Analyse

400 Jahre 30-jähriger Krieg und was für heutige Konflikte daraus folgt

22.05.2018, 10:1722.05.2018, 18:32

Vorsicht, wir gehen weit zurück. Mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1648 beginnt der 30-jährige Krieg. 3 Fakten und ein Fazit, was sich für Syrien und andere aktuelle Konflikte daraus lernen lässt.

Was geschah? Ganz ohne Geschi geht's nicht!

Keine Angst, er fällt weich:

Bild: dpa

Am 23. Mai 1648 – vor 400 Jahren! – flogen in Prag zwei Gesandte des habsburgischen Kaisers aus dem Fenster. Keine Angst, sie fielen weich. Auf einen Misthaufen!​

Der Eklat war dennoch groß. Die (protestantischen) Stände Böhmens, stellten sich gegen den (katholischen) Kaiser in Wien. Nach langen Verhandlungen schien ein Ausgleich möglich: mehr Autonomie für Böhmen, Oberhoheit des Kaisers in Wien. 

Doch kurz vor dem möglichen Frieden von Eger starb 1619 Kaiser Matthias. Kaiser Ferdinand, sein Nachfolger auf dem Habsburger-Thron in Wien, setzte auf Konfrontation.

Der Krieg nahm seinen Lauf. Und so auch etliche Missverständnisse, die sich bis heute darüber halten – wie die Mär vom Religionskrieg.

Der Krieg in Kürze

Die Stadt Magdeburg wird 1531 von kaiserlichen Truppen fast vollständig zerstört
Die Stadt Magdeburg wird 1531 von kaiserlichen Truppen fast vollständig zerstörtBild: dpa/akg

Der 30-jährige Krieg war eine Abfolge von Kriegen:

  • Krieg um Böhmen (1618-1623)
    Die böhmischen Stände kürten Friedrich, Kurfürst der Pfalz, zu ihrem König. Er musste aber schon 1619 ins niederländische Exil fliehen. Böhmen verblieb bei Österreich, der habsburgische Kaiser blieb in Personalunion König von Böhmen.
  • Dänisch-niedersächsischer Krieg (1623-1629)
    Das (protestantische) Dänemark griff in den Krieg ein und wurde erst vom kaiserlichen Feldherrn Wallenstein zurückgeschlagen. 
    1629 erfolgte der Friede von Lübeck und ein Ausgleich zwischen protestantischen und katholischen Landesherrn im Reich. Hier hätte der Krieg nach schmerzlichen zehn Jahren zu Ende sein können.
  • Schwedischer Krieg (1630 bis 1635)
    Hätte, hätte, Fahrradkette. Unterstützt vom (katholischen) Frankreich mischte sich 1630 Gustav Adolf, der (protestantische) König Schwedens, in den Krieg ein.
    Gustav Adolf gewann die entscheidende Schlacht von Lützen (1632), verlor aber in dem Waffengang sein Leben.  Ein möglicher Frieden scheiterte, der auf eigene Faust handelnde kaiserliche Feldherr Wallenstein wurde von seinen eigenen Leuten ermordet.
  • Schwedisch-französischer Krieg (1635-1648)
    Frankreich fürchtete einen Friedensschluss, ein Erstarken seines Gegners Habsburg, und mischte sich aktiv in den Krieg ein. 
    Erst der Westfälische Frieden (geschlossen in Münster und Osnabrück) machte dem jahrzehntelangen Morden, Rauben und Sterben 1648 ein Ende.

3 Persönlichkeiten und ihre Widersprüche

Reicht es nicht mit Geschichte? Drei Persönlichkeiten, ihre Widersprüche und die Überleitung zu heute.

1. Albrecht von Wallenstein (1583-1634)

Bild: www.picturedesk.com

Der Feldherr des (katholischen) habsburgischen Kaisers in Wien inspirierte Schiller zu einem Drama. Und nervte Generationen von Schülerinnen und Schülern. Er siegte für Kaiser Ferdinand im Krieg gegen Dänemark und hielt stand gegen Schwedens König Gustav Adolf. Er wurde mit dem Herzogtum Mecklenburg belohnt, doch das ging bald verloren und endete tragisch. Weil er auf eigene Faust nach einer Friedensverhandlung fahndete, wurde er mit kaiserlicher Billigung ermordet. Die Lehren: 

  • Als "Kriegsunternehmer" bezeichnete ihn der Historiker Johannes Burkhardt in seinem Buch "Der Krieg der Kriege. Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges".  Sprich: Wallenstein handelte auf eigne Faust – und für die eigene Kasse. 
    Nach dem 30-jährigen Krieg setzten die entstehenden souveränen Staaten auf eine feste Armee statt auf Söldner ("stehendes Heer"). In unseren Tagen ist der Krieg aber längst wieder privatisiert, wie private Unternehmen wie Blackwater im Irak-Krieg gezeigt haben.
  • "Der Krieg ernährt den Krieg", war eine Devise Wallensteins. Sprich: Essen, Material, Geld wurden aus der Bevölkerung vor Ort herausgepresst – Folter, Vergewaltigungen und Kindersoldaten inklusive. Der "Krieg aller Kriege", wie ihn der Historiker Johannes Burkhardt nennt, wird so zum Vorläufer für die Entfesselung der Gewalt im 20. Jahrhundert.​

2. Gustav II. Adolf, König von Schweden (1594-1632)

Der (protestantische) König von Schweden steigt auf Wunsch und dank finanzieller Förderung des (katholischen) Königs von Frankreich in den Krieg ein. Das zeigt schon: Es ging ihm weniger um den Glauben als um Geld, Macht und Einfluss auf dem Kontinent. Er gewann seine letzte Schlacht, bezahlte dafür aber mit dem eigenen Leben. So ist er, der Krieg: Kennt fast nur Verlierer.

  • "Der dreißigjährige Krieg war kein Religionskrieg", stellte der Historiker Johannes Burkhardt fest und verwies auf die schwedisch-französische Allianz. (Deshalb sind in diesem Text auch alle Konfessionsangaben in Klammern gesetzt.)
    Wie damals gilt auch für heutige Konflikte, wie dem in Syrien:
    Religion ist nur eine Folie, es geht um imperiale Interessen

3. Kurfürst Johann Georg (1585-1656)

Bild: dpa-Zentralbild

"Ich fürchte Gott, liebe Gerechtigkeit und ehre meinen Kaiser“, lautete der Wahlspruch Johann Georgs. Der (protestantische) Kurfürst von Sachsen war ein ehrlicher Makler zwischen den Interessen der protestantischen Landesherren und den Erfordernissen des gesamtdeutschen Reiches, etwa im böhmisch-habsburgischen Krieg. Dafür musste er teuer bezahlen: Vor allem nach dem Kriegseintritt der Schweden wurde sein Territorium zum Schlachtfeld und verheert. 

  • Religion war für ihn (weitgehend) Privatsache. Eine weise Erkenntnis, auch für unsere Tage.

Bilanz: Von Prag nach Syrien

Straßenszene im syrischen Manbij
Straßenszene im syrischen ManbijBild: dpa

Die Folgen des 30-jährigen Krieges waren verheerend. Knapp die Hälfte der Bevölkerung in Mitteleuropa starb durch den Krieg, Hunger oder Pest. Es folgten gewaltige Einwanderungswellen in die entleerten Gebiete, etwa aus Italien in die Pfalz.

Der Politikwissenschaftler und Weltendeuter Herfried Münkler hat in seinem epochalen Werk "Der dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma" den kriegerischen Konflikt mit dem Krieg in und um Syrien verglichen. Zuletzt sagte er im Interview mit der "Augsburger Allgemeinen":

"Im Vorderen Orient verläuft die Hauptkonfliktlinie in religiös-konfessioneller Hinsicht zwischen Sunniten und Schiiten. Es ist eigentlich wie im Europa des 17. Jahrhunderts, ein Konflikt innerhalb einer Glaubensrichtung, aber mit unterschiedlichen Bekenntnissen und Traditionsbehauptungen. Ich würde nicht sagen, dieser Konflikt dreht sich wesentlich und ausschließlich um die Frage Schia versus Sunnitentum. Aber indem ein Konflikt, der um eine Verfassungsfrage ausgebrochen ist – Arabischer Frühling, ungefähr so wie Prag –, mit der konfessionellen Frage angereichert wird, bekommt er eine besondere Intensität und Heftigkeit.
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler

Dagegen wandte sich der Historiker Johannes Burkhardt in seinem Buch "Krieg der Kriege."

Sein Fazit aus dem 30-jährigen Krieg:

  • Der Krieg ist ein "Staatsbildungskrieg". Im Westfälischen Frieden wurde der Weg geebnet zum modernen Territorialstaat. Das heißt: Der Staat wurde nach innen und außen souverän. Das hatte Konsequenzen – auch für die internationale Politik.
  • "Westfälisches System" wurde die Staatenwelt genannt, die sich mit dem Westfälischen Frieden von 1648 etablierte. "Krieg aller gegen alle" nannte Thomas Hobbes die vor-vertragliche Welt. Und so ging es auch in der internationalen Politik zu. Die souveränen Staaten beanspruchten für sich in der Außenpolitik das Recht zum Krieg. 
    Erst nach dem Ende des Kalten Krieges gab es Tendenzen, dieses Westfälische System zu überwinden. Mit von der UN gebilligten Kriegen etwa oder dem "Recht zu schützen", also gar innerstaatliche Menschenrechtsverletzungen durch ein Regime international zu ahnden, durch den Strafgerichtshof in Den Haag oder militärisches Eingreifen wie beim Sturz Muammar al-Gaddafis in Libyen 2011. Das Recht in Den Haag kommt weiter als das Militär, wie die aktuelle Lage in Libyen zeigt.
  • Überstaatliche Institutionen seien im Konfliktfall friedenstiftend, arbeitete der Historiker Johannes Burkhardt in seinem Buch heraus. 
    Das gilt selbst für das marode Heilige Römische Reich deutscher Nation. Vor, während und nach dem 30-jährigen Krieg arbeiteten die Institutionen wie etwa das Reichskammergericht.

    Einen ähnlichen überstaatlichen Ansatz verfolgt heute die EU (mitunter mit ähnlichen unvollkommenen Mitteln).

    Das gleiche gilt für internationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation WTO, an der Donald Trump mit seinem Handelsstreit rüttelt. 

    Kooperation, Recht, Institutionen – Multilateralismus wirkt friedenstiftend.
  • Und: Der 30-jährige Krieg war kein Religionskrieg, lautet ein weiterer Befund Burkhardts.

Was folgt daraus für die Bewertung des Konflikts in Syrien? Burkhardt rät, mehr auf die Mechanismen des Friedens und der Diplomatie zu achten, als auf die gewaltverzerrende Rolle der Religionen. 

Diese Befriedungsmittel, [...] die in Diplomatie und Völkerrecht eingegangen sind, bleiben des Gedächtnisses würdig. Nicht zuletzt sind einige auch im heutigen Instrumentarium von Verhandlungspraxis und Friedenspolitik wiederzufinden und könnten [...] das diplomatische Handwerk durch eine historisch basierte Politikberatung bereichern [...] Grundlegend war eine die politischen Aktivitäten begleitende Sprache des Friedens.
Johannes Burkhardt, Krieg der Kriege. 2018.

Die Bilanz des Westfälischen Friedens lautet also: Frieden ist machbar. Per Vertrag. Dabei ist es sinnvoll, die Religion weitgehend auszuklammern und nach machtpolitischen Interessen zu fragen.

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