsethikerin Alicia Hennig gesprochen – und sie spricht von einem großen Abhängigkeitsverhältnis zu China. Während andere US-Techkonzerne auf Distanz zu Peking gegangen seien, habe Apple noch stärker auf die Volksrepublik gesetzt, "sowohl als Produktionsland als auch als Absatzmarkt".

"Wer sich heute auf dem chinesischen Markt tummelt, dem muss klar sein, dass er nach der Pfeife der Partei tanzen muss."
Wirtschaftsethikerin Alicia Hennigquelle: handelsblatt.com

Apple war auch schon in der Vergangenheit dafür kritisiert worden, dass es für chinesische User Änderungen vornahm, um das Regime in Peking zu besänftigen.

  • 2019 wurde festgestellt, dass das Emoji der taiwanesischen Flagge für iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer in Hongkong und Macau verborgen wurde. Bekanntlich will China die Unabhängigkeit Taiwans nicht akzeptieren, sondern droht dem Inselstaat unverhohlen mit der Eroberung.
  • Mindestens seit 2017 ist bekannt, dass Apple einige VPN-Apps aus dem chinesischen App-Store entfernt hat. Solche Apps sind in China beliebt, da sie den Usern helfen, die "Great Firewall" zu umgehen, ein System, das der staatlichen Kontrolle und Zensur des Internets dient.
  • Zudem sind viele von Apples eigenen Diensten in China – dem größten Smartphone-Markt der Welt – nicht zugänglich, darunter Apple TV+, der iTunes Store, kostenpflichtige Podcasts, Apple Books und Apple Arcade. Das chinesische Regime will auch damit verhindern, dass die Bevölkerung an unabhängige Informationen kommt, die der staatlichen Propaganda und deren Lügen zuwiderlaufen.

Bekanntlich lässt Apple in den chinesischen Fabriken von Foxconn und Co. einen großen Teil seiner neuen Hardware zusammenbauen. Um sich aus der Abhängigkeit von China etwas zu lösen, setzt Apple verstärkt auf andere Niedriglohn-Länder, was die Serienfertigung betrifft.

Dass die AirDrop-Funktion in Unrechtsstaaten von protestierenden Bürgerinnen und Bürgern genutzt wird, ist schon länger bekannt. 2019 gab es Berichte aus Hongkong. Dort geht das chinesische Regime unerbittlich gegen Demokratiebefürworter vor und überwacht deren Kommunikation. Darum lassen Aktivistinnen und Aktivisten Touristen aus Festlandchina Pro-Demokratie-Botschaften per AirDrop zukommen.

Schließlich ist auch an die Beziehungen zu erinnern, die Apple unter Tim Cook mit Peking pflegt. Trotz der von der US-Regierung erlassenen Wirtschaftssanktionen gegen chinesische Unternehmen (wie Huawei) kann Apple im Reich der Mitte weiter tätig sein und für seine Hardware-Produktion von einem riesigen Heer von Wanderarbeitern profitieren.

Was hat das mit Twitter und Elon Musk zu tun?

Elon Musk betätigte sich am Montag (28. November) erneut als geistiger Brandstifter, indem er Apple fälschlicherweise vorwarf, gegenüber seinem eigenen Unternehmen Zensur zu betreiben und die Meinungsfreiheit einzuschränken. Konkret geht es um den (seitens Apple nicht bestätigten) Vorwurf, man habe Twitter ohne Angabe von Gründen mit dem Rauswurf aus dem App-Store gedroht.

Zur Erinnerung: Apple ist ein privates Unternehmen, das für seine Plattformen Nutzungsbedingungen definieren und auch durchsetzen darf. Und Twitter wird immer mehr zum bevorzugten Sprachrohr der Extremisten – alles unter dem Deckmäntelchen freier Meinungsäußerung. Hingegen hat Apple unter CEO Tim Cook bekräftigt, entschieden gegen Hass, Gewalt, Belästigung und Rassismus vorzugehen.

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