Unterstützer der Ukraine haben sich am Samstag zur Demonstration "Stand with Ukraine" vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt.
Unterstützer der Ukraine haben sich am Samstag zur Demonstration "Stand with Ukraine" vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt.Bild: watson / laura czypull
watson live dabei

Angst und Unsicherheit: Wie die deutsch-ukrainische Community auf den Konflikt mit Russland blickt

20.02.2022, 15:5321.02.2022, 10:33

"Löst den Strick vom Hals der Ukraine", "Bloodimir Putin" und "Hände weg von der Ukraine" – mit diesen Forderungen machen die Demonstrierenden am Samstag ihrem Ärger Luft. Die Botschaft: Die Ukraine ist ein eigenständiges Land, Deutschland und andere Länder der Europäischen Union sollen dem östlichen Nachbarn solidarisch zur Seite stehen.

Die Menschen, die mit ihren Schildern am Brandenburger Tor zusammengekommen sind, stehen einfach nur da und unterhalten sich – kein Gebrülle, kein Gedränge. Sie versammeln sich anlässlich der weltweiten Kampagne "Stand with Ukraine“. Die Protestaktion findet gleichzeitig in 28 Städten Europas statt, darunter auch London, Budapest, Graz und Lissabon.

Das Plakat richtet sich gegen Russland und zeigt: Es geht nicht nur um die Ukraine.
Das Plakat richtet sich gegen Russland und zeigt: Es geht nicht nur um die Ukraine.bild: watson / laura czypull

In den vergangenen Tagen hat sich die Lage an der russisch-ukrainischen Grenze weiter zugespitzt. Berichte über Schusswechsel, Ankündigungen von einem Truppenabzug, dann wieder einer Aufstockung der russischen Streitkräfte und schließlich einer Verstärkung der Nato-Einsatzbereitschaft dominierten die Medien. Zuletzt wurde eine Explosion bei Luhansk in der Ostukraine gemeldet. Einem Bericht der Agentur "Bloomberg" zufolge, wurde dabei auch eine Gaspipeline getroffen.

Was machen diese Bilder mit den Menschen, die Freunde und Familie in der Ukraine haben, Menschen mit ukrainischen Wurzeln, die in Deutschland leben? Im Fall einer Eskalation des Russland-Ukraine-Konflikts würden sie den Kontakt zu ihren Liebsten verlieren.

Für die rund 145.000 Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland dreht sich gerade alles um die eigene Heimat. Viele von ihnen werden nicht schlau aus der deutschen Außenpolitik.

Gemischte Gefühle in der Ukraine

Julia Eichhofer ist eine dieser Menschen, die die Lage von Deutschland aus beobachten. Mit großer Sorge blickt sie auf ihr Heimatland. "Zuhause haben die Menschen einen Notkoffer mit Pässen, Arzneimitteln und Bargeld stehen, man informiert sich über mögliche Notunterkünfte", erzählt die Ukrainerin im Gespräch mit watson. Die 32-Jährige arbeitet als Programmdirektorin der Ukraine-Projekte beim Zentrum Liberale Moderne in Berlin.

Panik herrsche unter den Menschen in der Ukraine laut Julia dennoch nicht. Die Menschen in ihrer Heimat seien zwiegespalten. Auf der einen Seite lebe man weiter wie zuvor: "Die Cafés sind offen, die Straßen sind voll", aber sobald man die Nachrichten öffne, "ist die Stimmung ganz anders", erzählt sie.

Sie sagt:

CIA rechnet mit russischem Angriff
Der US-Geheimdienst CIA soll nach Informationen des "Spiegel" herausgefunden haben, dass Russland die Ukraine am 16. Februar angreifen wolle. Das ist allerdings bisher nicht eingetreten. US-Außenminister Antony Blinken warnt jedoch weiterhin vor einem baldigen russischen Angriff.
"Vergangene Woche ist die Stimmung bei meinen Verwandten in der Ukraine gekippt. Man war irritiert. Denn auf der einen Seite erklärt die ukrainische Regierung, dass es keine Bedrohung gibt, man wisse nichts vom 16. Februar als Kriegsbeginn und auf der anderen Seite berichten die Medien in der Ukraine von den Aussagen der CIA über einen geplanten Einmarsch der russischen Soldaten und greifen die Berichterstattung der ausländischen Medien auf."
Julia Eichhofer ist 32 Jahre alt und ist mit ihrer fünfjährigen Tochter zum Protest "Stand with Ukraine" gekommen.
Julia Eichhofer ist 32 Jahre alt und ist mit ihrer fünfjährigen Tochter zum Protest "Stand with Ukraine" gekommen.bild: watson / laura czypull

Um ihre Familie macht sich Julia immer mehr Gedanken: "Ich war in den letzten Tagen zutiefst besorgt und habe mir schon alle Festnetznummern geben lassen, falls das Mobilfunknetz im Kriegsfall zusammenbricht."

Unsicherheiten nach dem vielen Hin und Her: "Was kommt denn noch?"

Ähnliches erlebt auch die Familie der 43-jährigen Kateryna Rietz-Rakul in Lviv. Die Stadt liegt, 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, im Westen der Ukraine. Die Mutter der Dolmetscherin hat "so volle Straßen das letzte Mal zum 1. Mai in der Sowjetunion" erlebt, erzählt Kateryna im Gespräch mit watson. Viele Menschen hätten offenbar bereits ihr Zuhause in den Konfliktregionen im Osten der Ukraine verlassen und sich in sicherere ukrainische Städte begeben.

Kateryna ist eine der Initiatorinnen der Facebook-Gruppe "Ukrainians in Berlin" und Gründerin des Vereins kul'tura e.V., der die ukrainische Kunst und Kultur in Deutschland sichtbar machen will.

Die gebürtige Ukrainerin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, blickt vor allem irritiert auf den Konflikt. Sie frage sich mittlerweile nach dem ganzen Hin und Her nur: "Was kommt denn noch?" Angst vor einem Krieg hat sie trotzdem, erzählt sie. Vor allem, wenn sie mit ihrer Mutter telefoniert.

Internationale Unterstützung: "Die Krise geht uns alle an"

Diese Angst, von der Kateryna berichtet, ist auf der Demonstration in Berlin zwar nicht zu spüren – aber Wut und Unverständnis macht sich auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor breit. Die Menschen sind sauer: Warum setzt der russische Präsident Wladimir Putin tausende Menschenleben auf das Spiel?

"Betet für die Ukraine" steht auf dem Schild des ukrainischen Priesters Artem Bondarenko.
"Betet für die Ukraine" steht auf dem Schild des ukrainischen Priesters Artem Bondarenko.Bild: watson / laura czypull

Der ukrainische Priester Artem Bondarenko ist extra aus dem bayerischen Coburg nach Berlin gereist, um an dem Protest teilzunehmen. Er ist auf der Halbinsel Krim geboren, die 2014 von Russland annektiert wurde. "Ich bin heute hier, weil ich mein Zuhause verloren habe und meine Familie nicht besuchen kann", erzählt er gegenüber watson.

Die Menschen vor dem Brandenburger Tor trotzen an diesem Samstag eisigen Temperaturen, die das Sturmtief "Zeynep" mit sich bringt. Viele haben sich ihren Schal eng um den Hals gewickelt oder die Kapuze tief in das Gesicht gezogen. Eine Windböe erfasst die in die Luft gestreckten Fahnen auf dem Platz des 18. März und weht sie Richtung Brandenburger Tor, Richtung Osten. Und trotzdem haben sie sich so zahlreich versammelt. Die Veranstalter haben mit rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet. Angaben der Polizei zufolge haben sich tatsächlich "in der Spitze 350 Menschen" vor dem Brandenburger Tor versammelt.

Die Fahnen auf der Demonstration werden vom Wind erfasst und Richtung Brandenburger Tor geweht.
Die Fahnen auf der Demonstration werden vom Wind erfasst und Richtung Brandenburger Tor geweht.Bild: watson / laura czypull

Doch nicht nur Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich auf dem Platz des 18. März zusammengefunden. "Ich bin der Meinung, dass nicht nur Ukrainerinnen und Ukrainer auf die Straße gehen sollten, sondern alle", betont eine der Organisatorinnen des Protests, Silke Hüper, im Gespräch mit watson. Sie ist Projektleiterin der Kyjiwer Gespräche beim Europäischen Austausch. Die Kyjiwer Gespräche ist eine Initiative, die den Dialog zwischen der Ukraine und Deutschland fördern will.

"Wir haben hier heute Unterstützung von Belarussen, Deutschen und Georgiern, die sich alle mit der Ukraine solidarisieren", erzählt sie. Die Demonstration sei am Samstag erstmals für die internationale Community beworben worden, um darauf aufmerksam zu machen, dass es bei dem Konflikt um mehr als die Ukraine gehe, sondern auch den demokratischen, europäischen Gedanken.

Eine Demonstrantin vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
Eine Demonstrantin vor dem Brandenburger Tor in Berlin.Bild: watson / laura czypull

"'Danke' für die Helme", steht auf einem Plakat, das eine Demonstrantin vor der Brust hält. "Das ist, zugegeben, etwas ironisch", sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. Deutschland hat der Ukraine in dem Konflikt mit Russland zwar Unterstützung zugesichert, jedoch bisher nur 5000 Helme versprochen. Geliefert wurden sie bisher noch nicht. Das ist in den Augen vieler Menschen zu wenig.

"Es geht um mehr als nur das, was in der Ukraine passiert. Es geht um Demokratie generell", erzählt die Frau. Deshalb nehme sie an dem Protest teil. Sie selbst ist Deutsche, hat keine ukrainischen Wurzeln.

Forderung nach "Verteidigungswaffen"

"Wir brauchen Waffen", macht auch Kiews Bürgermeister und Ex-Profiboxer Vitali Klitschko am Donnerstag bei einem Besuch beim Aktionskreis für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft e.V. in München deutlich. "Wir sind ein friedliches Land, ein friedliches Volk. Wir greifen keinen an, wir bedrohen niemanden. Aber wir müssen unsere Familie, unsere Kinder und unser Land verteidigen." Deshalb seien die geforderten Waffen auch lediglich "Verteidigungswaffen", betont Klitschko.

Vitali Klitschko ist auch in diesem Jahr wieder zu Gast auf der Münchner Sicherheitskonferenz, die am Freitag startete. Dort werde er seine Forderung ebenfalls deutlich machen: Die Ukraine will ein Teil der "europäischen Familie" werden, sagt er in München.

"Die Ukraine ist dazu bereit, das eigene Land zu verteidigen, sogar zum Preis des eigenen Lebens", fährt Klitschko in seiner Rede vor dem Bayerischen Landtag fort. Die Bedrohung durch Russland sei "kein Muskelspiel, das ist Realität", sagt er. "Wir stehen heute vor einer realen Bedrohung durch die russischen Truppen. 150.000 Soldaten stehen an der Grenze zur Ukraine. Trotzdem werden Sie keine Panik in der Ukraine sehen, weil wir sehr gut wissen, wozu der russische Aggressor fähig ist."

Damit meint Klitschko den seit Jahren schwelenden Konflikt mit Russland. Seit der Krim-Annexion im Jahr 2014 ist die Situation Anfang 2021 an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine wieder kritischer geworden. Die eigentlich vereinbarte Waffenruhe wurde immer wieder von beiden Seiten verletzt. Laut Informationen der UN kamen bisher bereits mehr als 13.000 Menschen ums Leben, sowohl aufseiten der ukrainischen Truppen als auch der prorussischen Separatisten (Stand 2021). Mehr als 800.000 Menschen sind zudem nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen auf der Flucht.

  • Hier findest du die gesamte Chronik des Ukraine-Russland-Konflikts.

Ohnmacht gegenüber Russland

Der 32-jährigen Ukrainerin Julia Eichhofer ist ebenfalls bewusst, "wozu Russland fähig ist", wie es Klitschko ausgedrückt hat. Zwar sei Putin "nicht das Schlimmste, das der Ukraine bisher passiert ist", aber er habe "auch auf der menschlichen Ebene einen großen Keil zwischen die Ukraine und Russland getrieben", sagt Julia. Es habe Zeiten gegeben, in denen sich die Menschen in den Grenzregionen sehr gut verstanden hätten.

Kateryna Rietz-Rakul wird noch deutlicher: Für sie ist Putin "ein Produkt, das entstehen musste". Es habe seit langem keinen Herrscher mehr gegeben, der die Ukraine anerkannt hat. Wäre Putin nicht mehr russischer Präsident, würde das für die Ukraine nichts verändern, glaubt die 43-Jährige. Egal, wer dann an seine Stelle treten würde – die Politik Russlands würde immer so weitergeführt werden. Unter Putin nur "etwas aggressiver", sagt sie.

Um ein Zeichen gegen die russische Politik zu setzen, müsse sich der Westen zusammenschließen, meint Kateryna. Die Forderungen an die Nato, die USA und Deutschland unterstreicht auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Samstag in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz zum Konflikt mit Russland.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz zum Konflikt mit Russland.Bild: dpa / Tobias Hase

Selenskyj hat in München zu internationaler Unterstützung für die Ukraine aufgerufen. "Wir werden unser Land verteidigen", sagte er, aber: "Wir möchten eine diplomatische Lösung statt eines militärischen Konflikts." Er fordert vor allem ehrliche Antworten von der Nato: "Wenn uns nicht alle da sehen wollen, seid ehrlich", sagte er. Damit spielt er auf die notwendige Einstimmigkeit der Nato-Mitglieder bei einem möglichen Beitritt an. "Wir brauchen ehrliche Antworten."

Diese ehrlichen Antworten fordern auch die Menschen auf der Demonstration am Platz des 18. März in Berlin. Plötzlich ertönt der mehrstimmige Gesang von Männern. Die Gespräche auf dem Platz verstummen schlagartig. Beinahe ehrfürchtig blicken die Menschen zum Brandenburger Tor. Aus großen Lautsprecherboxen wird die ukrainische Nationalhymne abgespielt:

"Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben, noch wird uns lächeln, junge Ukrainer, das Schicksal. Verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne, und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein."

"Schtsche ne wmerla Ukrajiny i slawa, i wolja", "Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben" – es klingt, als wäre der Text extra für den Ukraine-Russland-Konflikt geschrieben worden, dabei stammen diese Zeilen bereits aus dem Jahr 1862, lange vor dem Konflikt. Sie verdeutlichen jedoch, wie lange die Ukraine für ihre Unabhängigkeit kämpfen musste und, dass dieser Kampf längst nicht vorbei ist.

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