"Putin will meine Heimat vernichten" steht auf dem Schild einer Demonstrantin. Auch am Freitag waren wieder Hunderte Menschen auf den Straßen – diesmal vor dem Kanzleramt in Berlin.
"Putin will meine Heimat vernichten" steht auf dem Schild einer Demonstrantin. Auch am Freitag waren wieder Hunderte Menschen auf den Straßen – diesmal vor dem Kanzleramt in Berlin.Bild: www.imago-images.de / Stefan Boness/Ipon
watson live dabei

Sie schreien. Sie weinen

Wieder demonstrieren Menschen in Berlin und in anderen Städten der Welt gegen Putins Krieg in der Ukraine. Was fühlen jene Menschen, deren Liebsten gerade in ihrer Heimat die Hölle erleben?
26.02.2022, 15:5527.02.2022, 12:52

Angekommen am Kanzleramt: Eine Frau brüllt in ein Megafon. Die Lage ist unübersichtlich. Die Demonstrierenden blicken zum Kanzleramt, Wut ist zu spüren. Wut und Trauer.

Vor dem Gebäude des Kanzleramts haben sich auch am Freitag wieder Hunderte Menschen zusammengefunden, um gegen den russischen Krieg in der Ukraine zu demonstrieren. Gegen den Krieg und für schärfere Sanktionen gegen Russland.

Die EU, die USA, Kanada, Japan und weitere Staaten haben seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine – teilweise auch schon davor – ihre wirtschaftlichen Sanktionen gegen das Land und einzelne Privatleute vermehrt und verschärft. Etwa wurden Privatvermögen eingefroren, darunter auch die des russischen Präsidenten Wladimir Putin und seines Außenministers Sergej Lawrow.

Vor dem Kanzleramt, neben einem Baum, steht ein kleines, blaues Zelt – vermutlich das der Organisatoren der Demonstration. Menschen bilden einen Kreis um die Personen, die gerade sprechen. Sie werden von der breiten Masse ummauert.

Alle heben die Hände. Gänsehaut.

"Ihr müsst Waffen schicken, nicht nur Helme, eure Helme bringen gar nichts – Waffen!", schreit eine Frau. Ihre Stimme bricht. Sie schluchzt. "Slava Ukraini!", schreit sie. "Heroiam slava!", antwortet die Menschenmasse. Sie schreit. Sie weint.

Übersetzt heißen ihre Rufe: "Ruhm der Ukraine"; "Ehre den Helden".

"Ich habe meinen Großvater in der Ukraine. Ich erreiche ihn seit gestern nicht mehr", schreit die Frau weiter. Sie krächzt und schreit so sehr, dass sie kaum noch zu verstehen ist. Als sie nicht mehr kann, übernimmt eine andere Rednerin. Trommeln erfüllen den Nachmittag in einem rhythmischen Hall. Alles geht so schnell. Und dann schreit es aus den Lautsprechern: "Put your hands up!"

Alle heben ihre Hände. 20, vielleicht 30 Sekunden lang.

Gänsehaut.

"Welt, stell dich gegen Putin", steht auf dem Schild einer Demonstrantin.
"Welt, stell dich gegen Putin", steht auf dem Schild einer Demonstrantin.Bild: www.imago-images.de / M. Popow

Eine Frau, die in eine ukrainischen Flagge gehüllt ist, schlägt sich die Hände vors Gesicht, während ein Mann seine Arme um sie legt.

Anna ist seit zwei Jahren in Deutschland, ihre Familie erlebt in der Ukraine gerade das, was sich Millionen Menschen niemals hätten vorstellen können: Krieg. In Europa. In einem demokratischen Land. "Ich mache mir große Sorgen um Familie im Westen – wie soll es anders sein?"

"Wenn ich etwas von meiner besten Freundin höre, weiß ich auch, dass es meiner Oma gut geht."
Ukrainerin berichtet von ihrer Sorge um ihre Liebsten.

Eine weitere Frau, ihren Namen nennt sie nicht, lebt eigenen Angaben zufolge seit 15 Jahren in Deutschland. Unter ihrer Mütze blitzen ihre kastanienbraunen Augen hervor, die einen verständnisvollen, einen freundlichen Ausdruck haben. Viele Kontakte, sagt sie, habe sie aktuell nicht mehr in ihrem Heimatland. Ihre beste Freundin, ihre Großmutter. "Meine Oma ist nicht so fit mit Handys", sagt sie. "Immer, wenn ich etwas von meiner besten Freundin höre, weiß ich auch, dass es meiner Oma gut geht." Alle paar Stunden vibriert das Handy, kurze Nachrichten, kurze Lebenszeichen. Sie schicke Videos, auch aus ihrem Fenster. "Sie sind im Haus und schreiben nur: 'Jetzt ist wieder Luftalarm.'"

"Verhindert den Dritten Weltkrieg. Wir stehen für die Ukraine."
"Verhindert den Dritten Weltkrieg. Wir stehen für die Ukraine."Bild: www.imago-images.de / Olaf Schuelke

Ähnliches berichtet auch ein Pärchen, das sich mit Schildern und in winterfester Kleidung auf der Demo aufhält. "Zuhause fühlen wir uns nutzlos, hier sind wir mit unseren Leuten", sagt der Mann. Auch ihre Namen erfahren wir nicht. "Wir haben Familie und Freunde in der Ukraine, im Süden und Westen." Kontakte hätten sie gerade nur über Gruppen im Messenger Telegram. "Sie filmen aus dem Fenster", erzählen sie. "Wir machen uns sehr große Sorgen, alle unsere Familie und Freunde sind dort, wir wissen nicht, wie lange es ihnen gut geht, es könnte jeden Moment so weit sein."

Höchste Priorität:
Frauen und Kinder retten

Dimitri Kessler ist Deutscher mit ukrainischen Wurzeln und strahlend blauen Augen. Er reibt sich die Hände vor Kälte, seine dunkelblonden Haare sind vom Wind zerzaust, er versteckt sie unter einer schwarzen Mütze. Er wippt auf und ab – und erzählt:

"Ich habe einen Freund, der ist auf der Flucht. Die Menschen entscheiden dort von Tag zu Tag, was sie als Nächstes tun werden. Die Stimmung ist sehr bedrückend. So richtig Hoffnung haben sie nicht, auch wenn Gesprächsbereitschaft beider Seiten signalisiert wurde."

Einen Tag nach seinem befohlenen Angriff auf die Ukraine unterbreitete der Kreml der ukrainischen Regierung ein konkretes Gesprächsangebot. Ein gemeinsames Treffen soll demnach in der belarussischen Hauptstadt Minsk stattfinden. Die Ukraine schlug dagegen Polens Hauptstadt Warschau als Verhandlungsort vor.

Die neuesten Entwicklungen sehen allerdings so aus: Russland behauptet seit Samstag, die Ukraine habe Friedensverhandlungen abgelehnt – und hat daraufhin weitere militärische Aktionen angekündigt. "Da sich die ukrainische Seite grundsätzlich weigerte zu verhandeln, wurde der Vormarsch der wichtigsten russischen Streitkräfte heute Nachmittag gemäß dem Operationsplan wieder aufgenommen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Samstag der Agentur Interfax zufolge. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite gab es zunächst nicht.

Die Fassungslosigkeit der Menschen auf der ganzen Welt treibt sie momentan auf die Straßen. Sie wollen Solidarität zeigen, weltweit. Dimitri erzählt weiter:

"Es gibt den Menschen Hoffnung, wenn ich ihnen Fotos und Videos von den Demos schicke. Wenn sie sehen, wie stark der Support in Berlin ist. Klar, es hilft nicht gegen Bomben und den Krieg, aber es gibt ihnen wenigstens mental wahnsinnig viel Kraft."

Dimitri will hier in Deutschland bleiben, versuchen, von hier aus auf die Bundesregierung zuzugehen. "Was bringt es mir, von der Ukraine aus, ohne Infrastruktur, helfen zu wollen?", fragt er. Seinen Freunden in der Ukraine habe er angeboten, bei ihm unterzukommen. "Wir haben Platz in der Wohnung", sagt er. Die meisten seiner Freunde hätten Kinder. "Deshalb ist die höchste Priorität bei ihnen aktuell, die Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen."

"Stoppt Putin, stoppt Krieg"
"Stoppt Putin, stoppt Krieg"Bild: www.imago-images.de / Stefan Boness/Ipon

Doch nach Deutschland zu reisen, sei für sie momentan unmöglich. Kampffähige Männer dürfen zudem zur aktuellen Stunde nicht mehr aus der Ukraine ausreisen. Dimitri habe viel Kontakt zu seinen Freunden über Instagram. Alle paar Stunden bekomme er ein Update. "Wer weiß, wie lange es ihnen noch gut geht. Aber gut ist relativ. Den Umständen entsprechend."

"Die wollen alle kämpfen."

Von seinem Freund auf der Flucht habe er seit fast einem Tag nichts mehr gehört.

Dass kampffähige Männer nicht aus der Ukraine ausreisen dürfen, erzählt Dimitri, werde in der Ukraine eher positiv aufgefasst. "Ich habe von keinem gehört, dass er sich vor der Armee drücken will", sagt er.

"Die wollen alle kämpfen."

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