Menschen in Taiwan zeigen sich bei Protesten gegen Putin solidarisch mit der Ukraine.
Menschen in Taiwan zeigen sich bei Protesten gegen Putin solidarisch mit der Ukraine. Bild: CTK / Karel Picha
Analyse

Warum Taiwan keine Angst vor China hat – noch nicht

Die russische Invasion in die Ukraine macht deutlich: Es gibt Parallelen zu Taiwan und der Volksrepublik China. Seit Jahrzehnten fürchtet der viel kleinere Inselstaat Taiwan einen chinesischen Angriff. Haben die Menschen in Taiwan Angst vor einem baldigen Krieg? Ein junger Taiwanese erzählt.
09.03.2022, 09:52

Schaltet man in Taiwan den Fernseher an, wird man regelrecht mit Nachrichten über die Ukraine überschwemmt. So erzählt es Huang Pei-Wei. Der 31-jährige Taiwanese sagt: "Unsere TV-Sender haben in dieser Woche 24 Stunden täglich über den Krieg in der Ukraine berichtet."

Seit der russischen Invasion stellen sich die allermeisten Länder auf die Seite der Ukraine, bieten Unterstützung an. In Taiwan beobachten die Menschen den Krieg mit besonderer Sorge. Denn Taiwan und die Ukraine haben einiges gemeinsam: Die Insel im westlichen Pazifik liegt wenige Kilometer von der Volksrepublik China entfernt – so wie die Ukraine der direkte Nachbar Russlands ist. Und das kommunistische China macht seit Jahrzehnten deutlich, dass es Taiwan nicht als eigenständigen Staat anerkennt. Die Eigenständigkeit hat der russische Präsident Wladimir Putin auch der Ukraine abgesprochen – und befahl den Einmarsch.

Huang Pei-Wei lebt in der Nähe von Taipeh, der Hauptstadt Taiwans.
Huang Pei-Wei lebt in der Nähe von Taipeh, der Hauptstadt Taiwans.Bild: Privat

Der Taiwanese Pei-Wei verfolgt die Nachrichten über die Ukraine jeden Tag. Das täten momentan viele seiner Landsleute, sagt er. Seit Tagen gehen auf der Insel Menschen auf die Straße gegen Putin. Die Wahrzeichen der großen Städte Taiwans, sogar ganze Straßenzüge, werden im Blau-Gelb der Ukraine angestrahlt.

Beziehung Taiwan-China
Die Volksrepublik China betrachtet Taiwan als "abtrünnige Provinz", die wieder in das Mutterland integriert werden müsste. Sollte sich das Land für unabhängig erklären, werde China militärische Schritte gegen Taiwan einleiten, das hält die Volksrepublik 2005 in ihrem "Anti-Abspaltungsgesetz" fest.

Die taiwanesische Demokratische Fortschrittspartei (DPP), die die aktuelle Präsidentin Tsai Ing-wen stellt, sieht jedoch keine Unabhängigkeitserklärung vor, da Taiwan bereits eine "Republik" sei. Taiwans Standpunkt könnte man so zusammenfassen: Solange es nicht von China militärisch angegriffen wird, wird sich Taiwan auch nicht für unabhängig erklären.

Taiwan heißt – in der offiziellen Selbstbezeichnung – Republik China. Die Insel ist etwa so groß wie Baden-Württemberg und hat 23,5 Millionen Einwohner, so viel wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Taiwan ist ein demokratischer Staat – im Gegensatz zur kommunistischen Volksrepublik China, der gigantischen Weltmacht mit über einer Milliarde Einwohner, vor der die Insel liegt.

Die Volksrepublik China (VR) verfolgt die sogenannte Ein-China-Politik. Demnach kann es nur ein China geben und dazu zählt für die Volksrepublik auch Taiwan. Seit die USA 1979 diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China aufgenommen hatte, brachen sie, und nach ihnen viele weitere Staaten, die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab. Heute pflegen nur noch 13 Staaten solche Beziehungen zu der Insel, darunter viele mittelamerikanische.

"Die Haltung von China im russischen Krieg in der Ukraine ist ambivalent."
China-Experte Eberhard Sandschneider

Russlands Präsident Wladimir Putin erhebt ähnliche territoriale Ansprüche auf die Ukraine wie China auf Taiwan. Er fühle sich von seinem Nachbarland bedroht und wolle es "Entnazifizieren und Entmilitarisieren", wie er in seiner Kriegserklärung gegen die Ukraine sagte.

Doch so einfach sind die Parallelen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan auf der einen Seite und Russland und der Ukraine auf der anderen Seite nicht zu ziehen. Eberhard Sandschneider, ehemaliger Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft und Ostasien-Experte, beschreibt die Haltung der Volksrepublik China im russischen Krieg in der Ukraine im Gespräch mit watson als "ambivalent", also widersprüchlich.

Taiwanesinnen und Taiwaneser zeigen ihre Unterstützung für die Ukraine: "Wir sind heute alle Ukrainer" steht auf einem Schild.
Taiwanesinnen und Taiwaneser zeigen ihre Unterstützung für die Ukraine: "Wir sind heute alle Ukrainer" steht auf einem Schild.Bild: NurPhoto / Ceng Shou Yi

Zum einen habe der chinesische Präsident Xi Jinping auf Wunsch Russlands die Osterweiterung der Nato kritisiert und sei in der Hinsicht auf der Seite Putins. Zum anderen habe sich China in den vergangenen Tagen aber bei den Abstimmungen der Vereinten Nationen zum Russland-Krieg zweimal enthalten.

Grund für diese Haltung sei, sagt Sandschneider, die "gespaltene Interessenlage" Chinas. Das Land habe sowohl "strategische Interessen, die für Russland sprechen" als auch "wirtschaftliche Interessen, die gegen Russland sprechen."

Der China-Experte sagt:

Taiwan
Die diplomatisch isolierte Republik China, so lautet der amtliche Name für Taiwan, ist de facto ein unabhängiger Staat und eine der lebhaftesten Demokratien Asiens. Es ist zum Beispiel das einzige Land in Asien, in dem gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt sind. Taiwan steht zudem im Demokratie-Index der "Intelligence Unit" des britischen Magazins "Economist" 2021 weltweit auf Platz 8 und befindet sich damit sogar noch vor Deutschland, Österreich und der Schweiz.
"Einerseits ist die Volksrepublik China sich mit Russland in der Kritik am Westen und insbesondere an der USA einig und andererseits hat die Volksrepublik China große wirtschaftliche Interessen an der Ukraine. Dort hat die Volksrepublik China nämlich in Landwirtschaft und Infrastruktur investiert."

Sandschneider erklärt, dass die Ukraine für etwa 30 Prozent der chinesischen Importe an Getreide verantwortlich sei. Außerdem sei das chinesische Projekt der internationalen Handelsroute Seidenstraße durch die westliche Sanktionspolitik gefährdet, wenn beispielsweise Grenzen geschlossen würden.

Taiwan zeigt Solidarität mit der Ukraine

Die Menschen in Taiwan erleben zurzeit vor allem eine beschwichtigende Präsidentin, erzählt Pei-Wei, der in der Nähe von Taipeh, der Hauptstadt Taiwans lebt. Die Präsidentin zeige Verständnis für die Sorgen, der chinesische Präsident könnte sich ein Beispiel an Putin nehmen, aber beruhige zugleich. Sie sage: "Ihr braucht keine Angst haben, unser Militär ist stark und wir sind vorbereitet."

Die Präsidentin der Republik China (Taiwan) Tsai Ing-wen macht sich in diesen Zeiten in Reden und mit Aktionen für die Ukraine stark. So teilt sie auf Social Media immer wieder Fotos von den angestrahlten Gebäuden in den Farben der Ukraine, versehen mit den Hashtags #StandWithUkraine und #StopRussianAggression.

Am Mittwoch empfing die Präsidentin eine Delegation früherer US-Verteidigungspolitiker, die Taiwan ihre Unterstützung gegen die Bedrohung aus China zusagten.

Bei dem Treffen bekräftigte Tsai Ing-wen auch, dass sich Taiwan den gemeinsamen Bemühungen zur Unterstützung der Ukraine anschließe. Die Insel stehe "auch an der Frontlinie im Kampf für Demokratie", sagte sie. Damit meint sie die wachsende Bedrohung einer militärischen Invasion aus China. "Die Geschichte lehrt uns, dass wir die Bedrohung für uns selbst nur verschlimmern, wenn wir vor einer militärischen Aggression die Augen verschließen", fügte sie hinzu.

Auch der Außenminister Taiwans, Josef Wu, warnte kürzlich vor einem drohenden Krieg im Indopazifik. Im Interview mit dem ZDF warf er China vor, eine militärische Eskalation zu provozieren. Er sagte: "Es ist offensichtlich, dass China Taiwan irgendwann angreifen möchte. Darauf müssen wir vorbereitet sein."

Immer häufiger gebe es Berichte über chinesische Militärübungen in der Region. Hinzu kämen ein stetiger Ausbau militärischen Fähigkeiten Chinas und die Sorge um einen Konflikt, "der aus Versehen ausgelöst wird", so Josef Wu. "Zum Beispiel, wenn China weiterhin über Taiwans Luftverteidigungszone fliegt, oder sich plötzlich zwei Armeen gegenüberstehen."

Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen ist seit 2016 im Amt.
Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen ist seit 2016 im Amt. Bild: AA / Walid Berrazeg

Erst im vergangenen Jahr erklärte Admiral Phil Davidson, Leiter der US-amerikanischen Militäreinheit Indo-Pazifik-Kommando, er befürchte, dass China Taiwan schon 2027 angreifen könnte. Dabei wäre ein solcher Angriff eine Katastrophe. Er würde vermutlich viele Todesopfer verursachen. Und er würde die Weltwirtschaft erschüttern: Taiwan ist auch weltweit einer der wichtigsten Chip-Hersteller. Auch die Volksrepublik China ist somit wirtschaftlich abhängig von seinem Nachbarland.

Menschen in Taiwan haben keine Angst vor einem chinesischen Angriff

Trotz der Befürchtungen aus dem Westen haben die meisten Menschen in Taiwan keine Angst vor einer chinesischen Invasion. Pei-Wei erzählt, dass die meisten Taiwanesen den Drohungen Chinas keinen Glauben schenkten. Manche hätten Bedenken, aber die Mehrheit gehe aktuell nicht von einem Angriff Chinas aus. "Vielleicht irgendwann in der Zukunft, aber nicht jetzt", sagt der junge Taiwanese.

Pei-Wei und Wissenschaftler Sandschneider sind sich einig: Im Falle eines Angriffs sei den Taiwanesen zwar die Größe und die Macht Chinas bewusst. Sie glaubten aber, Taiwan könne sich gut verteidigen: Weil es ein starkes Militär habe und die USA Hilfe zugesichert hätten.

Dass China einen baldigen Einmarsch nach Taiwan plant, hält Ostasien-Experte Sandschneider deshalb für unwahrscheinlich. China wolle keine militärische Konfrontation, weil die seinen Interessen schaden würde und das Land an stabilen internationalen Beziehungen interessiert sei. Würde China nun in Taiwan einmarschieren, stünde das Land auch den USA gegenüber, die der taiwanesischen Präsidentin Tsai Ing-wen erst am Mittwoch erneut ihren Beistand ausgesprochen hatten.

Ziel 2049
Der chinesische Präsident Xi Jinping hat das Ziel erklärt, die in seinen Augen "abtrünnige Provinz" Taiwan spätestens zum 100-jährigen Bestehen der Volksrepublik China, also 2049, wieder in das "Mutterland" zu integrieren.

Mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte ist Sandschneider weniger optimistisch. Er sagt:

"Der chinesische Präsident Xi Jinping hat sicherlich die Zielvorstellung, 'das Problem' bis 2049 bereinigt zu haben. Insofern tickt durchaus die Uhr. Aber im Augenblick sind die Hürden für einen Erfolg so hoch, dass ich mir auch nicht vorstellen kann, dass er sich das durch einen langanhaltenden Krieg um Taiwan verderben lassen möchte."
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