TSUPIVKA, UKRAINE - OCTOBER 25, 2022 - Ukrainian soldiers examine a destroyed Russian military vehicle in Tsupivka village in the north of Kharkiv Region, northeastern Ukraine. Consequences of Russian ...
Ukrainische Soldaten in der Region Charkiw: Nach der Befreiung hunderter Dörfer stellt sich die Frage nach möglichen Kollaborateuren.Bild: IMAGO / Ukrinform
International

Die Jagd auf Kollaborateure in der Ukraine hat begonnen

Nach der Befreiung hunderter Ortschaften im letzten Monat, werden in ukrainischen Dörfern echte oder vermeintliche Kollaborateure gejagt.
09.11.2022, 16:42
Alberto Silini / watson.ch

Anfang September starteten die ukrainischen Streitkräfte zwei großangelegte Gegenoffensiven im Süden und Nordosten des Landes. Innerhalb eines Monats seien mehr als 600 Ortschaften von den russischen Besatzern befreit worden, behauptete Kiew Mitte Oktober.

Doch nicht alle freuen sich gleichermaßen über den Abzug: Menschen, die mit den Russen kollaboriert haben oder beschuldigt werden, dies getan zu haben, sind nun exponiert – und in Gefahr. Berichte zeigen, dass in einigen der befreiten Dörfer Anschuldigungen laut werden.

Dass diese Anschuldigungen laut werden, war eigentlich zu erwarten, denn "jeder Krieg bringt diese Situation mit sich, die seit der Römerzeit immer wieder beobachtet wurde", erklärt Laurent Tissot, Historiker und Honorarprofessor an der Universität Neuenburg.

Rache und Hinrichtungen

Die Verhinderung des Phänomens scheint unmöglich. Der Historiker erklärt: "Soldaten und Einwohner erhalten sehr genaue Anweisungen und sollen die Behörden informieren, wenn sie glauben, dass jemand kollaboriert hat." Allerdings habe die Geschichte immer wieder gezeigt, dass die Menschen zu Rache neigen:

"Es kommt zu willkürlichen Liquidierungen und Racheakten. Verärgerte Menschen beschließen, auf eigene Faust zu handeln, oder nutzen die Gelegenheit, um sich dessen zu entledigen, was sie stört."

Von der Denunziation bis zur Hinrichtung sei es häufig nur ein kleiner Schritt, so der Historiker.

"Der Begriff 'Kollaborateur' ist mit konkreten Formen der Hilfe verbunden, aber die Grenze ist fließend."
Laurent Tissot, Historiker an der Universität Neuenburg

In der Ukraine sei dies bereits beobachtet worden. Die unabhängige russische Website "Mediazona" berichtet von mehr als 27 mehr oder weniger erfolgreichen Mordversuchen an Beamten, die auf die Seite der Besatzer gewechselt hatten.

Hohe Gefängnisstrafen

Es muss aber die Frage gestellt werden: Kann ein kollaborierender Beamter mit einem einfachen Bürger – der schlicht versucht zu überleben – gleichgesetzt werden? Tissot sagt dazu: "Der Begriff 'Kollaborateur' ist mit konkreten Formen der Hilfe verbunden, aber die Grenze ist fließend", darum müsse man sich auf die Gesetzgebung der einzelnen Länder verlassen.

Die Ukraine hat seit Beginn des Konflikts Gesetze erlassen oder geändert. Die Zusammenarbeit mit den Russen in den besetzten Gebieten wird mit hohen Haftstrafen geahndet:

  • Freiwillige Teilnahme am russischen Bildungssystem: bis zu drei Jahre Gefängnis.
  • Übernahme einer Führungsrolle in den von den Besatzern eingerichteten Verwaltungen: bis zu 10 Jahre Haft.
  • Beteiligung an von Russland geschaffenen Ordnungs- und Sicherheitsstrukturen: bis zu 15 Jahre Haft oder lebenslange Haft, wenn die Person den Tod eines ukrainischen Staatsbürgers verursacht hat.
"Die Menschen halten ihre Erinnerungen wach und Racheakte können noch Jahrzehnte nach den Ereignissen drohen."
Laurent Tissot, Historiker an der Universität Neuenburg

Zudem muss beachtet werden, dass auf den ersten Blick alltäglichere Handlungen als Kollaboration gelten in der Ukraine und daher strafbar sind. Dazu gehören die Unterstützung der Besatzungsstreitkräfte, wirtschaftliche Aktivitäten und das öffentliche Leugnen des bewaffneten Angriffs auf die Ukraine – auch im Internet.

RUSSIA, KHERSON REGION - NOVEMBER 8, 2022: Pictured in this video screen grab is an operation to detain members of the Security Service of Ukraine s sabotage and reconnaissance team who have been plot ...
Ein Mann, der beschuldigt wird, ein Kollaborateur zu sein.Bild: IMAGO / ITAR-TASS

Dauerhafte Narben

Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) und die nationale Polizei werden eventuell Ermittlungen übernehmen. Die Aufgabe verspricht besonders schwierig zu werden. Denn, "es gibt die Widerstandskämpfer auf der einen Seite und die Kollaborateure auf der anderen". Dazwischen gebe es eine große Grauzone, erklärt Tissot.

Eine einzelne Handlung macht einem nicht zwingend schuldig. "Menschen, die beschuldigt wurden, mit den Nazis zusammengearbeitet zu haben, behaupteten, sie hätten nicht anders handeln können, als die Besatzer sie aufforderten, ihren Hof oder ihre Tiere abzutreten", erinnert der Professor. Eine Situation, die angesichts der schlechten Ausrüstung der russischen Soldaten wieder aktuell ist.

"Die Besatzer verlangen Dinge. Die Bevölkerung muss irgendwie damit zurechtkommen und oft wollen die Menschen einfach nur ihre Haut retten."

Die große Schwierigkeit besteht darin, dass die Besatzung in den Köpfen der Betroffenen nicht mit dem Krieg aufhöre, bestätigt Tissot: "Die Menschen halten ihre Erinnerungen wach und Racheakte können noch Jahrzehnte nach den Ereignissen drohen."

Russische Soldaten schlafen im Kuhstall

Dies gelte umso mehr, als sich diese Dramen oft in kleinen Dörfern abspielen, wo jeder jeden kenne, stellt der Historiker fest. Schlimmer noch, manchmal passiere es sogar innerhalb der gleichen Familie. Das könne eine Gesellschaft über Jahre hinweg vergiften.

Angesichts dieser Risiken gebe es nur eine Möglichkeit, den Schaden zu begrenzen, schließt Tissot: Die Justiz müsse schnell und korrekt handeln, um die Dinge nicht im Unklaren zu lassen: "Wenn die Dinge nicht gut verwaltet werden, wird die Situation sehr heikel."

(Übersetzt aus dem Französischen, yam)

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