Die Wünsche von 2020 haben sich nicht erfüllt: Das zweite Weihnachten in der Corona-Krise ist da. Doch die Aussichten sind besser, als viele denken.
Die Wünsche von 2020 haben sich nicht erfüllt: Das zweite Weihnachten in der Corona-Krise ist da. Doch die Aussichten sind besser, als viele denken.Bild: www.imago-images.de / CHRISTIAN OHDE
Analyse

Die Corona-Lage an Weihnachten ist schlimm, aber nicht zum Verzweifeln: Vier gute Gründe für Hoffnung mitten in der Krise

24.12.2021, 14:5325.12.2021, 09:15

Nächstes Jahr ist das alles vorbei.

Es war vermutlich der häufigste Wunsch, den Menschen in Deutschland an Heiligabend 2020, zum ersten Weihnachten dieser Jahrhundert-Pandemie, ausgesprochen oder gedacht haben. Er hat sich nicht erfüllt: Auch Weihnachten 2021 findet im Schatten des Coronavirus statt.

Mehrere Tausend Menschen liegen hierzulande gerade mit Covid-19 auf der Intensivstation, hunderte sterben täglich. Die Omikron-Variante breitet sich rasant aus, am Tag vor der Bescherung hat das Robert-Koch-Institut (RKI) den ersten Toten durch die Mutante gemeldet. Auf den Straßen Deutschlands zünden Gegner der Schutzmaßnahmen Barrikaden an, einige von Ihnen verschicken Morddrohungen an Politikerinnen und Mediziner, hunderte versammeln sich vor den Wohnungen von Amtsträgern.

Nach den Feiertagen werden im ganzen Land die Clubs schließen, ebenso die Sportstadien für Zuschauer. Es droht, schon wieder, ein Lockdown in den dunkelsten und kältesten Wochen des Winters. Wie soll man in dieser Situation festliche Laune bekommen?

Indem man auf Entwicklungen sieht, die in der Corona-Krise positiv stimmen, trotz all der düsteren Nachrichten.

watson nennt vier Gründe für Hoffnung an Weihnachten.

Die Impfstoffe wirken sensationell gut, nach wie vor

Ansteckungszahlen in Rekordhöhe, Intensivstationen, die sich mit Patienten füllen, nach und nach heftigere Einschränkungen für das öffentliche Leben: Auf den ersten Blick sieht die Weihnachtszeit 2021 der von 2020 verdammt ähnlich. Auf den zweiten Blick aber ist leicht festzustellen, was den mit Abstand größten Unterschied macht: Es sind die Impfstoffe gegen Covid-19.

Die in der EU zugelassenen Mittel haben vor allem einen Zweck: Sie sollen Menschen davor schützen, schwer an der vom Coronavirus ausgelösten Seuche zu erkranken. Und diesen Zweck erfüllen sie nach wie vor ausgezeichnet. Zur Erinnerung: 2020 wurden etwa am 22. Dezember 984 Covid-19-Todesfälle gemeldet, bis Anfang Januar stieg der Sieben-Tages-Schnitt der Toten auf über 800. Ein Jahr später sind es am 22. Dezember 474 Tote, bei einem Sieben-Tages-Schnitt unter 400, der derzeit sogar leicht sinkt.

Impfschub vor Weihnachten: In Hannover stehen Menschen an, um sich ihre Dosis Schutz gegen Covid-19 zu holen.
Impfschub vor Weihnachten: In Hannover stehen Menschen an, um sich ihre Dosis Schutz gegen Covid-19 zu holen. Bild: dpa / Moritz Frankenberg

Obwohl die Virusvarianten Delta und Omikron das Infektionsgeschehen erheblich beschleunigt haben: Die Schutzwirkung einer Impfung gegen eine schwere Erkrankung bleibt sehr hoch. 90 Prozent Wirksamkeit gegen eine schwere Erkrankung und 75 gegen eine symptomatische: Im Vergleich zu Impfstoffen gegen andere Krankheiten (etwa die saisonale Grippe) ist das nach wie vor enorm viel.

Und obwohl die Impfstoffe gegen die bloße Ansteckung mit dem Virus schwächer wirken als gegen eine schwere Erkrankung: Eine Impfung senkt auch das Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken, erheblich. An acht bis neun von zehn Infektionen ist laut einer Simulationsstudie der Humboldt-Universität Berlin mindestens eine ungeimpfte Person beteiligt.

Ja, gegen die Omikron-Variante wirken die Impfstoffe weniger gut als gegen Delta und Alpha. Aber die Hersteller Biontech und Moderna arbeiten schon an Vakzinen, die an die Mutation angepasst sind. Laut dem Biontech-Vorstandsvorsitzenden Uğur Şahin könnten die ersten Dosen des angepassten Stoffs im März ausgeliefert werden.

Und wahr ist auch: Einige Wochen nach den ersten zwei Impfdosen lässt der Schutz gegen das Virus erheblich nach. Aber eine dritte Impfdosis, der Booster gegen Covid-19, treibt den Schutz wieder weit nach oben, auch gegen die Omikron-Variante, mit den jetzt schon verfügbaren Impfstoffen.

Womit wir bei dem zweiten Grund für Hoffnung wären: der Booster-Kampagne.

Die deutsche Booster-Kampagne kommt schnell voran

In den ersten Monaten des Jahres 2021 war das Gejammer groß, weil die deutsche Impfkampagne in den Augen vieler zu langsam lief. "Impfneid" und "Impfdrängler" waren in den Medien beliebte Worte. Erst ab dem späten Frühjahr wurde es nach und nach einfacher für alle, sich impfen zu lassen.

Die Kampagne für den Corona-Booster kommt im Vergleich dazu deutlich schneller voran.

Gesundheitsminister Lauterbach ist optimistisch: Bis Ende Januar könnten insgesamt 60 Millionen Booster-Dosen verimpft werden.
Gesundheitsminister Lauterbach ist optimistisch: Bis Ende Januar könnten insgesamt 60 Millionen Booster-Dosen verimpft werden.Bild: imago images / Reiner Zensen

30 Millionen Auffrischungsimpfungen bis Ende des Jahres: Dieses Ziel hat die neu gebildete Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP formuliert. Kurz vor Weihnachten ist das Ziel schon fast erreicht, 28 Millionen Booster-Dosen sind schon in die Oberarme gespritzt worden. Bis Ende Januar 2022 soll die gleiche Menge hinzukommen, das bestätigt das Bundesgesundheitsministerium am Donnerstag auf watson-Anfrage.

Ein Sprecher erklärt:

"Zusätzlich zu den bis Ende des Jahres angepeilten 30 Millionen Booster-Impfungen seit Mitte November sollen bis Ende Januar weitere 30 Millionen hinzukommen."

Deutschland bleibt in dieser Jahrhundertkrise erstaunlich stabil

Man muss sich das immer wieder bewusst machen: Die Covid-19-Pandemie ist die tödlichste globale Seuche seit 100 Jahren. Knapp 5,4 Millionen Menschen sind bis 23. Dezember weltweit an ihr gestorben, das ergeben die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität im US-Bundesstaat Maryland. Seit der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 wohl 50 Millionen Menschen das Leben kostete, hat keine Viruserkrankung in so wenig Zeit so viel Leid verursacht.

Blickt man einerseits auf das historische Ausmaß dieser Krise und andererseits darauf, wie sich Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Deutschland seit dem Ausbruch der Pandemie entwickelt haben, wird deutlich: Das Land ist erstaunlich stabil geblieben.

Ja, es finden in deutschen Städten Woche für Woche sogenannte Corona-Demos statt, bei denen Rechtsextreme mitmarschieren und ihre Parolen vom Umsturz in die Winterluft brüllen. Extremisten rotten sich vor den Wohnungen von Amtsträgern wie dem thüringischen Innenminister Georg Maier und der sächsischen Sozialministerin Petra Köpping zusammen. Maskenverweigerer greifen Menschen an, die sie auf die Hygienemaßnahmen hinweisen, im September erschoss einer von ihnen einen jungen Tankwart im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein.

Wahr ist aber auch, dass das eine Minderheit ist. Eine sehr laute, in Teilen erschreckend radikale Gruppe von Menschen. Aber es ist ein kleiner Teil der Gesellschaft. Die meisten bleiben vernünftig, verantwortungsvoll, viele sind solidarisch und mitfühlend.

Die Historikerin Hedwig Richter, die Professorin an der Universität der Bundeswehr München ist und seit Jahren zur Geschichte der deutschen Demokratie forscht und veröffentlicht, zeichnet gegenüber watson ein ziemlich optimistisches Bild:

"Keine Frage, die Welt sieht eher düster aus. Doch es ist erstaunlich, wie stabil die Demokratie bleibt. Die große Mehrheit der Bevölkerung verhält sich anständig und klug in der Pandemie, erträgt eine kreischende Minderheit der exzessiven Unvernunft; die Ökonomie bleibt stabil, was für eine Demokratie immer entscheidend ist, geht es doch auch um das materielle Wohl der Menschen."

Viele Menschen haben wirtschaftliche Not erlitten und tun das weiterhin: Selbstständige wie Wirte, Künstlerinnen, Schausteller. Viele Menschen belastet die Situation psychisch enorm. Aber in Deutschland ist die – zu Beginn der Pandemie von vielen befürchtete – drastische Wirtschaftskrise bisher ausgeblieben. Millionen Jobs sind erhalten geblieben, einen erheblichen Einfluss darauf hatte allem Anschein nach staatliche Unterstützung wie das Kurzarbeitergeld.

Historikerin Hedwig Richter, hier im November 2020 bei der ARD-Talkshow "Anne Will".
Historikerin Hedwig Richter, hier im November 2020 bei der ARD-Talkshow "Anne Will". bild: imago images / eventpress

Bei den Wahlen seit Pandemiebeginn, der Bundestagswahl im September wie den Landtagswahlen von Baden-Württemberg bis Mecklenburg-Vorpommern, sind die Wähler ganz überwiegend bei den demokratischen Parteien geblieben. Die rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme AfD hat im Vergleich zu den vorherigen Wahlen an Zustimmung verloren. Und, so problematisch die relativ hohe Impflücke in Deutschland auch ist: Die deutliche Mehrheit der Menschen hält sich an Beschränkungen, handelt verantwortungsvoll, lässt sich impfen und sieht ein, dass die Pandemie leider weiterhin mit Maßnahmen von Maskenpflicht bis Club-Schließungen eingedämmt werden muss.

Historikerin Richter meint dazu:

"Bei allem Wehklagen sollten wir nicht vergessen, dass in Deutschland Wahlen stattgefunden haben, die einmal mehr die Klugheit des Wahlvolks verdeutlicht haben: So schmerzlich jede Stimme für die rechtsextreme AfD ist, so manifestiert sich im Wahlergebnis doch eine breite bürgerliche Mitte – und die neue Regierung verspricht, die notwendigen Veränderungen für den Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit zu kombinieren. Immerhin gibt es jetzt in Deutschland den Versuch, den Anforderungen der globalisierten Zukunft mit Migration, Klimawandel und Digitalisierung gerechter zu werden."

Wir kommen der neuen Normalität näher

Das Coronavirus SARS-CoV-2 wird nicht einfach aus der Welt verschwinden, so viel ist sicher. Was aber mit hoher Wahrscheinlichkeit passieren wird: Aus der Pandemie wird eine Endemie. Ein Zustand also, in dem Covid-19 nicht mehr in Wellen mit schnell ansteigenden Ansteckungszahlen verläuft, sondern der Krankheitserreger auf eine Bevölkerung stößt, die in weiten Teilen durch Antikörper gewappnet ist. Es wäre ein Zustand, in dem Einschränkungen des öffentlichen Lebens kaum mehr oder gar nicht mehr nötig sind.

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts.
Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts. Bild: imago images / Chris Emil Janssen

Ende 2020, vor Beginn der Impfkampagne, hatten laut RKI-Chef Lothar Wieler rund zwei Prozent der deutschen Bevölkerung Antikörper gegen das Coronavirus. Der Anteil ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit inzwischen drastisch höher. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärte Wieler dazu vor Kurzem, mit Blick auf die nächsten Monate: "Je höher der Anteil der Menschen mit Antikörpern im Frühjahr ist, desto besser sieht es aus für uns."

Der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule in Berlin erklärte kürzlich im Sender "Welt": "Reiche Länder kommen möglicherweise schon nächstes Jahr aus der Pandemie raus." Christian Drosten, Chefvirologe am Charité-Klinikum in der Hauptstadt, ist vorsichtiger. Er nennt keinen konkreten Zeitrahmen. Drosten sagte aber im "Coronavirus-Podcast" des NDR vom 9. Dezember: "Wir sind auf dem Weg in einen endemischen Zustand, der Übergangsprozess wird auch bei uns stattfinden."

Wie lange es noch dauern wird, ist unsicher. Aber der neuen Normalität mit Corona sind wir seit Weihnachten 2020 schon erheblich näher gekommen.

Corona-Zahlen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt: Warum die niedrigen Inzidenzen im Osten nur eine Momentaufnahme sind

Und plötzlich spöttelt für einen kurzen Moment kaum jemand mehr über Sachsen. Machte der Freistaat zuletzt vor allem mit "Spaziergängen" von Kritikern und Gegnern der Corona-Maßnahmen Schlagzeilen, darf man sich dort nun über den bundesweit niedrigsten Inzidenzwert freuen.

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