Aftermath of rocket attacks in Zaporizhzhia ZAPORIZHZHIA, UKRAINE - OCTOBER 10, 2022 - Rescuers eliminate the consequences of rocket attacks by the russian troops, Zaporizhzhia, southeastern Ukraine.  ...
Folgen von Raketenangriffen in Saporischschja: Einsatzkräfte löschen noch das Feuer in den Ruinen eines Wohnhauses.Bild: www.imago-images.de / imago images
Politik

"Killer mit Fernbedienung": Journalisten decken geheime russische Raketen-Einheit auf

25.10.2022, 15:38
Daniel Schurter / watson.ch

Nach aufwendigen Recherchen haben europäische Investigativjournalisten enthüllt, wer hinter den Raketenangriffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung steckt. Die zum Generalstab der russischen Streitkräfte gehörenden Fachleute werden mit Namen und Bild in einem aktuellen Enthüllungsbericht gezeigt. Dies könnte weitreichende Folgen haben.

"Haben Sie sich jemals gefragt, wie russische Marschflugkörper ihren Weg auf ukrainische Spielplätze, Kraftwerke und Wohnhäuser finden?"
Eliot Higgins, Gründer von Bellingcat

Was ist passiert?

Ein europäisches Journalisten-Kollektiv hat eine "geheime Gruppe russischer Ingenieurinnen und Ingenieure" aufgedeckt, die maßgeblich an den Raketenangriffen auf zivile Infrastrukturen in der Ukraine beteiligt war. In einem am Montagabend publizierten Enthüllungsbericht werden die Verantwortlichen mit Namen und Foto gezeigt.

Der britische Journalist Eliot Higgins, Gründer der Recherche-Plattform Bellingcat, twitterte, es sei an der Zeit, das Team kennenzulernen, das hinter dem gezielten Einsatz russischer Raketen auf zivile Infrastrukturen stehe.

Was haben die angeprangerten Personen getan?

Die russischen Militärangehörigen sollen für die Durchführung zahlreicher mit Marschflugkörpern geführter Attacken verantwortlich sein, bei denen Hunderte Zivilistinnen und Zivilisten in der Ukraine getötet und Millionen ohne Heizung oder Strom zurückgelassen wurden.

"Im Gegensatz zu ihren Militärkollegen, von denen die meisten in der Nähe der Front zumindest einem gewissen persönlichen Risiko ausgesetzt sind, arbeiten diese jungen Leute von sicheren Kommandozentralen in Moskau und St. Petersburg aus und scheinen ihr Leben ohne Beeinträchtigung durch einen Krieg zu führen, in dem sie eine entscheidende Rolle spielen."

Bellingcat bezeichnet die Verantwortlichen innerhalb der russischen Armee als "Remote Control Killers" – weil sie nicht an der Front in der Ukraine kämpfen, sondern die Raketenangriffe von Russland aus ermöglicht haben.

"Trotz Hunderter frei zugänglicher Bilder und Videos, die den Flug und die tödliche Wirkung von Marschflugkörpern zeigen, ist nur wenig darüber bekannt, wer genau für die Festlegung ihrer Ziele und die Programmierung ihrer Flugbahnen verantwortlich ist."
quelle: twitter

Warum ist das wichtig?

Dazu schreibt Bellingcat:

Die Zuordnung der Programmierung der Flugbahn dieser Waffen ist von Bedeutung, da der absichtliche oder wahllose Beschuss ukrainischer Zivilisten und ziviler Infrastrukturen potenzielle Kriegsverbrechen darstellen könnte.
quelle: twitter

Laut Bericht geht es um die größten koordinierten Raketenangriffe seit Beginn des Krieges:

  • Am 10. Oktober 2022 bombardierte Russland die größten Städte der Ukraine mit Raketen, wobei laut Angaben der ukrainischen Behörden mindestens 20 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt wurden.
  • Die Raketenangriffe wurden am nächsten Tag fortgesetzt, wobei am 11. Oktober mindestens 28 Raketen gestartet wurden. Die Einschläge führten dazu, dass viele Zivilisten in Kiew, Lemberg, Winnyzja und Dnipro keinen oder nur sporadischen Zugang zu Elektrizität hatten.
  • Am 17. Oktober wurden die Marschflugkörperangriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine fortgesetzt.
  • Am Morgen des 18. Oktober wurden in mindestens drei ukrainischen Städten neue Raketenangriffe gemeldet. Diese "Attacken auf zivile Gebäude und kritische zivile Infrastruktur" würden als potenzielle Kriegsverbrechen durch internationale Strafermittler untersucht, heißt es.
Ryna Wolkowa hat durch einen Raketeneinschlag in Winnyzja schwere Verbrennungen erlitten.
Ryna Wolkowa hat durch einen Raketeneinschlag in Winnyzja schwere Verbrennungen erlitten.Bild: dpa / Ed Ram

Es geht aber auch um länger zurückliegende Attacken.

"An einem einzigen Tag im Juli sollen bei Marschflugkörperangriffen auf die Stadt Winnyzja 27 Zivilisten getötet worden sein. Diese Angriffe, die nicht-militärische Ziele trafen, deuten darauf hin, dass die Raketen entweder nicht ihrer vorprogrammierten Flugbahn gefolgt sind, dass das Zielen auf fehlerhaften Geheimdienstinformationen beruhte oder dass der zivile Schaden beabsichtigt war."
quelle: bellingcat.com

In mindestens zwei Fällen im April und Anfang Juni seien russische Marschflugkörper zudem "gefährlich tief" über ukrainische Kernkraftwerke geflogen. Dadurch habe das Risiko eines nuklearen Unfalls im Falle einer Fehlzündung oder herabfallender Trümmer bestanden.

Wie wurden die mutmasslichen Täter ausfindig gemacht?

In einer sechsmonatigen Untersuchung, die Bellingcat mit renommierten Partnern durchführte. An den Recherchen war das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" beteiligt.

So konnte laut Bericht die Identität von 33 Militäringenieuren mit einer Ausbildung und einem beruflichen Hintergrund in der Raketenprogrammierung aufgedeckt werden.

Die entsprechenden Namen konnten nur herausgefunden werden, weil recherchierende Journalistinnen und Journalisten Zugriff auf Quellen in Russland hatten. So werteten sie etwa russische Telefon-Metadaten aus, die zeigten, dass die Kontakte zwischen diesen Personen und ihren Vorgesetzten kurz vor den Raketenangriffen zunahmen.

Über die minutiöse Auswertung der Telefondaten sei es auch möglich gewesen, die Kommandostruktur der an den Angriffen beteiligten Gruppe herauszuarbeiten.

  • Die ranghöchsten Vertreter sprachen laut Bellingcat-Bericht nur mit dem Chef der Gruppe, Oberstleutnant Bagnyuk, der wiederum mit Ingenieuren sprach, die sich mit drei Typen von Marschflugkörpern auskennen.
  • Dieses Kommunikationsmuster sei mehrfach festgestellt worden, bevor "Operationen" (sprich: Angriffe) mit diesen Waffen durchgeführt wurden.

Wer sind die "Killer mit Fernbedienung"?

Die vier jüngsten von Bellingcat identifizierten Mitglieder der Gruppe seien erst 24 Jahre alt.

Den Recherchen zufolge wurden die technischen Vorarbeiten für die Raketenangriffe – Berechnung und Programmierung – von zwei Standorten in Russland aus geleistet:

"Eine befindet sich im Hauptquartier des Verteidigungsministeriums in Moskau und eine weitere im Hauptquartier der Admiralität in St. Petersburg – sie ist tief im riesigen 'Hauptrechenzentrum des Generalstabs' der russischen Streitkräfte vergraben, das oft mit ГВЦ (GVC) abgekürzt wird."

Der Hintergrund der Militäringenieure, die für das GVC arbeiteten, sei vielfältig. Es handle sich sowohl um Personen, die ihre gesamte Karriere in der Armee oder Marine verbrachten und eine Wehrtechnik-Spezialisierung erhalten hätten, als auch um junge Menschen, die aus zivilen Berufen rekrutiert wurden – in der Regel seien das IT-Fachleute.

Einige arbeiteten laut Bellingcat-Recherchen zwischen 2016 und 2021 in der militärischen Kommandozentrale Russlands in Damaskus. Also in einem Zeitraum, in dem Russland in Syrien Marschflugkörper einsetzte. Andere seien Träger verschiedener militärischer Auszeichnungen, unter anderem habe auch Wladimir Putin Orden verliehen.

Was sagen die beschuldigten Personen?

Ein ranghoher russischer Militär, der von einem recherchierenden Reporter telefonisch kontaktiert wurde, habe sofort aufgelegt, als er erfuhr, mit wem er sprach.

Im Bellingcat-Bericht wird betont, man habe sich "an jedes identifizierte Mitglied der russischen Einheit" gewandt und eine Reihe von Fragen gestellt. Unter anderem wollten sie wissen, wer die Ziele (in der Ukraine) auswählte und ob die zivilen Opfer das Ergebnis eines Rechenfehlers oder eines absichtlichen Angriffs auf die Zivilbevölkerung seien.

Alle bis auf zwei der anderen Militäringenieure hätten entweder überhaupt nicht auf Anrufe und SMS reagiert, ausdrücklich abgestritten, für die russischen Streitkräfte zu arbeiten, oder bestritten, überhaupt zu wissen, was das GVC sei.

"Einige bestritten, zu wissen, was das GVC ist, obwohl ihnen Fotos gezeigt wurden, auf denen sie in Militäruniform mit GVC-Abzeichen posieren."
quelle: bellingcat

Ein Ingenieur habe seine Zugehörigkeit zu der Gruppe nicht geleugnet, aber angegeben, dass er die Fragen nicht beantworten könne, ohne sich selbst zu gefährden.

Ein anderes Mitglied habe den recherchierenden Journalisten unter Zusicherung von Anonymität "Hintergrundinformationen" zukommen lassen, wie die Gruppe mit der Programmierung der Raketen-Flugbahnen beauftragt war.

Dieser Informant habe auch mehrere Fotos ihres Kommandanten, Oberstleutnant Igor Bagnyuk, mit Bellingcat geteilt. Sowie ein Bild, das die "Berechnungsgruppe" zeigt, wie sie vor dem Verteidigungsministerium in Moskau posiert.

Stimmt das wirklich?

Die Faktenlage erscheint erdrückend.

Bellingcat hat einen international hervorragenden Ruf, was frühere Untersuchungen zu Putins Russland betrifft.

Das russische Regime versucht seit Jahren erfolglos, die journalistische Arbeit der Bellingcat-Mitglieder zu diskreditieren. Mit Online-Propaganda und Desinformation wird versucht, Zweifel an den Enthüllungen zu säen. Doch die gut vernetzten Bellingcat-Rechercheure arbeiten transparent und belegen ihre Untersuchungen mit entsprechenden Fakten, müssen aber auf umfassenden Quellenschutz achten.

An den monatelangen Recherchen zur russischen Raketenangriffsgruppe war auch die unabhängige russische Investigativ-Plattform The Insider beteiligt.

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Triggerwarnung:
Im folgenden Text geht es um Gewalt, teils auch sexualisierte Gewalt und Suizid. Die Inhalte können verstörend und/oder retraumatisierend sein.

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