"Hands Off Ukraine" und "Stop War" fordern Demonstrierende auf einem Protest vor der russischen Botschaft in Berlin.
"Hands Off Ukraine" und "Stop War" fordern Demonstrierende auf einem Protest vor der russischen Botschaft in Berlin.Bild: www.imago-images.de / Mike Schmidt
watson live dabei

Gegen Putin, für Sanktionen: 650 Menschen zeigen in Berlin Solidarität mit Ukraine

23.02.2022, 10:5925.02.2022, 15:45

"Stop Putin, Stop War", "Stop Putin, Stop War", "Stop Putin, Stop War!" Die Menschen sind wütend. Wütend auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin und wütend auf dessen Regierung.

"Slava Ukraini" – Ehre der Ukraine, "Heroiam slava!" – Ehre den Helden, geht es weiter. Ein Slogan der ukrainischen Nationalbewegung. Getrommel kommt hinzu.

Hunderte Menschen stehen um die Trommler herum. Sie sind zu den drei angemeldeten Demonstrationen gekommen, die an diesem Dienstagabend vor der Russischen Botschaft in Berlin stattfinden. Die Botschaft: Solidarität mit der Ukraine im Konflikt mit Russland. Die Polizei hat im Vorfeld mit 450 Demonstrierenden gerechnet. Am Ende kommen 650.

Demonstrierende vor der russischen Botschaft in Berlin.
Demonstrierende vor der russischen Botschaft in Berlin.Bild: watson / laura czypull

Aus einem Mikrofon tönt eine weibliche Stimme: "Es ist nicht mehr nur Russland gegen die Ukraine, dieser Konflikt ist laut geworden. Wir können alle zusammen laut sein und alle zusammen etwas verändern." Es ist nasskalt, es dämmert. Es sind ukrainische Flaggen zu sehen, russische, EU-Flaggen. Man hört in der Menge Menschen Ukrainisch, Deutsch, Englisch sprechen. Sie stehen unter den Linden, in einem Halbkreis um die Rednerinnen und Redner auf der Demonstration. Als die Sprecherin vorne zu reden beginnt, wird es leise.

Unter dem Hashtag #UkraineWillResist wurde zuvor auf Social Media zum Protest aufgerufen. In Absprache mit den Organisatorinnen und Organisatoren haben sich auch die Jugendorganisationen der großen Parteien an der Demonstration beteiligt, Junge Union, Jusos, Junge Liberale, Grüne Jugend. "Wir stehen an der Seite der Ukraine", lassen sie durch Tilman Kuban, Bundesvorsitzender der Jungen Union, auf Twitter mitteilen.

Forderung nach Sanktionen gegen Russland

"Viel zu lange haben wir unsere Freunde allein gelassen. Es braucht ein starkes Signal gegen Putin. Wir sind dazu bereit, dieses Signal zu senden", positioniert sich Kuban auf der Demonstration, eng eingekesselt von Unterstützerinnen und Unterstützern der Ukraine.

Die Trommeln setzen wieder ein: "Sanktionen gegen Russland jetzt, Sanktionen gegen Russland jetzt!" Die Stimmung ist aufgeheizt.

Diese Forderung der Demonstrierenden unterstützt auch die Grüne Jugend, die Jugendorganisation von Bündnis 90/ Die Grünen. "Wir erwarten von der Bundesregierung zielgerichtete Sanktionen und vor allem, dass NordStream 2 niemals in Betrieb geht", sagt Timon Dzenius, Bundesvorstand der Grünen Jugend, im Gespräch mit watson.

Er musste sich seinen Weg durch die weiter aufgeheizte Stimmung der Demonstrierenden aus der Masse heraus bahnen. Es ist schwer, sein eigenes Wort zwischen den Rufen zu verstehen, die immer wieder laut werden: "Stand with Ukraine", "Raus aus dem Donbass".

Seit Tagen spitzt sich die Lage an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine fast stündlich weiter zu. User auf Social Media berichten über Schusswechsel, auf Twitter verbreiten sich Videos von Panzern, die in die Ostukraine einrücken, es gibt weitere Tote. "Ein ukrainischer Kommandant hat mir gerade eine SMS von der Frontlinie im Donbass zugeschickt: 'Wir waren den ganzen Tag und gestern unter Beschuss. Wir haben Putins Rede gesehen und jetzt warten wir...'", schreibt Christopher Miller, ein Korrespondent von "BuzzFeedNews", auf Twitter.

In einer Fernsehansprache an die russische Bevölkerung verkündet der russische Präsident Wladimir Putin am Dienstag die offizielle Anerkennung der Gebiete Luhansk und Donezk an der ostukrainischen Grenze als von der Ukraine unabhängig. Er bezeichnete diese Entscheidung als "notwendig" und "längst überfällig". Nur einen Teil der beiden Gebiete kontrollieren momentan prorussische Separatisten. Der Rest ist unter ukrainischer Kontrolle.

"Die Entscheidung des russischen Präsidenten zur Anerkennung der sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk am Montag ist ein schwerwiegender Bruch des Völkerrechts", kommentiert Bundeskanzler Olaf Scholz am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit dem irischen Premierminister den Schritt Russlands.

"Solche Handlungen dürfen nicht ohne Konsequenzen bleiben", sagt Scholz. Deshalb werde die EU im Laufe des Tages ein erstes "Set an Sanktionen" beschließen, das auch das Projekt um die umstrittene Ostsee-Pipeline NordStream 2 betreffe, erklärt er und legt damit die russisch-deutsche Erdgasleitung vorerst auf Eis.

Den Teilnehmenden der Demonstration vor der russischen Botschaft geht das nicht weit genug. Erneut fordern sie, angetrieben durch rhythmisches Trommeln: "Sanktionen gegen Russland!"

Lasse Rebbin, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos, der Jugendorganisation der SPD, ist auch zu der Demo gekommen. Er stellt sich unmissverständlich an die Seite der Ukraine. Im Gespräch mit watson sagt er: "Putin hat mit der Ansprache deutlich gemacht, was er wirklich will. Die Rede gestern Abend war sehr augenöffnend."

Die Ukraine schweigt nicht

Während er spricht, kommen immer wieder laute Rufe auf, diesmal auf Englisch: "Ukraine Will Resist", "Ukraine Will Resist", die Ukrainerinnen und Ukraine rufen zum Widerstand gegen Russland auf.

Die Ukrainerin Ivana Antonova demonstriert in Berlin für ihr Heimatland.
Die Ukrainerin Ivana Antonova demonstriert in Berlin für ihr Heimatland.Bild: watson / laura czypull

Die Ukrainerin Ivana Antonova ist eine derjenigen, die die Slogans in den Berliner Abendhimmel ruft. Sie sagt, auf Englisch: "Ich bin heute hier, weil ich zeigen will, dass mir die Ukraine am Herzen liegt." Die 31-Jährige hat Freunde und Familie in Kiew und möchte heute Abend Aufmerksamkeit erregen. Sie fordert gezielte Schritte der deutschen Regierung gegen Russland. "Die Menschen in der Ukraine haben einen Notfallplan zu Hause und denken jeden Abend darüber nach, was sie bei einer Eskalation des Konflikts tun werden", erzählt Ivana. Sie selbst habe Flugtickets für den 5. März in die Ukraine und hofft, zu ihrer Familie fliegen zu können, auch, wenn der Konflikt weiter eskaliert. Ivana beschreibt den russischen Präsidenten als "völlig verrückt".

Maximilian Reiter geht nicht ganz so weit. Reiter, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP-Jugendorganisation, sagt am Rande der Demo, der Schritt Putins, die besetzten Gebiete anzuerkennen, zeige, "wie weit sich Putin von diplomatischen Verhandlungen entfernt hat." Er ergänzt: "Das ist sehr besorgniserregend."

Das Schild einer Demonstrantin.
Das Schild einer Demonstrantin.bild: watson / laura czypull

Auf einem Schild steht: "Ukraine is not a 'part of Russia', wasn't and will never be" – "Die Ukraine ist kein 'Teil Russlands', war es nie und wird es auch nie sein". Eine Demonstrantin in den hinteren Reihen der Demo hält es, während sie mit Freunden spricht. Sie sei Russin, erklärt sie, ihre Freunde auch.

Sie sagt: "Ich bin heute hier, weil ich gegen Krieg bin." Ihren Namen will sie nicht nennen. Aus Angst vor Konsequenzen der russischen Regierung, so erklärt sie das. Über die russischen Soldaten in der Ostukraine sagt sie: "Die sogenannten Friedenstruppen, die entsandt wurden, waren nie welche." Ihr Schild hält sie so, dass es ihr Gesicht und einen Teil ihres Körpers verdeckt. "Putin spricht im Namen des russischen Volks, dabei wissen wir genau, dass die ukrainischen Gebiete nicht zu Russland zählen", erzählt sie weiter. Auf ihrem Schild steht noch ein Hashtag, in kyrillischen Buchstaben. Auf Deutsch bedeutet er: "Wir schweigen nicht".

Gefährliche Evakuierungs-Aktionen: Warum manche Menschen nicht mitwollten
Woche Zwei: Watson-Politikredakteurin Joana Rettig ist seit über einer Woche mit Patrick Münz von der Stuttgarter Organisation STELP in der Ukraine. Zusammen mit anderen verteilen sie Hilfsgüter, sprechen mit Helfenden vor Ort und evakuieren Menschen aus Kriegsgebieten. Ein Protokoll.

Von Mannheim über Lwiw nach Dnipro und weiter nach Mykolajiw. Ganz nah an die Frontlinie im Süden der Ukraine. Das ist die Route von Patrick Münz und Okan Baskonyali. Watson-Politikredakteurin Joana Rettig begleitet die beiden auf ihrer Mission.

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