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"Wir gehen nicht mehr einkaufen" – Lenny und Freja containern aus Überzeugung

Aus Protest gegen die Wegwerfmentalität gehen viele in Deutschland regelmäßig "containern". Sie fischen noch genießbare Lebensmittel aus den Tonnen von Supermärkten – und machen sich dabei strafbar. Lenny und Freja ernähren sich seit einem halben Jahr so.
16.06.2019, 17:01

Lenny und Freja holen sich ihre Lebensmittel immer abends. Sie wissen, welche Müllcontainer bei welchen Supermärkten sie ansteuern müssen, um fündig zu werden. Sie klettern mal über ein Tor, mal über einen Zaun – und holen sich Essen aus den Tonnen.

Lenny sagt:

"Es ist unglaublich, was da alles drin ist. Die Dinge sind alle verpackt und völlig in Ordnung."

Der 20-Jährige und seine 19 Jahre alte Freundin geben seit Monaten keinen Cent mehr für Lebensmittel aus, sondern "containern" nur noch. "Essen zu kaufen ist für mich keine Option mehr", sagt er. Zu viele Nahrungsmittel landeten im Müll: "Ich fühle mich dafür verantwortlich, das zu konsumieren, was weggeschmissen wird."

Am Morgen nach einer "ganz normalen Tour", wie sie sagen, ist der Kühlschrank der Veganer wieder voll: Acht Brokkoli, ein Kilo Tomaten, zwei Kilo Spargel plus Heidelbeeren, Aprikosen. Und etliche Bananen und sechs Flaschen Olivenöl haben sie auch "herausgefischt". Brot gebe es auch. Und auch Milchprodukte und Fleisch. Anfangs seien sie zweimal die Woche gegangen, erzählt Freja. "Aber jetzt containern wir bei einem Mal so viel. Das reicht für eine Woche." Sie seien selten alleine an den Tonnen, träfen meist auch andere Leute.

Containern ist illegal

Dass das sogenannte Containern, auch Mülltauchen genannt, illegal ist, ist Lenny und Freja bewusst. Das Marktgelände zu betreten ist Hausfriedensbruch, die Mitnahme von Lebensmitteln Diebstahl, auch wenn sie im Müll liegen. Im Januar wurden in Bayern zwei Studentinnen wegen Diebstahls verurteilt, weil sie aus dem Container eines Supermarkts Gemüse und Obst genommen hatten. Sie sind in Revision gegangen. Ein Vorstoß von Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne), das Containern straffrei zu machen, scheiterte in der vergangenen Woche auf der Justizministerkonferenz in Lübeck.

"Ich denke, dass Containern auf jeden Fall legal sein soll", hält Lenny dagegen.

"Es ist keine Straftat, Lebensmittel zu retten, die weggeworfen werden."

Der richtige Ansatz sei aber, generell weniger wegzuwerfen. "Im Endeffekt müsste man dann Containern gar nicht legalisieren. Dann hätte man dieses Problem nicht." Lenny findet nicht, dass er sich strafbar mache. "Ich handele nach meinem eigenen Rechtsgefühl. Und ich halte das, was ich mache, für sehr respektabel." Kriminell seien die, die so viel wegwerfen.

  • Jährlich landen in Deutschland nach Berechnungen der Universität Stuttgart fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll.
  • Mehr als die Hälfte davon (55 Prozent oder knapp 7 Millionen Tonnen) werfen die Verbraucher in den privaten Haushalten weg.
  • Heruntergebrochen auf einen einzelnen Menschen sind das 85.2 Kilo Essen pro Jahr, die in Abfalltonnen wandern.
  • Auch für Menschen in prekären Lebensverhältnissen gehört Containern zum Alltag.
Geht noch.
Geht noch.
Bild: www.imago-images.de

In Frankreich seien Supermarktketten bereits seit längerem per Gesetz dazu verpflichtet, übrig gebliebene Lebensmittel zu spenden statt sie wegzuwerfen, sagt Freja. "Das sollte es überall geben." In diese Richtung geht auch der jüngste Beschluss der Justizminister der Länder, die die Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung in den Mittelpunkt gestellt haben: Supermärkte sollten Nahrungsmittel einfacher beispielsweise an Tafeln spenden können, ohne dadurch Nachteile zu haben.

Ärger beim Containern haben Lenny und Freja in Deutschland bisher noch nicht bekommen. "Wir passen auch an den Containern immer gut auf, alles sorgsam wieder so zurückzulassen, dass wir niemanden verärgern." Zuvor waren sie in Griechenland und in Italien unterwegs: Da habe ein Ladenbesitzer sie mal zwingen wollen, die Produkte zurückzulegen. "Da haben wir so lange mit ihm diskutiert, bis er uns hat gehen lassen." Auch gesundheitliche Probleme hätten sie bislang keine gehabt.

"Schimmelige Sachen essen wir nicht."

Auch wenn sie nun ein halbes Jahr kein Geld mehr für Lebensmittel ausgegeben hätten: "Es geht uns nicht ums Geld", sagt Freja. Sie machten es aus Überzeugung: "Die weggeworfenen Lebensmittel sind Symptom einer Krankheit, die diese Gesellschaft befallen hat." Für die Produktion von Lebensmitteln werde viel Energie aufgebracht, teils würden die Produkte über lange Strecken eingeflogen. "Und dann landen sie einfach im Müll. Das kann ich nicht unterstützen."

(dpa)

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