KRAMATORSK, UKRAINE - APRIL 08: (EDITORS NOTE: Image depicts death) A view of the scene after over 30 people were killed and more than 100 injured in a Russian attack on a railway station in eastern U ...
Mindestens 50 Menschen starben bei dem Raketenangriff auf den Bahnhof der ukrainischen Stadt Kramatorsk. Patrick Münz half, die Menschen von dort zu evakuieren.Bild: AA / Andrea Carrubba
Ukraine-Krise

Helfer unter Beschuss: Wie Patrick Menschen aus der Ukraine rettet

Manchmal, sagt er, bekommt er es schon mit der Angst zu tun. Aber er weiß, worauf er sich einlässt. Patrick Münz ist bereits das zweite Mal in der Ukraine. Er verteilt Hilfsgüter und evakuiert Menschen aus umkämpften Gebieten.
19.04.2022, 09:2408.06.2022, 17:14

Er macht eine Pause, bevor er von den Bomben erzählt.

Eigentlich ist Patrick ein Mensch, der fast ohne Punkt und Komma reden kann. Das tut er auch – am Telefon. Doch als er von den beiden Bomben erzählt, die auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw geschossen wurden, stockt seine Stimme.

Und Patrick, der viel und schnell redet, gern witzelt und mit ironischen Sprüchen die Stimmung lockert, spricht von jetzt auf gleich langsam, bildlich, fast malerisch.

"Nicht, dass wir die Explosion wie einen Feuerball gesehen hätten, aber eben diesen roten Schein, der geleuchtet hat, als würde dort gerade die Sonne aufgehen."

"Wir standen ungefähr 80 Kilometer außerhalb von Kyjiw und mussten auf eine finale Bestätigung warten, bevor wir eine evakuierte Dame aus Konotop in die Stadt bringen konnten", erzählt der 28-Jährige. "Dann wurden zwei Bomben auf Kyjiw abgeworfen und wir haben das aus dieser Entfernung gesehen. Nicht, dass wir die Explosion wie einen Feuerball gesehen hätten, aber eben diesen roten Schein, der geleuchtet hat, als würde dort gerade die Sonne aufgehen."

Patrick Münz ist für die Organisationen STELP und Leave no one Behind in der Ukraine unterwegs. Er evakuiert Menschen und liefert Hilfsgüter aus
Bild: Privat / Patrick Münz

Patrick Münz ist für die Organisationen STELP und "Leave no one behind" in der Ukraine unterwegs. Er verteilt Hilfsgüter und evakuiert Menschen aus umkämpften Gebieten. Seit fast drei Wochen ist er bereits wieder vor Ort. Es ist schon seine zweite Reise dorthin, seit Russland am 24. Februar den Angriffskrieg gegen die Ukraine gestartet hat.

Etwa 4.500 Kilometer legen Patrick, sein Team und andere Helferinnen und Helfer in dieser Zeit zurück. Dabei fahren sie quasi durch die gesamte Ukraine. Sie starten in Lwiw im Westen, über Kyjiw nach Tschernihiw im Nordosten. Dann wieder Kyjiw. Von dort geht es Richtung Osten: Dnipro – Kramatorsk – Slowjansk – Dnipro – Kramatorsk – Slowjansk – Lyssytschansk – Sjewjerodonezk – Slowjansk – Dnipro – Kramatorsk – und wieder Dnipro.

Von Dnipro aus geht es weiter nach Konotop im Nordosten: Dort evakuieren sie eine alte Frau, die wegen ihrer Diabetes-Erkrankung in Lebensgefahr steckt, sie hat kaum noch genügend Insulin übrig. Sie bringen sie über Kyjiw nach Lwiw. Von dort geht die Flucht der Frau weiter nach Deutschland.

Patrick und sein Team arbeiten nach Auftrag. Menschen, die evakuiert werden möchten, oder deren Familien, die sie aus den umkämpften Gebieten rausholen wollen, melden sich bei der E-Mailadresse rescue@stelp.eu – hier sammelt die Organisation Hilferufe und organisiert die Rettungsaktionen.

Du willst helfen?
Patrick ist Zweiter Vorsitzender der Hilfsorganisation STELP. Er meint, momentan sei es am wichtigsten, dass neben Geldspenden vor allem Großbestellungen bei den Organisationen ankommen. Das mache logistisch am meisten Sinn, denn so komme die Hilfe sehr viel schneller und gezielter an. Heißt: Medikamente, Erstversorgung bei Verletzungen, Wasser, Haltbare Lebensmittel – all das sollte, wenn möglich, palettenweise gespendet werden.
Bei Fragen oder dem Wunsch zu spenden, ist die Organisation unter stelp.eu/spenden oder der Mailadresse team@stelp.eu erreichbar.
Auch über ihre Social-Media-Kanäle kannst du STELP kontaktieren: Instagram, Facebook

Rettungsaktionen, die auch den Helferinnen und Helfern das Leben kosten können:

Patrick ist gerade auf dem Rückweg von Tschernihiw nach Kyjiw, als er von dem Angriff auf den Bahnhof in Kramatorsk erfährt.

Er erzählt:

"Noch während wir in Tschernihiw waren, haben wir mitbekommen, dass in Kramatorsk Gleise beschossen wurden: Es konnten also keine Züge mehr fahren. Heißt: Im Bahnhof dort haben hunderte Menschen gewartet, dass die Gleise repariert werden. Auf unserem Weg zurück nach Kyjiw, ist eine Rakete in den Bahnhof eingeschlagen. Diese Art von Raketen ist dafür gemacht, ein Bataillon von Soldaten zu töten. Sie wurde auf einem Bahnhof abgeworfen, wo klar war, dass sich dort hunderte Zivilistinnen und Zivilisten aufhielten. Ein Angriff auf die Zivilgesellschaft also. Kaum zu begreifen."

Der Bahnhof in Kramatorsk wird am Morgen des 8. April von mindestens einer Rakete getroffen. Nach ukrainischen Angaben gibt es mindestens 50 Tote. Moskau und Kyjiw schieben sich bis heute gegenseitig die Schuld für den Angriff zu. Russland behauptet, der Angriff sei von ukrainischer Seite aus inszeniert. Dafür gibt es allerdings kaum Anhaltspunkte, wie ein Faktencheck der Nachrichtenagentur dpa zeigt.

Für Patrick ist schnell klar, dass er nach diesem Angriff in Kramatorsk Menschen evakuieren muss. Ein Kollege vor Ort habe ihm zudem den Hinweis gegeben, dass dort dringend Hilfe benötigt werde.

KRAMATORSK, UKRAINE - APRIL 09: Some volunteers look for traces to help identify the corpses at Kramatorsk railway station after the missile attack in Kramatorsk, Ukraine on April 09, 2022. Andrea Car ...
Freiwillige suchen nach Spuren, um die Leichen am Bahnhof Kramatorsk nach dem Raketenangriff zu identifizieren.Bild: AA / Andrea Carrubba

Er organisiert noch während der Fahrt nach Kyjiw einen Konvoi mit insgesamt 36 Fahrzeugen, die sich am nächsten Tag auf den Weg Richtung Osten machen.

Sie wissen um die Gefahr: Ein so großer Konvoi fällt auf. Ein dankbares Ziel für mögliche Angriffe. Also trennen sich die vielen Fahrzeuge ab der Stadt Dnipro, die etwa 250 Kilometer von Kramatorsk entfernt liegt. Fahren unterschiedliche Routen.

Circa 320 Menschen, sagt Patrick, werden an diesem Tag evakuiert. Ohne Verluste, ohne Angriffe.

Doch das soll noch nicht alles gewesen sein.

"Von Slowjansk aus sind wir mit einem Bus für 50 Personen, einem Neunsitzer, einem gepanzerten Lkw und einem gepanzerten Van nach Lyssytschansk gefahren, um dort Hilfsgüter an einer Schule auszuliefern. Auf dem Weg dorthin haben wir an der Feuerwache der Stadt noch 35 Menschen eingesammelt. Kurz nachdem wir weitergefahren sind, sind an der Feuerwache drei oder vier Granaten von Artilleriegeschossen eingeschlagen."

Zufall oder ein gezielter Angriff auf zivile Rettungsaktionen?

Patrick kann es nicht sagen. "Es könnte sein, dass russische Aufklärungstrupps unseren Konvoi ausfindig gemacht haben und gezielt geschossen haben", meint er. Er sagt es ganz trocken, ohne viel Emotion.

"Wenn man hört, dass es nur wenige hundert Meter entfernt ist und man in einen Keller rennen muss, wenn man nicht weiß, landet das das jetzt vor den eigenen Füßen oder hat man da noch Luft: Dann bekommt man es schon mit der Angst zu tun."

In Sjewjerodonezk geraten sie unter massiven Artilleriebeschuss. "Der Kollege von uns, der dort schon eine Weile gearbeitet hat, sagte uns, dass der Beschuss an diesem Tag so heftig war wie noch nie." Für ihn ein Zeichen dafür, dass man sich von russischer Seite auf einen Vorstoß vorbereitet.

Eindrücke aus Sjewjerodonezk: Hilfsgüter und Lebensmittel werden von Freiwilligen verteilt.
Eindrücke aus Sjewjerodonezk: Hilfsgüter und Lebensmittel werden von Freiwilligen verteilt. Bild: www.imago-images.de / imago images

Trotzdem fahren Patrick und sein Team weiter in die Stadt hinein. Er weiß, worauf er sich einlässt, sagt er. Man könne unterscheiden, ob der Beschuss Kilometer weit entfernt sei oder eben ganz nah. Ihm sei klar, dass das Team permanent Artilleriebeschuss hören muss. "Nur wenn man dann hört, dass es nur wenige hundert Meter entfernt ist und man dann schon in einen Keller rennen muss, wenn man nicht weiß, landet das das jetzt vor den eigenen Füßen oder hat man da noch ein bisschen Luft: Dann bekommt man es schon mal ganz kurz mit der Angst zu tun."

Sie schaffen es in die Stadt Sjewjerodonezk, ihre großen Fahrzeuge lassen sie allerdings stehen: nicht wendig genug. Die jüngsten "Gäste", wie sie Patrick nennt, sind zwei, drei Jahre alt und die älteste Dame 92.

In diesen drei Wochen evakuieren Patrick und sein Team eigenen Angaben zufolge 395 Menschen und verhelfen ihnen zur Flucht. Insgesamt, seit Kriegsbeginn, sind es 421.

Ukraine rechnet mit neuer russischer Raketenangriffswelle

Neun Monate nach Beginn des Angriffskrieges Russlands in der Ukraine gehen die Kämpfe weiter. Besonders heftig sind diese im Donbass. Unterdessen hat die Ukraine mit den kalten Temperaturen im Winter und dem ständig ausfallenden Stromnetz zu kämpfen.

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