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26.08.2018, 09:1426.08.2018, 12:24
Es ist eine Szene aus dem US-Senat, die immer wieder im Fernsehen
gezeigt wird, auch im Ausland. Es geht um die Abschaffung von
"Obamacare", und diesmal scheinen die Republikaner nahe am Ziel. Alles
hängt nun an einem Mann. Langsam geht John McCain
ins Zentrum des Rampenlichts, dann dreht er den Daumen nach unten. Es
ist das Ende für das Gesetzesvorhaben seiner Parteifreunde.
So sah das aus: 19 Sekunden Drama mit John McCain:
Er hatte es wieder getan: Courage gezeigt, sich widersetzt, ganz der
"Maverick", der Querdenker, die Idealfigur des Unangepassten – ein
Image, das sich John McCain in den Jahren seiner politischen Karriere
aufgebaut und sorgsam gepflegt hat. Er machte Trump einen Strich durch
die Rechnung bei dessen Herzensanliegen, die verhasste
Krankenversicherung seines Vorgängers abzuschaffen. Erst vor wenigen
Tagen hatten Ärzte da bei McCain einen Gehirntumor entdeckt, ein
Glioblastom.
Das war im Sommer 2017. Nun, ein Jahr später, hat dieser Mann seinen
letzten Kampf verloren – und Amerika mit ihm einen der wichtigsten
Politiker der Gegenwart.
Hier die Reaktionen zu seinem Tod:
Geachtet, auch unter den Demokraten
McCain war einer aus der schwindenden Zahl jener, die sich
im Laufe der Jahre große Achtung über Parteigrenzen hinweg erworben
haben. McCain starb am Samstag um 16.28 Uhr im Kreise seiner Familie,
wie sein Büro mitteilte. "Bis zu seinem Tod hatte er den Vereinigten
Staaten von Amerika sechzig Jahre treu gedient", hieß es in der
Erklärung.
Mehr als einmal hat McCain seinen eigenen konservativen Kollegen in
die Suppe gespuckt, sich auf die andere Seite geschlagen.
Er war milder
in Immigrationsfragen als seine Parteifreunde, strikt gegen Folter, für
Transgender im Militär.
Und: Seit dem Amtsantritt von Donald Trump
entwickelte er sich zu einem der schärfsten Kritiker des Präsidenten
unter den Republikanern, oft mit knüppelharten Attacken.
McCains letzte Abstimmung im Senat war am 7. Dezember 2017. Als einer
von wenigen Republikanern stimmte er gegen eine temporäre
Übergangsfinanzierung der Regierung. Er sagte damals, er tue das, weil
das dem Militär schade. Wenige Tage später teilte sein Büro mit, McCain
lasse sich Zuhause in Arizona behandeln, er wolle im Januar nach
Washington zurückkehren. Es sollte anders kommen. Die vergangenen Monate
verbrachte der schwer kranke Senator in der Heimat.
Für eine harte Haltung gegenüber Gegnern
McCain war im Kern immer ein Konservativer, ein Abtreibungsgegner
etwa, ein stolzer "Reagan-Republikaner". Nach Berechnungen der
Nachrichtenwebseite FivethirtyEight stimmte er in gut 90 Prozent aller
Fälle im Sinne von Trump.
Sicherheitspolitisch war McCain stets ein ausgesprochener Hardliner.
Einer mit tiefem Misstrauen gegen die traditionellen Feinde der USA
wie Russland und China. Trumps seltsame Hinwendung zu Russland war ihm
stets ein Dorn im Auge.
Dessen Gipfel mit dem russischen Präsidenten
Wladimir Putin im Juli bezeichnete er als den "schändlichsten Auftritt
eines amerikanischen Präsidenten in der Erinnerung".
Kritiker sahen in McCain einen "Überhawk" - einen ausgeprägten Falken
und Verfechter militärischer Stärke. Im Irakkrieg unter George W. Bush
etwa rief er nach mehr US-Truppen, in Syrien drang er früh auf
Bombardierungen durch die Luftwaffe und Unterstützung der Rebellen. In
der Ukraine forderte McCain laut Waffenhilfe für Kiew. Fast immer
lautete sein Credo: Härte ist besser als Vertrauen.
Im Vietnamkrieg in Kriegsgefangenschaft
Der Schlüssel für vieles, was den Politiker und Menschen McCain
ausmachte, lag in seiner Familiengeschichte und seiner späteren
Kriegsgefangenschaft. John Sidney McCain III kam am 29. August 1936 auf
einer Marinebasis in Panama zur Welt. Sowohl sein Vater als auch sein
Großvater waren Admiräle – keine Frage für John, dass er versuchen
würde, in ihre Fußstapfen zu treten. Nach der High School besuchte er
die Marineakademie in Annapolis, nach einem nicht gerade fulminanten
Abschluss diente er von 1958 bis 1981 in der Navy.
Am 26. Oktober 1967 geschah, was ihn wohl prägte wie nichts anderes.
John McCain wurde über Nordvietnam abgeschossen:

Bild: CBS
Er brach sich beide Arme
und ein Bein. Fünfeinhalb Jahre verbrachte er in Kriegsgefangenschaft in
Hanoi, mit Folter und Einzelhaft. Er lehnte eine vorzeitige Freilassung
ab, seien doch Kameraden länger in Haft als er. Für den Rest seines
Lebens konnte er seine Arme nicht über Schulterhöhe heben.
Gegen Obama keine Chance
Seine politische Karriere startete McCain 1977, zunächst als
Verbindungsmann der Marine zum Kongress. 1983 wurde er selbst
Abgeordneter, 1987 zog er in den Senat ein. Im Jahr 2000 versuchte er
sich erstmals als Präsidentschaftsbewerber, 2008 ein zweites Mal und
wurde Kandidat seiner Partei.
Dazu rückte er innerparteilich nach rechts und gab damit Kritikern
Wasser auf die Mühlen.

John McCain mit der ultrakonservativen Senatorin Sarah Palin. Bild: AP
Manche haben ihm angelastet, dass er längst nicht
so geradlinig gewesen sei, wie er auf viele gewirkt habe. Bei allem,
auch seinem Parteirebellentum, sei es immer zuallererst um sich selbst
gegangen.
McCain verlor gegen Barack Obama,
dazu beigetragen hat wohl auch der möglicherweise größte politische
Fehler seiner Karriere: seine Entscheidung für die völlig unbeleckt
erscheinende Sarah Palin als Vize-Kandidatin. Nach der Niederlage
widmete sich McCain wieder voll seiner Arbeit im Kongress.
Stets deutliche Worte, auch gegen Trump
Auch im Ausland wurde er als Sicherheitsexperte geschätzt. Dort kam auch
gut an, dass er sich zu einem der wenigen offenen Kritiker Trumps im
eigenen Lager entwickelte, oft in beißender Schärfe, manchmal beinahe
fassungslos.
Mehr als einmal warf er dem Präsidenten mangelhaftes
Wertebewusstsein, Unwissenheit und Impulsivität vor. Aber auch McCain
selber war dafür bekannt, schnell auszurasten, oft soll er dabei sogar
vulgäre Schimpfworte gebraucht haben. Das soll auch neben seinem
frühzeitig weißen Haar zu seinem Spitznamen "weißer Tornado" beigetragen
haben.
Für Medien war McCain attraktiv, einer ihrer ausgesprochenen
Lieblinge, weil er ein offenes Wort pflegte und in Zeiten oft
holzschnittartiger Vereinfachung in der Lage war, politische Komplexität
angemessen darzustellen.
Keine Frage: John Sidney McCain III hinterlässt neben seiner Frau
Cindy und sieben Kindern aus zwei Ehen eine große Lücke und ein
schillerndes politisches Vermächtnis.
(mbi/tol/dpa)
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