Hier wird Hilfe benötigt: Rettungskräfte versuchen sich in Kyiw ein Bild von der Lage zu machen.
Hier wird Hilfe benötigt: Rettungskräfte versuchen sich in Kyiw ein Bild von der Lage zu machen. Bild: picture alliance / Photoshot
Analyse

Unter russischem Beschuss: Wie Hilfsgüter in der Ukraine organisiert werden

13.04.2022, 19:4713.04.2022, 19:58

Klamotten, Hygieneartikel und Medizin – seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine Ende Februar haben sich immer mehr Menschen in Deutschland zusammengeschlossen, um zu helfen.

Es wurden kurzerhand Hilfsgütertransporte von Deutschland in die Ukraine organisiert, Geld- und Sachspenden gesammelt und verteilt – und Menschen in ganz Deutschland boten Ukrainerinnen und Ukrainern vorübergehend ein Bett in ihrer Wohnung an. Die Hilfsbereitschaft ist nach wie vor groß.

Doch was passiert nach der ukrainischen Grenze mit den Hilfsgütern? Wie wird die Verteilung an Bedürftige vorgenommen und wie wird sichergestellt, dass sie nicht in russisches Artilleriefeuer geraten? watson hat bei den Hilfsorganisationen nachgefragt und mit einem Ukrainer auf der Flucht gesprochen, der selbst Hilfen organisiert.

Per LKW ins Kriegsgebiet

Eine der zahlreichen Hilfsorganisationen, die unter anderem Spenden für die Ukraine sammeln, ist humedica. Die Organisation aus dem bayerischen Kaufbeuren engagiert sich seit 1979 in Krisengebieten mit den Schwerpunkten Katastropheneinsätze und medizinische Versorgung.

Der Sprecher von humedica, Sebastian Zausch, sagt gegenüber watson:

"Die Waren werden an Verteilstellen umgeladen und per Kleintransporter oder LKW in Richtung Kriegsgebiet gebracht und dort an bedürftige Menschen verteilt."

Die gesammelten Hilfsgüter würden direkt per Spedition an langjährige Partner vor Ort – vor allem im Westen und der Mitte der Ukraine – geliefert, erklärt Zausch. Diese Partner betrieben auch die Verteilstellen in der Ukraine. Anschließend würden die Hilfsgüter durch die Partner von humedica an Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen, auch im Osten der Ukraine, weitergegeben.

Hilfsgüter für die Ukraine werden in einen LWK geladen.
Hilfsgüter für die Ukraine werden in einen LWK geladen.Bild: Neundorf/Kirchner-Media / Christopher Neundorf

Der Sprecher betont jedoch, dass humedica keine Transporte in Regionen plant, die von russischem Beschuss betroffen sind. Den Weitertransport etwa in den Osten der Ukraine würden die Partner vor Ort übernehmen, da diese die Sicherheitsaspekte besser im Blick hätten. Freiwillige übernähmen häufig die Fahrten, sagt Zausch.

"Die besondere Herausforderung an der aktuellen Situation ist die Dynamik, auf die man jeweils reagieren muss."
Sebastian Zausch, Sprecher der Hilfsorganisation humedica

Dabei werde ein Teil der Ware in Deutschland besorgt und in die Ukraine geschickt, andere Teile würden gezielt in Grenznähe in Rumänien gekauft und über die Grenze gebracht, sagt Zausch.

Die Partner von humedica hätten bereits vor dem Krieg in der Ukraine vor Ort soziale Arbeit geleistet und wüssten um die benötigte Unterstützung. "Die besondere Herausforderung an der aktuellen Situation ist die Dynamik, auf die man jeweils reagieren muss", sagt der Sprecher.

Auslieferung auf Umwegen

Auch der Malteser International engagiert sich in der Ukraine und den Nachbarregionen. Neben medizinischer Versorgung vor Ort in eigens errichteten Notunterkünften und psychosozialen Beratungen für traumatisierte Menschen in der Ukraine, organisiert die internationale Hilfsorganisation auch Hilfsgütertransporte in der gesamten Ukraine.

"Unsere Hilfsgüter gelangen auf unterschiedlichen Wegen zu den Gemeinden, die diese benötigen", erklärt die Malteser-Sprecherin Katharina Kiecol auf watson-Anfrage. Für die Auslieferung an die Zieladressen in der Ukraine arbeite die Hilfsorganisation eng mit ihrem Partner Malteser Ukraine zusammen. Diese würden direkt von den Gemeinden erfahren, wo welche Hilfsgüter benötigt werden, sagt Kiecol.

Freiwillige laden in Bucha Hilfsgüter aus einem Transporter aus.
Freiwillige laden in Bucha Hilfsgüter aus einem Transporter aus.Bild: www.imago-images.de / imago images

Weiter sagt sie:

"Unsere Partner in der Ukraine haben derzeit im Westen der Ukraine ein Lager, in das viele Hilfsgüter gebracht werden. Die Sicherheitslage ist dort derzeit relativ sicher."

Dieser Zustand vor Ort könne sich allerdings stündlich ändern, betont die Sprecherin. Oftmals würden die Hilfsgüter anschließend vom Lager im Westen aus mit Kleintransportern in den Osten der Ukraine gebracht. "Dabei müssen die Fahrer häufig Umwege in Kauf nehmen", sagt Kiecol.

Sie erklärt:

"Die Ukraine ist ein Kriegsgebiet. Aufgrund dieser Tatsache besteht das Risiko eines Beschusses. Es ist dem großen Engagement dieser Menschen zu verdanken, dass sie trotz dieser Gefahr, die Menschen auch im Osten der Ukraine mit dringend benötigten Hilfslieferungen versorgen."

Sachspenden können zu Problemen führen

In Deutschland wurden bereits 631 Millionen Euro für die vom Krieg betroffenen Menschen in und aus der Ukraine gespendet. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) unter 67 Hilfswerken und Bündnissen.

Allerdings sind Geldspenden oftmals hilfreicher, als Sachspenden. In den vergangenen Wochen kursierte ein Bild auf Social Media, das die Entsorgung von Sachspenden zeigt. Die Aufnahme wurde mittlerweile verifiziert und konnte einer Aktion im Ort Auerbach in der Oberpfalz zugeordnet werden. Sachspenden waren an diesem Tag nicht erwünscht und fanden keinen Abnehmer, weshalb sie entsorgt werden mussten.

Der Leiter des DZI, Burkhard Wilke, bestätigt gegenüber watson:

"Ja, Sachspenden-Aktionen sind tatsächlich ein Problem in der Ukraine-Hilfe – das gilt nicht für alle, aber für diejenigen, die hinsichtlich der gesammelten Güter und der Transportwege nicht kompetent organisiert werden. Das bestätigen uns auch in diesen Tagen immer wieder erfahrene, in der Ukraine tätige Hilfswerke."

Allerdings gebe es, nicht zuletzt aufgrund der geringen Entfernung zur Ukraine, auch viele gute organisierte und somit wirksame Sachspenden-Aktionen, sagt Wilke.

Ukrainerinnen und Ukrainer auf der Flucht organisieren selbst Hilfsgüter

Einer, der genau weiß, wo was gebraucht wird, ist Oleksii Zadoienko. Er ist selbst Ukrainer und eigentlich auf der Flucht. Watson hat nur wenige Tage nach der russischen Invasion in der Ukraine mit ihm gesprochen. Er ist Vater von zwei Kindern und wollte seine Familie zuerst in Sicherheit über die Grenze nach Polen oder Rumänien bringen und dann zurückkehren, um für sein Land zu kämpfen.

Dieses Vorhaben hat er allerdings gestoppt, nur wenige Kilometer vor der rumänischen Grenze. Die Stadt, in der er sich aktuell mit seiner Familie befindet, blieb bisher weitestgehend verschont von russischem Beschuss. Ganz anders sieht es seit Wochen in seiner Heimatstadt Kyiw aus. Zerstörte Häuser und Menschen in Notunterkünften und U-Bahn-Stationen zeichnen das Stadtbild.

Statt zu kämpfen, organisiert Oleksii jetzt Hilfsgütertransporte in bedürftige Städte, wie Kyiw oder Charkiw.

Er erzählt:

"Wir sammeln oder kaufen hier Lebensmittel, Sachen für Kinder, wie Pampers, aber auch Medikamente und Munition und schicken sie in die Städte, die Hilfe benötigen."

Oleksii hat als Anwalt in Kyiw gearbeitet. Einige seiner Kollegen und Kolleginnen aus seiner Heimatstadt haben die Organisation Dopomoga Ukraine gegründet. Gemeinsam mit den Freunden, bei denen er mit seiner Familie an der Grenze zu Rumänien untergekommen ist, hilft er dort, die Hilfsgüter zu beschaffen und zu versenden.

"Wir sammeln und sortieren weiterhin persönliche Erste-Hilfe-Sets für unsere Kämpfer", steht unter einem Post der Organisation von Oleksii und seinen Freunden auf Instagram. Und weiter: "Erst einmal schicken wir sie jetzt an Hotspots (Region Donezk, Luhanks, Kherson, Mykolaiv und Zaporischzhai)."

Munition ist schwer zu beschaffen

Einige seiner Kollegen aus Kyiw kämen gebürtig aus der Grenzregion zu Rumänien, erzählt Oleksii. Es sei also naheliegend, von dort aus zu helfen. Kontakte für den Transport oder zu Lagerhäusern seien schon vorhanden.

Das Netzwerk an Kontakten hat sich Oleksii nach und nach aufgebaut. Zunächst seien es Ukrainerinnen und Ukrainer gewesen, die aus Kyiw in die ukrainische Grenzstadt nahe Rumäniens geflüchtet sind. Später seien Bekannte aus Kyiw nach Lwiw geflohen. Dadurch sei eine Gemeinschaft von Menschen entstanden, die sich freiwillig engagieren wollten.

Die ersten Empfänger der gesammelten Hilfsgüter seien dann die gewesen, die in Kyiw, Charkiw oder anderen Städten unter russischem Beschuss geblieben sind oder begonnen haben, an der ukrainischen Front zu kämpfen. "Fast jeder von ihnen brauchte Hilfe: Munition, Lebensmittel und so weiter", sagt Oleksii.

So fing es an: Sie versuchten, Geld zu sammeln, Fundraising zu betreiben, und nach internationalen Organisationen zu suchen, die helfen könnten. Freunde aus Polen halfen, das Nötigste in Polen zu kaufen und einen Transport in die Ukraine zu finden.

Oleksii erzählt, dass dann vor allem Mund-zu-Mund-Propaganda eine immer größere Rolle spielte. "Mich riefen Menschen an, die ich nicht kannte und sagten, ich hätte ihren Freunden geholfen."

Freiwillige transportieren die Hilfsgüter von Dopomoga Ukraine durch das Kriegsgebiet.
Freiwillige transportieren die Hilfsgüter von Dopomoga Ukraine durch das Kriegsgebiet.bild: screenshot instagram

Die Verteilung der Hilfsgüter in den bedürftigen Städten ist aufwändig und nur durch Partner vor Ort zu bewerkstelligen. Oleksii sagt:

"Wir haben Verbindungen in Kyiw, Charkiw und so weiter. In Charkiw haben wir zum Beispiel Vertreter des Charkiwer Jugendrats. Nachdem sie die Hilfsgüter erhalten haben, sortieren sie diese, verpacken sie und verteilen sie an die Menschen."

Auch Chatgruppen im Messenger-Dienst Telegram würden helfen, den Transport der Waren zu koordinieren, sagt Oleksii.

Für die Beschaffung von Munition braucht die Organisation ebenfalls einen verlässlichen Partner: "Aufgrund des besonderen Status der Produkte, der hohen Preise usw. ist alles ein bisschen schwieriger. Um solche Produkte herzustellen oder zu importieren, brauchen wir viele Genehmigungen. Aber wir haben einen Hersteller, der uns bei solchen Anfragen hilft."

Spenden sind für die Menschen in der Ukraine aktuell lebensnotwendig. Wirklich helfen tun sie aber nur, wenn sie auch ankommen. Das kann nur durch ein starkes Netzwerk an Infrastruktur und vielen Freiwilligen innerhalb der Ukraine gewährleistet werden.

Elon Musk kündigt vorübergehenden Stopp von Twitter-Übernahme an

Tech-Milliardär Elon Musk hat seinen Deal zum Kauf von Twitter am Freitag für vorläufig ausgesetzt erklärt. Er wolle erst Berechnungen abwarten, dass Accounts, hinter denen keine echten Nutzer stecken, tatsächlich weniger als fünf Prozent ausmachten, schrieb Musk bei Twitter. Der Online-Dienst hatte diese Schätzung Anfang der Woche veröffentlicht. Musk hatte zuvor erklärt, er wolle Accounts, die etwa zum Versenden von Spam-Nachrichten eingesetzt werden, von der Plattform verbannen.

Zur Story