Der 11. September 2001 änderte das Leben vieler Menschen – gerade PoC haben auch heute noch im Alltag mit den Auswirkungen zu tun.
Der 11. September 2001 änderte das Leben vieler Menschen – gerade PoC haben auch heute noch im Alltag mit den Auswirkungen zu tun.
Bild: AFP / Seth_Mccallister
watson-Story

"Seitdem bin ich für viele vor allem eines: Muslimin": Wie 9/11 das Leben von People of Color verändert hat

11.09.2021, 10:5612.09.2021, 11:19

Der 11. September 2001 hat das Leben vieler Menschen verändert. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland und dem Rest der Welt. Insgesamt knapp 3.000 Menschen aus 92 Ländern wurden Opfer der Terroranschläge in New York, Washington und im US-Bundesstaat Pennsylvania. Der Afghanistaneinsatz der Nato, der auf die Anschläge 2001 folgte, zog sich 20 Jahre hin und endete gerade erst – in einem humanitären Desaster.

Besonders stark haben viele People of Color (PoC) die Veränderungen gespürt. Viele von ihnen haben seit den Anschläge, die von islamistischen Terroristen begangen wurden, besonders stark unter Vorurteilen zu leiden. Vor allem dann, wenn sie Muslime sind – oder andere sie als Muslime wahrnehmen. Auch in Deutschland.

Verantwortlich für den Anschlag vom 11. September: Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden.
Verantwortlich für den Anschlag vom 11. September: Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden.
Bild: AFPI / -

Watson hat mit deutschen People of Color darüber gesprochen, wie sich ihr Leben seit den Anschlägen verändert hat.

Grünen-Politikerin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor: "Arabisch = Islamistisch = Terror"

Lamya Kaddor sagt, als sie am 11. September 2001 von dem Anschlag erfahren habe, sei ihr erster Gedank gewesen: "Hoffentlich waren das keine Palästinenser." Sie sei damals auf dem Weg an die Nordseeküste gewesen, zu einer Kur. Kaddor war damals 23 Jahre alt. Nachdem klar wurde, dass der Anschlag von Islamisten begangen worden war, habe sie gewusst, dass die kommenden Jahre hart würden.

Gegenüber watson spricht sie von drei Phasen, die sie als Muslima in Deutschland erlebt habe: Die Zeit vor dem Anschlag, die ersten zehn Jahre nach dem Anschlag und die Zeit bis heute.

Kaddor beschreibt die Veränderung so:

"Ich habe Islamwissenschaften und Arabistik in Münster studiert und kann mich noch gut daran erinnern, wie es vor den Anschlägen war. Während ich mit der Bahn zur Uni gependelt bin, habe ich oft mit einem arabischen Wörterbuch Texte übersetzt. Die Menschen haben mich interessiert angeschaut, Arabisch war exotisch. Nach 9/11 änderte sich das. Die Menschen schauten mich ängstlich an, wenn sie mein arabisches Wörterbuch sahen. Es hat ungefähr fünf bis 10 Jahre gedauert, bis sich das wieder gelegt hat."
Lamya Kaddor über die Auswirkungen des 11. September

"Arabisch = Islamistisch = Terror", so nennt Kaddor den Dreiklang, der sich nach den Anschlägen in den Köpfen vieler Menschen eingenistet habe. Mittlerweile habe sich die Angst wieder gelegt. Kaddor erklärt das damit, dass sich die Erinnerung an den Anschlag langsam verwachse. Er sei im kollektiven Gedächtnis nicht mehr dauerhaft präsent.

Lamya Kaddor ist Politikerin, Lehrerin und Islamwissenschaftlerin.
Lamya Kaddor ist Politikerin, Lehrerin und Islamwissenschaftlerin.
Bild: dpa / Jörg Carstensen

Doch nicht nur die Art und Weise, wie Menschen mit ihr umgingen und sie betrachteten, habe sich durch die Anschläge verändert – sondern auch ihr Studienfach. Kaddor sagt: "Vorher war Islamwissenschaften ein kulturwissenschaftliches Fach, im Wintersemester nach den Anschlägen war es plötzlich ein politisches." Ihr Jahrgang bestand aus acht Menschen. "Im Wintersemester 2001 waren es plötzlich 200 Menschen, die Arabistik und Islamwissenschaften studieren wollten", sagt sie.

Nicht nur ihr Studium politisierte sich, sondern auch Kaddor selbst. "Der 11. September 2001 hat mich politisiert und er hat meine Biografie verändert", sagt sie. Und das gilt ihrer Meinung nach für viele deutsche Muslime. Auch aufgrund der Debatte, die im Grunde bis heute anhalte: Nämlich die, ob der Islam zu Deutschland gehört. "Noch immer gibt es politisches Personal, das aus ideologischen Gründen nicht zwischen Islam und Islamismus differenzieren will", sagt Kaddor.

Mo Mohtadi: "Der Stempel muslimisch, arabisch und Nah-Ost wurde uns immer aufgedrückt"

Mo Mohtadi (Name von der Redaktion geändert) ist 38 Jahre alt, seit 32 Jahren lebt er in Deutschland. Genauer gesagt, im Ruhrgebiet. Geboren ist er im Iran. Als er sechs Jahre alt war, sind seine Eltern mit ihm und seinem kleinen Bruder geflohen – vor dem islamistischen Regime, das seit Ende der 1970er Jahre im Land herrscht. Mohtadi ist konfessionslos, trotzdem wird er aufgrund seines Aussehens häufig als Muslim wahrgenommen.

Als die Flugzeuge in die Zwillingstürme von New York flogen, war Mohtadi 18 Jahre alt. Er habe den Anschlag gemeinsam mit seinem Bruder auf NTV verfolgt, im heimischen Wohnzimmer. Dass er sich später noch häufiger für eine Religion, die nicht die seine ist, rechtfertigen müssen würde, sei ihm zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst gewesen.

Er sagt:

"Meine Eltern haben das eher geahnt als ich und mein kleiner Bruder. Aber man hat schon etwas gespürt. Also nicht direkt in dem Moment. Vielleicht auch nicht am nächsten Tag. Aber dann in politischen Diskussionen. Zum Beispiel, als der damalige US-Präsident George W. Bush zuerst den Irak in den Blick genommen hat, da hat man erwarten können, dass das Konsequenzen haben würde. Und wir haben keinen Einfluss darauf, wie Menschen mit uns umgehen, wie sie uns lesen."
Mo Mohtadi über die Auswirkungen des 11. September

Zwar habe er auch vorher schon oft erklären müssen, wo genau er herkomme oder wie das eigentlich mit dem Wahlrecht in Saudi-Arabien sei – in dem arabischen Emirat dürfen Frauen erst seit 2015 wählen – nach 9/11 waren diese Themen allerdings deutlich präsenter auf der gesellschaftlichen Agenda. "Der Stempel muslimisch, arabisch und Nah-Ost wurde uns immer aufgedrückt", sagt Mohtadi.

Menschen, die in die Moschee gehen, haben möglicherweise ein stärkeres Unsicherheitsgefühl seit den Anschlägen, schätzt Mohtadi.
Menschen, die in die Moschee gehen, haben möglicherweise ein stärkeres Unsicherheitsgefühl seit den Anschlägen, schätzt Mohtadi.
Bild: iStockphoto / Ersin Yilmaz
"Mir wurde immer angedichtet, ich würde nichts mit Mädchen zu tun haben wollen."
Mo Mohtadi, gegenüber watson

Was ihn ärgert? Dass nie gefragt werde, ob er dem Islam angehört, sondern direkt davon ausgegangen werde. "Mir wurde immer angedichtet, ich würde nichts mit Mädchen zu tun haben wollen, aufgrund meiner vermeintlichen Religion – dabei war ich einfach schüchtern", sagt er. Mit Angst oder Argwohn seien ihm die Menschen allerdings nicht begegnet.

Und auch unsicher hat er sich aufgrund seines Aussehens nur selten gefühlt. "Nach der Kölner Silvesternacht habe ich direkt einer Freundin gesagt 'Oh Scheiße, jetzt muss ich aufpassen, dass ich irgendwie nicht von irgendwelchen selbsternannten Bürgerwehren angegriffen werde'", sagt Mohtadi. Einmal habe er sich sogar ihr Pfefferspray geliehen, um sich auf dem Weg nach Hause sicherer zu fühlen.

Mohtadi kann sich vorstellen, dass jetzt, da der radikale Islam mit den Taliban wieder seinen Platz in den Medien und im öffentlichen Diskurs gefunden hat, die Skepsis gegenüber Muslimen oder vermeintlichen Muslimen wieder steigen könnte. Er sagt:

"Ich kann aber das nicht so gut einschätzen, weil ich, dadurch, dass ich nicht religiös bin, weniger betroffen bin, als jemand der in eine Moschee oder zu religiösen Zusammenkünften geht. Ich nehme an, dass die vielleicht nochmal ein anderes Unsicherheitsgefühl haben."
Mo Mohtadi über die Auswirkungen des 11. September

CDU-Politikerin: "Seitdem bin ich für viele vor allem eines: Muslimin"

Serap Güler, die Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, war 21 Jahre alt, als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen. Aufgewachsen ist sie als Kind einer türkischen Einwanderungsfamilie im Ruhrgebiet.

Serap Güler ist Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen.
Serap Güler ist Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen.
Bild: Flashpic / Jens Krick

"Bis 9/11 stand meine Religion, mein Glaube nicht im Vordergrund", sagt sie gegenüber watson. Danach allerdings schon: "Seitdem bin ich für viele vor allem eines: Muslimin." Es seien aber nicht nur Islamhasser, die ihr dieses Label verpassten, sondern auch Muslime.

Güler sagt:

"Muslime selbst definieren sich heute auch viel stärker über ihren Glauben als das zuvor der Fall war. Ich glaube, da kommt einiges zusammen. Einerseits ist es eine Trotzreaktion, weil man in vielen von uns gar nichts anderes mehr sieht, auf der anderen Seite der Versuch etwas zu beweisen: Schaut her, es gibt auch die gute Muslime, die keine Terroristen sind!"
Serap Güler, CDU-Politikerin über die Auswirkungen des 11. September

Zusammenfassend, sagt sie, sei es nach 9/11 schwieriger geworden, Muslimin zu sein.

Sophie Mukongo: "Ich glaube, uns Schwarze in Deutschland hat der 11. September nicht in dem Sinne getroffen"

Die Familie von Sophie Mukongo (Name von der Redaktion geändert) ist in den 1990er Jahren aus dem Kongo nach Deutschland geflohen. Sie ist Deutsche, hier geboren und aufgewachsen. Trotzdem wird sie oft gefragt, wie es ihr in Deutschland gefalle. Der Grund dafür: ihre Hautfarbe. Dass sich Schwarze erklären müssten, gefragt würden, woher sie wirklich kämen, das sei schon immer so gewesen. "Ich glaube, uns Schwarze in Deutschland hat der 11. September nicht in dem Sinne getroffen, dass wir danach eher verdächtigt oder sonst anders behandelt wurden", sagt Mukongo.

"Ich denke, wenn Menschen rassistisch sind, ist das ein grundsätzliches Ding. Das hat dann nichts mit dem 11. September zu tun."
Sophie Mukongo gegenüber watson

Sie selbst war damals noch sehr jung, gerade einmal fünf Jahre alt. Aber auch von ihrer Familie hat sie noch nie etwas anderes gehört. "Ich denke, wenn Menschen rassistisch sind, ist das ein grundsätzliches Ding. Das hat dann nichts mit dem 11. September zu tun", sagt Mukongo. Ihrer Erfahrung nach beschränkt sich der gewachsene Argwohn auf Menschen, die dem Islam angehören oder so gelesen werden können.

Der Großteil der Schwarzen in Deutschland sei christlich. "Ich habe bisher vielleicht eine Handvoll schwarzer Frauen in Deutschland gesehen, die ein Kopftuch getragen", sagt Mukongo. Sie fügt an: "Ich kann mir vorstellen, dass die nicht viel zu lachen haben. Schließlich sind sie doppelt benachteiligt."

Emel Tan: "Vorher war es nicht so, dass man sich in der Beweislast sah, zu zeigen, dass man selbst friedlich ist"

Emel Tan (Name von der Redaktion geändert) kommt aus der Nähe von Dortmund, sie ist 38 Jahre alt und Muslimin. Am 11. September 2001 war sie 18. Und ihr war direkt klar, dass sich für sie und alle anderen Muslime in Deutschland, Europa und den USA einiges ändern würde. Dass sie unter Generalverdacht gestellt werden würden.

"9/11 hat das Klima verändert", sagt sie. Im direkten Gespräch mit Mitbürgern habe sie das zwar nicht gespürt – es sei eher ein Gefühl gewesen. Dafür aber habe sich der Ton der Berichterstattung in den Medien geändert. "Das hat das Ganze nicht einfacher gemacht", sagt Tan. Seither müsse sie sich immer wieder für ihre Religion rechtfertigen. Emel Tan trägt ein Kopftuch. Unsicher habe sie sich zwar nie gefühlt, trotzdem gebe es Gebiete in Deutschland, die sie meide.

Sie berichtet:

"Ich finde es sehr traurig, dass sich muslimische Menschen immer rechtfertigen müssen, wenn solche Anschläge passieren. Das hat seither zugenommen. Vorher war es nicht so, dass man sich in der Beweislast sah, zu zeigen, dass man selbst friedlich ist."
Emel Tan, über die Auswirkungen des 11. September

Wie weitreichend die Folgen des Terroranschlages tatsächlich waren, sieht Tan bis heute. Nämlich dann, wenn sie ihre eigene Schulerfahrung mit der ihrer Kinder vergleicht:

"Meine Tochter kam gestern weinend von der Schule nach Hause. Sie ist in der zehnten Klasse, sie haben im Geschichtsunterricht die Anschläge vom 11. September durchgenommen. Im Schulbuch selbst ist das alles sehr differenziert dargestellt. Im Unterricht allerdings, wurde alles pauschalisiert. Alle Vorurteile wurden auf den Tisch gelegt. Meine Tochter trägt kein Kopftuch, eine Klassenkameradin von ihr aber schon. Meine Tochter meinte dann zu mir 'Wie muss sich nur das Mädchen mit dem Kopftuch gefühlt haben?'"
Emel Tan, über die Auswirkungen des 11. September
Auch in der Schule ist der Umgang mit Muslimen rauer geworden.
Auch in der Schule ist der Umgang mit Muslimen rauer geworden.
Bild: iStockphoto / zgr_pro

Tan findet, es reiche nicht, die westliche Sicht der Ereignisse und ihrer Folgen zu lehren. Vielmehr müsse auch gelehrt werden, wie mit muslimischen Menschen nach den Anschlägen der Terroristen umgegangen wurde – auch, um Rassismus und Ressentiments vorzubeugen. Und vor allem, um die muslimischen Schülerinnen und Schüler nicht in die Position zu drängen, sich selbst verteidigen zu müssen.

Sie sagt: "Aber leider haben die Lehrenden nicht den Weitblick und nicht die Sensibilität oder den vorurteilsfreien Blick auf andere Religionen und auch auf Andersdenkende."

Als Mutter hat sie den Eindruck, dass die Vorurteile und der Rassismus, mit dem sich die Kinder heutzutage in der Schule rumschlagen müssen, zugenommen haben. "Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich finde schon, dass das eine noch heftigere Zeit ist als die, in der ich in der Schule war."

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