An einem Geschäft auf dem Stuttgarter Frühlingsfest sind bunte Abbildungen angebracht, die nach Ansicht der Grünen-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat diskriminierend und sexistisch sein sollen. (zu d ...
Sexueller Übergriff oder Folklore? Die Grünen finden: Derlei Abbildungen auf Jahrmärkten sind unangemessen und diskriminierend. Bild: dpa / Bernd Weißbrod
Analyse

Grünen-Politikerin kritisiert schlüpfrige Bilder auf Volksfest: "Gehören höchstens in die Annalen zum Thema Sexismus"

06.05.2022, 14:1606.05.2022, 17:07

Ein Pferd reißt einer Frau das Kleid vom Körper, während ein Spanner dabei aus dem Busch feixt. Ist das lustig? Nein, findet Stadträtin Jitka Sklenarova. Insbesondere, wenn sich diese Darstellung auf einem Jahrmarkt befindet, auf dem auch zahlreiche Familien unterwegs sind – in diesem Fall: Dem Stuttgarter Frühlingsfest auf dem Wasen, dass derzeit nach langer Corona-Pause wieder stattfindet.

Nackte Busen und Indianer als Dekor

"Die rassistischen und sexistischen Bilder wurden uns von Stuttgartern und Stuttgarterinnen zugeschickt", erklärt Jitka Sklenarova (Die Grünen) im Gespräch mit watson. Eigentlich sind solche Darstellungen seit 2020 gar nicht mehr zulässig, erklärt sie weiter. Denn damals habe der Rat einen Beschluss gegen "diskriminierende Abbildungen auf städtischen Festen" gefasst.

"Doch offenbar besteht bei der Umsetzung ein großer Nachholbedarf," so die Grünen-Politikerin ernüchtert, "wie die Vielzahl der diskriminierenden Bilder beim diesjährigen Frühlingsfest zeigt."

Eine Auswahl der Darstellungen

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Einige der Darstellungen auf dem Frühlingsfest
quelle: imago images / imago images
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Die Grüne Fraktion habe daher einen Antrag gestellt, durch den festgezurrt werden soll, wie der einstimmige Beschluss von 2020 in Zukunft auf dem Frühlingsfest umzusetzen sei. Sexistische, rassistische und diskriminierende Darstellungen seien zwar typische Motive auf Fahrgeschäften und Buden der Kirmes, sie gehörten aber nicht mehr in die Zeit.

Auch stereotype Darstellungen von "exotischen" Ethnien finden sich auf vielen Geschäften wieder.
Auch stereotype Darstellungen von "exotischen" Ethnien finden sich auf vielen Geschäften wieder. Bild: imago images / imago images

"Diskriminierungen verletzen die Würde von Menschen", so Jitka Sklenarova. "Es ist Aufgabe aller staatlichen Institutionen und damit auch der Landeshauptstadt, jeglicher Diskriminierung entschieden entgegenzutreten."

Der Schaustellerverband Südwest Stuttgart versteht die Kritik. Ihr Vorstand, Mark Roschmann, traf sich auch zu einem Gespräch mit der Stadträtin, bei dem sie über das Gelände des Volksfestes schlenderten und sich über Lösungen austauschten.

Umgestaltung ist auch ein Kostenpunkt

Es sei zwar aus finanziellen Gründen nicht möglich, komplette Fassaden von heute auf morgen umzugestalten, denn "das fängt im mittleren fünfstelligen Bereich an", erläuterte Roschmann. Doch mit einer Kompromisslösung sind beide Seiten vorerst einverstanden.

Mark Roschmann (l.), Vorsitzender des Stuttgarter Schaustellerverbands traf sich mit Stadträtin Jitka Sklenarova (re.) zum Gespräch auf dem Festgelände.
Mark Roschmann (l.), Vorsitzender des Stuttgarter Schaustellerverbands traf sich mit Stadträtin Jitka Sklenarova (re.) zum Gespräch auf dem Festgelände. Bild: dpa / Christoph Schmidt

"Unser Anliegen ist auf offene Ohren gestoßen", erzählt Sklenarova. "Schließlich verfolgen wir ein gemeinsames Ziel – wir wollen, dass städtische Feste ein diskriminierungsfreier Raum sind mit einer positiven Atmosphäre und einem respektvollen Miteinander für alle Menschen."

Der Vorwurf der "Cancel Culture"

Kritik kam eher aus den Reihen der Bürger. Besonders in sozialen Netzwerken vertreten einige Nutzer die Meinung, die Umgestaltung von traditionellen Rummel-Buden ginge einen Schritt zu weit. "Es gibt auch diejenigen, die uns 'cancel culture' vorwerfen", so Sklenarova. Ihrer Meinung nach zeugten diese Kommentare allerdings eher "vom kompletten Unverständnis für die Thematik."

"Bei den von uns thematisierten Bildern geht es ja nicht um eine Frage von Geschmack. Abbildungen, die zum Beispiel das gewaltsame Entkleiden einer Person gegen ihren Willen zeigen, sind zu Recht Übergriffigkeiten und sollten nicht zum Interieur der Illustration eines Familienfestes gehören. Sie gehören höchstens in die Annalen einer geschichtlichen Aufarbeitung zum Thema Sexismus und diskriminierender Belustigung, wie sie früher Usus war."
Stadträtin Sklenarova gegenüber watson

Der Großteil der Rückmeldungen sei allerdings "positiv", berichtet sie weiter: "Viele Menschen freuen sich darüber, dass nun aus ihrer Sicht diese längst überfällige Diskussion geführt wird."

Stadträtin Sklenarova wehrt sich gegen den Vorwurf, "cancel culture" zu betreiben.

Kompromiss: Ein paar Busen weniger

Dass nicht jeder Schausteller Lust, Geld und Möglichkeiten hat, seine gesamte Bude sofort per Airbrush umgestalten zu lassen, ist allen Parteien klar. Der Schaustellerverband und der lokale Gemeinderat einigten sich daher am Donnerstag auf einen Kompromiss, mit dem beide Seiten "zufrieden" seien.

Drei halbnackte Frauen, deren Busen oder Büstenhalter offen waren, würden nun "angezogen", verkündete Roschmann nach dem Treffen. Sie bekämen Unterwäsche und ihre BH's würden geschlossen. "Wenn da irgendeine Dame einen Büstenhalter braucht, mein Gott, dann kriegt sie ihn halt", sagte er gegenüber dem SWR zu dem Thema.

An einem Geschäft auf dem Stuttgarter Frühlingsfest sind bunte Abbildungen angebracht, die nach Ansicht der Grünen-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat diskriminierend und sexistisch sein sollen.
Sabines Tänzerin wird so nackt nicht mehr zu sehen sein. Bild: dpa / Bernd Weißbrod

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(mit Material der dpa)

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