Diese Frau mit Kind wurde von den Soldaten am Flughafen Kabul evakuiert.
Diese Frau mit Kind wurde von den Soldaten am Flughafen Kabul evakuiert.
Bild: www.imago-images.de / U.S. Marines

"Sie sehen die verzweifelten Augen der Afghanen und auch der Staatsbürger unterschiedlicher Nationen" – Chaos, Verzweiflung und Gewalt am Flughafen Kabul

20.08.2021, 17:32

Angesichts des zunehmenden Zeitdrucks werden Verzweiflung und Gewalt rund um den Flughafen von Afghanistans Hauptstadt Kabul immer größer. Tausende Afghanen hoffen immer noch auf eine Gelegenheit, nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban mit westlichen Flügen außer Landes zu kommen.

Trotz der Gefahr hielt der Ansturm der Menschen, die auf das Flughafengelände gelangen wollen, den fünften Tag in Folge an. Taliban-Kämpfer feuerten am Eingang zum zivilen Teil des Flughafens in die Luft und schlugen mit Peitschen, um die Leute zu vertreiben, wie ein Augenzeuge der Deutschen Presse-Agentur dpa berichtete.

Am Flughafen gibt es einen zivilen und einen militärischen Bereich. Die Menge am Zugang zum militärischen Teil sei groß und unberechenbar, berichtete ein Reporter des US-Senders CNN. Bilder zeigten, wie US-Soldaten in die Luft schossen, damit die Menschenmenge von den Außenmauern zurückweicht.

Der Bundeswehrgeneral Jens Arlt leitet den deutschen Evakuierungseinsatz am Flughafen in Afghanistan. Er spricht von dramatischen Szenen. "Es ist sehr sehr turbulent alles", sagte er in einer Online-Pressekonferenz. "Sie sehen die verzweifelten Augen der Afghanen und auch der Staatsbürger unterschiedlicher Nationen, die einfach versuchen, in den inneren Bereich des Airports zu gelangen."

ZDF-Korrespondentin weiß von keinem deutschen Gate am Flughafen

In einem Schreiben der deutschen Botschaft an Menschen, die auf einen Flug hoffen, hieß es: "Die Lage am Flughafen Kabul ist äußerst unübersichtlich. Es kommt an den Gates immer wieder zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Der Zugang zum Flughafen ist derzeit möglich. Zwischendurch kann es aber immer wieder kurzfristig zu Sperrungen der Tore kommen, auch weil so viele Menschen mit ihren Familien versuchen, auf das Gelände zu kommen. Wir können Sie leider nicht vorab informieren, wann die Tore geöffnet sein werden."

Bei "Maybrit Illner" berichtete Katrin Eigendorf, ZDF-Korrespondentin, darüber, dass es nach ihren Informationen gar kein Gate gibt, für das die Deutschen zuständig sind. Stattdessen entscheiden die US-Soldaten alles. Zwei Ortskräfte erzählten der dpa, dass sie an den Eingängen zurückgehalten werden: "Die amerikanischen Soldaten lassen nur ihre Leute durch."

Ebenso in der Talkshow am Donnerstag war eine der sieben Menschen zu Gast, die in der ersten Maschine der Bundeswehr aus Afghanistan evakuiert wurde. Patoni Izaaqzai-Teichmann. Sie erhob schwere Vorwürfe gegen die deutsche Regierung und kritisierte die Vorgehensweise der Deutschen in Afghanistan.

"Wir lassen einfach alle dort [zurück]. Wir können die Leute nicht rausholen, weil wir keine Strategie haben."
Patoni Izaaqzai-Teichmann nach ihrer Flucht aus Afghanistan

Es gebe zu viele Listen mit unterschiedlichen Namen, weshalb einige gar nicht erst zum Flughafen kommen. Auch die Zusammenarbeit mit der USA muss verbessert werden. "Wir lassen einfach alle dort [zurück]. Wir können die Leute nicht rausholen, weil wir keine Strategie haben."

Die Nerven liegen bei vielen Menschen blank, weil der Zeitdruck wächst: Die USA wollen eigentlich bis zum 31. August den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan abschließen. Vom Schutz durch die derzeit 5200 US-Soldatinnen und -Soldaten hängen aber die Evakuierungseinsätze anderer Streitkräfte wie beispielsweise der Bundeswehr ab. US-Präsident Joe Biden geht davon aus, dass zwischen 50.000 und 65.000 Menschen von den USA in Sicherheit gebracht werden wollen. Möglicherweise bleiben auch über den 31. August hinaus US-Truppen in Kabul – sicher ist das nicht. Zudem ist ungewiss, wie sich die Taliban verhalten.

Menschen werfen ihre Babys über den Zaun zum Flughafengelände

Es sind nur noch wenige Journalisten vor Ort. Eine davon ist die amerikanische CNN-Reporterin Clarissa Ward. Besonders brisant, da sie eine Frau ist. In einem Video ist zu sehen, wie sie sich zur Seite stellen soll, weil sie eine Frau ist. Mindestens drei afghanische Journalistinnen wurden laut der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ in diesem Jahr bereits ermordet.

Ward berichtet darüber, dass Menschen ihre Babys über den Zaun zum Flughafengelände werfen, damit diese in Sicherheit sind. Die Menschen versuchen trotz Schüssen auf das Flughafengelände zu kommen, "weil sie wissen, dass sie außerhalb des Flughafens eine Situation erwartet, die schlimmer ist als der Tod."

NATO-Mitarbeiter spricht von mehr als 18.000 evakuierten Menschen

Die Bundeswehr twitterte am Freitag, sie habe bislang 1649 Menschen aus 38 Nationen über eine Luftbrücke in Sicherheit gebracht. Es ist der bislang größte Evakuierungseinsatz der Bundeswehr. Die US-Streitkräfte flogen seit Samstag dem Pentagon zufolge 7000 Menschen ins Ausland. Ein NATO-Mitarbeiter sprach von einer Gesamtzahl von 18.000 Menschen, die aus Kabul evakuiert worden sind.

Am Sonntag hatte der afghanische Präsident Aschraf Ghani fluchtartig das Land verlassen. Wenige Stunden später nahmen die Taliban kampflos die auf 5,4-Millionen-Einwohner-Stadt ein. Seitdem sind sie die neuen Machthaber in Afghanistan.

(drob/dpa)

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