Dimitri Kessler auf der Demo in Berlin
Dimitri auf einer Friedensdemo in Berlin. Das Brandenburger Tor wird in den ukrainischen Nationalfarben beldeuchtet.Bild: Privat
Ukraine-Krise

"Das ist jetzt die Realität"

Dimitri ist Deutsch-Ukrainer. Seine Freunde leben gerade im Krieg. Er in Berlin. In einem Gespräch berichtet er von Schock, Flucht und Bomben.
01.03.2022, 17:0208.06.2022, 19:47

Dimitri lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Mit 16 kam er nach Berlin. Geboren und aufgewachsen ist er in der ukrainischen Stadt Dnipro. Er demonstriert gegen Putins Regierung – seit Putin die Lage hat eskalieren lassen. Wie geht es seinen Freunden gerade? Wie geht es ihm hier in Berlin?

Dimitri mit seiner Familie auf der Demo in Berlin
Diemitrie und seine Familie am Sonntag auf der Friedendemo in Berlin. Hier stehen sie vor der Siegessäule.Bild: Privat

Über WhatsApp berichtet er:

"Mein Leben ist hier in Berlin. Meine Eltern, mein Bruder – die meiste Verwandtschaft ist damals mit mir umgezogen. Ich kann mich glücklich schätzen: Denn die meisten, die mir wichtig sind, sind hier in Sicherheit.

Trotzdem: Es war natürlich ein großer Schock am Donnerstag, als ich aufgewacht bin und es hieß: In der Ukraine ist jetzt Krieg. Auch in Kiew, wo ich viele Freunde habe.

Alle haben von Bomben berichtet. Alle haben geschrieben, dass es ihnen sehr schlecht geht. Ja, das war einfach ein großer Schock. Aber gut, ich neige nicht dazu, in Panik zu verfallen.

"Am Donnerstag war allen klar: Das Leben ist erst mal vorbei, so wie es war."

Ich habe überlegt, was man machen kann. Also bin ich zu Demonstrationen gegangen. Und gehe weiterhin. Ich finde wichtig, dass man Haltung zeigt. Es geht einem etwas besser, wenn man etwas macht und nicht einfach in Starre verfällt.

Es ist trotzdem schwer, das zu realisieren. In der Ukraine leben die Menschen sehr ähnlich wie hier in Deutschland. Hier sieht es aus, wie im Rest von Europa: Man lebt in der Wohnung, in der Stadt wahrscheinlich in einem Plattenbau. Man geht ganz normal zur Arbeit, bringt die Kinder in die Kita und in die Schule, geht abends aus.

Russische Granaten beschossen am Dienstag zivile Ziele in der zweitgrößten Stadt der Ukraine, Charkiw.
Russische Granaten beschossen am Dienstag zivile Ziele in der zweitgrößten Stadt der Ukraine, Charkiw.Bild: dpa / Uncredited

Es sieht dort vielleicht alles ein bisschen schäbiger aus als in Deutschland, man verdient vielleicht nicht so viel, aber ansonsten ist das Leben wie hier – vor allem für junge Menschen, die 20, 30, 40 Jahre alt sind.

Und na ja, also am Donnerstag war allen klar: Das Leben ist erst mal vorbei, so wie es war.

Die Menschen waren geschockt, die Menschen wussten nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. Gerade in Dnipro oder in Kiew – die Menschen sind aufgewacht vom Lärm der Bombenangriffe, haben rausgeguckt und gesehen, dass da Bomben einschlagen. Überall in ihrer Nähe. Das war richtig am Himmel zu sehen, zu hören.

"Man schickt nicht gerade gern seine Frau mit kleinen Kindern durch ein Land, das gerade bombardiert wird – so auf gut Glück."

Und natürlich kann man das überhaupt nicht einschätzen. Man weiß nicht, ob Putin oder die Russen da nur militärische Objekte beschießen oder auch Wohnhäuser. Man kann sich nicht in Sicherheit wiegen und gleichzeitig wird einem sofort klar: Man muss etwas tun, man muss sich in Sicherheit bringen. Es geht jetzt los.

Einer meiner Freunde aus Kiew hat sich sofort mit seiner Familie ins Auto gesetzt und ist mit ihnen Richtung Westen geflohen. Dabei mussten sie auch an dem umkämpften Flughafen in Kiew, an einschlagenden Bomben vorbeifahren. Dann sind sie in der Stadt Riwne, im Westen der Ukraine angekommen, aber dort wurde auch schon gebombt.

Ich habe ihnen natürlich sofort angeboten, dass sie hier herkommen können. Wir in Berlin haben genug Platz in der Wohnung. Aber sie meinten, es sei erst einmal unrealistisch, auszureisen, die Männer dürfen ja auch nicht.

Man schickt aber eben auch nicht gerade gern seine Frau mit kleinen Kindern durch ein Land, das gerade bombardiert wird – so auf gut Glück.

"Man lebte dort ein auskömmliches Leben und man lebte gern in seiner Heimatstadt, ging gern zur Arbeit."

Das gilt für die meisten meiner Freunde: Für sie ist es keine realistische Option, zu gehen. Sie bleiben einfach da, wo die sind und versuchen, sich möglichst sinnvoll dort einzurichten, wo man nicht von einer Bombe getroffen wird. Also vor allem die Familie und die Kinder.

Ein anderer Freund von mir, der noch in Dnipro wohnt, war total verzweifelt, wusste nicht, was er und seine Familie machen sollen. Sie haben sich dagegen entschieden, auszureisen. Wahrscheinlich versuchen sie, zu ihren Bekannten aufs Land zu fahren. Im ländlichen Raum ist weniger los und dort ist es wohl zum Glück so, dass das nicht unmittelbar an der Front mit den russischen Truppen liegt – dort wären sie dann einigermaßen safe.

Also das hofft man nur.

Kann ich nur hoffen.

Deswegen ist es natürlich schön von den Deutschen, dass man hier Flüchtlinge aufnehmen will. Das zeigt Unterstützung. Aber für die meisten Leute ist es jetzt im Moment keine große Hilfe, keine große Option.

"Es ist nicht so, dass man in der Ukraine besonders militarisiert ist und nur darauf wartet, irgendwelche Russen zu erschießen."

Außerdem: Die Menschen wollen nicht weg. Es ist nicht so, dass sie seit Jahren da sitzen und warten, dass sie die Koffer packen und nach Deutschland fahren können. Ganz im Gegenteil.

Man lebte dort ein auskömmliches Leben und man lebte gern in seiner Heimatstadt, ging gern zur Arbeit. Die Kinder haben Freunde in der Kita, in der Schule – da wollte man sie auch nicht wegreißen.

Zum anderen gibt es den militärischen Aspekt: Keiner will gerne kämpfen.

Meine Freunde waren auch nicht beim Militär. Früher, da gab es die Möglichkeit, eine Art Wehrdienst im Rahmen des universitären Studiums zu leisten. Da hat man theoretische Vorlesungen, ein paar praktische Übungen mitgemacht. Aber es ist nicht so, dass man in der Ukraine besonders militarisiert ist und nur darauf wartet, irgendwelche Russen zu erschießen.

Ganz im Gegenteil.

Dienstag, 1. März 2022: Ein zerstörtes Auto vor dem zebombten regionalen Verwaltungsgebäude der Stadt Charkiw, Ukraine.
Dienstag, 1. März 2022: Ein zerstörtes Auto vor dem zebombten regionalen Verwaltungsgebäude der Stadt Charkiw, Ukraine.Bild: dpa / Uncredited

Aber wenn du siehst, dass vor deinem eigenen Haus das Leben zerstört wird und alle unsicher sind, dann bleibt dir auch nichts anderes übrig, als zu kämpfen. Das ist dann die Priorität Nummer 2: Erst alle in Sicherheit bringen und dann gucken, dass man die Invasion stoppt. Ganz klar.

Mit Russen hatte man überhaupt kein Problem und keinen Grund, sie anzugreifen. Man ist auch sehr geschockt, dass sie das jetzt wirklich tun.

"Es gab nie eine Feindschaft und sie wird hoffentlich auch daraus nicht entstehen.
Außer mit den Soldaten."

Ich war mit meinen Freunden in Dnipro auf einer russischen Schule. Wir sprechen Russisch miteinander. Es war nie ein Problem, es gab nie eine Feindschaft und sie wird hoffentlich auch daraus nicht entstehen.

Außer mit den Soldaten.

Die, die jetzt einfallen und Bomben schmeißen. Da kann man beim besten Verhältnis nicht mehr erwarten, dass man das gut findet. Und da wird man auch Widerstand leisten.

Ein großer Punkt ist dabei auch die Hoffnung auf Unterstützung der westlichen Länder und von Nato-Truppen oder aus Deutschland. Die Leute in der Ukraine sind natürlich auch auf Instagram, verfolgen fieberhaft die Nachrichten. Für sie bedeutet das ja unmittelbar, wie deren Leben weitergeht.

Und da nimmt man sehr zur Kenntnis, dass nun viele Sanktionen gegen Russland beschlossen wurden. Das gibt Unterstützung.

"Was wäre, wenn die Truppen überall hier in Berlin in die Siemensstadt, Reinickendorf, Köpenick einmarschierten, überall Bomben fliegen würden?"

Für die Leute ist jedes Zeichen wichtig, auch eine große Demo. Ich poste gern auch Bilder mit Flaggen, dass sie das sehen. Auch, als in Berlin das Brandenburger Tor angestrahlt wurde. Sie sehen dann, da sind viele Leute, die betroffen sind, Solidarität zeigen. Man gibt den Menschen vor Ort damit ein gutes Gefühl in dieser schrecklichen Situation – dass die wenigstens eine kleine Hoffnung haben.

Gleichzeitig werde ich von meinen Freunden in der Ukraine gefragt: "Warum zögert man mit Sanktionen? Warum hat das mit Swift so lange gedauert? Warum guckt man auf das Geld, während wir hier abgeschossen werden?"

Das sind legitime Fragen. Und ich bin als deutscher Staatsbürger auch mittlerweile enttäuscht und sehr entsetzt über das Handeln der Regierung. Dass man da noch denkt, man wartet ab, man versucht das auszusitzen, man wartet mit härteren Sanktionen auf weitere Eskalation.

Weitere Eskalation – das kann man sich ja gar nicht mehr vorstellen.

In Kiew wird gekämpft, das ist eine große europäische Stadt wie Berlin. Was wäre, wenn jetzt die Truppen überall hier in Berlin in die Siemensstadt, Reinickendorf, Köpenick einmarschierten, überall Bomben fliegen würden?

Das können sich die Anwohner von Berlin – und ich natürlich auch – gerade nicht vorstellen. Aber in Kiew ist es jetzt so.

27.02.2022, Ukraine, Charkiw: Ukrainische Soldaten inspizieren ein besch
Ukrainische Soldaten inspizieren ein beschädigtes Militärfahrzeug nach Kämpfen in Charkiw.Bild: dpa / Marienko Andrew

Egal, was man vor ein paar Tagen noch dachte. Das ist jetzt die Realität.

Wir brauchen mehr Druck auf die Regierung. Deutschland muss jegliche Unterstützung anbieten. Keiner erwartet, dass man deutsche Truppen dahin verlegt. Finanzielle Unterstützung wird aber schon erwartet. Möglichst viele Sanktionen. Den Luftraum für Russland sperren, den Russen androhen, die Flugzeuge abzuschießen, wenn sie sich nicht dran halten.

Menschen sprechen lassen

Hinter jeder Katastrophe stecken eigene Geschichten. Wir lassen sie von denen erzählen, die sie erleben.

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