Eine Ortskraft, die für Deutschland gearbeitet hat, wartet immer noch auf Hilfe in Kabul. (Symbolbild)
Eine Ortskraft, die für Deutschland gearbeitet hat, wartet immer noch auf Hilfe in Kabul. (Symbolbild)
Bild: Getty Images Europe / Paula Bronstein
Der Zeuge

"Sie müssen einen Weg finden, uns aus der Hölle zu holen": Frühere Ortskraft aus Afghanistan richtet sich an die Bundesregierung

03.09.2021, 18:08

Knapp drei Wochen ist es her, dass die radikalislamischen Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul erobert haben. Es war das Ende eines atemberaubend schnellen Feldzugs. Seither ist Afghanistan unter vollständiger Kontrolle der Islamisten. Wenige Tage später ist mit dem Abzug der letzten Soldaten aus den USA und anderen verbündeten Staaten wie Deutschland die Mission der NATO im Land nach fast 20 Jahren zu Ende gegangen. Tausende Afghaninnen und Afghanen, die für die NATO-Staaten gearbeitet hatten, wurden in den Tagen nach der Taliban-Eroberung noch außer Landes geflogen – unter anderem mit Maschinen der Bundeswehr.

Doch viele ehemalige Ortskräfte sind noch in Afghanistan, manche von ihnen sind verzweifelt und haben Angst um ihr Leben. watson ist seit einigen Tagen mit einer Ortskraft in Kontakt, die noch einen Vertrag mit der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat – aber trotzdem nicht aus dem Land geholt wurde.

Ortskraft ist enttäuscht von Deutschland: "Sind so viel Wert wie ein Haufen Papier"

Saif (Name geändert) ist in der Hauptstadt Kabul. Er hatte schon vor Tagen gegenüber watson von der Gefahr berichtet, dass die Taliban ihn holen kommen könnten – und von der Angst, die ihn und seine Familie ständig umtreibt. Saif macht der GIZ – und der Bundesregierung, die der 100-prozentige Eigentümer und wichtigste Auftraggeber des Unternehmens ist – schwere Vorwürfe, weil sie ihn und seine Familie nicht bei der Ausreise unterstützten. "Meine Kollegen und ich haben keine Hilfe bekommen, um evakuiert zu werden", schreibt Saif watson.

Gegenüber watson erklärt Saif:

"Wir haben mit all unserer Kraft und mit unserem Einsatz jahrelang für die deutsche Regierung und unsere internationalen Partner für Afghanistan gearbeitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Aber wir wussten nicht, dass wir, hunderte Afghanen, in den Augen der GIZ, so viel wert sind wie ein Haufen Papier."

Sein Vertrauen gegenüber der Bundesregierung schwinde, meint Saif. Er sagt:

"Wir hören jeden Tag die Versprechungen der deutschen Bundesregierung und der Bundeskanzlerin. Aber ich habe das Gefühl, dass sie einfach nur die Öffentlichkeit täuschen wollen."

Saif schreibt, ein großes Problem sei es derzeit, die nötigen Dokumente zu bekommen, um ausreisen zu können. Seine Familie und er hätten schon vor der Machtübernahme der Taliban versucht, an neue Dokumente zu kommen. Doch die Islamisten hätten die Macht viel schneller ergriffen, als er und seine Familie es erwartet hätten.

Er meint, seit die Taliban an der Macht sind, gebe es keine Behörden, die Reisepässe, Ausweise und Heiratsbescheinigungen ausstellen. Er fährt fort:

"Was sollen wir und unsere Kinder tun? Wer ist dafür verantwortlich, die existierenden Dokumente zu vervollständigen, wenn es keine der erwähnten Behörden gibt?"

Saif fürchtet, dass es auch dann problematisch bleiben kann, wenn die Behörden wieder geöffnet haben – und dann von den Taliban geleitet werden. Denn bisher zeichnet sich nicht ab, dass Länder wie Deutschland eine von den Taliban geführte Regierung anerkennen. Er fragt sich:

"Wenn die Taliban die Regierung stellen und wir dann Pässe und Ausweisdokumente vom neu errichteten Islamischen Emirat bekommen: Wird die internationale Gemeinschaft und wird Deutschland diese Dokumente anerkennen?"

Die Beschaffung der Ausweisdokumente dürfe jetzt nicht im Vordergrund stehen. Saif meint:

"Sie müssen einen Weg finden, uns aus der Hölle zu holen. Das Problem mit den Dokumenten wird nachher gelöst werden."

Es gehe ihm mit den Dokumenten wie hunderten anderen Ortskräften. Die Situation seiner Familie beschreibt Saif so:

"Wir leben in mentaler Isolation. Unsere Kinder haben die Schule verlassen. Ich bin ein Mensch ohne Pläne. Niemand hat uns bisher festgenommen. Wir wissen nicht, wo wir uns äußern sollen, damit unsere Stimme wirklich gehört wird."

UN warnen vor Hunger in Afghanistan

Indes warnen die Vereinten Nationen davor, dass in Afghanistan Nahrungsmittel knapp werden könnten. Millionen notleidende Afghanen seien betroffen. "Bis Ende September werden die Vorräte, die das Welternährungsprogramm im Land hat, aufgebraucht sein", sagte der stellvertretende UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Ramiz Alakbarov, am Mittwoch. Er betonte, dass die humanitäre Hilfe nicht mit den nötigen finanziellen Mitteln der Mitgliedsstaaten ausgestattet ist – es würden akut mindestens 200 Millionen US-Dollar benötigt.

Die Vereinten Nationen versuchen, im gesamten Land etwa 18 Millionen Notleidende mit Hilfsgütern zu versorgen – momentan könnten aber nur etwa neun Millionen Menschen erreicht werden. Alakbarov berichtete, dass auch nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban Hilfslieferungen nach Afghanistan möglich seien. "Wir waren in der Lage, über Grenzübergange von Pakistan aus 600 Tonnen Nahrung mit Trucks zu liefern", sagte er. Auch Lieferungen auf dem Luftweg nach Masar-i-Scharif seien möglich.

UN-Flüge erreichen Afghanistan wieder

Immerhin hat inzwischen der Flugdienst der Vereinten Nationen wieder Flüge in Afghanistan aufgenommen. UN-Sprecher Stéphane Dujarric sagte am Donnerstag in New York, Passagierflugzeuge des Humanitären Flugdienstes (Unhas) verbände derzeit die pakistanische Hauptstadt Islamabad mit Masar-i-Scharif im Norden und Kandahar im Süden Afghanistans.

Zusätzlich werde eine Luftbrücke für Fracht wie beispielsweise medizinische und andere Hilfsgüter eingerichtet. Dujarric sagte, sobald es die Sicherheits- und die Finanzierungslage erlaubten, wolle der vom Welternährungsprogramm WFP betriebene Flugdienst wieder mehr als 20 Ziele in Afghanistan anfliegen – wie in der Vergangenheit. Mit den Unhas-Verbindungen solle mehr als 160 Hilfsorganisationen ermöglicht werden, ihre lebensrettenden Aktivitäten in den afghanischen Provinzen fortzusetzen.

Frauen demonstrieren am Freitag in Kabul für ihre Rechte unter der neuen Regierung.
Frauen demonstrieren am Freitag in Kabul für ihre Rechte unter der neuen Regierung.
Bild: dpa / Wali Sabawoon

International laufen Bemühungen, wieder Flüge nach Kabul zu ermöglichen, um ausländische Staatsbürger und andere Schutzsuchende aus dem Land auszufliegen.

(mit Material von dpa)

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