Wrackteil der abgeschossenen ukrainischen Passagiermaschine.
Wrackteil der abgeschossenen ukrainischen Passagiermaschine.
Bild: picture alliance/Aref Fathi/dpa

Iran gesteht Flugzeug-Abschuss – und entfacht zornige Proteste

11.01.2020, 17:5511.01.2020, 23:37

Nach tagelangen Dementis hat der Iran nun zugegeben, eine ukrainische Passagiermaschine versehentlich abgeschossen zu haben. Die Revolutionsgarden übernahmen am Samstag die volle Verantwortung für das Unglück, bei dem 176 Menschen starben. Das Verkehrsflugzeug sei irrtümlich für einen Marschflugkörper gehalten worden, erklärte der für die Luftwaffe zuständige Kommandant der Revolutionsgarden, Amirali Hadschisadeh.

Wütende Iraner fordern Rücktritt Chameneis

Viele Iraner fragten in sozialen Medien, warum der Flughafen Teherans nicht geschlossen worden sei, nachdem die iranische Armee zwei US-Stützpunkte im Irak mit Raketen beschossen hatte. In Tweets forderten Iraner Rücktritte der Verantwortlichen, unter anderem von Außenminister Sarif.

Demonstranten haben in Teheran außerdem den Rücktritt von Ajatollah Chamenei gefordert. Das zeigen auf Twitter veröffentlichte Videos von Demos gegen das geistliche Oberhaupt des Iran.

Auch die ARD-Korrespondentin Natalie Amiri berichtet von großer Wut im Iran, die sich vor allem im Internet entladen soll.

"Die Menschen sind unglaublich wütend auf die Regierung und das System."

Auch die Tatsache, dass für den getöteten General Staatstrauer angeordnet wurde, jedoch nicht für die mehrheitlich iranischen Opfer des Abschusses sorge für Wut.

Das sind die internationalen Reaktionen

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßte das Eingeständnis. Es sei gut, dass die Verantwortlichen damit bekannt seien, sagte die CDU-Politikerin nach einem Gespräch mit Kremlchef Wladimir Putin am Samstag in Moskau. "Es bleibt aber ein dramatisches Ereignis." Sie forderte den Iran auf, den Abschuss schonungslos aufzuklären.
  • Der britische Premierminister Boris Johnson bezeichnete das Eingeständnis als "wichtigen ersten Schritt". Er sicherte den Hinterbliebenen die Unterstützung der britischen Regierung zu und forderte eine "umfassende, transparente und unabhängige internationale Untersuchung".
  • Auch die EU reagierte am Samstag auf das iranische Schuldbekenntnis und forderte Konsequenzen aus dem Abschuss. Es müssen angemessene Maßnahmen getroffen werden um sicherzustellen, dass solch ein schrecklicher Unfall nie wieder geschehen kann", erklärte EU-Kommissionssprecher Peter Stano am Samstag in Brüssel. Die EU erwarte nun die volle Kooperation Teherans.
  • Die schwedische Regierung hat den vom Iran eingeräumten Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran verurteilt. "Die Tatsache, dass das Flugzeug abgeschossen wurde, ist schrecklich und entsetzlich. Ein ziviles Flugzeug abzuschießen - ungeachtet dessen, ob dies ein Fehler war oder nicht - ist eine Handlung, die verurteilt werden und für die der Iran die volle Verantwortung übernehmen muss", teilte Ministerpräsident Stefan Löfven am Samstag mit. Dass der Iran den versehentlichen Abschuss eingeräumt habe, biete eine Grundlage für eine umfassende und transparente Untersuchung des Vorfalls.

Iran: Bedauern "katastrophalen Fehler"...

Präsident Hassan Ruhani schrieb auf Twitter, der Iran bedauere den "katastrophalen Fehler" zutiefst. Auch in der islamischen Republik stieß die Kehrtwende in der Darstellung des Absturzes auf Kritik. Die Ukraine verlangte Schadensersatz. International wurde eine transparente und vollständige Aufklärung des Vorfalls gefordert.

Ein ranghoher Kommandeur der Revolutionsgarden erklärte, bereits am Tag des Abschusses vergangenen Mittwoch seien die Behörden informiert worden. Allerdings hatte der Iran noch am Freitag Vermutungen der USA und Kanadas, das Flugzeug könnte versehentlich abgeschossen worden sein, als "psychologische Kriegsführung" zurückgewiesen.

... und geben USA eine Mitschuld

Am Samstag brach der geistliche Oberhaupt des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, sein Schweigen und erklärte, die Informationen über den Absturz sollten veröffentlicht werden. Führende Regierungsmitglieder äußerten daraufhin ihr tiefes Bedauern. Im staatlichen Fernsehen wurde allerdings auch suggeriert, die Wahrheit über den Vorfall könne von den "Feinden Irans" genutzt werden. Mit dieser Floskel sind üblicherweise USA und Israel gemeint.

Außenminister Mohammed Dschawad Sarif gab den USA eine Mitschuld: Der Abschuss sei Folge eines "menschlichen Fehlers in Krisenzeiten, verursacht durch die US-Abenteuerpolitik".

Luftfahrt-Experten erklärten, bei einer internationalen Untersuchung wäre es nahezu unmöglich gewesen, den Abschuss zu vertuschen. Im Iran sei möglicherweise die Einsicht gewachsen, eine Kehrtwende in der Darlegung des Absturzes sei besser als sich wachsender internationaler aber auch innenpolitischer Kritik auszusetzen. "Es ist eine nationale Tragödie. Die Art, wie sie gehandhabt wurde und mehr noch, wie Behörden das bekannt gegeben haben, ist noch tragischer", sagte der als moderat geltende Geistliche Ajatollah Ali Ansari nach einem Bericht der halboffiziellen Nachrichtenagentur ILNA.

Das war passiert

Die Boeing 737-800 wurde nach Darstellung des iranischen Militärs von einer Kurzstreckenrakete getroffen, nachdem sie nah an einer Militäreinrichtung der Revolutionsgarden vorbeigeflogen war. Nur wenige Stunden zuvor hatte der Iran aus Vergeltung für die Tötung eines ranghohen Generals durch die USA Militärstützpunkte im Irak mit Raketen beschossen, die von US-Soldaten und internationalen Truppen genutzt werden. Der Iran stellte sich auf einen Gegenschlag der USA ein. Die Ukraine International Airlines kritisierte, der Teheraner Flughafen hätte in dieser Situation geschlossen werden müssen. Die Piloten hätten aber keinerlei Hinweise auf drohende Gefahren erhalten und die Startfreigabe bekommen.

Mit der Tötung von General Kassem Soleimani, der in seiner Heimat als Volksheld verehrt wird, vor gut einer Woche in Bagdad durch einen gezielten US-Drohnenangriff und dem anschließenden Vergeltungsschlag der Iraner hatte sich der Konflikt zwischen den USA und dem Iran dramatisch verschärft. Erst nachdem US-Präsident Donald Trump auf eine Drohung mit einem militärischen Gegenschlag verzichtete und stattdessen lediglich weitere Sanktionen gegen den Iran ankündigte, ebbten Sorgen, dass es zu einem Krieg in Nahost kommt, ab.

(pcl/dpa/rts/afp)

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