
Die Unabhängigkeitsfeier in Highland Park, Illinois endet in Tränen, Trauer und Wut. Zwei Mädchen halten sich in den Armen, während Nachrichtensender und Polizei ihrer Arbeit nachgehen. Bild: www.imago-images.de / imago images
Analyse
05.07.2022, 17:3706.07.2022, 10:04
Es ist der 4. Juli, Tag der Unabhängigkeitsfeier der Vereinigten Staaten Amerikas. In Illinois versammeln sich Besucher und Bewohner Highland Parks auf den Straßen. Auf Campingstühlen verfolgen sie die Parade. Kinder wedeln mit Fahnen. Es ist ein festlicher Sommertag. Ein lautes Knallen inmitten der Menge. Ist es schon das Feuerwerk?
Plötzlich beginnen Menschen zu rennen. Schreie übertönen die Musik der Blaskapellen. Eltern greifen nach ihren Kindern und flüchten. Schüsse fallen. Das verhasste Geräusch, die angsterfüllten Gesichter – wieder fürchten Amerikaner um ihr Leben durch Waffengewalt.
Sechs Tote, viele Verletzte
Sechs Menschen sterben an diesem Nationalfeiertag. Mindestens 30 weitere erlitten Verletzungen, darunter auch Kinder. Die Polizei nimmt einen 21-jährigen Mann fest, der mutmaßlich mit einem Sturmgewehr vom Dach aus geschossen habe. Sein Motiv ist noch unklar.
Was klar ist: Die Amerikaner sind geschockt und wütend.
So auch Hunter Stuart, ehemaliger Redakteur bei "HuffPost" und jetzt freier Journalist, der seine Töchter vor den tödlichen Schüssen in Sicherheit bringt. Erst hinter einem Auto, dann finden sie Zuflucht in einer Wohnung, von der aus sie fünf Stunden lang das SWAT-Team durchs Fenster beobachten. Ihnen sei zum Glück nichts passiert. Was aber zurückbleibe, ist Wut.
Auch die Journalistin Lynn Sweet, die für "Chicago Sun-Times" arbeitet, verfolgt das Attentat persönlich. Mit ihrer Kamera fängt sie den Moment ein, als die ersten Schüsse fallen und Menschen aufgebracht losrennen. Mittlerweile haben über eine Million Twitter-User das Video angesehen.
Waffengewalt als häufigste Todesursache bei Kindern
Gouverneur, J.B. Pritzker sagt gegenüber "Chicago Suntimes": "Wenn ihr euch heute wütend fühlt, dann bin ich hier, um euch zu sagen, seid wütend."
Der Report "A Year in Review: 2020 Gun Deaths in the U.S." des John Hopkins Zentrums hält vor Augen: Waffengewalt ist die häufigste Todesursache unter Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den USA. Im Jahr 2020 wurden alle 2,5 Tage ein Kind oder Teenager durch eine unbeabsichtigte Schussverletzung getötet. Gleichzeitig erklärt das Oberste US-Gericht, der Supreme Court, das Tragen einer Waffe zu einem Grundrecht – und macht wenig Hoffnung auf verschärfte Waffengesetze in der Zukunft.
Anna Prokofjewa macht sich lange für Putins Regime stark. Leidenschaftlich verteidigt sie den Einmarsch in die Ukraine. Nun stirbt sie, nach Kontakt mit einer Landmine. Damit hat die russische Propagandamaschinerie einen Treiber weniger.
Es ist vollkommen klar: Wer sich in einem Regime verdient macht, muss in dem Regime nichts befürchten. Regierungskritische Journalist:innen haben es entsprechend schwer, regierungstreuen geht es hingegen gut. Sehr gut. Immerhin müssen sie keine Repressionen befürchten, keine Gefängnisstrafen, keine Berufsverbote. Wenngleich die monothematische Ausrichtung auf "Putin ist super" ein, zwei berufliche Freiheiten nimmt.