Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew, und Wladimir Klitschko, vor wenigen Tagen in der ukrainischen Hauptstadt. Ihre langjährige Managerin erzählt bei watson vom Kampf der Brüder für ihr Land.
Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew, und Wladimir Klitschko, vor wenigen Tagen in der ukrainischen Hauptstadt. Ihre langjährige Managerin erzählt bei watson vom Kampf der Brüder für ihr Land. Bild: www.imago-images.de / imago images
Interview

Klitschko-Managerin über den neuen Kampf der Brüder im Krieg: "Sie wissen, dass sie als die Vorbilder für eine ganze Nation stehen"

16.05.2022, 06:3610.06.2022, 11:26

Tatjana Kiel hat jahrelang die Boxkämpfe der Klitschko-Brüder organisiert, mit Wladimir arbeitet sie noch heute zusammen. Nun kämpfen die Brüder einen ganz anderen Kampf – bei der Verteidigung der Ukraine gegen Russlands Angriff. Als Bürgermeister von Kiew hat Vitali Klitschko hier eine wichtige Rolle, sein jüngerer Bruder Wladimir organisiert vor Ort Hilfe für die Bevölkerung und wirbt weltweit um Solidarität.

Und auch jetzt steht Tatjana Kiel an ihrer Seite.

Statt wie früher mit Veranstaltern zu telefonieren oder sich um Sitzplätze zu kümmern, organisiert sie mit "#WeAreAllUkrainians" großangelegte Hilfsgütertransporte in die Ukraine.

Watson hat Tatjana Kiel im Rahmen der "Green Actors Lounge" in Berlin getroffen. Im Interview spricht sie darüber, wie sie den Klitschkos von Deutschland aus zur Seite steht und wie sie mit der enormen psychischen Belastung umgeht.

Tatjana Kiel organisiert in Zusammenarbeit mit den Klitschko-Brüdern mit #WeAreAllUkrainians Hilfsgüterlieferungen in die Ukraine.
Tatjana Kiel organisiert in Zusammenarbeit mit den Klitschko-Brüdern mit #WeAreAllUkrainians Hilfsgüterlieferungen in die Ukraine. bild: Mirko Hannemann

Watson: Tatjana, wie fühlt sich das an, dass sich deine langjährigen Geschäftspartner, Vitali und Wladimir Klitschko, in einem Kriegsgebiet aufhalten?

Tatjana Kiel: Gefahr kenne ich schon aus dem Sportbereich, Boxen ist auch gefährlich. Es gab immer die Möglichkeit, dass etwas passieren könnte. Der Unterschied jetzt ist dieses Extreme eines Krieges, die Aggression von außen. Die Ukraine, Vitali und Wladimir haben den Krieg nicht angefangen, sondern sie wissen, dass sie als die Vorbilder für eine ganze Nation stehen, mit Selenskyj zusammen. Das finde ich unglaublich großartig und unterstützenswert. Und ja, ich bin alle Szenarios durchgegangen. Für den Worst Case gibt es alles, was wir bedenken konnten und mussten. Wir sind darauf vorbereitet, dass den beiden etwas passiert. Aber es gibt noch ganz viele andere Ukrainer, die dann unsere Hilfe brauchen.

Wie ist es für dich, wenn du länger nichts von den beiden hörst?

Das ist in den ersten zwei Wochen extrem gewesen. Danach hat es ein bisschen abgenommen, weil wir Menschen uns auch an schwierige Situationen gewöhnen. Zum anderen sind die Angriffe um Kiew zurückgegangen, auch wenn es immer noch welche gibt. Das heißt, die Angst ist einfach eine andere. Nun ist es eher die Angst, was im Süden oder im Osten passiert und wie viele Menschen da gerade sterben. Wir sehen ja gerade keine Bilder, das heißt, es muss ganz schlimm sein.

Woraus schöpfen die Klitschkos ihre Kraft?

Es ist die Solidarität, die sie vor allem gesellschaftlich bekommen. Vielleicht nicht so sehr politisch, wie sie oder wie wir uns das wünschen würden. Aber gesellschaftlich und wirtschaftlich ist unfassbar beeindruckend, was da gerade passiert und wie die beiden auch dafür wahrgenommen werden, was sie tun. Das gibt natürlich ganz viel Kraft.

Worüber hast du bei deinem letzten Telefonat mit Wladimir gesprochen?

Wir haben über eine Aktion gesprochen, die wir gerade initiiert haben. Dabei geht es darum, für junge Mütter und ihre zu früh geborenen Babys ein Hilfspaket zu schnüren. Das soll die Mütter mit allem Notwendigen versorgen und ihnen die Möglichkeit geben, in den ersten zehn Tagen eine Umgebung zu schaffen, in der sie sich einigermaßen sicher fühlen. Solidarität bedeutet für mich jetzt, gerade diesen Frauen den Mut zu geben, weiterzumachen und ihnen ein Stück Normalität zu geben, die sie sonst nicht erleben dürfen in diesen ersten Tagen nach der Geburt.

Wie stellt ihr die Verbindung zu den hilfebedürftigen Menschen vor Ort her? Und wie schafft ihr es, dass die Sachendann dort ankommen, wo sie benötigt werden?

Erst einmal mussten wir herausfinden, um beim Beispiel der Mütter zu bleiben, was denn die Sachen sind, die jetzt da drüben gebraucht werden? Das wissen wir beispielsweise von sehr engagierten Hebammen und haben diese Sachen dann zusammengetragen. Pro Mutter und Kind gibt es fast einen Umzugskarton voll. Und da sind alle Produkte drin, die es für diese zehn Tage braucht. Immer vorausgesetzt, dass keine Krankheit oder weitere Komplikationen vorliegen.

Woher bekommt ihr die Hilfsgüter dann?

Wir sind an den Drogeriemarkt DM herangetreten, die sofort zugesagt haben, die Aktion mit Produktspenden in Höhe von einer Million Euro zu unterstützen. Diese Pakete werden jetzt gepackt und dann werden sie in zwei bis drei Wochen mit dem Zug rübergebracht und verteilt, je nachdem, wo Bedarf ist. In der Ukraine werden im Moment pro Monat 10.000 Kinder zu früh geboren.

Versucht ihr mit eurer Organisation auch, Menschen aus den Gebieten zu evakuieren?

Nein, aus der Ukraine selbst bringen wir sie nicht, sondern wir haben uns entschieden, vor allem die Situation in Berlin zu entzerren. Wir versuchen, in Deutschland Hotels oder Unterkünfte zu finden, die mindestens 100 Personen für einen längeren Zeitraum aufnehmen. Und dann bringen wir sie direkt dorthin in die Komplettbetreuung.

Ist es leichter oder schwerer geworden, Hilfsgüter in die Ukraine zu bringen?

Wir passen unsere Prozesse immer wieder an und es funktioniert so lange, bis irgendjemand die Strecke mit Bomben angreift. Und das passiert immer wieder zwischendurch. Aber wir sind extrem agil, weil wir mehrere Wege haben, die wir nutzen können.

"Wenn ich es nicht mache, wird es wahrscheinlich so kein anderer umsetzen können."

Wie hat dir deine Tätigkeit als Managerin bei der Organisation der Hilfsgüterlieferung geholfen?

Organisation und Partnerschaften knüpfen, das konnte ich schon immer. Also ich bin eine Problemlöserin, würde ich sagen. Ich bin extrem gut im schnellen Umdenken, wenn der eine Plan nicht geht. So schnell gebe ich nicht auf.

Wie sieht es mit deiner eigenen psychischen Belastung aus? Woher nimmst du die Kraft, so viel zu arbeiten?

Im Gegensatz zu der normalen Arbeit, für die ich auch schon sehr gebrannt habe, sehe ich einfach, dass es um Leben und Tod geht. Außerdem: Dieses Sprachrohr, was wir gerade durch den direkten Draht zu Wladimir Klitschko bilden, das hat kein anderer. Das heißt, wenn ich es nicht mache, wird es wahrscheinlich so kein anderer umsetzen können. Das wäre für mich hochdramatisch, diesen Menschen nicht helfen zu können. Und wenn man dann sieht, was man bewegen kann, dann tut man alles, was man kann. Mittlerweile ist es aber so, dass ich mir natürlich auch Betreuung suche. Immer wenn es mir zu viel wird, suche ich mir den Austausch, und zwar professionell.

"Die Geflüchteten, die erst später angekommen sind, brauchen dringend psychologische Betreuung."

Wie hat dir dieser Austausch geholfen?

Jeder Mensch, der etwas Neues macht, muss ja ganz viel verarbeiten. Aber viele Dinge sind so neu, die kann ich gar nicht allein verarbeiten. Ich bin mir nicht zu schade, Dinge anzusprechen, die normalerweise verpönt sind oder nicht angesprochen werden. Natürlich hole ich mir Hilfe und ich kann das auch nur jedem anderen empfehlen.

Dann wahrscheinlich auch den geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern.

Ja, das sehen wir jetzt auch. Die Flüchtenden, die Hilfesuchenden, die in den ersten zwei oder drei Wochen gekommen sind, waren nicht so extrem belastet. Diejenigen, die erst später angekommen sind, brauchen dringend psychologische Betreuung, weil sie so lange in einem Kriegsgebiet waren und so viel erlebt haben, dass sie allein nicht mehr zurechtkommen. Es ist gut zu wissen, dass psychologische Betreuung hilft.

Wie kann man euch unterstützen?

Spendengelder helfen immer. Aber jetzt ist es wichtig, vor allem Haltung zu zeigen und immer weiter über den Krieg zu sprechen und darüber, dass das nicht in Ordnung ist, was da passiert.

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