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Aserbaidschan greift Armenien in Bergkarabach an – was hier vor sich geht

ARCHIV - 25.11.2020, Aserbaidschan, Charektar: Ein armenischer Soldat steht neben der Flagge von Berg-Karabach auf einem Hügel in der Nähe von Charektar in der separatistischen Region Berg-Karabach an ...
Der Konflikt um Bergkarabach spitzt sich weiter zu. Wieder herrscht in der Region Krieg. Bild: AP/dpa / Sergei Grits
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Aserbaidschan greift Armenien in Bergkarabach an – die wichtigsten Fragen und Antworten

19.09.2023, 15:2319.09.2023, 15:37
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Der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um Bergkarabach ist nicht neu. Bereits seit dem Zerfall der Sowjetunion herrschen dort Reibereien. Zwei Kriege sind in dem Gebiet seither ausgebrochen. Seit Monaten warnten Expert:innen vor einer humanitären Krise und einem Genozid in der Region. Nun spitzt sich die Lage weiter zu. Am Dienstag versetzte diese Meldung die Welt in Aufruhr: Aserbaidschan hat nach Angaben örtlicher Behördenvertreter mehrere Städte in der Kaukasus-Region angegriffen.

Stepanakert, die Hauptstadt des armenisch kontrollierten Gebiets in der langjährig umstrittenen Region, sowie andere Städte und Dörfer stehen demnach derzeit unter intensivem Beschuss. Dies teilte die Vertretung von Bergkarabach mit Sitz in Armenien mit. Laut armenischen Angaben auch mit Bodentruppen. Das Vokabular Aserbaidschans hingegen erinnert an jenes von Russland, das im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte. Das Land bezeichnet den Angriff als "groß angelegte Militäroffensive".

Wieder handelt es sich um einen Krieg, diesmal am Rande von Europa. Doch was genau geht hier vor sich? Watson liefert die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie ist die Lage in Bergkarabach?

Bereits am Dienstagmorgen war die Lage laut Medienberichten in der Region höchst angespannt. Die aserbaidschanische Regierung behauptete, Armenier aus Bergkarabach hätten mit Minen einen Anschlag auf aserbaidschanischen Gebiet nördlich von Bergkarabach verübt. Dabei seien sechs Polizisten ums Leben gekommen. Danach sollen erste Gefechte in der Region begonnen haben.

In Stepanakert waren am Dienstagnachmittag örtlicher Zeit Explosionen zu hören. Das berichtete ein AFP-Reporter. Demnach seien Präzisionswaffen eingesetzt worden, um auf armenische Militärpositionen und Einrichtungen, die von "Separatisten" genutzt werden, zu zielen. Auf einem von aserbaidschanischer Seite veröffentlichten Video ist zu sehen, wie ein Flugabwehrsystem vor der Hauptstadt zerstört wurde.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium in Baku hatte zuvor bekannt gegeben, "Anti-Terror-Einsätze" in der umstrittenen Region begonnen zu haben. Am Nachmittag folgte dann die Meldung durch den armenischen Premierminister Nikol Paschinjan. Dieser bestätigte, dass eine Bodenoffensive durch Aserbaidschan in Berg-Karabach gebonnen habe.

Wie begründet Aserbaischan diesen Krieg?

Das Verteidigungsministerium Aserbaidschans in Baku spricht von einem "systematischen" Beschuss durch Kräfte, die von Armenien unterstützt werden. Das Ministerium wirft dem Land vor, "Aufklärungsaktivitäten" durchzuführen und Verteidigungspositionen zu stärken.

Dies sei nun die Reaktion darauf.

Nun fordert Aserbaidschan den vollständigen Abzug aller armenischen Kräfte aus Bergkarabach als Voraussetzung für einen Frieden in der Region. Armenien bestreitet jedoch jegliche Präsenz von Soldaten vor Ort.

Was ist Hintergrund des Konflikts?

Die Reibereien zwischen Aserbaidschan und Armenien um Bergkarabach bestehen bereits seit dem Zerfall der Sowjetunion. Zwei Kriege um das Gebiet gab es seither. Das Problem: Bergkarabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, wird jedoch überwiegend von Armeniern bewohnt. Nach den sechswöchigen Kämpfen im Jahr 2020 mit mehr als 6500 Toten hatte Russland ein Waffenstillstandsabkommen vermittelt, durch das Armenien große Gebiete aufgeben musste.

Mit mittelmäßigem Erfolg.

Seitdem gibt es immer wieder tödliche Auseinandersetzungen an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze. In den vergangenen Monaten haben die Spannungen um das stark verminte Bergkarabach wieder deutlich zugenommen.

So war bereits seit mehreren Wochen ein massiver Truppenaufmarsch aserbaidschanischer Streitkräfte in der Region zu beobachten. Zudem soll es zahlreiche Transportflüge von Militärflughäfen in den verbündeten Staaten Israel und der Türkei nach Aserbaidschan gegeben haben.

Wie geht es den Menschen vor Ort?

Es gibt seit einiger Zeit internationale Befürchtungen, dass Aserbaidschan die armenische Bevölkerung vor Ort loswerden will. Ein Genozid wird befürchtet. Mit dem Beginn des Krieges in der Region Bergkarabach sehen zahlreiche Expert:innen nun den Beginn der "Ausrottung". Auch der armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan sagte am Dienstag in einer Fernsehansprache, die "ethnische Säuberung" gegen die armenische Bevölkerung in der Region habe begonnen.

Für die ansässige, überwiegend armenische Bevölkerung, spitzte sich die Lage in den vergangenen Monaten erneut zu: Seit Ende 2022 wurde der Verkehr durch den Latschin-Korridor massiv und zunehmend eingeschränkt. Es ist die einzige Landverbindung zwischen dem armenisch bewohnten Teil Bergkarabachs und Armenien. Dadurch kamen keine Hilfsgüter mehr in das Gebiet. Immerhin: Nach langen Verhandlungen durfte das Rote Kreuz am Montag zwei Lkw mit Gütern dort hinbringen.

Nur einen Tag später folgt nun der Angriff.

Aserbaidschan behauptet, dass die Zivilbevölkerung und -infrastruktur nicht das Ziel des Angriffs seien. Den Angaben zufolge seien außerdem humanitäre Korridore zur Evakuierung von Zivilist:innen eingerichtet worden, heißt es vonseiten des aserbaidschanischen Verteidigungsministeriums.

Die Realität sieht wohl anders aus: Das Arevik-Kinderkrankenhaus in Stepanakert bestätigte, dass sechs bis sieben Kinder dorthin verlegt wurden, wie "CivilNet" berichtete. Das Krankenhaus machte keine Angaben zu ihrem Zustand.

Gegham Stepanyan, der Menschenrechtsverteidiger von Bergkarabach, twitterte Fotos von Kindern, die angeblich bei den Kämpfen verwundet wurden. Ein Kind und eine weitere Person seien bereits getötet worden.

Eigentlich sollten russische Friedenstruppen, etwa 2000 Mann an der Zahl, die Armenier:innen in Bergkarabach schützen. Das besagt eine Friedensvereinbarung von 2020. Doch sie ließen die aserbaidschanischen Truppen seither aber weitgehend gewähren.

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Was sind die internationalen Reaktionen?

Der Kreml hat Aserbaidschan und Armenien aufgerufen, das "Blutbad" zu beenden. Alle Schritte für eine friedliche Lösung seien in den durch Moskauer Vermittlung ausgehandelten Abkommen festgelegt. Dies teilte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, mit.

Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock hat Aserbaidschan zum sofortigen Stopp seines militärischen Vorgehens aufgefordert. "Aserbaidschan muss den Beschuss sofort einstellen und an den Verhandlungstisch zurückkehren", sagte sie.

Auch der EU-Ratspräsident Charles Michel hat Aserbaidschan aufgefordert, seine Militäraktionen einzustellen, um einen "echten Dialog zwischen Baku und den Armeniern in Karabach" zu ermöglichen.

Der nordmazedonische Außenminister Bujar Osmani, der derzeitige OSZE-Vorsitzende, rief ebenfalls zu einer "sofortigen Deeskalation" aufgerufen: "Ich bin zutiefst besorgt über Berichte über Militäroperationen und die damit verbundene Gefahr für die Zivilbevölkerung in Stepanakert/Khankendi", sagte er. Der friedliche Dialog sollte die einzige Option sein.

(Mit Material von dpa/AFP)

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