Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union, begrüßt Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock vor dem Triell bei RTL. Olaf Scholz (SPD) steht daneben.
Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union, begrüßt Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock vor dem Triell bei RTL. Olaf Scholz (SPD) steht daneben.
Bild: dpa / Michael Kappeler
Analyse

TV-Triell bei RTL: Wenn zwei sich streiten, entspannt sich der Dritte

31.08.2021, 18:1701.09.2021, 15:49

Am Ende gingen bei allen dreien die Mundwinkel nach oben. Als Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz von ihrem ersten Fernseh-Triell aus dem Studio ins Zelt nebenan kamen, ging jede und jeder zu dem kleinen parteiinternen Fanclub, der sie zu diesem ersten Streit vor Millionenpublikum begleitet hatte.

Olaf Scholz im launigen Gespräch nach dem Triell.
Olaf Scholz im launigen Gespräch nach dem Triell.
Bild: dpa / Michael Kappeler

Laschet griff sich ein Bier und stellte sich zum Selfie auf, mit Parteivertrauten wie Integrationsstaatsminsterin Annette Widmann-Mautz und der NRW-Staatssekretärin Serap Güler. Baerbock fiel dem früheren Grünen-Chef und heutigem Europaabgeordneten Reinhard Bütikofer in die Arme. Scholz stand neben Bundesumweltministerin Svenja Schulze und riss Witzchen über Kochrezepte.

Das Triell bei RTL war eine historische Premiere, mindestens aus zwei Gründen: Erstens traten erstmals in Deutschland vor TV-Publikum nicht zwei, sondern drei aussichtsreiche Kandidaten und Kandidatinnen für die Kanzlerschaft vor die Fernsehkameras. Zweitens war die Amtsinhaberin nicht dabei.

Armin Laschet bei Selfie mit CDU-Vertretern.
Armin Laschet bei Selfie mit CDU-Vertretern.
Bild: dpa / Michael Kappeler

Baerbock, Laschet und Scholz versuchten, mit einer jeweils eigenen Strategie zu punkten. Und es war ein Triell, bei dem Zuschauerinnen und Zuschauer Details erkennen konnten, die noch wichtig werden dürften in den letzten Wochen bis zur Wahl – und danach, wenn es darum geht, wie die nächste Bundesregierung aussieht.

Es bleiben vor allem fünf Erkenntnisse.

Laschet packt die Boxhandschuhe aus

Armin Laschet war in die Ecke geraten in den vergangenen Wochen. Ein mit Missgeschicken gespickter Wahlkampf, miserable persönliche Beliebtheitswerte und eine Talfahrt für CDU und CSU in den Umfragen. Beim TV-Triell versuchte er, mit Kampfeslust wieder herauszukommen. Schon bei der zweiten Frage attackierte er seinen SPD-Mitbewerber Scholz direkt: Er warf ihm vor, eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr verhindert zu haben.

Laschet griff Scholz und Baerbock danach regelmäßig direkt an. Er monierte bei den Grünen und der SPD, auf die Klimakrise nur mit Verboten zu reagieren. "Sie legen der Industrie Fesseln an und dann sagen Sie: 'Lauft mal schneller'", meinte er in Richtung Baerbocks mit Blick auf den Übergang der Industrie zur Klimaneutralität. Mal unabhängig davon, ob der Vorwurf berechtigt ist: Das war ein gutes Bild. "Geradezu töricht" nannte Laschet wenig später die Pläne von SPD und Grünen, die Steuern für die obersten Einkommensklassen zu erhöhen.

Am Schluss des Triells attackierte Laschet Scholz, weil der eine Koalition mit der Linkspartei nicht ausschließen wollte. Die Union, meinte er, tue das. Es wäre doch, meinte Laschet, ganz einfach für Scholz. Der SPD-Kandidat müsse nur sagen: "Ich mach' es nicht. Drei Worte!" Er zählte nach: "Na ja, vier!" Mal abgesehen davon: Ob eine mögliche rot-rot-grüne Koalition wirklich als Schreckgespenst taugt, das Millionen Menschen Angst macht, darf bezweifelt werden. Auch deshalb, weil sowohl Scholz als auch Baerbock an diesem Abend Rot-Rot-Grün zwar nicht vollständig ausschlossen, aber es an Bedingungen knüpften, die die Linke in ihrer jetzigen Verfassung nicht erfüllen würde: Bekenntnis zur Nato, zu einer starken EU, zu solider Haushaltspolitik.

Ungewohnt auf Angriff: Armin Laschet im TV-Triell.
Ungewohnt auf Angriff: Armin Laschet im TV-Triell.
Bild: dpa

Mit einer anderen Attacke verhedderte Laschet sich auch inhaltlich: Die Vorratsdatenspeicherung sei nicht auf dem Weg, weil sie mit der SPD nicht durchsetzbar sei – worauf Scholz ihn darauf hinwies, dass das Gesetz verabschiedet sei, der Europäische Gerichtshof die anlasslose Vorratsdatenspeicherung aber kassiert hat.

Baerbock will als Frau des Aufbruchs punkten

"Aufbruch", das war das Lieblingswort Annalena Baerbocks an diesem Abend. Die grüne Kanzlerkandidatin versuchte immer wieder, sich als diejenige Politikerin darzustellen, die im Unterschied zum amtierenden Bundesfinanzminister Scholz und zum amtierenden Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Laschet nicht für das Alterhergebrachte, sondern Wandel und Umbruch in Deutschland stehe.

Baerbock, die beim Triell in der Mitte zwischen Laschet und Scholz stand, sagte zu Beginn: "Die letzten Jahre des Abwartens haben dem Land nicht gut getan" – und zeigte nach links und nach rechts auf die beiden Männer neben ihr. Diese Geste machte sie ein paar Mal an diesem Abend: Baerbock warf Scholz wie Laschet vor, für eine deutsche Außenpolitik zu stehen, die sich wegducke, wenn es unbequem wird. Sie warf beiden vor, nicht ansatzweise genug im Kampf gegen die Klimakrise tun zu wollen. Scholz bescheinigte sie sogar, was er zum Thema Klima gesagt habe, klinge "erschreckend".

Sie will für Aufbruch stehen: Annalena Baerbock im Triell.
Sie will für Aufbruch stehen: Annalena Baerbock im Triell.
Bild: dpa

Gegen Ende, bei der Sozialpolitik, war Baerbock allerdings kaum mehr kritisch gegen den SPD-Konkurrenten Scholz, attackierte dafür Laschet frontal. Sie warf ihm vor, die ärmsten Familien im Land gar nicht unterstützen zu wollen. Mit Laschet lieferte sie sich teilweise direkte Rededuelle, die die RTL-Moderatoren Pinar Atalay und Peter Klöppel dankenswerterweise laufen ließen. Etwa zum Energiegeld, mit dem die Grünen Familien die Mehrkosten für die CO2-Abgabe erstatten wollen. Dem Modell, das sich laut Baerbock mit der Steuer-Identifikationsnummer umsetzen lassen soll, bescheinigte Laschet, dass es so nicht funktionieren würde. "Jetzt sagen Sie schon wieder, was nicht geht", gab Baerbock zurück.

Zum Schlussstatement, das allen Triellanten zustand, ging Baerbock als einzige der drei vor ihr Pult, sprach noch einmal von "Aufbruch" und meinte: "Unser Land kann so viel mehr".

Scholz setzt die Sonnenbrille auf

Laschet und Baerbock stritten sich teilweise direkt miteinander, gingen oft auf die Vorwürfe des jeweils anderen direkt ein. Olaf Scholz vermied den direkten Streit dagegen, so gut es ging. Während Armin Laschet an diesem Triell-Abend die Boxhandschuhe auspackte, setzte Olaf Scholz die Sonenbrille auf. Er gab den entspannten, staatsmännischen Beobachter, spulte auf die Fragen der Moderatoren die SPD-Vorschläge zu Klimaschutz und Steuerpolitik herunter.

Laschets Attacken parierte er, wenn überhaupt, dezent. Er wolle "ganz freundlich den Vorwurf loswerden", dass die CDU den Ausbau der Stromnetze nicht voranbringe, sagte Scholz einmal. Und er machte, ohne aber Laschet direkt anzugreifen, sehr deutlich, dass die SPD sehr wohl die Steuern für Menschen mit hohen Einkommen erhöhen will – während die Union die Steuern senken will.

Auffällig – und passend zum bisherigen Wahlkampf der SPD – war erstens, dass Scholz die SPD-Forderungen eng mit seiner Person verknüpfte. Leute, die so viel verdienten wie er, meinte Scholz, könnten durchaus mehr Steuern bezahlen.

Staatsmännisch-ruhige Strategie: Olaf Scholz im Triell.
Staatsmännisch-ruhige Strategie: Olaf Scholz im Triell.
Bild: dpa

Zweitens bleibt hängen, wie freundlich Scholz in diesem Triell gegenüber Baerbock war. Die Attacken der Grünen-Spitzenkandidatin ignorierte Scholz fast vollständig. Er sagte, über die Steuerpläne beider Parteien, die SPD sei hier "ziemlich dicht beieinander" mit den Grünen. Und auf die Frage, was er an Baerbock schätze, diese sei eine "ganz engagierte Politikerin" – und er hoffe, auch in Zukunft mit ihr zusammenzuarbeiten. Es ist ja so: Laut den aktuellen Umfragen ist eine Ampelkoalition zwischen SPD, Grünen und FDP möglich. Und wenn SPD und Grüne beide in der Summe noch vier, fünf Prozentpunkte zulegen, dann würde es für Rot-Grün reichen. Dass Scholz Lust auf dieses Bündnis hätte, hat er an diesem Triell-Abend deutlich gemacht.

Umfrage: Zuschauer sehen Scholz als Sieger

Vor dem Triell hatten Vertreter von Union, SPD und Grünen auf die Stärken des jeweiligen Kandidaten gehofft. Jessica Heller, Bundestagskandidatin der CDU in Leipzig, sagte gegenüber watson, Laschet könne punkten, wenn er als "bodenständiger" Kandidat rüberkomme. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD meinte: "Wenn bei Olaf Scholz rauskommt, wofür er steht, ist das gut für ihn." Und Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer der Grünen, meinte, Baerbock werde herausstellen, dass sie "für Aufbruch statt für den Stil der Groko" stehe.

Scholz' ruhige, staatsmännische Strategie scheint aufgegangen zu sein, zumindest auf den allerersten Blick: In einer Umfrage des Instituts Forsa sagten am Sonntagabend 36 Prozent der Befragten, Olaf Scholz habe das Triell gewonnen. 30 Prozent sahen Annalena Baerbock vorne, 25 Prozent Armin Laschet. Für keinen der Drei entschieden sich 9 Prozent.

In der RTL-Analyse zum Triell sagte Moderator und Entertainer Günther Jauch, er habe keinen der drei im Vorteil gesehen. "Da kam sehr viel Erwartbares, da wurde sehr stark taktiert, es wurden klare Positionen sehr oft vermieden", meinte Jauch. Auch Autor und Moderator Micky Beisenherz war wenig angetan von der Performance der drei. Zu Scholz meinte Beisenherz: "Wir haben festgestellt, das ist ja derzeit ein Durchstolpern und er ist der Gehende und heute wurde bei Laschet und Baerbock nicht großartig gestolpert, das waren weitestgehend souveräne Auftritte von beiden. Insofern kann Scholz da auch nicht herausstechen."

Atalay und Kloeppel legen ein solides TV-Duell hin

Es war das erste Kanzler-Triell der deutschen Fernsehgeschichte. Journalistisch haben die TV-Sender RTL und ntv die Veranstaltung solide hinbekommen. Mit der von der ARD abgeworbenen Pinar Atalay und RTL-Urgestein Peter Kloeppel hatte der Sender zwei erfahrene TV-Journalisten in die Arena geschickt, die gut vorbereitet wirkten und bei den drei Kanzlerkandidaten meistens an den richtigen Stellen nachhakten. Etwas mehr Hartnäckigkeit im Marietta-Slomka-Stil an der einen oder anderen Stelle hätte dem Format allerdings gutgetan.

Die Moderatoren Peter Kloeppel und Pinar Atalay.
Die Moderatoren Peter Kloeppel und Pinar Atalay.
Bild: dpa / --

Einmal, im Abschnitt, in dem es um die Corona-Politik ging, wirkten sie dann übermotiviert, verhedderten sich im Schlagabtausch mit Olaf Scholz in Detailfragen zu den Corona-Ministerpräsidentenkonferenzen im Frühjahr. Aber im Allgemeinen war es ein solider Abend, eine deutliche Steigerung zum fahrigen TV-Duell zwischen den damaligen Kandidaten Angela Merkel und Martin Schulz Anfang September 2017. Damals hatten ARD, ZDF, RTL und ProSieben/Sat.1 das Duell gemeinsam abgehalten. Die Lösung, drei separate Trielle zu veranstalten, ist eindeutig die bessere Wahl.

Analyse

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