Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Zeremonie am 12. Juni in Moskau.
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Zeremonie am 12. Juni in Moskau.Bild: www.imago-images.de / imago images
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Berüchtigte Söldner der "Gruppe Wagner": Welche Rolle spielt Russlands "Schattenarmee"?

16.06.2022, 10:4616.06.2022, 11:03

Offiziell gibt es sie gar nicht: Söldner, also gegen Geld kämpfende Soldaten, die im Dienste Russlands operieren. Und doch meldete die Ukraine vor einigen Tagen: Eine Söldnerbasis der sogenannten russischen "Wagner"-Gruppe sei komplett ausgelöscht worden. Und es soll nur einen Überlebenden gegeben haben. So schreibt es zumindest der Chef der lokalen Militäradministration in Luhansk, Serhij Hajdaj, auf Twitter.

Die "Gruppe Wagner" wurde zuletzt mit dem Schürfen von Gold im afrikanischen Sudan in Verbindung gebracht.

Bei der Basis handelte es sich um ein Fußballstadion in der von prorussischen Rebellen kontrollierten Stadt Kadijewka im Osten der Ukraine. Bei dem Einsatz wurde es komplett zerstört, wie auf dem Video von Hajdaj zu sehen ist.

Wie viele Angehörige der "Gruppe Wagner" getötet wurden, lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Die Angaben von ukrainischen und ausländischen Medien variieren zwischen 22 und 300 getöteten Söldnern.

Die "Gruppe-Wagner" wird vor allem mit Folter, Vergewaltigungen und Mord in Verbindung gebracht. Sie gilt als skrupellos, brutal, mordlustig. Und war schon in Ländern wie Syrien, Libyen, der Zentralafrikanischen Republik und dem Sudan im Einsatz.

Was will Russlands "Schattenarmee" mit dem Gold, wer ist die "Gruppe Wagner" und welche Rolle spielt sie im russischen Angriffskrieg in der Ukraine? Watson hat die wichtigsten Antworten für euch zusammengefasst.

Wer ist die "Gruppe Wagner"?

Sie gilt als "Schattenarmee" des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die "Gruppe Wagner" ist 2014 als Gruppe von Söldnern entstanden, die vom Kreml unterstützt wurden. Sie hatte auch Putins ersten Vorstoß in die Ostukraine in demselben Jahr unterstützt. Später wurde die "Gruppe Wagner" dann unter anderem nach Syrien entsandt.

"Moskau leugnet die Verbindung, um sich alle Optionen offen zu halten."
Ulf Laessing, Stiftungsvertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mali für die Sahelregion

Die "Gruppe Wagner" ist ein russisches privates Sicherheits- und Militärunternehmen. Die Söldner-Einheiten operieren verdeckt. Als Gründer gilt der Neonazi Dmitri Utkin mit dem Kampfnamen "Wagner", unter dem die Gruppe bekannt ist. Seinen Namen wählte Utkin in Anlehnung an den deutschen Komponisten Richard Wagner aus dem 19. Jahrhundert. Er galt als Adolf Hitlers Lieblingskomponist. Näheres ist nicht über den Werdegang des Kommandeurs bekannt.

Als Eigentümer und Finanzierer der Organisation gilt allerdings der russische Unternehmer und Putin-Vertraute Jewgeni Prigoschin. Er ist auch bekannt unter dem Namen "Putins Koch".

"Putins Koch"
Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin ist ein russischer Unternehmer. Er betreibt neben seinem Gastronomieunternehmen Konkord das einzige private Restaurant im Gebäude des russischen Parlaments in Moskau. Beobachter werfen ihm die Verstrickung in verdeckte Propagandaaktivitäten der russischen Regierung vor. Sein wirtschaftlicher Erfolg wird auf die Protektion durch Putin zurückgeführt.

Warum leugnet Russland die Verbindung zur "Gruppe Wagner"?

Neben den Verbindungen zwischen Jewgeni Prigoschin und dem russischen Präsidenten gibt es Belege dafür, dass Putin den "Wagner"-Gründer Utkin mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet hat. Außerdem soll Utkin an einem Empfang im Kreml teilgenommen haben.

Darüber hinaus bestätigte Marat Gabidulin, ein ehemaliger Söldner der "Gruppe Wagner", in einer Dokumentation des ZDF-Formats "frontal", dass es sich bei der Organisation nicht etwa um ein privates Militärunternehmen handelt. Sondern die "Gruppe Wagner" tatsächlich ein Teil des russischen Verteidigungsministeriums ist.

Jewgeni Prigoschin nach einer Sitzung des russisch-türkischen Kooperationsrates 2017.
Jewgeni Prigoschin nach einer Sitzung des russisch-türkischen Kooperationsrates 2017.Bild: imago stock&people / ITAR-TASS

Trotzdem bestreitet der Kreml jegliche Verbindung zur "Gruppe Wagner".

"Moskau leugnet die Verbindung, um sich alle Optionen offen zu halten", sagt Ulf Laessing, Stiftungsvertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Mali für die afrikanische Sahelregion, auf Anfrage von watson.

Laessing fügt hinzu:

"Frei nach dem Motto: Wenn eine Söldner-Operation erfolgreich war, behaupten wir, es handelt sich um eine offizielle Militärkooperation. Wenn Wagner scheitert, bestreitet man, dass Russland involviert war."

Zudem würden der Gruppierung immer wieder Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Damit wolle Russland offiziell nichts zu tun haben, meint der Experte.

Welche Ziele verfolgt die "Gruppe Wagner"?

Laut dem britischen Geheimdienst sind mindestens 1000 Kämpfer der "Gruppe Wagner" im russischen Angriffskrieg in der Ukraine aufgetaucht.

Zuletzt waren Söldner der Organisation im Bürgerkrieg in Syrien aktiv und kämpften außerdem im libyschen Bürgerkrieg auf der Seite des Generals Chalifa Haftar. Es werden zudem "Ausbildungseinsätze" in der Zentralafrikanischen Republik durchgeführt.

"Russland nutzt die Wagner-Firma, um vor allem in Afrika geopolitisch zu expandieren und Zugang zu Rohstoffen zu bekommen", sagt Laessing. Außerdem wolle Russland durch die "Gruppe Wagner" überall dort in Afrika Fuß fassen, wo der Westen in der Kritik stehe. In Mali oder der Zentralafrikanischen Republik, zählt der Experte auf, gebe es beispielsweise starke Stimmung gegen Frankreich.

Weitere Einsatzländer der "Gruppe Wagner" sind außerdem Armenien, Mali, Mosambik, Venezuela, Belarus und der Sudan. Es gibt zudem Hinweise auf Operationen in weiteren afrikanischen Ländern.

Bekannt sind die meisten dieser Länder vor allem für die dort seit vielen Jahren vorherrschenden Bürgerkriege. Der Sudan wird allerdings noch mit etwas anderem in Verbindung gebracht: nämlich Gold und seinem Uranvorkommen.

Was macht die "Gruppe Wagner" im Sudan?

Die "Gruppe Wagner" ist mehr als nur eine Kriegsmaschine, die in die Bürgerkriegsregionen in Afrika entsandt wird. Der Sudan ist der drittgrößte Goldproduzent des Kontinents. Die Organisation ist im Sudan an lukrative Genehmigungen für Bergbau gekommen. Das ermöglicht ihnen das Goldschürfen in diesem Land.

Experten befürchten, dass dieser ansteigende russische Goldvorrat nun indirekt zur Finanzierung des Kriegs in der Ukraine genutzt werden könnte. Oder zumindest, um die Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen in Russland aufgrund Putins Angriffskrieges abzuschwächen.

Afrika-Experte Laessing sieht in der "Gruppe Wagner" ein "inoffizielles Instrument Russlands", um in Afrika zu expandieren. Er vergleicht dieses Vorgehen mit dem Chinas. Die Volksrepublik baut in Afrika Straßen oder Schulen und wird dafür mit Rohstoffen oder Handelsrechten bezahlt.

Dennoch ist der Experte nicht der Meinung, dass durch die Produktion von Gold oder etwa Diamanten im Sudan oder der Zentralafrikanischen Republik der Krieg in der Ukraine bezahlt werde.

Er fügt hinzu:

"Aber: Diese Goldgewinne helfen der russischen Zentralbank sicherlich, ihre wegen westlicher Sanktionen gebeutelten Währungsreserven aufzustocken und die Wirtschaft zu stabilisieren. Zugang zu Gold dürfte auch ein Grund sein, warum Russland seine Militärkooperation mit Mali ausgebaut hat."

Wer sind die Menschen "dahinter"?

Laessing vermutet unter den Wagner-Söldnern häufig ehemalige russische Soldaten. Aber auch Ex-Soldaten aus anderen Ländern sowie aus vielen zivilen Berufsgruppen, wie beispielsweise Geologen. Diese sind vor allem für die Erschließung von Goldminen – etwa im Sudan – wichtig.

Ein "Wagner"-Aussteiger teilt die Menschen der Organisation in der ZDFinfo-Dokumentation "Russlands Schattenarmee - Kampfeinsatz in Libyen" in drei Gruppen ein.

Die erste Kategorie: die Männer, die sich kein anderes Leben vorstellen können. "Sie sind die geborenen Söldner. Dieser Job ist die einzige Art, wie sie leben und ihr Geld verdienen wollen", sagt ein Ex-Söldners (in der Doku von einem Schauspieler nachgesprochen).

Gruppe zwei seien die Menschen, die keine Hoffnung mehr hätten, sagt der Aussteiger. "Sie wissen nicht, wovon sie sonst leben sollen. Sie kommen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt."

Die zerstörte mutmaßliche Basis der "Gruppe Wagner" in der Ukraine, Luhansk.
Die zerstörte mutmaßliche Basis der "Gruppe Wagner" in der Ukraine, Luhansk.Bild: www.imago-images.de

"Und Kategorie drei: die Romantiker. Träumer auf der Suche nach einem Adrenalin-Kick, die außerdem ihrem Vaterland dienen wollen."

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch werden der "Gruppe Wagner" schwere Menschenrechtsverletzungen in der Zentralafrikanischen Republik vorgeworfen. Darunter: Tötung von Zivilisten und Folter.

Auch der Auslandsgeheimdienst Bundesnachrichtendienst (BND) bestätigt nach dem Sichten von Videoaufnahmen aus Syrien und dem Abhören von Funksprüchen Menschenrechtsverletzungen in Form von Folter und Hinrichtungen.

Was wird gegen die "Gruppe Wagner" unternommen?

Seit 2017 steht die "Gruppe Wagner" auf der Sanktionsliste der USA gegen russische Unternehmen und Personen. Auch die EU setzte sie im Dezember 2021 wegen "schwerer Menschenrechtsverstöße" auf eine Sanktionsliste.

Das bedeutet konkret, dass die in der EU vorhandenen Vermögenswerte eingefroren werden und ein Einreiseverbot sowie Geschäftsverbot in der EU erlassen wurde.

Laut Laessing würden die Sanktionen zwar eine gewisse Erschwerung für die Geschäfte der "Gruppe Wagner" bedeuten. Aber durch die Expansion in afrikanischen Ländern, wie Libyen oder Sudan, sei die Wirkung der Sanktionen dennoch begrenzt.

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