Protest For The Death Of Mahsa Amini And In Support Of Protesters In Iran A protester waves the French flag n ear a drawing depicting Mahsa Amini. Iranians of Toulouse organized a protest in Toulouse  ...
Seit September solidarisieren sich weltweit die Menschen mit der Revolution im Iran. Bild: www.imago-images.de / NurPhoto
Die Stimme

Gekidnappt im Iran: Erst verschwand ihr Handy, dann verschwand sie

Eine junge Frau musste ihre Heimat verlassen. Die Revolutionsgarde bedrohte, verschleppte und verprügelte sie. Doch sie kämpft weiter für die Revolution.
05.01.2023, 11:48

Immer dann, wenn Naghme von ihrer Heimat spricht, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Manchmal sind es stolze Tränen, manchmal aber stockt ihr der Atem. Dann werden ihre Rehaugen rot. Doch nie fließen sie, die Tränen.

Naghme sitzt in einem Café in Istanbul und spricht über ihre Flucht aus dem Iran. Trotz der feuchten Augen lächelt sie. Der Bildausschnitt des Videocalls verrät nicht viel über den Ort: eine mediterrane Steinmauer, mehr nicht. Im Hintergrund sind Stimmen zu hören, die in ihrer Gesamtheit zu einem Grundrauschen verschwimmen.

Teheran: Eine Frau steht während einer Demonstration vor einem brennenden Autoreifen.
Teheran: Eine Frau steht während einer Demonstration vor einem brennenden Autoreifen.Bild: AP / Uncredited

Naghme spricht davon, wie gern sie die iranische Revolution mit in den Erfolg geführt hätte. "Aber ich hatte solche Angst." Sie streicht sich ihre dunklen Locken aus dem Gesicht. Wenn das Leben auf dem Spiel steht, müssen Entscheidungen getroffen werden.

Naghme suchte sich bewusst ein Café in Istanbul zum Telefonieren aus. Sie wollte nicht vor ihren Mitbewohner:innen sprechen. Nicht jeder kenne ihre Geschichte. Einige ihrer iranischen Freund:innen könnten misstrauisch werden. Könnten Angst bekommen. "Weil sie vielleicht denken, dass ich in Schwierigkeiten bin. Weil sie denken, dass meine politischen Probleme sie in Schwierigkeiten bringen könnten."

Revolutionsgarde: Ohne Legitimation durch Gerichte oder Richter

Bevor die 30-Jährige von ihrer Verhaftung spricht, erklärt sie, wie unterschiedlich Festnahmen ablaufen. Denn: Im Iran gibt es zwei verschiedene Verfahren. Wirst du von der Polizei verhaftet, verläuft alles meist nach dem Gesetz. Naghme ist bewusst, dass auch hier vieles schiefläuft, dass es grundlegende Probleme gibt. Aber zumindest ist es ein Gesetz, sagt sie.

December 17, 2022, London, England, United Kingdom: A protester performs a dance with a noose around her neck. A group of women staged a demonstration and performance in Piccadilly Circus in protest a ...
Weltweit demonstrieren die Menschen gegen die Hinrichtungen seit Beginn der Revolution.Bild: www.imago-images.de / ZUMA Wire

Anders läuft es, wenn die Revolutionsgarde kommt. "Sie steht über dem Gesetz", sagt Naghme. "Diese Leute arbeiten direkt für die Regierung." Ohne Legitimation durch Gerichte oder Richter. Frei in ihren Entscheidungen – und so brutal, wie sie nur wollen. "Wenn sie kommen und dich holen, wirst du nicht verhaftet, du wirst entführt", erklärt sie.

Naghme nahm nicht an den Protesten teil. Sie unterstützt bis heute die Revolution auf andere Art – durch Information. Sie ist Datenspezialistin. Überprüft Informationen auf Twitter, entlarvt Fake-News. Jene Falschnachrichten, die von der Regierung verbreitet werden.

Seit die Proteste in dem Land toben, sind die sozialen Medien wichtige Kanäle. Die Medien sind staatlich geführt, das Mullah-Regime schränkt das Internet stark ein und sperrt die meisten Kurznachrichtendienste. Doch die Protestierenden finden andere Wege.

Neben der Verbreitung von Desinformation, hat die Islamische Republik offenbar viel Geld für eine Cyberpolizei in die Hand genommen, die die Protestierenden verunsichern soll. Naghme und ihre Gruppe wollen sie genau daran hindern. "Informationen sind in diesen Zeiten so wichtig. Die Islamische Republik weiß genau, wie sie Falschinformationen verbreiten kann. Um alles zu zerstören", sagt sie.

"Ich töte dich und dein Körper wird verschwinden – niemand wird davon erfahren."

Doch irgendwann fing es an: "Sie riefen mich jeden Tag an, bedrohten mich, schlugen mich auf der Straße, entführten mich, warfen mich in den Kofferraum ihres Vans und verprügelten mich." Etwas dagegen zu unternehmen, wäre zwecklos gewesen, sagt Naghme.

Wieder lacht sie.

Überhaupt lacht Naghme viel. Auch, wenn die Augen feucht werden. Doch das war nicht durchweg so. Vor rund drei Monaten floh die Iranerin. Sie konnte das Land legal verlassen, offiziell warf man ihr noch kein Verbrechen vor. In der Türkei angekommen, weinte Naghme viel.

Wenn sie traurig ist und Angst hat, denkt sie an die Menschen vor Ort. "Ich sehe meine Freunde, sehe andere, die für die Revolution kämpfen, und das inspiriert mich. Ich habe nur mein Land verlassen. Andere haben ihr Leben verloren." Ihr sei schließlich nichts passiert.

Nichts, außer einer Entführung – über deren Details Naghme nicht sprechen will. Sie sagt erst einmal nichts. Es sind intensive Sekunden. Schmerzliche Sekunden. Dann aber sagt sie: "Ich habe immer noch im Kopf, was einer dieser Typen zu mir sagte: 'Ich kann dich auf der Stelle töten, ohne dass es jemand merkt. Ich töte dich und dein Körper wird verschwinden – niemand wird davon erfahren.'"

Frauen, Leben, Freiheit: Dafür kämpfen die Menschen im Iran.
Frauen, Leben, Freiheit: Dafür kämpfen die Menschen im Iran.Bild: LaPresse via ZUMA Press / Cecilia Fabiano

Sie ging eine Straße entlang. Dann kamen sie. Das Prozedere – Naghme nennt es einen Zufall – ist häufig das gleiche: Erst wird das Handy gestohlen – in Teheran passiert das ständig. Danach verschwinden die Menschen. Auch Naghmes Handy verschwand, und danach sie. Sie vermutet, dass die Regierungstreuen die Handys nutzen, um Verbrechen zu erfinden. "Sie fälschen einen Dialog, in dem du angeblich ein Verbrechen zugibst oder du eines planst. Für so etwas können sie dich hinrichten lassen."

Das Gleiche sei einer Freundin passiert. Diese sei im Gefängnis, weil sie ein Mitglied der Revolutionsgarde in Shiraz ermordet haben soll. Sie wisse mit Sicherheit, dass ihre Freundin nicht einmal in Shiraz war, sagt Naghme. "Sie war in Teheran." Dennoch: Ihrer Freundin droht die Todesstrafe.

Erneut weitet sich ihr Blick und Naghme schluckt. Sehr viele ihrer Freund:innen sind in akuter Lebensgefahr, sagt sie. Viele sitzen im Gefängnis. Sie zieht ihre buschigen Augenbrauen zusammen, ihr Blick verhärtet sich. "Meistens rufen sie irgendwann die Familie an und sagen: Ihr Kind ist tot, kommen Sie und holen Sie die Leiche ab."

Auch ihre Familie hat Angst.

Wieder überlegt Naghme, bis sie weiterspricht. "Manchmal", sagt sie dann, "fragen sie mich, was ich getan habe, weil sie Hoffnung haben, dass ich nicht wirklich in Gefahr bin." Bis heute weiß sie nicht, was sie verbrochen hat, wofür sie bedroht wurde – und was passiert wäre, wäre sie im Iran geblieben.

Vor einem Jahr dachte Naghme noch, sie hätte ein geregeltes Leben. Alles hatte seine Ordnung. "Ich liebte meinen Job, ich liebte die Stadt, in der ich lebte. Und vor drei Monaten fand ich mich in einem anderen Land wieder." Sie verlor den Job, ihr Geld, ihr Zuhause.

Immer wieder gehen die Frauen im Iran auf die Straße: Für Selbstbestimmung, die Erlaubnis zu tanzen, ihre Freiheit.
Immer wieder gehen die Frauen im Iran auf die Straße: Für Selbstbestimmung, die Erlaubnis zu tanzen, ihre Freiheit.Bild: AFP / Stefano Rellandini

Sie denkt an diese Zeit mit einer Mischung aus Nostalgie und Uneinigkeit zurück. Seit sie sieben Jahre alt war, trug sie einen Hidschāb. "Natürlich spürt man, dass es nicht richtig ist, unterdrückt zu werden", sagt sie heute. Bei jeder Gelegenheit zeigte sie ihren Unmut – doch die Konsequenzen waren hart.

"Man wusste, dass es falsch ist, aber man kann nicht jeden Tag kämpfen", erklärt sie. Sie wurde öfter verhaftet, weil sie ihren Hidschāb "falsch" trug. An der Uni sagte man ihr, sie hätte Probleme mit der Moral. Eine Art Universitätsgericht drohte ihr mehrfach mit dem Rauswurf. Bildung gegen Rebellion. Zukunft gegen Freiheit. "Irgendwann beschließt du, das zu tun, was sie von dir wollen."

Sie denkt nach. Schaut nach rechts, dann wieder in die Kamera. "Diese Revolution ... sie hat irgendwie alles verändert. Es ist eine Ehre, in dieser Zeit zu leben."

Seit sie nicht mehr gezwungen ist, ihr Haar zu verdecken, sagt sie, nimmt sich Naghme ganz anders wahr. "Ich fühle mich selbstbewusst, ich fühle mich schöner. Ich denke weniger darüber nach, ob ich gut genug bin. Ich habe meinen Stil gefunden. Ich bin 30 Jahre alt und hatte nie meinen eigenen Stil." Sie hatte ja nur sehr begrenzte Möglichkeiten, wurde ihr Leben lang gezwungen, Kleidung zu tragen, die ihr nicht gefiel.

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Mit der Ermordung von Jina Mahsa Amini begannen die Proteste, die sich schnell zu einer Revolution entwickelten.Bild: www.imago-images.de / NurPhoto

"Und ich habe verstanden, dass der Hidschāb nicht nur ein Gesetz ist. Er ist ein Zeichen." Wer ist Unterdrücker, wer wird unterdrückt? Wer tötet wen? "Es ist, als würde die Islamische Republik verkünden, dass sie die Macht hat, über jede Sekunde deines Lebens zu entscheiden."

Das war es, was Naghme erst wahrnahm, als sie in der Türkei ankam. "Ich habe die Freiheit gespürt."

Hinweis zur Transparenz
Naghme heißt in Wirklichkeit anders. Zu ihrem Schutz haben wir den Namen geändert. Ihr echter Name ist der Redaktion bekannt.
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