Viele Deutsche Kinder mit afghanischen Wurzeln verbrachten ihre Sommerferein im Land - dann kamen die Taliban (Symboldbild).
Viele Deutsche Kinder mit afghanischen Wurzeln verbrachten ihre Sommerferein im Land - dann kamen die Taliban (Symboldbild).
Bild: imago stock&people / Danita Delimont
watson-Story

12-jährige Deutsche sitzt in Afghanistan fest: "Wir haben keine Hoffnung mehr" – Grünen-Politiker Marquardt macht Bundesregierung schwere Vorwürfe

07.09.2021, 18:0108.09.2021, 18:42

Zwölf Jahre lang hatte Selwa (Name geändert) ihr Heimatland nicht mehr gesehen. Selwa wird bald 13 Jahre alt – und hatte ihr erstes Lebensjahr in Afghanistan verbracht, danach ging es nach Deutschland. Im Sommer 2021 wollten Selwa, ihre kleine Schwester und ihre Mutter endlich wieder die Familie besuchen. Jetzt sitzen sie in der Hauptstadt Kabul fest und kommen nicht mehr raus. "Wir haben aufgegeben", sagt sie im Gespräch mit watson. Weil die Internetverbindung so schlecht ist, schickt sie Sprachnachrichten. Telefonieren funktioniert fast gar nicht. "Wir haben keine Hoffnung mehr", sagt sie. "Keine Hoffnung, dass wir wieder heimkommen." Und als ihre Stimme bricht, beendet sie die Sprachnachricht.

Mitte Juli startete der Flieger von Deutschland aus. Sommerferien im Heimatland, das war der Plan. Untergekommen sind sie bei Selwas Onkel, mitten in Kabul. Dass die Taliban so schnell kommen würden, war der Familie nicht bewusst. Am 9. August sollte es zurück nach Deutschland gehen. "Da war ja noch alles gut", erzählt das Mädchen. Doch etwas ging schief. Der Reisepass der Mutter war plötzlich verschwunden. Unter normalen Umständen hätte das ein paar lästige Behördengänge bedeutet. Im Sommer 2021 ist es der Familie zum Verhängnis geworden. Jetzt sind die Taliban da, haben das ganze Land eingenommen. Selbst die bisher ungeschlagene afghanische Provinz Pandschir ist nach heftigen Kämpfen gefallen.

"Holt uns bitte raus aus Afghanistan" - noch immer sitzen viele Kinder im Krisenland fest.
"Holt uns bitte raus aus Afghanistan" - noch immer sitzen viele Kinder im Krisenland fest.
Bild: ZB / Jan Woitas

Selwa ist eines von vielen deutschen Kindern, die noch in Afghanistan feststecken. Wie viele es tatsächlich sind, kann das Auswärtige Amt auf watson-Anfrage zunächst nicht beantworten. Es ist lediglich von einer "mittleren dreistelligen Zahl deutscher Staatsangehöriger" die Rede. Kinder und Erwachsene zusammengerechnet. Für den Grünen-Politiker und EU-Parlamentarier Erik Marquardt ist das ein riesiger Skandal.

Grünen-Politiker Erik Marquardt wirft Bundesregierung "riesiges Versagen" vor

Marquardt setzt sich bereits seit Jahren für die Seenotrettung Geflüchteter ein, im EU-Parlament sitzt er im Frontex-Untersuchungsausschuss. Und er hat gemeinsam mit Filmemacherin Theresa Breuer und der Hilfsorganisation "Sea Watch" die Initiative "Kabul Luftbrücke" ins Leben gerufen, als die Lage in Afghanistan eskalierte. Eine zivile Rettungsaktion, die auf Spenden der Bevölkerung fußt. Etliche prominente Musiker, Politikerinnen, Autoren und Schauspielerinnen teilten den Spendenaufruf in den sozialen Medien.

Die Menschen würden im Stich gelassen, sagt er gegenüber watson. "Selbst deutsche Staatsangehörige sind seit Wochen auf sich allein gestellt."

Erik Marquardt (Grüne) setzt sich für die Rettung der Menschen aus Afghanistan ein.
Erik Marquardt (Grüne) setzt sich für die Rettung der Menschen aus Afghanistan ein.
Bild: ZB / Jan Woitas

Allein aus Selwas Heimatstadt in Nordrhein-Westfalen warteten in etwa 20 deutsche Kinder auf den Flug zurück nach Deutschland, berichtet Martin Vogel (Name geändert). Er ist Selwas ehemaliger Lehrer. Heute unterrichtet er Selwas kleine Schwester. Und Vogel setzt sich von Deutschland aus dafür ein, dass die Schülerinnen wieder nach Hause kommen. "Als wir erfahren haben, dass Selwas Familie noch in Afghanistan ist, haben wir alles Mögliche versucht, sie wieder zurückzuholen", erzählt er am Telefon. Er habe sich auch mit anderen Schulen vernetzt, die ebenfalls Kinder aus Afghanistan zurückholen wollen.

Sie hätten alle bürokratischen Prozeduren in die Wege geleitet. Heißt übersetzt: Sie ließen Selwa und ihre Familie sowie eine andere Familie, deren Tochter ebenso bei Vogel zur Schule geht, auf die Evakuierungsliste (Elefand) des Auswärtigen Amtes eintragen. Meldeten sich beim Verteidigungsausschuss und beim Auswärtigen Ausschuss.

Sie schrieben eine E-Mail, kontaktierten Politikerinnen und Politiker auch persönlich. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hätten sie angeschrieben, sagt Vogel. "Wir haben uns dann auch mit Erik Marquardt vernetzt und immer gehofft, dass sie mit ausgeflogen werden – oder zumindest mal vom Auswärtigen Amt kontaktiert werden."

"Die Politiker haben doch auch Kinder und Familie – sie müssen sich doch vorstellen können, wie es uns hier geht."
12-jährige Selwa aus Nordrhein-Westfalen

So weit kam es bisher bei Selwa nicht. Ihre Stimme klingt ruhig und bestimmt in den Sprachnachrichten. "Können Sie mir bitte Fragen stellen? Sonst weiß ich gar nicht, was ich Ihnen erzählen soll", sagt sie zu Beginn. Sie erzählt von Schüssen, von Krieg, von Gewalt. Als wären es die normalsten Dinge der Welt. Sie sagt: "Das Haus meines Onkels hat kein Dach mehr, weil es schon im letzten Krieg zerbombt wurde. Jede Nacht, jeden Tag hören wir die Schüsse. Das ist auch gefährlich für uns."

Ihr Leben in Deutschland vermisst die Schülerin. Sie trifft sich gern mit ihren Freundinnen und verbringt den Tag in der Stadt. "Wir kaufen uns dann etwas zu trinken oder zu essen – auch manchmal Klamotten." Seit Wochen hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihnen. Sie liebt das Lernen, und sie vermisst es. Selwa besucht die sechste Klasse eines Gymnasiums. Ihre Lieblingsfächer sind Deutsch und Sport, erzählt sie. "Ich will wieder lernen. Seit ich hier bin, habe ich nichts gelernt."

So ganz stimmt das nicht. Selwa hat lernen müssen, was Todesangst bedeutet.

Als die Taliban Kabul stürmten, war die Familie gerade unterwegs, sich um den Pass der Mutter zu kümmern. Sie liefen durch einen Park, erzählt Selwa. "Dann sagte mein Cousin plötzlich: 'Die sind da.' Und alle rannten. Alle rannten nur noch." Ihre Mutter habe nichts mehr sagen können – habe nur noch gezittert, als sie endlich im Taxi saßen. Selbst als sie wieder im Haus des Onkels waren – kein Wort zu den Kindern. "Sie wollte uns keinen Druck machen", sagt Selwa.

Soldaten schießen auf die Kinder

Sie erzählt von vielen Versuchen, an den Flughafen Kabul zu gelangen. Und davon, wie all diese Versuche scheiterten. Wie sie, ihre Schwester und ihre Mutter geschlagen und wieder zurück ins Haus geschickt wurden. "Afghanische Soldaten haben auf uns geschossen, weil sie uns nicht zum Flughafen lassen wollten", sagt Selwa trocken.

Sie und ihre Mutter wünschen sich, von der Bundesregierung beachtet zu werden. "Die Politiker haben doch auch Kinder und Familie – sie müssen sich doch vorstellen können, wie es uns hier geht." Selwa klingt nun wütend. "Sie sollen mehr Flugzeuge schicken. Sie sollen uns sagen, ob es überhaupt noch funktioniert und wie lange es dauert. Dass wir endlich mal ein bisschen erleichtert sind. Jeden Tag, jede Nacht fragen wir uns alle: Wann können wir wieder zurück?"

Selwas Handy wurde ihr von einem Taliban-Kämpfer genommen, sagt sie. Der Kontakt läuft gerade über das Handy des Onkels. Sie habe im Auto gesessen, habe versucht, mit Lehrer Vogel Kontakt aufzunehmen. Offenbar dachte der Taliban-Kämpfer, Selwa filme gerade.

Dann erzählt sie:

"Er sagte zu mir: 'Gib dein Handy.' Aber ich habe es versteckt. Dann sagte er: 'Ich schieße auf dich, gib es her!' Und er hat auf mich gezielt. Also habe ich es ihm gegeben. Jetzt habe ich Angst, dass er meine Fotos findet und herausfindet, dass ich aus Deutschland bin – und mir etwas macht."

Auch als am 26. August die Bombe am Flughafen von Kabul explodierte, als mindestens 79 Afghaninnen und Afghanen und 13 US-Soldaten und -Soldatinnen bei einem Terroranschlag starben – auch das hatten Selwa und ihre Familie miterleben müssen. Sie waren vor Ort. Sahen Dinge, die Kinder nicht sehen sollten. Wurden im Gedränge verwundet. "Meine Schwester ist seelisch sehr verletzt", sagt Selwa. Mehr will sie nicht sagen.

"Menschen werden in Afghanistan umgebracht, während im Innenministerium im Schneckentempo Listen geprüft werden."
Erik Marquardt, Grünen-Politiker im EU-Parlament

Grünen-Politiker Marquardt ist empört über den Umgang mit den vergessenen Familien in Afghanistan. "Öffentlich wird so getan, als würde man alles tun, um Menschen zu evakuieren", erklärt Marquardt gegenüber watson. "Aber in der Praxis ist die Evakuierung bislang weitgehend gescheitert. Noch immer fehlt der Bundesregierung ein Überblick und auch mehr als eine Woche nach dem Ende der Evakuierungsaktion ist keine ernsthafte Evakuierungsbemühung ersichtlich." Er nennt das Handeln der Bundesregierung "ein riesiges Versagen". "Menschen werden in Afghanistan umgebracht, während im Innenministerium im Schneckentempo Listen geprüft werden."

Mittlerweile ist zwischen Marquardt und dem Auswärtigen Amt ein öffentlicher Streit entfacht. Zu den Vorwürfen äußerte sich ein Sprecher auf watson-Anfrage nicht. Er verwies auf die bisherige Berichterstattung. Gegenüber anderen Medien hatte das Auswärtige Amt alle Vorwürfe zurückgewiesen.

Marquardt und die von ihm gegründete "Kabul Luftbrücke" charterten einen Airbus A320 und machten sich auf den Weg ins Krisenland. Eigenen Angaben zufolge retteten sie bisher 207 Menschen aus Kabul.

"Da sind noch Kinder! Da sind noch viele Kinder – die uns fehlen. Wir vermissen sie und wollen sie unbeschadet wieder haben."
Lehrer aus Nordrhein-Westfalen,
der versucht, seine Schülerinnen zurückzuholen

Doch Selwa und ihre Familie sitzen dort noch immer fest. Ihr ehemaliger Lehrer Martin Vogel will die Hoffnung nicht aufgeben. "Wir müssen hoffen", sagt er. "Jetzt im Moment können wir aber auch nicht mehr tun, als in die Öffentlichkeit zu gehen. Und zu zeigen: Da sind noch Kinder! Da sind noch viele Kinder – die uns fehlen. Wir vermissen sie und wollen sie unbeschadet wieder haben."

"Gerade kam ein Schuss."
12-jährige Selwa aus Nordrhein-Westfalen

Vogel steht mit Selwa und auch der zweiten Familie aus seiner Schule ständig in Kontakt. Mal über Whatsapp-Anrufe, mal nur über Nachrichten. Je nachdem, was gerade besser funktioniert. Er hat auch den Kontakt zu watson hergestellt, innerhalb einer Whatsapp-Gruppe kommunizieren wir miteinander. Und während Selwa eigentlich gerade davon berichtet, dass sie so schwer an eine Internetverbindung kommen, dass sie kaum noch Geld übrig haben und es ihnen an Essen fehlt – da sagt sie plötzlich: "Gerade kam ein Schuss." Und sie beendet die Sprachnachricht.

Kurz darauf kommt wieder eine Nachricht: "Wir sind jetzt in Sicherheit."

In Sicherheit würde Martin Vogel die Kinder wirklich gern sehen. Die Evakuierungsmission des Bundeswehr ist vorbei. Das Auswärtige Amt schreibt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen zu Afghanistan: "Deutsche Staatsangehörige werden aufgefordert, Afghanistan zu verlassen."

"Wir wollen, dass die Kinder nicht vergessen werden."
Lehrer aus Nordrhein-Westfalen, der versucht,
seine Schülerinnen zurückzuholen

"Fahren Sie derzeit nicht zum Flughafen", steht weiter auf der Seite des Auswärtigen Amtes. "Seien Sie bei Kontaktaufnahmen von Unbekannten über soziale Medien besonders vorsichtig; es werden vermehrt Falschinformationen verbreitet. Beachten Sie die Hinweise zur Unterstützung für deutsche Staatsangehörige und weitere Schutzbedürftige, die sich derzeit noch in Afghanistan aufhalten. Nur auf den dort aufgezeigten Wegen erfolgt ggf. eine Kontaktaufnahme seitens des Auswärtigen Amts." Eine Kontaktaufnahme, sagt Vogel, gab es bisher nicht.

Nun versucht es der Lehrer eben über die Öffentlichkeit. "Wir wollen Aufmerksamkeit schaffen, und dass die Aufmerksamkeit nicht abebbt. Letzte Woche war Afghanistan noch ein großes Thema in der Presse – jetzt geht das schon wieder ein bisschen verloren", sagt er. "Wir wollen, dass die Kinder nicht vergessen werden."

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