26.02.2022, Ukraine, Kiew: Ein Spielzeug liegt in den Trümmern eines Wohnhauses.
26.02.2022, Ukraine, Kiew: Ein Spielzeug liegt in den Trümmern eines Wohnhauses.Bild: dpa / Emilio Morenatti
Der Zeuge

Ein Vater, der kämpfen will

26.02.2022, 18:4808.06.2022, 19:46

Oleksii Zadoienko ist auf der Flucht.

Um 5 Uhr morgens wurden der 37 Jahre alte Anwalt, seine zwei Kinder und seine Frau aus dem Schlaf gerissen – von dem Höllenlärm der Explosionen in der Nähe seines Zuhauses.

Seine Söhne sind zwei und zwölf Jahre alt. Er will sie in Sicherheit bringen – und dann für sein Land kämpfen.

Am Telefon erzählt er seine Geschichte.

Oleksii Zadoienko musste aus Kiew fliehen.
Oleksii Zadoienko musste aus Kiew fliehen.Bild: privat

Das Protokoll eines Vaters, der kämpfen will:

"Am Donnerstagmorgen, frühmorgens um fünf Uhr, wachten wir von heftigen Explosionsgeräuschen auf. Wir sind um 12 Uhr aus Kiew geflohen. Wegen des Staus war es schwer, aus der Stadt herauszukommen – da waren so viele Autos. Am ersten Tag kamen wir in Riwne an, einer Stadt im Nordwesten der Ukraine. Und danach zogen wir hierher in eine Stadt nahe der rumänischen Grenze.

"Es ist sehr schwer zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn dein kleiner Sohn neben dir schläft und Dinge über deinem Kopf explodieren."

Es ist schwer zu beschreiben, was wir in dieser Zeit gefühlt haben. Wir kannten solche Gefühle nicht, haben so etwas noch nie fühlen müssen.

Es ist sehr schwer zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn dein kleiner Sohn neben dir schläft und Dinge über deinem Kopf explodieren.

Es ist auch jetzt... (macht eine Pause, Anm. d. Red) ... sehr schwer für mich, meine Gefühle auszudrücken.

Ukrainische Soldaten beziehen am Samstag in Kiew Stellung vor einer Militäreinrichtung, während Feuerwehrleute zwei brennende Autos löschen.
Ukrainische Soldaten beziehen am Samstag in Kiew Stellung vor einer Militäreinrichtung, während Feuerwehrleute zwei brennende Autos löschen.Bild: dpa / Emilio Morenatti

Wir sind sehr erschöpft, wir sind seit drei Tagen unterwegs. Im Moment versuchen wir, etwas zu essen zu kaufen. Hier in der Stadt sind viele Leute aus anderen Städten: aus Kiew, aus Tschernobyl, sogar aus Odessa. Sie viele Leute.

Ich bin hier mit meinen Freunden, ich denke, wir werden jetzt versuchen, etwas für unsere Streitkräfte zu tun. Vielleicht können wir helfen. Nun, wir sind keine professionellen Militärs, aber wir werden versuchen, etwas für sie zu tun.

"Ich weiß nicht, ob wir Waffen bekommen, aber ja, wir sind bereit."

Ich wollte nur, dass meine Familie sicher ist. Das war erstmal das Wichtigste für mich. Aber jetzt bin ich bereit, hier beim Kampf zu helfen. Nun, ich weiß nicht, ob wir Waffen bekommen, aber ja, wir sind bereit.

Hier ist meine Familie erstmal sicher, wir bleiben also erstmal hier. Wir kommen in einer Wohnung von unseren Freunden unter. Aber klar: Die Situation wird immer schlimmer. Ich werde versuchen, meine Familie irgendwie nach Polen oder Rumänien zu bringen.

Es wird schwer werden, weil in der Nähe der Grenze viel Stau ist, Tausende von Autos stehen dort. Aber egal, wir werden es versuchen. Wenn sich die Situation in den nächsten Stunden verschlimmert und meine Familie hier angegriffen werden könnte, werde ich versuchen, sie außer Landes zu bringen.

Und ich weiß, dass ich da nicht mitgehen kann.

Und ich will das auch nicht.

"Ich habe keine Angst. Ich bin nicht wegen Putin hier. Oder der russischen Armee. Ich habe nur Angst um meine Familie."

Ich habe keine Angst. Ich bin nicht wegen Putin hier. Oder der russischen Armee. Ich habe nur Angst um meine Familie. Ich will nur, dass es ihr gut geht.

Noch immer verstehen leider nicht alle Europäer, dass wir angegriffen werden, dass russische Raketen unser Land, unsere Häuser bombardieren – nicht nur militärische Objekte. Häuser von Menschen, von Kindern.

Die offizielle Position Russlands ist verrückt. Sie erzählen irgendeinen Bullshit, von wegen, sie müssten gegen Nationalisten kämpfen. Sie retteten Menschen in der Ukraine.

Es ist so verrückt, weil sie ja die Leute in der Ukraine bombardieren. Sie töten Menschen der Ukraine.

Es ist wie eine andere Realität."

Menschen sprechen lassen

Hinter jeder Katastrophe stecken eigene Geschichten. Wir lassen sie von denen erzählen, die sie erleben.

Sergey protestiert in Russland

Auf diesem Bild ist nicht Sergey zu sehen, er wollte anonym bleiben.
Auf diesem Bild ist nicht Sergey zu sehen, er wollte anonym bleiben.Bild: ap / Dmitri Lovetsky

Oleksii rettet seine Familie

Oleksii ist mit Frau und Kindern auf der Flucht. Wenn sie sicher sind, will er kämpfen.
Oleksii ist mit Frau und Kindern auf der Flucht. Wenn sie sicher sind, will er kämpfen.Bild: Privat

Julia demonstriert in Berlin

Julia ist Ukrainerin. Sie lebt in Berlin und erzählt von ihrer Familie.
Julia ist Ukrainerin. Sie lebt in Berlin und erzählt von ihrer Familie.Bild: watson / czypull

Kateryna bricht in Tränen aus

Kateryna ist Dolmetscherin. Bei einer Live-Übertragung beginnt sie, zu weinen.
Kateryna ist Dolmetscherin. Bei einer Live-Übertragung beginnt sie, zu weinen.Bild: privat / sofya stoyanovska

Dimitri und seine Freunde

Seine Freunde leben im Krieg. Dimitri in Berlin. Er hat Forderungen an die deutsche Regierung.
Seine Freunde leben im Krieg. Dimitri in Berlin. Er hat Forderungen an die deutsche Regierung.Bild: Privat

Putin kann Familien zerstören

Unsere Autorin ist Deutsch-Russin. Gesprächen mit ihren Eltern geht sie aus dem Weg.
Unsere Autorin ist Deutsch-Russin. Gesprächen mit ihren Eltern geht sie aus dem Weg.Bild: imago images / Jochen Eckel

Kate wurde festgenommen

Kate ist eine russische Anti-Kriegs-Aktivistin aus Moskau
Kate ist eine russische Anti-Kriegs-Aktivistin aus MoskauBild: privat / privat

Rafael verbrennt seinen Pass

Rafael ist Russe und lebt in Warschau. Er will nie wieder zurück in sein Heimatland.
Rafael ist Russe und lebt in Warschau. Er will nie wieder zurück in sein Heimatland.Bild: Privat
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Die griechische Polizei setzt laut gemeinsamen Recherchen mehrerer Medien an der EU-Außengrenze Flüchtlinge für widerrechtliche Zurückweisungen von Asylsuchenden, sogenannte Pushbacks ein. Mehrere Flüchtlinge seien zu gewaltsamen Zurückweisungen von Menschen in die Türkei gedrängt worden, berichtete unter anderem der "Spiegel" am Dienstag unter Berufung auf gemeinsame Recherchen von ARD, "Lighthouse Reports", "Le Monde" und dem "Guardian". Im Gegenzug seien ihnen Aufenthaltspapiere versprochen worden.

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