Der russische Präsident Wladimir Putin mit dem Verteidigungsminister Sergei Shoigu bei der Militärparade am "Tag des Sieges", dem 9. Mai.
Der russische Präsident Wladimir Putin mit dem Verteidigungsminister Sergei Shoigu bei der Militärparade am "Tag des Sieges", dem 9. Mai.Bild: TASS / Alexei Nikolsky
Analyse

Russischer Wirtschaft droht "heftiger Absturz" durch Sanktionen – Was das für die Weltordnung bedeutet

27.05.2022, 18:5210.06.2022, 11:14

Die "diktatorische Position" des Westens beschleunige die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zu China. So sagte es zumindest der russische Außenminister Sergej Lawrow Anfang der Woche laut der Staatsagentur Tass.

Er sieht die Zukunft der Wirtschaft Russlands in Eurasien. Neben China nannte Lawrow noch Indien und Iran. Auf diese drei Länder wolle sich das Land mit seinen Handelsbeziehungen künftig verlassen. Russland wolle sich sogar "ernsthaft überlegen", ob sie die Wirtschaftsbeziehungen in den Westen wieder aufnehmen wollten – sofern er das anbieten sollte.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bei einem Treffen mit Annalena Baerbock im Januar.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow bei einem Treffen mit Annalena Baerbock im Januar.Bild: PHOTOTHEK / Janine Schmitz

Das sind die Konsequenzen, die Russland aufgrund der verhängten Sanktionen des Westens zieht. Unter anderem die USA, die EU und weitere westliche Staaten hatten nach dem brutalen Einmarsch Russlands in die Ukraine vor rund drei Monaten umfangreiche Sanktionen gegen das Land verhängt.

Annexion der Krim
Im März 2014 wurde die ukrainische Halbinsel Krim von Russland annektiert (völkerrechtswidrig eingegliedert). Zuvor wurde durch prorussische Separatisten ein Referendum durchgeführt. Die Mehrheit stimmte für die Eingliederung der Krim in Russland. Die Ukraine und die Vereinten Nationen bezeichneten das als völkerrechtswidrig. Der Konflikt dauert bis heute an und hat die Krise zwischen Russland und der Ukraine verschärft.

Diese verschärfen die bestehenden Sanktionen aus dem Jahr 2014 gegen Russland. Sie erfolgten damals als Reaktion auf die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim. Mit den Verschärfungen soll gezielt die russische Wirtschaft geschwächt, aber auch der Angriffskrieg für die russische Bevölkerung – als Druckmittel – spürbar gemacht werden.

Dazu soll Russland größtenteils vom internationalen Finanzsystem abgeschnitten werden. Die Hälfte der Reserven der russischen Zentralbank wurden eingefroren. Was zur Folge hatte, dass der Rubel-Kurs um mehr als 40 Prozent gefallen ist und sich die meisten westlichen Unternehmen aus dem Land zurückgezogen haben. Durch EU-Einreiseverbote und Einschränkungen unter anderem im Import und dem internationalen Flugverkehr soll der Druck auf den Kreml erhöht werden. Mehrere hunderttausend Russinnen und Russen sind deshalb bereits ins Ausland geflohen.

Wenn sich Russland jetzt nur noch auf drei Staaten verlassen will – Handel mit China, Indien und Iran – was bedeutet das für die russische Wirtschaft? Implodiert das System? Darüber hat watson mit Wirtschaftswissenschaftler Roland Götz und Heiko Pleines von der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen gesprochen.

Keine vollständige Abwendung vom Westen zu erwarten

"Wenn Russland nur noch mit diesen Ländern wirtschaftlich und politisch eng zusammenarbeiten wollte, würde es sich in vertiefte Abhängigkeit von zwei wirklichen ökonomischen Großmächten (China und Indien) begeben, die ihm ihre eigenen Bedingungen diktieren könnten", sagt Roland Götz auf Nachfrage von watson. Der Wirtschaftswissenschaftler und Autor hat unter anderem für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin gearbeitet.

Das Gegengewicht einer Zusammenarbeit mit dem Westen oder Japan würde dann in Russland fehlen. Das angekündigte Vorhaben, nur noch mit China, Indien und Iran zusammenarbeiten zu wollen, hätte außerdem keine Vorteile für Russland, sagt der Volkswirt. Denn das Land betreibe bereits Handel mit China und Indien.

"Weder China noch andere Teile der Welt können Russlands Handel mit dem Westen kurzfristig ersetzen."
Heiko Pleines, Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen

Zudem seien die russischen Äußerungen, sich wirtschaftlich vom Westen abzuwenden, immer mit Vorsicht zu genießen, sagt Heiko Pleines zu watson. Denn während Sergej Lawrow in dieser Woche vor allem von China sprach, betonte der russische Industrieminister Denis Manturow fast zeitgleich die Zusammenarbeit mit den BRICS-Staaten. Darunter auch Brasilien und Südafrika, erklärt Pleines.

Damit meint er die ehemaligen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, die sich durch hohes Wirtschaftswachstum ausgezeichnet haben.

Und auch das Thema Energielieferungen werde eher als Druckmittel von Russland im Verhandlungspoker mit dem Westen genutzt, sagt Pleines. Das Land verweist immer wieder auf eine Nachfrage aus Asien. Aktuell sollten diese Aussagen auch der eigenen Bevölkerungen zeigen, dass die westlichen Sanktionen Russland keine Probleme bereiten würden.

Russischer Wirtschaft droht "heftiger Absturz" durch Sanktionen

Dadurch würden laut Pleines zwei Probleme entstehen: "Erstens können weder China noch andere Teile der Welt Russlands Handel mit dem Westen kurzfristig ersetzen." Und zweitens würden viele der westlichen Sanktionen auch Firmen weltweit umfassen.

Beim Handel betreffe das vor allem die Sektoren Energie und Computerchips. Denn Russland nutzt Pipelines für den Export von Erdgas und Erdöl. Der Großteil davon geht nach Europa. Neue Pipelines zu bauen, würde Jahre dauern und Milliarden Dollar kosten, sagt Pleines. Und auch das Ersetzen der Pipelines durch Hafenterminals und Tankschiffe würde nicht schneller gehen.

Eines der größten Öl- und Gasfelder im Osten Russlands. Es gehört Gazprom.
Eines der größten Öl- und Gasfelder im Osten Russlands. Es gehört Gazprom.Bild: TASS / Kirill Kukhmar

Die Computerchips und Spezialmaschinen, die Russland wiederum aus dem Westen bezieht, könnten nicht von anderen Ländern hergestellt werden, sagt Pleines.

Die Unternehmen, die mit Russland von Sanktionen betroffene Geschäfte machen wollten, könnten dann keine Geschäfte mit der USA mehr machen, erklärt der stellvertretende Direktor der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen. Müssten sich indische oder chinesische Firmen zwischen dem russischen oder dem westlichen Absatzmarkt entscheiden, so würden sie deshalb den Westen wählen.

Entscheidend sei deshalb, wie weit die westlichen Sanktionen gehen werden, sagt Pleines. Aktuell sind Erdöl- und Erdgaslieferungen kaum von den Sanktionen betroffen. Sie machen jedoch die Hälfte aller russischen Exporte aus. "Falls – und das ist noch nicht garantiert – die westlichen Sanktionen so greifen, wie aktuell geplant, dann droht der russischen Wirtschaft ein heftiger Absturz", sagt er. Das würde auch den Lebensstandard der russischen Bevölkerung nachhaltig verschlechtern.

Russland wird zu keinem zweiten Nordkorea

Immer wieder werden Vergleiche zwischen Russland und Nordkorea gezogen. Nordkorea hat sich so gut wie komplett von der Weltwirtschaft abgekoppelt.

Dabei gibt es entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Götz sieht unter der Herrschaft Putins kein zweites Nordkorea heranwachsen: Russlands Volkswirtschaft sei ökonomisch viel weiter entwickelt und breiter aufgestellt als die Nordkoreas. Und die russische Landwirtschaft sei so leistungsfähig, dass sie das Land auch bei einer wirtschaftlichen Abschottung zum Westen ernähren könnte, sagt der Wirtschaftswissenschaftler.

Wolle man Russland vergleichen, dann nicht mit Nordkorea, sondern eher mit dem Iran, sagt Pleines.

Denn Russland besitze – ähnlich wie der Iran – wichtige Exportgüter und könne – mehr noch als der Iran – für den Eigenbedarf selbst produzieren. Allerdings würden diese Produkte dann, ohne die Zulieferungen vom Weltmarkt, stark in ihrer Qualität nachlassen, prognostiziert Pleines.

Auch Stefan Meister, Russland-Experte und Leiter des Programms Internationale Ordnung und Demokratie bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), sieht ein künftiges Sinken des russischen Lebensstandards. Allerdings sei es aufgrund seiner Bedeutung für die globalen Energie- und Rohstoffmärkte nicht möglich, dass sich Russland komplett isoliere. Das schreibt er in einem Gastbeitrag bei "Focus Online". Somit würde Russland weder zu einem zweiten Nordkorea, noch zu einem zweiten Iran.

Folgen für die Weltwirtschaft "dramatisch"

Würde Russland seine Drohung wahr machen und keine Energie mehr nach Europa liefern – sondern nur noch nach Indien, China oder Iran exportieren – wäre das für die EU problematisch, sagt Pleines. Zwar rechne der Internationale Währungsfond (IWF) in einem solchen Fall für Deutschland mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um bis zu sechs Prozent in den nächsten zwei Jahren – diese Prognose sei allerdings schwierig und der Einbruch wäre nur vorübergehend, betont Pleines.

Und weiter:

"Die russische Behauptung, dass der Westen sich selber mit den Sanktionen am meisten schadet, ist eindeutig ein Märchen. Die optimistischen Prognosen für Russland erwarten für dieses Jahr einen Einbruch des BIP um 8 bis 10 Prozent."

Auch Robin Brooks, Chefökonom der Handelsgruppe Institute of International Finance, schreibt auf Twitter: "Russlands Wirtschaft implodiert." Das Institut prognostiziere einen BIP-Einbruch von minus 30 Prozent bis Ende 2022.

Allerdings hat Russland die Veröffentlichung seiner Handelsdaten nach dem Einmarsch in die Ukraine Ende Februar eingestellt.

Laut Wirtschaftswissenschaftler Götz werde die russische Wirtschaft die Abwendung von den westlichen Märkten zwar überleben, aber keineswegs davon profitieren. China, Indien und der Iran könnten keine Entwicklung in Russland vorantreiben. Zwar sei keine Kritik von China und Indien zu erwarten, aber:

"Mit der weiteren Annäherung an den Iran würde Russland mehr als bisher in die Nahost-Konflikte verwickelt."

Für die Weltwirtschaft sei vor allem die russische Blockade ukrainischer Getreidelieferungen dramatisch, sagt Pleines. Das führe in ärmeren Ländern zu Hungersnöten. Und auch die hohen Energiepreise durch die Blockade russischer Energielieferungen hätten dramatische Konsequenzen: Sie waren maßgeblich für den Staatsbankrott Sri Lankas.

Weder Russland selbst, noch die Weltwirtschaft hätte also Vorteile von der Abschottung von westlichen Märkten. Die allerdings ohnehin fast unmöglich ist. Ein zweites Nordkorea droht der Welt also nicht.

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