Frankreichs Innenminister Christophe Castaner und die antisemitische Schmiereri in Paris.
Frankreichs Innenminister Christophe Castaner und die antisemitische Schmiereri in Paris.

"Es verbreitet sich wie Gift" – So eskalieren antisemitische Übergriffe in Paris

13.02.2019, 15:01

Groß und gelb prangt das Grafitti an einem Bagel-Shop mitten in der Stadt. In dicken Worten steht da das Wort "Juden" auf dem Schaufenster. An einem jüdischen Gedenk-Mahnmal wird an anderer Stelle ein extra gepflanzter Erinnerungs-Baum einfach abgesägt. Die Zahl der Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen und Häuserfasaden nimmt im Stadtbild dramatisch zu. Das ist Paris 2019.

Die französische Politik ist darüber alarmiert: Sogar Innenminister Christophe Castaner meldete sich per Video-Botschaft mit klaren Worten:

Der Minister verurteilt im Beitrag die aktuelle Serie an Schmiererein und bezeichnet sie als einen Angriff auf die gesamte Republik Frankreichs: Der Antisemitismus erstarke erneut und "verbreitet sich wie Gift".

Die Statistiken bestätigen das Bedrohliche

  • Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist in Frankreich 2018 im Vergleich zum Vorjahr von 311 auf 541 gestiegen.
  • Laut Inennministerium ist das eine Zunahme von 74 Prozent.
  • Die Organisation für Achtsamkeit gegen Antisemitismus gab an: Seit Anfang Januar habe sie "fast doppelt so viele" Meldungen erhalten wie in der gleichen Vorjahresperiode. (FR)
  • Im vergangenen Jahr war die Zahl an Übergriffen noch rückläufig.

Die Zahlen sind übrigens auch für Deutschland erschreckend. So hat die Polizei laut aktuellen Zahlen der Bundesregierung  2018 bundesweit 1646 antisemitische Straftaten gemessen. Das sind knapp zehn Prozent mehr als 2017.

Wo liegen die Gründe?

Vermutlich sind zwei unterschiedliche politische Strömungen im Land für den Anstieg verantwortlich.

  • Gibt es Spannungen im Nah-Ost steigt auch das Gewaltpotential in den Banlieu-Vierteln von Paris an. Dort leben viele Menschen aus dem Maghreb. Die Motivation für Schmierereien würde direkt aus dem arabisch-israelischen Konflikt resultieren und kommt in Frankreich immer wieder vor.
  • Auf der anderen Seite vermuten französische Medien und Experten aber auch einen direkten Zusammenhang zu den seit Wochen andauernden "Gelbwesten-Protesten"

Dort will man zwar ofiziell nichts mit extremen Positionen zu tun haben. Vor allem von rechts gibt es allerdings immer wieder Versuche, auch antisemitische Töne und Personen in die Kundgebungen einzuschmuggeln.

So zerstörten bei Protesten Anfang Dezember französische Neonazis Teile des Triumphbogens. Europaweit versuchen rechtsnationale und populistische Bewegungen von der AfD bis zu Frankreichs Marine Le Pen die Demonstranten für ihre Zwecke und Meinungen zu instrumentalisieren. Eine echte Distanzierung von diesen Stimmen gab es seitens prominenter "Gilet Jaunes"-Unterstützer auch in Deutschland nie.

(mbi)

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