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Girls’Day, Tiktok, Spotify: Wie AfD und Rechte junge Menschen indoktrinieren

24.09.2021, Berlin, Deutschland, GER,Wahlkampfabschluss der AfD zur Bundestagswahl am 26.09.2021 vor dem Schloss Charlottenburg.Schwarz-Rot-Gold Luftballon. *** 24 09 2021, Berlin, Germany, GER,Electi ...
Die AfD versucht auf diverse Arten auch an die Jüngsten in der Gesellschaft heranzukommen.Bild: imago images / stefan zeitz
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Girls'Day, Tiktok, Spotify: Wie AfD und Rechte junge Menschen indoktrinieren

01.04.2024, 15:1205.04.2024, 08:21
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Sich einen Tag fühlen, wie eine Abgeordnete. Genauer gesagt: wie eine Abgeordnete der AfD. Das bietet die Rechtsaußenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus für den Girls'Day Mitte April an. Interessierte Mädchen müssen mindestens elf Jahre alt sein, heißt es in der Ausschreibung. Für eine Anmeldung müssen sie sich zunächst registrieren und schließlich auf die Warteliste setzen lassen – und zwar auf der offiziellen Webseite zum Girls'Day.

Einen Tag lang können dort die Kinder also mit AfD-Propaganda vollgepumpt werden: Neben einem gemeinsamen Frühstück plant die AfD-Fraktion nämlich auch Fragerunden und Gespräche der Teilnehmer:innen mit Abgeordneten der Partei. Vonseiten des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit, das den Girls'Day organisiert, heißt es auf watson-Anfrage: "Wir gehen an dieser Stelle KEINE Kooperation oder Zusammenarbeit mit der AfD und auch mit keinem anderen Anbieter ein."

Girls'Day-Organisatoren weisen Kooperation mit AfD von sich

Vielmehr handele es sich beim Girls'Day und dem Boys'Day um Aktionstage, die durch Bundesmittel gefördert würden. Zielsetzung der Aktion sei es, die berufliche Orientierung frei von Geschlechterklischees in Deutschland zu fördern. Konkret bedeutet das: Mädchen sollen in Berufsfelder schnuppern, in denen Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Zum Beispiel in die Politik.

Gefördert wird das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit, das die Aktionstage durchführt, vom Ministerium für Familien und Jugend, sowie dem Ministerium für Bildung und Forschung. Die teilnehmenden Organisationen würden auf der Angebotsplattform freigeschaltet, wenn der Frauenanteil im vorgestellten Beruf bei unter 40 Prozent liegt, heißt es weiter.

So erfülle auch die AfD-Fraktion Berlin die "derzeitigen formalen Kriterien". Dementsprechend sei die Partei auf der Angebotsplattform zugelassen worden – in Absprache mit den entsprechenden Förderministerien, heißt es. Auf watson-Anfrage heißt es vonseiten des Zentrums weiter:

"Dies erfolgte frei von einer politischen Wertung oder Einordnung. Wir überprüfen derzeit unser Zulassungsverfahren im Hinblick auf eine Gewährleistung der Verwirklichung unserer Projektziele."

Interessierte Schülerinnen haben so also die Möglichkeit, in das Berufsfeld des Rechtspopulismus zu schnuppern. Die Verantwortung, welche Angebote von den Schülerinnen wahrgenommen würden, liege bei den Eltern.

"Für die Anmeldung der Schülerinnen zu einem Angebot ist die Zustimmung der Eltern notwendig, sofern die Jugendlichen unter 16 Jahre alt sind", heißt es auf watson-Frage, ob es bei einem solchen Angebot entsprechende Vor- und Nachbereitung gebe. Würde es allerdings zu Beschwerden und Hinweisen in Bezug auf einzelne Angeboten kommen, ginge die Koordinierungsstelle diesen unmittelbar nach.

Damit ist nun allerdings Schluss. Am 21. März teilte das Zentrum in einer Mitteilung mit: "Seit der Einstellung des Angebots der AfD im Abgeordnetenhaus Berlin ist viel in Bewegung gekommen." Zum Beispiel sei nach Thüringen und Sachsen-Anhalt im Dezember auch der Landesverband Sachsen der AfD als gesichert rechtsextremistisch eingestuft oder etwa die "Correctiv"-Recherchen veröffentlicht worden.

"Diese Entwicklungen veranlassten uns zu einer Überprüfung unserer formalen Zulassungsbedingungen hinsichtlich einer Teilnahme am Girls'Day und Boys'Day sowie einer Prüfung unseres Zulassungsverfahrens", schreibt das Zentrum weiter.

Kurzum: Man habe sich dazu entschlossen, die AfD-Angebote zum Aktionstag nicht anzunehmen.

AfD will durch Tiktok in die Gehirne der Jugend eindringen

Dass sich die AfD gerade um die Aufmerksamkeit junger Menschen bemüht, ist nicht nur in puncto Girls'Day auffällig: Auch auf Tiktok ist die Partei sehr aktiv, übertrifft die Sichtbarkeit anderer politischer Akteure um ein Vielfaches. Dabei hat die Partei laut Recherchen des ZDF Unterstützung von Erik Ahrens – einem rechten Aktivisten aus dem Umfeld der Identitären Bewegung; Hipster von Rechtsaußen.

"Diese Videos finden von allein ihr Publikum. Das ist so, wie man sich 1923 gefühlt haben muss, als man das Radio für sich entdeckt hat. So fühle ich mich, wenn ich meine Tiktok-Accounts anschaue" zitiert das Medium Ahrens. Diese Aussage soll er bei einem Vortrag am rechtsextremen Institut für Staatspolitik getätigt haben. Die Nazis nutzten in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch das Radio für ihren Aufstieg.

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Ähnliches plant nun wohl die AfD. Der Vorteil an Social Media: Die sogenannten Gatekeeper, also die klassische Presse, können die dort getätigten Aussagen nicht einordnen. Stattdessen können die Vertreter:innen der AfD ihre Botschaften ohne weiteres unters Volk bringen. "Man hat 90 Minuten am Tag ein Fenster in deren Gehirn, wo man reinsenden kann", soll Ahrens zudem über die Social-Media-Nutzung junger Menschen gesagt haben.

Der Spitzenkandidat für die Europa-Wahl, Maximilian Krah, zeigt eindrücklich, mit welcher Power die Rechtspopulist:innen versuchen, sich an junge Menschen ranzuschmeißen. In seinen Videos erklärt er etwa jungen Männern, wie sie eine Freundin finden. Mit Parolen á la "echte Männer sind rechts". Krah war damit so erfolgreich, dass Tiktok seine Reichweite nun gedrosselt hat.

Der Content wird mittlerweile nicht mehr im "Für-dich-Feed" angezeigt, erklärte der Konzern gegenüber "Spiegel". User:innen können aktuell Krahs Inhalte nur noch sehen, wenn sie gezielt seine TikTok-Seite aufrufen. Auf die Reichweite des AfD-Politikers hat das gravierende Auswirkungen. Statt hunderttausende Male aufgerufen zu werden, haben seine Videos nun nur noch wenige tausend Klicks. Zu den Gründen hielt sich Tiktok bedeckt.

Der Kommunikationsexperte Johannes Hillje kommt in einer Auswertung für das ZDF zu dem Schluss: Die AfD hat einen Vorsprung, der kaum einholbar ist. Im Schnitt würden die Videos der Rechtsaußenpartei auf Tiktok dreimal öfter angezeigt, als die aller anderen Parteien zusammen.

Podcast radikalisiert junge Menschen im Kinderzimmer

Und nicht nur auf Tiktok und bei der Jugendarbeit sind Rechtspopulisten stark vertreten. Auch auf Spotify und anderen Podcast-Plattformen treiben sie ihr Unwesen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass einer der beliebtesten Podcasts in Deutschland, "Hoss und Hopf" regelmäßig AfD-Parolen in Jugendzimmer trägt. Darüber schreibt eine besorgte Mutter und Journalistin im "Stern".

Immer wieder würden laut ihr in diesem Finanz-Podcast radikale Aussagen getroffen – in AfD-Sprech. Nicht nur Populismus, sondern auch Falschaussagen würden in den Episoden regelmäßig verbreitet. Beliebt wurde der Podcast auch durch Tiktok, denn eine regelrechte "Armee an Tiktokern" würde die Podcast-Inhalte weiterverbreiten. Ein Schneeballsystem. Falsche und radikale Aussagen des Podcasts würden so weit verbreitet, gelikt und letztlich als wahr empfunden.

Auch die AfD selbst versucht es, mit diversen Podcasts direkt in die Wohn- und Jugendzimmer zu gelangen. Außerordentlich beliebt sind diese Angebote bislang allerdings noch nicht. Zumindest lässt die Like-Anzahl nicht darauf schließen.

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