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Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine: Wie wahrscheinlich ist der Atomkrieg?

Stand With Ukraine Rally Thousands gathered in Lafayette Square Park outside the White House in Washington, D.C. on February 27, 2022, for a fourth straight day of pro-Ukraine rallies and protests acr ...
Eine junge Frau auf einer Solidaritäts-Demonstration.Bild: www.imago-images.de / Zach Brien
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"Auf diese Abschreckung müssen wir ein Stück weit vertrauen": Wie wahrscheinlich ist ein Atomkrieg?

04.03.2022, 13:2408.06.2022, 18:34
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"There's no such thing as a winnable war. It's a lie we don't believe anymore. Mister Reagan says, 'We will protect you'. I don't subscribe to this point of view. Believe me when I say to you: I hope the Russians love their children too", singt Sting in dem 1985 erschienen Lied "Russians".

Auf Deutsch heißen diese Zeilen so viel wie: Bei einem Atomkrieg gibt es keine Gewinner und die Bevölkerung glaubt auch nicht mehr daran, dass sie beschützt werden wird. Eine Hoffnung, die bleibe: dass auch die Russen ihre Kinder lieben.

Der amerikanische Sänger verarbeitet in diesem Lied die atomare Dauergefahr während des Kalten Krieges. Eine Gefahr, die sich in Europa nun seit 30 Jahren weit entfernt angefühlt hat – bis jetzt. Denn der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, droht unverhohlen mit nie da gewesenen Konsequenzen – mit Atombomben. Er hat seine Atomstreitkräfte mittlerweile in Alarmbereitschaft versetzt.

Doch was bedeutet das? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges? Und würde das tatsächlich die Apokalypse bringen? Watson klärt für euch die wichtigsten Fragen und hat mit dem Unsicherheits-Forscher Andreas Bock gesprochen.

Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf. (Undatiert).
Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf.Bild: A0009_dpa / dpa

Es ist lange her, dass die atomare Gefahr so real schien. Vor knapp 50 Jahren, im Jom-Kippur-Krieg, machte Israel seine Atombomben bereit – glücklicherweise einigten sich Israel, Ägypten und Syrien ohne einen nuklearen Anschlag. Während der Kuba-Krise zehn Jahre zuvor (1962) drohte aus dem Kalten Krieg ein heißer zu werden – doch auch hier konnten sich beide Parteien einigen, ehe eine Bombe gezündet wurde.

Putin begründet nun, im Jahr 2022, die Alarmbereitschaft seiner "Abschreckungseinheiten" mit dem aus seiner Sicht aggressiven Verhalten der Nato und den Wirtschaftssanktionen. Letztere nennt der Kreml-Chef illegal.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges?

Der US-Militärexperte James Acton sagt im Interview mit der dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", dass die Wahrscheinlichkeit eines Atomwaffeneinsatzes nicht sehr hoch sei. Gleichzeitig stellt der Physiker aber auch klar: "Das westliche Bündnis sollte bereit sein, zu sagen: Wenn Putin den Status quo ante wiederherstellt, dann werden wir die Zentralbank- und die Swift-Sanktionen aufheben." Putin müsse eine gesichtswahrende Möglichkeit gegeben werden, sich zurückzuziehen.

Der Politikwissenschaftler Andreas Bock gibt Acton recht. Bock ist Professor für Unsicherheitsforschung an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Zu Beginn des Gespräches stellt der Wissenschaftler klar, dass der russische Angriffskrieg eine eklatante Völkerrechtsverletzung darstellt und durch nichts zu rechtfertigen sei – trotzdem spricht er sich dafür aus, auf Putin zuzugehen. Anders ließe sich die Situation nicht auflösen.

Gegenüber watson sagt Bock:

"Wir haben jetzt den fünften Tag des Russland-Ukraine-Krieges und wenn wir es jetzt nicht schaffen, auf eine gemeinsame Verhandlungslösung zu kommen, die auch für Putin akzeptabel ist, besteht die Gefahr, dass der Krieg weiter eskaliert – und dass die ukrainische Infrastruktur so nachhaltig zerstört wird und so viele Menschen ihre Existenz verlieren, dass das aus meiner Sicht keine ernstzunehmende Option sein kann. Deshalb ist es letztlich alternativlos, Putin etwas anzubieten."
Konzept der Abschreckung
Bisher diente die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen zur Abschreckung. Denn im Falle eines Angriffes würde einer anderen Atommacht genug Zeit bleiben, ebenfalls eine Atombombe zu zünden und Richtung Kreml zu schicken.

Dass der russische Präsident tatsächlich eine Atombombe zünden wird, ist aus Sicht des Unsicherheitsforschers unwahrscheinlich. Nukleare Abschreckung funktioniere, weil niemand einen Atomkrieg gewinnen könne, sagt Bock und fügt an, dass ein nuklearer Verteidigungsschlag aber nicht auszuschließen sei, vor allem nicht, wenn sich Putin in die Ecke gedrängt fühle. "Wenn er sich so sehr in die Ecke gedrängt fühlt und den Krieg zu verlieren droht – und zwar so zu verlieren droht, dass er keine Kontrolle über den Ausgang hat – wäre eine weitere und das heißt dann: nukleare Eskalation von russischer Seite zumindest nicht auszuschließen", präzisiert Bock.

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Russlands Präsident Wladimir Putin.Bild: AA / Kremlin Press Service/Handout

Dass Putin bisher von einer nuklearen Antwort spreche, sei ein gutes Zeichen. Sorgen müsse sich der Westen machen, wenn der russische Präsident bereit wäre, einen nuklearen Erstschlag zu verantworten, meint der Professor. "Es ist zwar kein beruhigendes Signal, aber wenn man sich die Dynamik von Konflikten klarmacht, ist es – um eine vereinfachende Metapher zu benutzen – wie beim Pingpong-Spiel: Aktionen auf der einen Seite führen zu Reaktionen auf der anderen", sagt Bock.

Was außerdem gegen den Atomkrieg spreche: Die russische Armee hat noch nicht alle Register gezogen.

Bock führt aus:

"Bei allen Schrecken dieses Krieges: Noch gehen die russischen Soldaten nicht mit voller Härte vor und attackieren noch nicht gezielt auch die zivile Infrastruktur; eine solche Eskalation wäre auf russischer Seite durchaus noch möglich. Dass dies bislang unterblieben ist, würde ich als Hinweis sehen, dass Putin sehr wohl zu Kosten-Nutzen-Abwägungen fähig ist."

Um aber zu vermeiden, dass der Krieg weiter eskaliert, brauche es eine schnelle Lösung.

Besorgt und ernst zeigen sich der Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und die Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) – mit einem nuklearen Anschlag rechnen aber auch sie nicht. Lambrecht sagt im Deutschlandfunk: "Er [Putin] hatte es sich schneller vorgestellt und muss jetzt handeln und deswegen dieses Gebärden. Aber nichtsdestotrotz: Wir haben erlebt, wie unberechenbar Putin ist, und deswegen müssen wir jetzt sehr wachsam sein."

Informationen zu einer Reaktion der Nato gibt es bisher nicht. Klar ist, dass alle Nato-Staaten gemeinsam entscheiden müssen, wie sie mit der Bedrohungslage umgehen.

Würde ein Nuklearkrieg zwangsläufig die Apokalypse bringen?

Im Prinzip schon.

Wie der Unsicherheitsforscher Bock erklärt, gebe es zwar taktische Atomwaffen, die keine so extreme Zerstörungskraft hätten, wie die Bombe in Hiroshima. "Was aber alle Atombomben gemein haben, ist natürlich der nukleare Fallout", sagt Bock. Also die Strahlung und der schwarze Ascheregen, die einen Teil des betroffenen Gebietes unbewohnbar machten. "Die andere Frage ist natürlich, wie andere Staaten darauf reagieren: also ob sie konventionell darauf reagieren, oder ob sie einen nuklearen Erstschlag selbst auch nuklear vergelten", fügt der Professor an.

The devastation of the Japanese city of Hiroshima after the dropping of a nuclear bomb on 06.08.1945, which brought about the end of the Second World War. This picture was issued to mark the 50th Anni ...
Am 6.8.1945 beendete der Atombomben-Abwurf auf die japanische Stadt Hiroshima den Zweiten Weltkrieg.Bild: UPPA/Photoshot / UPPA B02 041353

Und diese mögliche nukleare Vergeltung ist die Grundlage der Abschreckungsstrategie. Ließen andere Atommächte Zweifel daran aufkommen, auf einen nuklearen Erstschlag mit einer nuklearen Vergeltung zu reagieren, könnte so ein nuklearer Krieg entstehen. Denn Putin hätte weniger Hemmungen, die erste Atombombe zu werfen.

Klar sei auch, dass die Atommächte Russland, USA, Großbritannien und Frankreich gemeinsam über genügend Nuklearwaffen verfügten, um die Erde zu zerstören. "Und auf diese Abschreckung müssen wir ein Stück weit vertrauen", sagt Bock.

Ist die Lage vergleichbar mit den Drohungen Putins 2014?

Ähnlich wie heute hat Putin bereits 2014 die russischen Nuklearwaffen als Drohung und Druckmittel eingesetzt. Damals ging es ihm, um die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim.

Der Friedens- und Konfliktforscher Oliver Meier schreibt in einem Aufsatz aus dem Jahr 2014: "Um das Risiko einer unbeabsichtigten Eskalation zu verringern, sollte es Priorität haben, direkte Kommunikationskanäle zwischen der Nato und Russland zu schaffen."

Warum bietet der Krieg auch ohne Bombe eine nukleare Gefahr?

Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine sind mehrere nuklearen Einrichtungen des Landes von den Kämpfen betroffen. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien warnt deshalb vor schwerwiegenden Atomunfällen.

In der Hauptstadt Kiew ist nach Angaben der Atomaufsichtsbehörde in der Nacht zum Sonntag ein Lager mit radioaktiven Abfällen von Flugkörpern getroffen worden. Das Gebäude sei nicht beschädigt, und es gebe keine Anzeichen für den Austritt von radioaktiver Strahlung, berichtet die IAEA. Einen Tag zuvor sei ein elektrischer Transformator in einer ähnlichen Einrichtung in der Nähe der Stadt Charkiw beschädigt worden.

PRIPYAT, UKRAINE - FEBRUARY, 2022: Pictured in this video screen grab is a soldier at the Chernobyl Nuclear Power Plant. Russian Airborne troops and the Ukrainian National Guard are providing security ...
Ein russischer Soldat in der Sperrzone bei Tschernobyl.Bild: Russian Defence Ministry / Russian Defence Ministry

"Diese zwei Vorfälle zeigen das sehr wirkliche Risiko, dass Einrichtungen mit Nuklearmaterial im Konflikt beschädigt werden und dass es zu möglichen schweren Folgen für Mensch und Umwelt kommt", sagt IAEA-Chef Rafael Grossi. Er ruft deshalb Russland und die Ukraine zu äußerster Vorsicht auf. Am Mittwoch soll der Gouverneursrat der IAEA in einer außerordentlichen Sitzung zur Lage in der Ukraine tagen.

Russische Truppen hatten am Donnerstag die Sperrzone um den Unfallreaktor Tschernobyl erobert. Dabei wurde radioaktiv belastete Erde aufgewirbelt, was zu leicht erhöhten Strahlenmesswerten führte.

(Mit Material von dpa)

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