Feuer und Rauchschwaden über einem Treibstofflager in Odessa.
Feuer und Rauchschwaden über einem Treibstofflager in Odessa. Bild: ZUMA Press Wire / Vincenzo Circosta
Der Zeuge

"Wir haben große Angst um unseren Sohn": Sascha Radionow muss seine Rückkehr nach Odessa verschieben

05.04.2022, 19:3512.04.2022, 14:04

Nach dem Leichenfund in Butscha tauchen immer mehr Bilder auf, die ein mögliches Kriegsverbrechen Russlands in der Ukraine dokumentieren. Bilder, die schockieren. Bilder mit leblosen Körpern auf leeren Straßen. Bilder von Massengräbern, aus denen Gliedmaßen und Köpfe ragen.

Diese Bilder gehen nur kurz nach der Verkündung des ukrainischen Verteidigungsministeriums um die Welt, die Ukraine hätte die Kontrolle über die Region Kyiw zurückerlangt.

Rauch über Gebäuden in Odessa nach einem mutmaßlichen Raketenangriff Russlands am Wochenende.
Rauch über Gebäuden in Odessa nach einem mutmaßlichen Raketenangriff Russlands am Wochenende.Bild: AA / Andre Luis Alves

Unterdessen wurden offenbar ebenfalls am Wochenende Ziele in der Nähe der ukrainischen Hafenstadt Odessa angegriffen. Sie galt einst als "Perle am Schwarzen Meer". Vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine lebten dort rund eine Million Menschen.

Jetzt ist sie gezeichnet vom Krieg. Rauchschwaden liegen seit Tagen über der Stadt. Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, eine Ölraffinerie und drei Treibstofflager mit Raketen aus Schiffen und Flugzeugen beschossen zu haben. Das lässt sich allerdings bisher nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Auch Sascha Radionow berichtet von mehreren Raketenangriffen in Odessa in den vergangenen zwei Wochen. Er ist 43 Jahre alt, freier Journalist und Vater eines siebenjährigen Jungen.

Sascha Radionow und sein Sohn.
Sascha Radionow und sein Sohn.Bild: watson / privat

Sascha erzählte bei watson bereits zu Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine davon, wie der Krieg seinen Alltag in Odessa auf den Kopf gestellt hat:

Unser Leben ist momentan wie ein Alptraum, der nicht enden will. Besonders für meine Familie. Sie wollen nicht, dass ich sie ins Ausland fliehen lassen. Sie sind alle sehr nervös, haben Angst, sind deprimiert. Wir warten hier alle darauf, dass die Russen unsere Region angreifen. Wir bekommen mehrmals täglich den Bombenalarm, wir sehen die Nachrichten darüber, was die Bombardements und der Beschuss anrichten.

Auch jetzt, einen Monat später, wird Sascha vor immer neue Herausforderungen gestellt. Wegen der Raketenangriffe in den letzten Tagen müssen er und seine Familie die Rückkehr in ihr Zuhause nach Odessa erneut verschieben.

Er sagt:

"Was mich und meine Familie betrifft, so ist die Situation immer noch dieselbe. Wir befinden uns 100 km von Odessa entfernt im Haus meiner Eltern. Wegen der vielen Menschen gibt es gewisse Unannehmlichkeiten im Alltag, aber das ist besser als bei meinem Freund, der die ganze Zeit in Charkow war: Er erzählt vom Horror der ständigen Bombardierungen.

Wir fahren regelmäßig nach Odessa, um nachzusehen, wie es um unser Haus bestellt ist. Ob Einbrecher eingedrungen sind und auch, um einige notwendige Dinge mitzunehmen. Außerdem versuchen wir, unsere Arbeit zu verbessern – mir ist es gelungen, meine Partner zu überzeugen, wieder eine gedruckte Zeitung herauszugeben.

Unser Kind lernt jetzt von zu Hause aus und wir müssen uns mit ihm auch um Schulfächer kümmern. Manchmal gibt es schwierige Momente: Für uns Erwachsene ist es schwierig, einige Probleme auf dem Niveau der zweiten Schulklasse zu lösen. Stattdessen lösen wir sie auf eine komplexere Art und Weise, die Kinder noch nicht verstehen.

Deshalb sind wir sehr besorgt, dass unser Sohn in dieser Zeit schlecht lernen wird. Einige seiner Klassenkameraden sind jetzt im Ausland und sie hatten nicht einmal Zeit, ihre Lehrbücher mitzunehmen, was es für sie noch schwieriger macht.

Rauchsäulen über der Stadt Odessa am Wochenende.
Rauchsäulen über der Stadt Odessa am Wochenende.Bild: ZUMA Press Wire / Vincenzo Circosta

In den letzten 10 Tagen wurde Odessa mehrmals schwer mit Raketen beschossen. Das macht uns große Sorgen und wir verschieben erneut unsere Rückkehr nach Hause. Wir haben große Angst, dass unser siebenjähriger Sohn verletzt wird.

Wir versuchen, unseren Soldaten zu helfen, die jetzt im Kampf gegen die Russen stehen. Wir unterstützen die Soldaten, die in der Territorialverteidigung für unsere Sicherheit sorgen. Das ist eine kleine finanzielle Hilfe. Aber ich helfe auch mit Ausrüstung, die ich zur Verfügung habe und die ihnen nützlich sein kann.

Wir sind sehr müde.

Wir möchten wirklich in unsere geliebte Stadt zurückkehren, in unser Zuhause, zu unserer normalen Arbeit und zu unseren Freunden. Aber die Angst um Verwandte, um die Kinder, ist ein sehr großes Hindernis für uns.

Und nachdem alle gesehen haben, was diese russischen Bestien in Butscha anrichten...

Diese Gefühle sind schwer in Worte zu fassen."

Menschen sprechen lassen

Hinter jeder Katastrophe stecken eigene Geschichten. Wir lassen sie von denen erzählen, die sie erleben.

Patrick hilft in der Ukraine

Er geht dorthin, woher andere fliehen – um zu helfen.
Er geht dorthin, woher andere fliehen – um zu helfen.bild: privat

Rafael verbrennt seinen Pass

Rafael ist Russe und lebt in Warschau. Er will nie wieder zurück in sein Heimatland.
Rafael ist Russe und lebt in Warschau. Er will nie wieder zurück in sein Heimatland.bild: privat

Sergey protestiert in Russland

Auf diesem Bild ist nicht Sergey zu sehen, er wollte anonym bleiben.
Auf diesem Bild ist nicht Sergey zu sehen, er wollte anonym bleiben.bild: ap / dmitri lovetsky

Oleksii rettet seine Familie

Oleksii ist mit Frau und Kindern auf der Flucht. Wenn sie sicher sind, will er kämpfen.
Oleksii ist mit Frau und Kindern auf der Flucht. Wenn sie sicher sind, will er kämpfen.bild: privat

Julia demonstriert in Berlin

Julia ist Ukrainerin. Sie lebt in Berlin und erzählt von ihrer Familie.
Julia ist Ukrainerin. Sie lebt in Berlin und erzählt von ihrer Familie.Bild: watson / Laura Czypull

Kateryna bricht in Tränen aus

Kateryna ist Dolmetscherin. Bei einer Live-Übertragung beginnt sie, zu weinen.
Kateryna ist Dolmetscherin. Bei einer Live-Übertragung beginnt sie, zu weinen.Bild: privat / sofya stoyanovska

Dimitri und seine Freunde

Seine Freunde leben im Krieg. Dimitri in Berlin. Er hat Forderungen an die deutsche Regierung.
Seine Freunde leben im Krieg. Dimitri in Berlin. Er hat Forderungen an die deutsche Regierung.bild: privat

Putin kann Familien zerstören

Unsere Autorin ist Deutsch-Russin. Gesprächen mit ihren Eltern geht sie aus dem Weg.
Unsere Autorin ist Deutsch-Russin. Gesprächen mit ihren Eltern geht sie aus dem Weg.bild: imago images / jochen eckel

Kate wurde festgenommen

Kate ist eine russische Anti-Kriegs-Aktivistin aus Moskau.
Kate ist eine russische Anti-Kriegs-Aktivistin aus Moskau.bild: privat / privat

Sascha hat Angst

Sascha ist ukrainischer Journalist aus Odessa: Er muss die Rückkehr nach Hause verschieben.
Sascha ist ukrainischer Journalist aus Odessa: Er muss die Rückkehr nach Hause verschieben.Bild: watson / privat
Trotz russischer Offensive: Evakuierung von 41 Menschen aus Bachmut geglückt – darunter 18 Kinder
Woche Zwei: Watson-Politikredakteurin Joana Rettig ist seit über einer Woche mit Patrick Münz von der Stuttgarter Organisation STELP in der Ukraine. Sie verteilen Hilfsgüter, sprechen mit Helfenden vor Ort und evakuieren Menschen aus Kriegsgebieten. Ein Protokoll.

Von Mannheim über Lwiw nach Dnipro und weiter nach Mykolajiw. Ganz nah an die Frontlinie im Süden der Ukraine. Das ist die Route von Patrick Münz und Okan Baskonyali. Watson-Politikredakteurin Joana Rettig begleitet die beiden auf ihrer Mission.

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