Aus Straßen wurden in Hongkong Schlachtfelder.
Aus Straßen wurden in Hongkong Schlachtfelder.
Bild: imago images / Marcel Lorenz

Gewalt in Hongkong eskaliert immer weiter

Bei der neuen Welle der Gewalt in Hongkong ist es in der Nacht zu Montag zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Mehrere Menschen wurden festgenommen. Vor der Polytechnischen Universität entfachten Demonstranten einen Brand.
18.11.2019, 08:55

In Hongkong ist die Lage am Montag (Ortszeit) weiter eskaliert: Aktivisten der Demokratiebewegung in Hongkong haben den Eingang der von ihnen besetzten Polytechnischen Universität in Brand gesetzt, um einen Polizeieinsatz zu verhindern.

  • Seit Monaten kommt es zu Protesten Hunderttausender gegen die Regierung der Stadt. Hintergrund ist die Sorge der Demonstranten, dass sich die derzeitige Regierung der Sonderverwaltungszone politisch wieder an China annähert.
  • Die Protestbewegung fordert umfassende demokratische Reformen und die Absetzung der pro-chinesischen Regierung in der Millionenmetropole.
  • Am Montagmorgen kam es offenbar zu mehreren lauten Explosionen. Der Brand am Eingang der Hongkonger Polytechnischen Universität (PolyU) auf der Halbinsel Kowloon soll wohl zur Abwehr der Polizeikräfte gedient haben.
  • Andernorts errichteten Aktivisten Straßenbarrikaden und warfen mit Steinen.
Vermummungsverbot "verfassungswidrig"
Das Vermummungsverbot in Hongkong ist nach einem Urteil des Obersten Gerichts "verfassungswidrig". "Die Beschränkungen, die das Verbot für die Grundrechte impliziert, gehen weiter als notwendig", teilte das Oberste Gericht der chinesischen Sonderverwaltungszone mit. Angesichts der Massenproteste hatte die Regierung Hongkongs Anfang Oktober auf ein Notstandsgesetz aus der britischen Kolonialzeit zurückgegriffen und ein Vermummungsverbot verhängt.

Die Sicherheitskräfte setzten nach eigenen Angaben scharfe Munition ein. Nach Angriffen mit Pfeil und Bogen, Molotowcocktails und Steinschleudern hatte die Polizei zuvor mit einem solchen Vorgehen gedroht. Demokratie-Aktivist Joshua Wong rechtfertigte unterdessen Gewalt durch Demonstranten. "Mit rein friedlichem Protest werden wir unser Ziel nicht erreichen", sagte Wong der "Süddeutschen Zeitung" (Montagsausgabe). "Allein mit Gewalt allerdings auch nicht. Wir brauchen beides."

Die Polizei gab an, in den frühen Morgenstunden scharfe Munition nahe der PolyU abgefeuert zu haben, wobei jedoch niemand getroffen worden sein soll. Bei den Protesten in den vergangenen Wochen hatten Polizisten bereits in drei Situationen scharf geschossen – allerdings ohne Vorwarnung.

Gewalt in Hongkong eskaliert immer weiter

Hunderte Aktivisten hielten sich am Sonntag in der Polytechnischen Universität verschanzt. Sie attackierten Wasserwerfer der Polizei mit Molotowcocktails und feuerten vom Dach der Universität mithilfe eines selbstgebauten Katapults Steine ab und verhinderten so ein Vorrücken der Polizei.

Nach Vermittlungsbemühungen der Hochschulleitung hätten rund 70 bis 100 Studenten versucht, die Universität zu verlassen, seien aber wieder in das Gebäude geflüchtet, weil die Polizei Tränengas gegen sie eingesetzt habe, berichtete die Studentenvereinigung. Auch befürchteten viele, festgenommen zu werden.

Ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP sah maskierte Bogenschützen sowie Späher mit Ferngläsern auf einem Dach. Am Sonntag war ein Polizist durch einen Pfeil am Bein verletzt worden.

Das gewaltsame Vorgehen der Polizei stoße auf immer mehr Widerstand in der Hongkonger Bevölkerung, sagte Wong. "Erst hat die Polizei nur Demonstranten verhaftet, dann Ersthelfer, Pastoren und nun Zivilisten." Mehr als 4000 Menschen seien inzwischen festgenommen worden. "Das stärkt das Verständnis der Bevölkerung für die Proteste", zeigte sich der 23-Jährige, der wegen seines Engagements bereits mehrfach in Haft war, überzeugt.

In der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong gibt es seit Monaten Massenproteste, die immer häufiger in Gewalt umschlagen. Die Proteste richteten sich zunächst gegen ein geplantes Gesetz, das erstmals auch Auslieferungen nach Festland-China ermöglicht hätte.

Nachdem sich die Proteste der Demokratiebewegung zunächst auf Wochenenden beschränkt hatten, liegt mittlerweile das öffentliche Leben in der Finanzmetropole auch unter der Woche weitgehend lahm. Die Demonstranten organisieren an vielen Orten Proteste und Blockaden und sorgen so immer wieder für Chaos.

China warnte wiederholt davor, dass es keinen Dissenz tolerieren werde. Es wächst die Sorge, dass Peking direkt eingreifen könnte, um die Unruhen zu unterdrücken.

(pb/hd/pcl/afp/dpa)

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