14.10.2022, Berlin: Karl Lauterbach (SPD, l), Bundesminister für Gesundheit, steht neben Margarete Stokowski, Journalistin, Autorin und Long-Covid-Betroffene, nach einer Pressekonferenz zur aktuellen  ...
Karl Lauterbach und Margarete Stokowski stellten gemeinsam die neue Corona-Kampagne vor.Bild: dpa / Michael Kappeler
Deutschland

Nach Auftritt mit Lauterbach: Long-Covid-Betroffene erntet Shitstorm – und wehrt sich

15.10.2022, 15:2815.10.2022, 16:56

Dass ihr Auftritt bei einer Pressekonferenz so hohe Wellen schlagen würde, damit dürfte die Publizistin Margarete Stokowski vorher nicht gerechnet haben. Nach dem Abflachen des öffentlichen Interesses an Corona ist die Berichterstattung über die Auftritte des Gesundheitsministers Karl Lauterbach vorübergehend zur Nebensächlichkeit geworden.

Ganz anders am Freitag, als der Gesundheitsminister die neue Corona-Kampagne vorstellte. Das lag vor allem an der Frau an seiner Seite: Margarete Stokowski erntete nach dem Auftritt einen Shitstorm auf Social Media. Das lässt die Kolumnistin nicht auf sich sitzen.

Kampagne "Ich schütze mich" mit Holper-Start

Der Gesundheitsminister appellierte am Freitag in Berlin angesichts zunehmender Corona-Ansteckungen an die Vorsicht aller im Herbst und drängt die Länder zu mehr Masken-Vorgaben. Er stellte dazu auch eine Kampagne unter dem Motto "Ich schütze mich" vor. Sie soll für mehr Impfungen und gegenseitige Rücksichtnahme werben. Um seine Argumente zu unterstreichen, ließ er Margarete Stokowski zu Wort kommen.

Denn: Sie leidet noch immer an den Folgen ihrer Corona-Erkrankung.

14.10.2022, Berlin: Karl Lauterbach (SPD, l), Bundesminister für Gesundheit, steht neben Margarete Stokowski, Journalistin, Autorin und Long-Covid-Betroffene, nach einer Pressekonferenz zur aktuellen  ...
Bild: dpa / Michael Kappeler

Die 36-Jährige ist eine von insgesamt 84 Menschen, die von jetzt an berichten sollen, warum sie sich weiter gegen das Virus schützen. Stokowski schilderte bei der Pressekonferenz an Lauterbachs Seite ihre Situation. So habe sie sich im Januar zum dritten Mal gegen Corona impfen lassen, sich danach infiziert, zunächst milde Symptome entwickelt, dann aber die typischen Langzeitfolgen gespürt: heftige Kopfschmerzen, Fatigue, Brainfog. Erst jetzt trete langsam ein wenig Besserung ein.

Stokowski als Kampagnen-Gesicht: "Überzeugend wie Kim Jong-un"

Für ihren Auftritt erntete sie zahlreiche spöttische Kommentare in den sozialen Netzwerken. So wird etwa kritisiert, dass sie als besonders vorsichtige und dreifach geimpfte Person trotzdem an Long Covid leide und damit "wohl das schlechteste Gesicht für die Kampagne" sei. Ein Twitter-User bezeichnet dies als "in etwa so überzeugend, als wenn Kim Jong-un für die Demokratie werben würde".

Andere erkennen Widersprüche in ihren Aussagen, wie etwa der "Welt"-Journalist Andreas Rosenfeld auf Twitter schreibt. So hat Stokowski etwa kritisiert, dass viele Long-Covid mit Burn-out oder Depressionen gleichsetzen und behauptet: "Beides habe ich nicht." Allerdings habe die Betroffene noch im Dezember 2020 über ihre "jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Depressionen" gesprochen, heißt es etwa in einem "Welt"-Artikel.

Gegen den angeblichen Widerspruch und die Berichterstattung schießt Stokowski scharf zurück, bezeichnet die Verfasser des Artikels gar als "Clowndetektive" und "eklig": "Glaubt ihr, ihr könnt irgendwas aufdecken? Ihr seid so peinlich. Es ist jetzt nicht so unmöglich, sich vorzustellen, dass jemand mal Depressionen hatte und dann irgendwann nicht mehr", schreibt sie.

Tatsächlich sind Depressionen heilbar und zeigen bei allen Betroffenen unterschiedliche Ausprägungen, sodass ein Urteil von außen schwierig zu treffen ist. Auch darüber, ob diese Information relevant für die Debatte ist, lässt sich streiten. Der Shitstorm blieb trotzdem nicht aus.

Der Hass gegen Stokowski ist immens, die Solidarität auch

Zahlreiche Menschen nahmen die Pressekonferenz zum Anlass, um sich die Profile der Kolumnistin genauer anzusehen und zu durchforsten. Demnach habe die Betroffene 2020 getwittert: "Darf man sich freuen, wenn Trump Corona hat? Nein, man muss." Ein User teilte einen Screenshot des Tweets und schrieb dazu: "Darf man sich freuen, wenn Margarete Stokowski Long Covid hat?"

Der Kolumnistin wird außerdem mehrfach vorgeworfen, dass sie Geld für die Kampagne bekommen habe. Der Hass, den Stokowski erntet, ist immens. Die Solidarität auch.

Es erheben sich neben den negativen Reaktionen auch zahlreiche Stimmen, die der Publizistin zur Seite stehen. So etwa die Journalistin Sibel Schick, die die teils heftigen Kommentare scharf verurteilt. "Die Verachtung dieser Gesellschaft gegenüber kranken Menschen mischt sich mit ihrer radikalen Misogynie im Umgang mit Margarete Stokowski", schreibt sie. Es ekele sie an, überrasche sie jedoch nicht.

"Ekelhaft": Journalistin verurteilt Hater, Stokowski dankbar

Auch die Journalistin Katharina Nocun springt dem Kampagnengesicht zur Seite und bezeichnet das Verhalten der Hater als "ekelhaft": "Margarete Stokowski hat (...) in der Bundespressekonferenz über ihre Long-Covid-Erkrankung gesprochen und für mehr Unterstützung für Erkrankte geworben. Daraufhin haben Leute angefangen ihre Accounts nach 'zu positiven' Postings zu durchsuchen." Sie verurteilt dieses Vorgehen scharf.

Stokowski zeigt sich unterdessen auf Twitter dankbar für die Unterstützung. "Mir haben einige geschrieben, dass sie schlimm finden, was über mich geschrieben wird. Finde ich auch!" Es "jucke" sie aber "tatsächlich" wenig.

14.10.2022, Berlin: Margarete Stokowski, Journalistin und Autorin, spricht über ihre Erkrankung bei einer Pressekonferenz zur aktuellen Corona-Lage und zur neuen Kampagne des Gesundheitsministeriums g ...
Stokowski verurteilt die Negativ-Kommentare gegen ihre Person scharf.Bild: dpa / Michael Kappeler

Anstrengend dürfte es für die 36-Jährige wegen ihrer Long-Covid-Erkrankung aber trotzdem sein. Sie schrieb nach der Pressekonferenz: "Liege seit nachmittags wieder im Bett und mir geht's gut." Später ließ sie die Öffentlichkeit wissen, dass sie in der kommenden Zeit keine Anfragen zu Interview-Terminen oder öffentlichen Auftritten mehr annehme. "Weder für Geld noch für kein Geld." Wohl aber wolle sie weiter Aufklärungsarbeit betreiben.

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