Zarifa Ghafari (29) war Bürgermeisterin in Afghanistan, nun hält sie sich in Deutschland auf.
Zarifa Ghafari (29) war Bürgermeisterin in Afghanistan, nun hält sie sich in Deutschland auf.
Bild: Flashpic / Jens Krick
Interview

"Wir werden eure Stimmen sein": Evakuierte Zarifa Ghafari will von Deutschland aus für Afghanistan kämpfen

31.08.2021, 10:55

Zarifa Ghafari weiß genau, wie gefährlich die Taliban sind. Die Afghanin, die noch bis vor kurzem Bürgermeisterin der afghanischen Provinzhauptstadt Maidan Shar war, überlebte drei Mordanschläge, ihr Vater wurde erst vergangenes Jahr getötet. Dennoch will die Politikerin und Frauenrechtlerin nun mit ihnen verhandeln, um eine Lösung für die Bevölkerung zu erörtern.

Der 29-Jährigen selbst gelang die Flucht aus Afghanistan noch vergangene Woche. Am Boden eines Autos zusammengekauert, passierte sie mit ihrer Familie die Checkpoints der Taliban bis zum Flughafen in Kabul, wo sie von der Bundesregierung evakuiert wurde. Nun ist sie in Nordrhein-Westfalen, von wo aus sie mit watson sprach.

Zarifa Ghafari (li.) am 27. August im Gespräch mit Außenminister Heiko Maas
Zarifa Ghafari (li.) am 27. August im Gespräch mit Außenminister Heiko Maas
Bild: PHOTOTHEK / Florian Gaertner

watson: Du bist inzwischen in Sicherheit, in Deutschland. Wie geht es dir, wenn du Afghanistan in den Nachrichten siehst?

Zarifa Ghafari: Ich habe über diese Bilder aus meiner Heimat, die Explosionen, die verzweifelten Menschen am Flughafen, fast den Verstand verloren. Es ist schrecklich. Vor ein paar Tagen war ich selbst noch da und nun kann ich nur noch aus der Ferne zusehen ...

Hast du noch Kontakt zu Menschen vor Ort?

Ja. Und alle haben Angst um ihre Leben. Jeder Einzelne von ihnen. Es ist ein Albtraum. Es ist wirklich angsteinflößend.

Wie hast du dich gefühlt, als dein Flieger in Kabul vom Rollfeld abhob?

An dem Tag, als ich meinen Vater verlor, hatte ich mir geschworen, mich nie wieder so zu fühlen. Ich dachte damals, das wäre der schmerzvollste Tag in meinem Leben gewesen. Aber in dieses Flugzeug einzusteigen, war noch schlimmer. Da pflanzt man einen Samen in die Erde ein, pflegt ihn über zwanzig Jahre lang und schaut, wie er zu seinem starken Baum heranwächst und dann wird er gefällt und weggeworfen. Mein Land zu verlassen fühlte sich an, als hätte ich meine sterbende Mutter alleine am Krankenbett zurückgelassen.

"Ich habe über diese Bilder aus meiner Heimat, die Explosionen, die verzweifelten Menschen am Flughafen, fast den Verstand verloren."

Warum bist du trotzdem ausgereist?

Ich habe es für die Sicherheit meiner Geschwister getan und für die Sicherheit meiner Mutter. Mein Vater musste damals für meinen Plan, für meinen persönlichen Krieg, zahlen (General Abdul Wasi Ghafari wurde im November 2020 vor seinem Haus erschossen, Anm. d. Red.). Und ich möchte nicht, dass irgendein weiteres Familienmitglied für meine Aktionen büßen muss.

Was möchtest du jetzt in Deutschland tun?

Ich werde weiter für die afghanische Bevölkerung, besonders die Frauen, arbeiten. Es ist wichtig, eine weltweite Bewegung zu schaffen, die sich mit den Frauen solidarisiert. Momentan ist das alles, was ich machen kann. Ich netzwerke, ich treffe Politiker, ich versuche meine Stimme zu erheben und all die unausgesprochenen Worte zu finden, die Frauen in Afghanistan jetzt nicht mehr sagen können.

Und welche Worte sind das?

Sichert die Grundrechte von uns Frauen überall auf der Welt. Gebt uns das Recht zu leben, zu arbeiten, uns frei zu bewegen. Wir alle sollten in einer friedlichen Gesellschaft leben dürfen. Aktuell geht es aber vor allem um eines: Die Sicherheit und das Leben der Frauen in Afghanistan.

Die ausländischen Soldaten ziehen ab. Wie können die Frauen vor Ort denn jetzt noch geschützt werden?

Ich rufe die Führung der Taliban hiermit öffentlich auf, sich zur Klärung dieser Frage mit mir hinzusetzen und zu sprechen. Ich wäre dazu bereit, für diesen Moment all meine Trauer zu vergessen, auch, dass sie mich und meinen Ehemann töten wollten und dass sie mein Leben zerstörten. Ich würde das alles hintenanstellen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich möchte von ihnen wissen, welche Gesetze sie durch die Scharia begründet sehen, was werden ihre Bedingungen sein? Es ist für uns wichtig, das zu wissen.

"Ich versuche meine Stimme zu erheben und all die unausgesprochenen Worte zu finden, die Frauen in Afghanistan jetzt nicht mehr sagen können."

Du möchtest persönlich mit den Taliban verhandeln?

Ich denke, es ist momentan im Interesse der Bevölkerung, mit ihnen zu verhandeln und ich würde mich gerne als Sprachrohr der Frauen zur Verfügung stellen. Es ist mit auch egal, wann und wo. Wenn die Taliban mich auffordern, dafür nach Afghanistan zurückzukehren, bin ich bereit. Ich werde nicht zögern. Aber sie müssen mir ein kleines Zeichen geben.

Fürchtest du nicht, dass sie dich dann umbringen?

Ich habe keine Angst vor den Taliban. Hätte ich Angst, hätte ich meinen Job nicht ausüben können. Der einzige Grund, warum ich mein Land verlassen habe, war meine Familie. Nun sind sie sicher. Ich meine das ernst: Sollten die Taliban mit mir sprechen wollen, komme ich jederzeit zurück.

Du setzt dich vor allem für Frauen in Afghanistan ein. Wie würdest du Afghaninnen beschreiben?

Frauen müssen in Afghanistan von Geburt an lernen, mit Diskriminierungen und Schmähungen umzugehen. Für sie sind die Menschenrechte nicht so greifbar wie für andere. Das hat sie aber auch sehr stark gemacht. Sie setzen sich mit all ihrer Kraft für ihr Land und ihre Liebsten ein, sofern sie die Chance dazu bekommen. Ich selbst bin eine afghanische Frau und meine Biografie zeigt, was uns ausmacht: Wir geben nicht auf.

"Sollten die Taliban mit mir sprechen wollen, komme ich jederzeit zurück."

Junge Afghaninnen haben nie unter Taliban leben müssen. Wie gehen sie mit dieser neuen Lage um?

Für junge Frauen, die ihr Leben bislang in Freiheit verbringen konnten, ist dieser Wechsel ein noch größerer Schock. Am Tag, an dem die Taliban Kabul einnahmen, kam ich abends zurück nach Hause und fand meine kleine Schwester in Tränen aufgelöst. Sie wollte sich umbringen und flehte mich an, sie nicht aufzuhalten. Sie sagte, es sei besser zu sterben, als unter den Taliban zu leben. Sie ist gebildet, sie durfte etwas aus ihrem Leben machen und weiß jetzt nicht mehr weiter. Vielen jungen Frauen geht es ähnlich, sie sind verzweifelt.

Was würdest du den Menschen in Afghanistan sagen, wenn du die Chance dazu hättest?

Meine Nachricht an die Afghanen ist: Ich weiß, es ist hart. Es ist härter, als man beschreiben kann. Ich weiß, jeder von euch hat Angst um seine Kinder und seine Zukunft. Aber ich glaube, wir können auch diese Zeiten überwinden. Wir werden nie aufhören zu kämpfen, wir werden standhaft bleiben. Glaubt nicht, wir Afghanen, die das Land verließen, hätten euch vergessen. Wir verhalten uns viel eher nach dem Sprichwort: 'Der Tiger, der zwei Schritte zurückweicht, wird mit doppelter Kraft angreifen können.' Wir sind nicht weit weg, wir sind hier. Wir werden eure Stimmen sein.

Du sollst etwas Sand aus Afghanistan mitgenommen haben. Was hat es damit auf sich?

Das stimmt. Ich habe ein Glas mit ein bisschen Sand aus Afghanistan im Gepäck gehabt, sonst kaum etwas. Diesen Sand trage ich nun immer bei mir, es ist ein Stück Heimat und ich hoffe, dass ich ihn so bald wie möglich an den Ort zurückbringen kann, wo ich ihn einsammelte...

Das klingt, als hättest du Hoffnung auf eine Rückkehr?

Es ist nicht nur Hoffnung, Nein. Es ist ein 100-prozentiger, klarer Plan für meine Zukunft.

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