Der Buchstabe "Z" wird zum Symbol des russischen Kriegs in der Ukraine.
Der Buchstabe "Z" wird zum Symbol des russischen Kriegs in der Ukraine.Bild: TASS / Yelena Afonina
Analyse

Warum wir wieder über Faschismus reden müssen

Wladimir Putin hat Russland in einen faschistischen Staat verwandelt. Die USA befinden sich auf dem Weg in einen christlich nationalen Gottesstaat.
29.05.2022, 13:0010.06.2022, 11:14
Philipp Löpfe / watson.ch

Der britische Historiker Ian Kershaw stellt in seinem monumentalen Werk über die Geschichte des 20. Jahrhunderts fest, es sei unmöglich, Faschismus zu definieren. Es sei, wie wenn man einen Wackelpudding an die Wand nageln wollte.

Tatsächlich hat das Phänomen Faschismus keine eindeutige Ätiologie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen konservative Denker wie Oswald Spengler, Gabriele D’Annunzio, Julius Evola und andere über Elemente eines möglichen Faschismus zu philosophieren. Benito Mussolini fügte sie zusammen und gründete in Italien den ersten faschistischen Staat. Was wir heute gemeinhin mit Faschismus in Verbindung bringen, ist Adolf Hitler und die Nationalsozialisten.

Er hat die faschistische Symbolik perfektioniert: Benito Mussolini (Mitte).
Er hat die faschistische Symbolik perfektioniert: Benito Mussolini (Mitte).Bild: PA Wire / PA

Gerade deswegen war es lange Zeit verpönt, das Wort Faschismus auch nur in den Mund zu nehmen, geschweige denn, Vergleiche mit ihm anzustellen. Dazu gibt es gute Gründe. Weil Faschismus bald ein Synonym wurde für den Holocaust – der industriellen Tötung von rund sechs Millionen Juden – wehren sich jüdische Kreise vehement gegen solche Vergleiche. Für sie stellen sie eine Verharmlosung dieses unglaublichen Verbrechens dar.

Die Haltung der Juden ist verständlich, zumal mit dem Begriff Faschismus in der Nachkriegszeit fahrlässig umgegangen wurde. Im Zuge der 68er-Revolution wurde bald alles als "faschistisch" – oder zumindest als "faschistoid" – bezeichnet, was nicht den hehren Idealen der Bewegten entsprach: das Militär, die Lehrer, die Pfarrer, etc. Abgesehen von ein paar unbelehrbaren Holocaust-Leugnern war die Anzahl von Faschisten jedoch in dieser Zeit überschaubar.

Yale-Historiker: "Russland ist ein faschistisches Land"

Heute hat sich dies dramatisch verändert. Demokratie und Rechtsstaat sind keineswegs mehr unbestritten. In den Schwurbler-Demonstrationen der Masken- und Impfgegner haben sich selbst in der urdemokratischen Schweiz autoritäre Züge manifestiert. Andernorts befindet sich in voller Blüte, was bis vor Kurzem noch undenkbar war: "Wir müssen es aussprechen. Russland ist ein faschistisches Land", betitelte Timothy Snyder jüngst seinen Kommentar in der "New York Times".

Snyder lehrt an der Yale University und gehört zu den führenden Historikern der Gegenwart. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte von Osteuropa. In seinem bekanntesten Werk "Bloodlands" schildert er die Verbrechen, welche Stalin und Hitler in der Ukraine, Polen, Belarus und den baltischen Staaten begangen haben.

In seinem Buch "Der Weg in die Unfreiheit" analysiert er auf beängstigende Art und Weise, wie Russland zuerst ein Mafia- und nun ein faschistischer Staat geworden ist. Gleichzeitig deckt Snyder auf auch auf, wie die USA unter Trump sich in die gleiche Richtung entwickelt haben.

Yale-Historiker Timothy Snyder während eines Vortrags in Wien 2019.
Yale-Historiker Timothy Snyder während eines Vortrags in Wien 2019.Bild: www.picturedesk.com / HERBERT PFARRHOFER

Auch Russland hat seine Mystiker, etwa Iwan Iljin, der sich am besten mit Julius Evola vergleichen lässt. Er vertritt eine Weltanschauung, die Snyder als "christlich-faschistischen Totalitarismus" bezeichnet, "eine Einladung an die Adresse von Gott, auf die Erde zurückzukehren und mitzuhelfen, dass Russland die Geschichte erfolgreich zu Ende führt".

Iljin ist 1954 in Zollikon bei Zürich verstorben. Putin hat 2015 seine Gebeine nach Moskau überführen lassen. Bezahlt wurde die Aktion übrigens von dem in der Schweiz nicht ganz unbekannten Oligarchen Wiktor Wekselberg.

Starke Parallelen zwischen Putin und Hitler

Wie abstrus die russischen Mystiker sich die Überlegenheit ihres Volkes ausmalen, zeigt das Beispiel von Lew Gumiljow, dem 1992 verstorbenen Ethnologen und Historiker und Sohn der berühmtesten russischen Dichterin Anna Achmatowa. Er ist überzeugt, dass der Charakter einer Nation von kosmischen Strahlen bestimmt wird, und weil die Russen als letzte in den Genuss dieser Bestrahlung gekommen seien, seien sie das aktuell stärkste Volk, so Gumiljow.

Hitler wollte einst ein 1000-jähriges Reich errichten. Putin und die Mystiker träumen von einem ewigen Russland, welches die Welt beherrscht.

Auch in vielen anderen Ländern, wie in Griechenland, wird Putin mit Hitler verglichen.
Auch in vielen anderen Ländern, wie in Griechenland, wird Putin mit Hitler verglichen.Bild: www.imago-images.de / IMAGO/Giorgos Konstantinidis

"Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich gelegentlich", sagte einst Mark Twain. Putins Überfall ist ein Paradebeispiel für ein solches Reimen. Die Parallelen zu Hitlers Überfall auf Polen im Jahr 1939 sind mit den Händen greifbar, und es zeigt sich nun, dass Putin es nicht mit einem symbolischen Faschismus bewenden lässt.

Er hat sein Land in ein "Irrenhaus" verwandelt, wie es die Journalistin Farida Rustamova in der "New York Times" ausdrückt: "In einem Staat von anästhesierter Apathie und zugedröhntem Missmut hat die Mehrheit der Russen sich still Putins Regeln gebeugt", schreibt Rustamova.

Putin hat nicht nur die Oppositionellen und die Elite ausgeschaltet, er greift nun offen zur faschistischen Symbolik. Dazu Snyder: "Ein Zeitreisender aus den Dreißigerjahren hätte keine Mühe, das Regime von Putin als Faschismus zu erkennen. Das Symbol Z, die Versammlungen, die Propaganda, der Krieg als reinigender Akt, die Massengräber um die ukrainischen Städte, all dies macht es glasklar. Der Krieg gegen die Ukraine ist nicht bloß eine Rückkehr zu den traditionellen faschistischen Kampfstätten, er ist auch eine Rückkehr zur traditionell faschistischen Sprache und Gewohnheiten."

Die USA und Russland werden sich ähnlicher

Russland ist bereits ein faschistischer Staat, die USA befinden sich möglicherweise auf dem Weg dorthin. Das beginnt bei den gewaltigen Reichtumsunterschieden. "Amerikanische und russische Oligarchen haben weit mehr untereinander gemeinsam als mit ihren Landsleuten", erklärt Snyder. "An der Spitze der Reichtums-Pyramide besteht wie in Russland die Versuchung, eine Politik zu verfolgen, die keine Änderung mehr wünscht."

Der wirtschaftliche Niedergang des amerikanischen Mittelstandes hat den Boden für den Aufstieg von Donald Trump bereitet. Inzwischen ist es dem Ex-Präsidenten gelungen, die Grand Old Party in eine autoritäre Partei zu verwandeln, die sich immer offener von den Grundlagen der Demokratie entfernt. In den derzeit stattfindenden Vorwahlen setzten sich bei den Republikanern Kandidaten durch, die Trumps Niederlage nicht akzeptieren, welche die Wahlgesetze so verändern wollen, dass nur noch Republikaner gewinnen können, ja die gar dafür plädieren, die Wahl von Joe Biden rückwirkend zu annullieren.

Zwischen Russland und den USA beginnt sich immer mehr zu reimen. QAnon-Anhänger, christliche Nationalisten und White Supremacists sind auf dem Vormarsch, Hassprediger wie Tucker Carlson bei Fox News werden immer extremer: Ein Abgleiten der USA in einen autoritären Staat ist denkbar geworden. Es wäre für Putin ein noch größerer Triumph als ein Sieg in der Ukraine.

"Ihr Jungen seid unsere Vorbilder": Warum die UN-Ozeankonferenz besonders für junge Menschen wichtig ist

Am Montag hatte die UN Ocean Conference, ein Treffen von weltweit renommierten Meereswissenschaftlerinnen, Politikern, aber allem voran NGOs und Entwicklern unterschiedlicher Technologien, in Lissabon ihren Auftakt: Nach zwei Jahren Pandemie-Pause wird sie gemeinsam von der kenianischen und portugiesischen Regierung über den Zeitraum von einer Woche ausgerichtet. Vertreterinnen und Vertreter von rund 150 Staaten sind dafür zusammengekommen, denn die Zeit drängt: Ihr Ziel, weltweit lebenswerte Meere, zu erhalten, die immerhin 71 Prozent der Erdoberfläche bedecken, sei von neuen, gravierenden Krisen bedroht, wie Uhuru Kenyatta, Präsident der Republik Kenia, in seiner Eröffnungsrede betonte:

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