Der russische Präsident Wladimir Putin will auch Weltmacht auf dem Wasser werden. Die Fahne hinter ihm gilt als Symbol der russischen Militärflotte.
Der russische Präsident Wladimir Putin will auch Weltmacht auf dem Wasser werden. Die Fahne hinter ihm gilt als Symbol der russischen Militärflotte.Bild: IMAGO / ITAR-TASS
Analyse

Putins Kampf um das Schwarze Meer: Er will die "Ukraine ökonomisch erdrosseln"

02.09.2022, 19:28

Ostsee.

Mittelmeer.

Zwei Meere, die in Deutschland wohl jeder kennt. Sei es bei der Urlaubsplanung als auch bei politischen Themen wie etwa den Ostseepipelines Nord Stream 1 und 2 oder der Fluchtbewegung über das Mittelmeer.

Das Schwarze Meer rückt durch den Ukraine Krieg zunehmend in den Fokus.
Das Schwarze Meer rückt durch den Ukraine Krieg zunehmend in den Fokus. Bild: IMAGO / ITAR-TASS

Mittlerweile rückt ein weiteres europäisches Meer in den Fokus: das Schwarze Meer. Es liegt zwischen Europa und Asien. Das Wasser reicht tief und sieht oftmals trüb aus. Am Schwarzen Meer liegen viele Länder: Bulgarien, Rumänien, Georgien, die Türkei, die Ukraine und Russland.

"Russland will die Ukraine komplett vom Schwarzen Meer trennen, um sie ökonomisch zu erdrosseln"
Russland-Experte, Stefan Meister

Eine explosive Nachbarschaft – vor allem seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Warum ist das Schwarze Meer überlebenswichtig für die Ukraine und wie entwickelt sich die Region durch Russlands Aggressionen in eine Gefahrenzone? Ein Überblick.

Wer das Schwarze Meer kontrolliert, kontrolliert auch die Ukraine. Das weiß der russische Präsident Wladimir Putin.

Demnach will er die Ukraine vom Schwarzen Meer abschneiden. Dabei spielt vor allem die Krim eine wichtige Rolle. Von dort aus könne Russland das Schwarze Meer militärisch kontrollieren, erklärt Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Russland will die Ukraine komplett vom Schwarzen Meer trennen, um sie ökonomisch zu erdrosseln und sicherheitspolitisch zu kontrollieren", sagt Meister im Gespräch mit watson.

"Moskau will alle Häfen erobern und die ukrainische Flotte zerstören"
Russland-Experte, Stefan Meister

Denn die Ukraine ist ein wichtiger Exporteur von Weizen, Mais und Sonnenblumenöl. Das Land ernährt damit Millionen von Menschen. Vor dem Krieg haben die meisten ukrainischen Getreideexporte auf Schiffen die Schwarzmeerhäfen verlassen. Doch russische Kriegsschiffe stören diese Exportrouten über das Meer zunehmend.

Der russische Präsident Wladimir Putin auf einem Yacht-Ausflug mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukashenko.
Der russische Präsident Wladimir Putin auf einem Yacht-Ausflug mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukashenko.Bild: imago images / Sergei Ilyin/Russian Presidential Press and Information Office/TASS

Schwarzes Meer: Die Achillessehne der Ukraine?

Laut Politikwissenschaftler Meister ist die Schwarzmeerregion ausschlaggebend für die sicherheitspolitische und ökonomische Überlebensfähigkeit der Ukraine. "Moskau will alle Häfen erobern und die ukrainische Flotte zerstören", sagt er.

Fällt die Kontrolle des Schwarzen Meers in Putins Hände, wären die Konsequenzen für die Ukraine verheerend. "Die Ukraine würde es nicht schaffen, wirtschaftlich auf die Beine zu kommen, wenn Russland sie permanent vom Handel über das Schwarze Meer abschneiden würde", äußert sich Osteuropa-Expertin, Miriam Kosmehl, gegenüber watson.

Der Russland-Experte Meister fügt hinzu:

"Hier geht es um ein wichtiges Meer für die europäische Sicherheit, Wirtschaft und Konnektivität. Moskau möchte über seine Kontrolle des Schwarzen Meeres sicherheits- und machtpolitisch in der Region dominieren und damit dauerhaft die Rolle der transatlantischen Institutionen in der Region schwächen."

Mit "transatlantischen Institutionen" meint Meister unter anderem die "North Atlantic Treaty Organization" (Nordatlantische Vertragsorganisation) – die Nato.

Im Schwarzen Meer kommen sich Nato und Russland gefährlich nahe

Seit der Annexion der Krim 2014 durch Putin und jetzt durch seinen Krieg in der Ukraine ist Kosmehl zufolge das Schwarze Meer zur Gefahrenzone geworden. Schließlich ist die Distanz zwischen den Nato-Mitgliedern Rumänien und Bulgarien zur russischen besetzten Krim gering. Laut Expertin will Russland die Dominanz über das Schwarze Meer erreichen, um damit die Ukraine zu schwächen – aber auch die EU.

Marine-Militärübung von Russland im Schwarzen Meer nahe der Krim.
Marine-Militärübung von Russland im Schwarzen Meer nahe der Krim.Bild: imago images/ITAR-TASS / Sergei Malgavko

Meister sieht das anders. Laut ihm geht es Putin bei der Macht um das Schwarze Meer weniger um die EU, sondern vielmehr um die Nato. "Die EU hat die Bedeutung der Schwarzmeerregion lange unterschätzt und zu wenig Sicherheitspolitisches getan", meint Meister. Und wie sieht es bei der Nato aus?

Nato reagiert auf Putins Drohungen im Schwarzen Meer

Auf Anfrage von watson erklärt ein Sprecher der Nato:

"Seit der brutalen Invasion Russlands in der Ukraine Anfang dieses Jahres haben wir unsere Verteidigungspläne aktiviert und Tausende zusätzliche Truppen an beiden Seiten des Atlantiks stationiert."

Dazu gehöre:

  • Der Einsatz der Nato-Eingreiftruppe zu Verteidigungszwecken.
  • Die Stationierung von Elementen der höchsten Bereitschaftstruppen in Rumänien. Rumänien führt eine 5.000 Mann starke multinationale Brigade in Craiova und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit.
  • Die Einrichtung vier neuer Nato-Kampfgruppen Anfang des Jahres – zwei davon in der Schwarzmeerregion.

Zudem patrouillieren und üben routinemäßig Nato-Schiffe im Schwarzen Meer. Drei alliierte Mitglieder – Bulgarien, Rumänien und die Türkei – sind Küstenstaaten mit eigenen Streitkräften in der Schwarzmeerregion. Rund 40.000 Soldaten stehen demnach unter direktem Nato-Befehl an der Ostflanke. Im gesamten Bündnis sind Hunderttausende von Streitkräften in erhöhter Bereitschaft.

Ein französisches Nato-Militärschiff im Hafen von Odessa, Ukraine, am Schwarzen Meer.
Ein französisches Nato-Militärschiff im Hafen von Odessa, Ukraine, am Schwarzen Meer.Bild: imago images/SNA / Igor Maslov

"Die alliierten Streitkräfte und die Partnerschaften der Nato mit der Ukraine und Georgien zielen darauf ab, sicherzustellen, dass das Schwarze Meer eine stabile und sichere Region ist", heißt es vonseiten des Nato-Beamten.

Als Nato-Verbündeter stellt die Türkei allerdings einen besonderen Anspruch auf das Schwarze Meer.

Türkei will Putins Dominanz im Schwarzen Meer eindämmen

Meister zufolge sieht sich die Türkei als zentraler sicherheitspolitischer und ökonomischer Player in der Schwarzmeerregion. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sehe es nicht gern, dass Putin zunehmend sicherheitspolitisch im Schwarzen Meer dominiert und damit das sicherheitspolitische Gleichgewicht verschiebt.

"Die Türkei steht sicherheitspolitisch am Scheideweg"
Osteuropaexpertin, Miriam Kosmehl

Dabei ist die Türkei auch wirtschaftlich von Russland abhängig. Eine diplomatische Zwickmühle.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan unterstützt die Ukraine mit Drohnen.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan unterstützt die Ukraine mit Drohnen.Bild: Ukrainian Presidential Press Off

Russland ist ein wichtiger Gas- und Öllieferant für die Türkei. Aber als Nato-Mitglied steht das Land sicherheitspolitisch auf der anderen Seite – gegen Putin. So liefert Erdoğan unter anderem Drohnen in die Ukraine.

"Die Türkei steht sicherheitspolitisch am Scheideweg: Soll Erdoğan das Schwarzmeer für mehr Präsenz der Nato öffnen oder die Dominanz Russlands weiter zulassen?", führt Kosmehl aus. Ziel müsse sein, aus einer gemeinsamen Position der Stärke mehr Sicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig dämme die gegenseitige Abhängigkeit mögliche Konflikte ein.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan geht neue Wirtschaftsabkommen mit Russland ein.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan geht neue Wirtschaftsabkommen mit Russland ein.Bild: IMAGO/ITAR-TASS

Auch Meister glaubt nicht an einen großen Konflikt, "da Russland und die Türkei machtpolitisch klar kalkulieren und eher ein Interesse an einer Kooperation haben." Die Türkei brauche Russland energie- und wirtschaftspolitisch und werde sich nicht gegen Russland stellen. "Trotz Konfliktpotentials kooperieren sie in bestimmten Bereichen und konkurrieren in anderen", meint Meister.

Für die Nato bleibt die Türkei demnach ein wichtiger Akteur in der Schwarzmeerregion. Lange standen auch die Ukraine, Georgien und Moldau in den Nato-Beitrittsverhandlungen. Wären sie aufgenommen worden, hätte sich das Schwarze Meer in ein Nato-Meer verwandelt.

Ein Horrorszenario für Putin?

Putins Furcht vor einem Nato-Meer

Laut Meister wird in Moskau dieses Szenario sicherlich diskutiert. Der Krieg in der Ukraine zeige: Putin will mit allen Mitteln verhindern, dass postsowjetische Staaten Teil der Nato werden.

Meister sagt:

"Die Nato soll keinen Einfluss in der Schwarzmeerregion gewinnen. Gleichzeitig führt der Krieg in der Ukraine zu mehr Nato-Engagement und Abschreckungspolitik gegenüber Russland in der Region."

Putin ruft genau das hervor, wovor er sich wohl gefürchtet hat: eine stärkere, in sich geeinte, wachsende Präsenz der Nato im Schwarzen Meer als Antwort auf seinen völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine.

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