Eine Soziale Pflichtzeit könnte nicht nur bei der Bundeswehr, sondern auch in Pflegeeinrichtungen absolviert werden.
Eine Soziale Pflichtzeit könnte nicht nur bei der Bundeswehr, sondern auch in Pflegeeinrichtungen absolviert werden.Bild: dpa / Christophe Gateau
Meinung

Warum ein Dienst an der Gesellschaft freiwillig sein sollte

Unsere Autorin ist 23 Jahre alt. Für ihre Lebensplanung hätte ein Sozialer Pflichtdienst – wie ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorschlägt – einen harten Einschnitt in ihre Karrierepläne bedeutet. Ein Kommentar.
14.06.2022, 15:42

"Ich weiß, dass es nicht einfach werden wird, aber ich wünsche mir, dass wir eine Debatte über eine soziale Pflichtzeit führen." Das sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der "Bild am Sonntag".

Aus FSJ – also Freiwilliges Soziales Jahr – soll also wieder Pflicht werden. Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch.

Vor elf Jahren wurde die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt. Sie galt damit rund 55 Jahre für alle Männer ab 18 Jahre. Die Heranziehungsgrenze für den Grundwehrdienst war das 23. Lebensjahr. Entweder mussten junge Männer also zuletzt für rund neun Monate zur Bundeswehr oder absolvierten aufgrund einer Verweigerung dessen ein Jahr lang einen Zivildienst. Das Aussetzen dieser Pflicht war damals Teil der Streitkräftereform – also der Verkleinerung der Bundeswehr.

"Nicht jeder will sozial. Nicht jeder kann sich das leisten. Und nicht jeder will das Soziale Jahr zu einem Zeitpunkt X machen."

Steinmeier stellt sich die Frage, ob sich Frauen und Männer nun erneut "für einen gewissen Zeitraum" in den "Dienst der Gesellschaft" stellen sollten. Wie lange diese Zeit andauern soll, lässt er noch offen.

Wofür sind wir denn weg von der Wehrpflicht – wenn sie jetzt wieder eingeführt werden soll? Zumindest in gewisser Weise.

Laut Steinmeier könnte diese Soziale Pflichtzeit nicht nur bei der Bundeswehr abgeleistet werden, sondern auch in der Seniorenbetreuung, in Behinderteneinrichtungen oder in Obdachlosenunterkünften.

Für mich, als junges Mitglied der Gesellschaft, hätte ein Soziales Jahr einen massiven Bruch bedeutet. Meinen Weg hin zu meinem Berufseinstieg habe ich genau durchgeplant. Und ich arbeite seit vielen Jahren hart daran, meine beruflichen Ziele zu erreichen.

Nicht jeder will sozial. Nicht jeder kann sich das leisten. Und nicht jeder will das Soziale Jahr zu einem Zeitpunkt X machen.

Manche wollen einfach ihre Karriere verfolgen.

So wie ich.

Viele auch nicht. Aber genau deshalb sollte es freiwillig bleiben. Es sollte jedem und jeder selbst überlassen sein, ob man nach der Schulzeit ein Soziales Jahr macht oder nicht.

Eine junge Pflegerin in einem Seniorenheim.
Eine junge Pflegerin in einem Seniorenheim.Bild: imago stock&people / photothek

Dafür spricht in jedem Fall die Möglichkeit, sich Gedanken über die Karriere zu machen. Das kann man aber auch in Thailand oder Australien, wenn man eine Auszeit – ein sogenanntes Gap-Year – machen möchte. Auch hier kann man auf Kinder aufpassen, nebenher arbeiten. Und sich aussuchen, wofür man seine Zeit investiert.

Und manche wissen eben schon genau, was sie später arbeiten wollen und möchten sich diesen durchdachten Lebensweg nicht durch ein Soziales Jahr durcheinanderbringen lassen.

So wie ich.

Dagegen spricht das Geld. Ein Sozialer "Zeitraum" soll her. Verpflichtend soll er sein. Ein Dienst für die Gesellschaft soll erwiesen werden. Aber über die Bezahlung wird nicht gesprochen. Mehr als bei einem üblichen FSJ wird aber wohl nicht in Aussicht gestellt werden. Wir sprechen hier von maximal 350 Euro pro Monat. Das muss man sich leisten können.

Ich hätte es mir nicht leisten können.

Sieht man sich die heutigen Anforderungen an Bewerbende in den meisten Berufen an, ist das quasi unmöglich. Für viele ist es zum einen unmöglich, sich ein Jahr oder mehrere Monate Auszeit "zu leisten" aufgrund der zeitintensiven und langwierigen Nachweise, die heutzutage erbracht werden müssen. Man denke an Praktika, Bachelor, Master, gegebenenfalls Fortbildungen und in einigen Berufen eine zusätzliche Ausbildung.

Und zum anderen unmöglich, weil Berufsanfängerinnen und -anfänger ohnehin schon wenig verdienen. Ein zusätzliches Jahr, in dem weder in die Rentenkasse eingezahlt werden kann, noch die Miete bezahlt werden kann. Das würde ein riesiges Loch in die Kassen reißen.

Ein Dienst für die Gesellschaft kann auch anders erwiesen werden. Und sollte vor allem freiwillig sein.

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