Feld mit noch gruenem Winterweizen im schoenen Sonnenlicht. Winterweizen auf einem Feld im Abendlichen Sonnenuntergang, *** Field with still green winter wheat in beautiful sunlight Winter wheat on a  ...
Durch den Krieg in der Ukraine sind die Getreidepreise weltweit extrem angestiegen. Bild: www.imago-images.de / imago images
watson antwortet

Hunger als Kriegswaffe – wie Putin die Welt in eine Ernährungskrise stürzt

Experten warnen vor einer weltweiten Krise, weil der Großteil des Getreidehandels aus der von Russland angegriffenen Ukraine stammt: Setzt Wladimir Putin Hunger als Waffe im Krieg gegen die Ukraine ein? Fragen und Antworten.
27.06.2022, 09:55
Leonie Zimmermann

"Unsere ganze Hoffnung liegt im Hunger." Ein Satz mit großer Wirkung.

Er stammt von Margarita Simonyan, Chefredakteurin des russischen Propagandasenders "Russia Today". Bei einer Podiumsdiskussion in St. Petersburg sagte Simonyan sinngemäß, dass die zunehmende globale Hungersnot dazu führen werde, dass die Menschen sich ihrem Land wieder zuwendeten.

Damit bringt Simonyan den Hunger als strategische Kriegswaffe ins Spiel. Und obwohl Russlands Präsident Wladimir Putin einen entsprechenden Plan niemals zugeben würde, ist der Vorwurf nicht neu.

Setzt Russland Hunger wirklich gezielt als Waffe ein? Wie kann man überhaupt gezielt eine Hungersnot auslösen – und was können wir dagegen tun? Ein Überblick:

Setzt Russlands Präsident Wladimir Putin Hunger im Ukraine-Krieg als Waffe ein?

Die bisherigen Entwicklungen lassen darauf schließen, dass Russland bewusst eine Hungersnot in einigen Teilen der Welt ansteuert. Selbst, wenn keine offizielle Strategie dahintersteckt, nimmt Putin diese zumindest billigend in Kauf.

Die Ukraine zählt zu den wichtigsten Weizenexporteuren der Welt und hält hohe Weltmarktanteile für Gerste, Mais und Sonnenblumenöl. Seit Beginn des Ukraine-Krieges blockiert die russische Armee allerdings die Ausfuhr der entsprechenden Waren.

Laut der ukrainischen Finanzministerin Natalie Jaresko konnten dadurch rund 20 Millionen Tonnen Getreide nicht verschifft werden. Mittlerweile stecken nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) knapp 25 Millionen Tonnen Getreide in dem Land fest. Das sind Nahrungsmittel, die an anderen Orten dieser Welt nun fehlen.

"Durch die Blockade ukrainischer Häfen, durch die Zerstörung von Silos, Straßen und Eisenbahnen und insbesondere der Felder von Bauern hat Russland einen Kornkrieg begonnen, der eine globale Nahrungsmittelkrise anfacht", sagte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock bei einem Treffen mit ihren Amtskollegen in Genf.

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Er lässt Silos zerstören und blockiert Getreidelieferungen: Setzt Wladimir Putin Hunger gezielt als Waffe ein? Bild: imago images / imago images

Auch für die britische Außenministerin Liz Truss ist die Sachlage klar: "Letztendlich setzt Putin Hunger und den Mangel an Nahrungsmitteln als Waffe gegen die ärmsten Menschen der Welt ein."

Schon heute leiden nach UN-Angaben mehr als 800 Millionen Menschen unter chronischem Hunger. "Diese Zahl könnte infolge von Corona, Klimawandel, Krieg und Konflikten wieder die Milliardengrenze überschreiten", sagte der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge, im Zuge des G7-Treffens, das am Wochenende im Bayerischen Elmau gestartet war. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zeige, wie Hunger gezielt als Waffe und Druckmittel eingesetzt werde: "Die Lage ist so dramatisch wie seit Jahrzehnten nicht mehr."

Fakt ist also, dass der Ukraine-Krieg die Hungersnot in der Welt anfacht – ob nun aus Kalkül oder als Kollateralschaden.

Wen trifft die Hungersnot durch den Ukraine-Krieg am härtesten?

Die Folgen der Lebensmittelblockaden spüren wir auch in Deutschland durch steigende Preise für Mehl und Sonnenblumenöl im Supermarkt. Im Vergleich zu anderen Ländern – vor allem in Afrika und Südamerika – sind das aber vergleichsweise harmlose Auswirkungen.

Vor allem in afrikanischen Ländern hat sich die Ernährungskrise durch den Ukraine-Krieg zugespitzt. Die Republik Tschad hat wegen den ausbleibenden Getreidelieferungen bereits den Ernährungsnotstand ausgerufen.

Generell sind die Weizenpreise auf dem gesamten Weltmarkt seit Beginn des Krieges in die Höhe geschossen. Laut David Beasley, Chef des UN-Welternährungsprogramms, standen rund 44 Millionen Menschen in 38 Ländern bereits vorher unmittelbar vor einer Hungersnot. Schätzungen zufolge könnten nun bis zum Jahresende weitere 40 Millionen Menschen dazukommen. Beasley warnte angesichts der jüngsten Entwicklungen vor der größten humanitären Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Und das betrifft am Ende jedes Land weltweit zumindest mittelbar.

Was bringt es Putin, wenn die Welt hungert?

Russlands Präsident Wladimir Putin sieht sich selbst nach wie vor in einer mächtigen Position. Das, was wir in Deutschland gerade in Form der Energiekrise erleben, äußert sich in anderen Ländern eben in Lebensmittelknappheit.

Putin nutzt die Verknappung vor allem dazu, seine eigene Position zu stärken. In vielen Ländern herrscht eine Abhängigkeit von ukrainischen oder russischen Lebensmitteln – und der russische Präsident weiß das. Also setzt er die Lieferungen aus oder blockiert Transporte.

Wie ausgeprägt Putins Überzeugung ist, am längeren Hebel zu sitzen, zeigt ein Statement des senegalesischen Präsidenten Macky Sall. Weil auch sein Land von russischen Lebensmitteln abhängig ist, besuchte er den russischen Präsidenten in Moskau – und sagte im Anschluss, dass Putin bereit sei, Düngemittel und Weizen zu exportieren, wenn die westlichen Sanktionen gegen Russland aufgehoben würden.

Hunger als Kriegswaffe – gab es sowas vorher schonmal?

Das Konzept ist so alt, wie der Krieg selbst.

In nahezu jedem bewaffneten Konflikt war das Aushungern der Zivilgesellschaft entweder eine gebilligte Begleiterscheinung – oder wurde als legitime Kriegswaffe angesehen. Geändert hat sich das erst mit den Genfer Konventionen im Jahr 1977. Seitdem ist das gezielte Zerstören von lebensnotwendigen Einrichtungen für die Zivilbevölkerung im Krieg untersagt. Dabei geht es nicht nur um Lebensmittel, sondern auch um Trinkwasser, Medikamente und zivile Wohngebäude.

Ein paar Jahre lang schien das Verbot Wirkung zu zeigen – die Hungersnöte gingen zurück, parallel zu der sinkenden Zahl an bewaffneten Konflikten. Seit 2011 hat sich der Trend allerdings wieder gedreht. Es gibt wieder mehr Kriege und damit auch mehr Ernährungskrisen.

Nach Angaben der Welthungerhilfe gehören Kriege zu den Hauptursachen von humanitären Krisen. Und davon haben wir derzeit zahlreiche, unter anderem in Jemen, Syrien, Nigeria und in der Ukraine. Laut der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung wurden allein im vergangenen Jahr weltweit 22 Kriege und sechs bewaffnete Konflikte ausgetragen.

Welche Folgen kann Hunger als Kriegswaffe haben?

Die Hungersnot geht oftmals weiter, wenn der Krieg längst vorbei ist. Ernährungskrisen, die durch Krieg entstanden sind, können also zum Selbstläufer werden.

Ein aktuelles Beispiel ist Afghanistan: Dort gab es durch den jahrzehntelangen Bürgerkrieg eine verheerende humanitäre Krise. Mittlerweile haben zwar die Kriegshandlungen weitestgehend aufgehört, aber die Hungersnot spitzt sich immer weiter zu.

Eindrücklich zeigt das etwa die Hilfsorganisation Stelp, die vor wenigen Tagen erst mit Hilfsgüterlieferungen in afghanischen Bergregionen unterwegs war.

Die Hungersnot führt wiederum dazu, dass Frieden in dem Land in weite Ferne rückt – und das unabhängig von den Handlungen der Machthaber Taliban.

Was können wir gegen Hunger als Kriegswaffe tun?

Ernährungskrisen können immer nur gemeinschaftlich gelöst werden. Dabei ist es auch erstmal egal, wie sie entstanden sind. In erster Linie läuft das über gemeinnützige Organisationen, die Lebensmittel dort verteilen, wo sie benötigt werden.

Deutschland ist dabei weltweit ein echter Vorreiter. Im Jahr 2020 waren wir hinter der Türkei und den USA der drittgrößte Finanzierer von humanitärer Hilfe. Das setzt allerdings voraus, dass in dem Zielland auch die Möglichkeit besteht, humanitäre Hilfe zu leisten.

Im Fall der Ukraine gab es mehrfach Berichte darüber, dass russische Truppen auch Transporte mit Hilfsgütern angreifen.

Also bleibt uns nur die Verhandlung mit Wladimir Putin? Nicht unbedingt. Der russische Präsident hofft zwar darauf, dass der Westen einlenkt und die Sanktionen gegen sein Land fallen lässt, um eine weltweite Ernährungskrise zu verhindern. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass er damit durchkommt.

Annalena Baerbock Buendnis 90/Die Gruenen, Bundesaussenministerin, aufgenommen im Rahmen der Konferenz fuer globale Ernaehrungssicherheit im Auswaertigen Amt in Berlin, 24.06.2022. Die Konferenz wird  ...
Annalena Baerbock bei der Konferenz für globale Ernährungssicherheit am Freitag im Auswärtigen Amt.Bild: www.imago-images.de / imago images

Stattdessen arbeiten viele Nichtregierungsorganisationen, Regierungschefs und Handelsexperten derzeit an kreativen Lösungen für die Exportbeschränkungen. Die Deutsche Bahn hat zum Beispiel angekündigt, sich beim Getreideexport der Ukraine einzuklinken. Demnach ist geplant, stabile Agrarexporte aus dem Kriegsland zu "Seehäfen der Nordsee und des Schwarz- und Mittelmeers" zu ermöglichen. Das wäre ein erster Schritt.

"Wir müssen Lösungen bieten", sagte Außenministerin Baerbock. Nahrungsmittelexporte aus der Ukraine wolle man etwa über den Ausbau der Landwege und der Binnenschifffahrt beschleunigen. Nothilfen für die Hunger leidenden Menschen wolle man zudem aufzustocken.

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