Der neue Bundestag wird jünger: 47,3 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der gewählten Abgeordneten. Nach der Wahl 2017 lag es bei 49,4 Jahren.
Der neue Bundestag wird jünger: 47,3 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der gewählten Abgeordneten. Nach der Wahl 2017 lag es bei 49,4 Jahren.
Bild: imago stock&people / photothek
Exklusiv

Von Verena Hubertz über Wiebke Winter bis Isabel Cademartori: Was aus den sieben jungen Politikerinnen und Politikern wurde, die watson porträtiert hat

03.10.2021, 16:0704.10.2021, 18:26

Eine Mehrheit der jungen Generation fühlt sich in der Pandemie vernachlässigt. Dies hat zuletzt eine Umfrage im Auftrag von watson im Januar gezeigt. Zwei Drittel der Befragten haben das Gefühl, ihre Interessen würden nicht ausreichend berücksichtigt.

Fast zeitgleich haben wir bei watson eine Serie gestartet, für die wir junge Menschen begleitet haben, die daran etwas ändern wollen. Wir haben von Januar bis September sieben junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 porträtiert, die für den Bundestag kandidierten – von der Christdemokratin Wiebke Winter über den FDP-Politiker Benjamin Strasser bis zur Grünen Ricarda Lang.

Wir haben sie persönlich begleitet, ihnen bei diesem außergewöhnlichen Wahlkampf über die Schultern geschaut – und versucht, zu verstehen, was diese Menschen ausmacht und was sie dazu antreibt, Politik zu machen.

Daraus sind sieben Texte entstanden, sieben Porträts:

Nun liegt die Wahl hinter Deutschland, und es ist klar: Fünf dieser sieben jungen Politikerinnen und Politiker haben es in den Bundestag geschafft.

Ein Überblick über ihre Ergebnisse – und darüber, was die Porträtierten aus ihrem Wahlkampf gelernt haben.

Verena Hubertz (SPD): Direktmandat von der CDU erobert

Verena Hubertz, Gründerin des Start-Ups "Kitchen Stories" und Direktkandidatin im Wahlkreis Trier, hat ihren Wahlkampf mit einem großen Erfolg abgeschlossen: Die 33-Jährige eroberte das Direktmandat in Trier für die SPD von der CDU zurück und ist nun Teil der 206-köpfigen sozialdemokratischen Fraktion.

Verena Hubertz im Januar, als watson sie besucht hat.
Verena Hubertz im Januar, als watson sie besucht hat.
Bild: watson / lukas weyell

Gegenüber watson fasst sie zusammen:

"Die wichtigste Lektion ist eine, welche ich schon aus meiner Zeit als Gründerin mitnehmen konnte: Dranbleiben, auch wenn es schwierig ist. Als ich mich Anfang des Jahres voll in den Wahlkampf geworfen habe, stand die SPD zwischenzeitlich bei 13 Prozent. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir das Direktmandat und die Bundestagswahl gewinnen können und weiter für ein starkes Ergebnis gekämpft. Am Ende haben sich die Dinge dann gut gefügt."

Ann Cathrin Riedel (FDP): Die liberale Mission impossible

Ann Cathrin Riedel hat es nicht geschafft. Die heute 34-jährige Netzpolitikerin und Expertin für digitale Bürgerrechte hatte im vergangenen Winter für Platz vier der Berliner Landesliste kandidiert. Der Listenparteitag hatte sie aber nur auf Platz fünf gewählt. Es hätte in keinem Fall gereicht: Nur die ersten drei FDP-Kandidaten auf der Berliner Landesliste haben es in den Bundestag geschafft. Bei ihrer Direktkandidatur im Wahlkreis Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost hatte Riedel keine auch nur halbwegs realistische Chance: In ganz Deutschland hat seit 1990 kein FDP-Politiker mehr ein Direktmandat gewonnen, Riedels Berliner Wahlkreis ist außerdem einer der politisch am stärksten links wählenden der Republik.

Ann Cathrin Riedel im Februar.
Ann Cathrin Riedel im Februar.
bild: watson

Riedel spricht nach der Bundestagswahl trotzdem mit viel Optimismus über ihre Kandidatur. Gegenüber watson erklärt sie:

"Mir wurde vorab gesagt, mach diese Kandidatur, du wirst nie wieder so viel über dich und die Demokratie lernen. Zwei Dinge habe ich mitgenommen, die mich sehr geprägt haben: Die Jugend ist hochpolitisch, unglaublich interessiert und stellt brillante Fragen. Schon mit 8! Dass wir das Wahlalter auf 16 heruntersetzen wollen, ist sowas von wichtig!"

Die FDP-Politikerin fordert nach den Gesprächen, die sie im Wahlkampf geführt hat, deutlich mehr Aufmerksamkeit der politischen Parteien für den Rassismus, unter dem Menschen mit Migrationsgeschichte leiden. Sie sagt:

"Besonders Musliminnen und Muslime und generell Menschen mit Migrationsgeschichte, insbesondere die, die häufig von Rassismus betroffen sind, fühlen sich mehr als alleingelassen von der Politik. Sie haben nicht das Gefühl, dass Rassismus ernst genommen wird und etwas dagegen getan wird. Da sind Jungs mit enormen Racial Profiling Erfahrungen mit 14 und junge Mädchen, die gerne ihr Kopftuch tragen wollen, oder vielleicht einmal eines aufsetzen wollen, sich aber immer stärkeren Einschränkungen im Berufsleben gegenüber sehen. Das darf uns nicht kaltlassen. Rassismus sind keine ,Einzelfälle', wir haben enorme strukturelle Probleme."

Wiebke Winter (CDU): Für ein Wunder hat es nicht gereicht

Wiebke Winter hätte ein Wunder gebraucht, um es aus Bremen-Nord und Bremerhaven in den Bundestag zu schaffen. Das ist nicht geschehen. Die 25-jährige CDU-Politikerin war Direktkandidatin in einem Wahlkreis, der bisher immer an die SPD ging, und so auch diesmal. Mit einem Vorsprung von fast 17 Prozentpunkten hat der SPD-Bundestagsabgeordnete Uwe Schmidt sich das Direktmandat gesichert. Auf der Bremer CDU-Landesliste war Wiebke Winter nur auf den aussichtslosen Platz drei gewählt worden.

Trotzdem hat Wiebke Winter in den Monaten an politischer Macht dazugewonnen: Sie ist Mitbegründerin der "Klimaunion", die innerhalb der CDU für konsequenten Klimaschutz eintritt – und sie war Teil des "Zukunftsteams", das Unionskanzlerkandidat Armin Laschet Anfang September vorstellte.

Wiebke Winter beim Besuch von watson.
Wiebke Winter beim Besuch von watson.
bild: watson

Winter betrachtet die Kandidatur als "Geschenk", wie sie gegenüber watson erklärt. Wörtlich meint sie:

"Man kann als Kandidatin vor Ort ein paar Prozent, aber nicht einen ganzen Trend drehen. Und: Eine Kandidatur macht sehr viel Freude, man darf so viel lernen und so viele Menschen kennenlernen – das ist ein riesiges Geschenk."

Ricarda Lang (Grüne): Über die Landesliste in den Bundestag

Ricarda Lang hat mit 27 Jahren den nächsten, wichtigen Schritt ihrer politischen Karriere geschafft. Lang, die schon stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen ist, hat bei der Bundestagswahl über die baden-württembergische Landesliste der Partei den Sprung ins Parlament geschafft. Beim Kampf um das Direktmandat in ihrem Wahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd landete sie hinter den Kandidaten von CDU, SPD, FDP und AfD mit 11,5 Prozent der Erststimmen allerdings nur auf Platz fünf.

Ricarda Lang bei einem Interview im März 2020.
Ricarda Lang bei einem Interview im März 2020.
Bild: www.imago-images.de / Thomas Koehler/photothek.de

Ricarda Lang nimmt nach eigenen Angaben aus ihrem Wahlkampf vor allem mit, wie stark soziale Themen Menschen beschäftigen. Sie erklärt gegenüber watson:

"Ich habe im Wahlkampf erlebt, wie sehr Fragen nach sozialer Sicherheit, nach Daseinsvorsorge und guten Jobs die Menschen umtreiben. Sie wollen wissen, ob es eine erreichbare Geburtsstation vor Ort gibt, ob sie sich auch in einigen Jahren noch auf eine gute Kinderbetreuung verlassen können, wie wir neue und zukunftsfähige Jobs schaffen. Darauf muss gute Politik Antworten geben – und sie in einer Regierung jetzt auch umsetzen."

Jessica Rosenthal (SPD): Einzug geschafft, rot-grüne Botschaft gesendet

Jessica Rosenthal ist seit Januar 2021 Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation Jusos. Sie folgte dem SPD-Vize Kevin Kühnert nach, der die Jusos in den Monaten nach der Bundestagswahl 2017 mit seiner No-Groko-Kampagne wieder zum Machtfaktor in der SPD gemacht hatte. Im frisch gewählten Bundestag wird Rosenthal außerdem SPD-Abgeordnete. Sie hat zwar das Direktmandat in Bonn nicht geholt, weil sie mit einem hauchdünnen Rückstand von 216 Stimmen hinter ihrer grünen Gegenkandidatin Katrin Babette Uhlig lag. Doch Platz 11 auf der SPD-Landesliste in Nordrhein-Westfalen reichte ihr für den Einzug.

Rosenthal versendete kurz nach ihrem Einzug schon eine klare politische Botschaft mit Blick auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen: Sie ließ sich zusammen mit den Bundeschefs der Grünen Jugend, Anna Peters und Georg Kurz, ablichten – in einer Art Parodie des Selfies des Grünen-FDP-Verhandlungsteams aus Annalena Baerbock, Robert Habeck, Volker Wissing und Christian Lindner.

Benjamin Strasser (FDP): Sicher bestätigt

Benjamin Strasser hatte schon eine denkbar sichere Ausgangsposition. Der 34-Jährige aus dem schwäbischen Berg bei Ravensburg war der einzige junge FDP-Politiker aus der watson-Porträtserie, der schon im Bundestag saß. Strasser, der sich in seinen ersten vier Jahren einen Namen als Experte für Terrorismusbekämpfung und Sicherheitsbehörden gemacht hat, hat den Wiedereinzug über die baden-württembergische Landesliste geschafft, er war dort auf Platz sechs gewählt worden. 16 FDPler schafften am Ende den Einzug.

Seine wichtigste Lektion aus diesem Wahlkampf? Strasser antwortet watson so:

"Im Wahlkampf durfte ich unglaublich viele positive Gespräche führen. Dabei ging es nicht nur um meine parlamentarische Arbeit der letzten vier Jahre, sondern auch um eine Modernisierungsagenda für unser Land. Die Bürgerinnen und Bürger sehnen sich nach echter Veränderung – bei Bildung, Digitalisierung und Klimaschutz. Das starke Wahlergebnis der FDP ist deshalb Verpflichtung und Auftrag zugleich. Es erfordert aber auch von sehr unterschiedlichen Parteien eine neue Offenheit für Gespräche, bei denen man sich gegenseitig Erfolge gönnt, ohne die eigenen Inhalte dabei aufzugeben. Dafür werden wir nun Brücken zueinander bauen müssen."

Isabel Cademartori (SPD): Durchgesetzt nach dem Absturz der CDU

Isabel Cademartori hat es geschafft. Die 33-Jährige hat ihren Heimatwahlkreis Mannheim mit 26,4 Prozent der Erststimmen für die SPD zurückerobert. Vor vier Jahren hatte die CDU hier die meisten Erststimmen geholt – genauer gesagt ein CDU-Politiker, der im März 2021 bundesweit bekannt wurde. Nikolas Löbel war einer der Unionspolitiker, die für die Vermittlung von Schutzmasken an staatliche Stellen satte Provisionen kassiert hatten. Einige Tage, nachdem Journalisten die Vorwürfe bekannt gemacht hatten, legte Löbel sein Bundestagsmandat nieder und trat aus der CDU aus.

Die CDU verlor in Mannheim nach der Affäre um Löbel fast 10 Prozentpunkte der Erststimmen. Beachtlich ist Cademartoris Erfolg aber unabhängig davon: Sie holt den Wahlkreis Mannheim nach 16 Jahren für die Sozialdemokraten zurück. Die Betriebswirtin Cademartori, deren Familie aus Chile stammt, ist eine der Abgeordneten, die dafür sorgen, dass in der neuen SPD-Fraktion der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund von knapp 10 auf 17 Prozent steigt.

Die frisch gewählte SPD-Abgeordnete Isabel Cademartori.
Die frisch gewählte SPD-Abgeordnete Isabel Cademartori.
bild: Privat

Auf die Frage von watson, was sie im Wahlkampf gelernt habe, hat Cademartori eine prägnante Antwort:

"Ausdauer und harte Arbeit zahlen sich aus."

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